Dieter Lamping über Rilkes „Kunst zu leben und zu schreiben“

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rilke findet bis heute seine Leser. Aufmerksamkeit verdient er aber nicht nur für sein poetisches Werk, mit dem er zu den Begründern der modernen Literatur wurde, sondern auch für seinen Versuch, ‚künstlerisch zu leben‘, also für eine Existenz, die ganz der Kunst gewidmet war. Sie war unbürgerlich, ein Leben und Arbeiten in verschiedenen Sprachen und Kulturen, lange ohne festen Wohnsitz und ohne dauerhafte familiäre und nationale Bindungen.

In Rilkes Lyrik wie in seiner Prosa hat dieser Lebensentwurf samt seinem Selbstverständnis als Dichter durchgängig Spuren hinterlassen. Kunst und Künstlertum stellen ein mitunter offensichtliches, mitunter auch geheimes, nicht immer richtig gewürdigtes Hauptthema seines Werks, zumal des mittleren und des späten dar.

Werk und Existenz sind bei ihm miteinander verknüpft durch sein Verständnis von Kunst und Künstlertum. Seine Ansichten gewann er durch Lektüren und durch Begegnungen mit anderen Künstlern: Malern, Bildhauern, Autoren, männlichen wie weiblichen. Aus ihnen leitete er für sich Grundsätze einer Kunst-Theorie und einer Künstler-Ethik ab. Vor allem durch den Umgang mit Rodin gewann Rilke dabei die Überzeugung, „daß, Kunst hervorzubringen, ein schlichtester und härtester Beruf, aber zugleich ein Schicksal sei, und, als solches, größer als jeder von uns, gewaltiger und bis zuletzt unermeßbar“.

Unübersehbar sind die materiellen, sozialen, kreativen und psychischen Krisen, in die Rilke bei seinem Versuch, ‚künstlerisch zu leben‘, geriet. Seine Künstler-Existenz war ein großes Experiment, vor allem eine Suche, die durch fortlaufenden Wechsel gekennzeichnet war. Sie hat einige seiner wichtigsten Werke hervorgebracht; aber zu ihr gehören auch Verzicht und Verweigerung, Verzweiflung und Versagen und letztlich für ihn unlösbare Spannungen vor allem zwischen seiner literarischen und seiner sozialen Existenz

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Titelbild

Dieter Lamping: Rainer Maria Rilke. Die Kunst zu schreiben und zu leben.
J. B. Metzler Verlag, Heidelberg 2025.
XI, 242 Seiten , 29,99 EUR.
ISBN-13: 9783662706558

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