Schweigen im Dorf
Mattias Timander sucht in seinem Debütroman „Dein Wille wohnt in den Wäldern“ nach dem kleinen roten Haus, das Heimat heißt
Von Beat Mazenauer
Der junge Mann lebt in einem Dorf im Norden Schwedens. 18 Menschen wohnen da mit ihm, zumeist Alte – die Jungen sind längst in den Süden, ins pulsierende Stockholm, gezogen. Kiruna ist die nächstgelegene Stadt, von wo erst seit ein paar Jahren eine Straße ins Dorf führt. Davor war es hier ein „Wohnen wie auf einer Insel. Nie kam irgendjemand vorbei“. Die Ereignislosigkeit ist geblieben. Nur der mächtige Raufußbussard zieht am Himmel ruhig seine Kreise. Der junge Mann hat sich an diese Ruhe gewöhnt. Er wohnt in einer einfachen Hütte, und am liebsten isst er bei Viola in der Storstuga. Hier hängt an der Wand ein Teppich mit einem rot leuchtenden Häuschen drauf und der Inschrift: „Weißt du noch – das Haus deiner Kindheit“.
Eher selten lässt sich der junge Mann, der in Dein Wille wohnt in den Wäldern auch der Ich-Erzähler ist, auf der anderen Straßenseite gegen das Wasser hin blicken, denn dort wohnt Anders Fjällborg. Sie gehen einander aus dem Weg, denn irgendwas war da mal zwischen den beiden Familien, doch darüber schweigt sich das Dorf aus. Überhaupt wird kaum miteinander gesprochen. Und wenn es um die Familie des jungen Mannes geht, versiegt jeder Gedanke abrupt in einem gähnenden Punkt: „… damals, nachdem Mama und Papa.“
Der Autor Mattias Timander stammt selbst aus einem Dorf in Nordschweden. Er ist Teil der ethnischen Minderheit der Tornedaler und spricht nicht nur deren Dialekt, sondern lässt dessen Klang und Ausdrucksweise auch in seinen Debütroman einfließen. Mit ruhiger Gelassenheit erzählt er von einem Leben, das er aus eigener Erfahrung kennt. Die kurzen Sommer, die langen Winter, die Stille der Wälder und die eintönigen täglichen Verrichtungen schaffen Raum für eine melancholisch grundierte Suche nach jenem Ort, wohin der Erzähler gehört: vielleicht das rote Häuschen. Das ruhige Vorübergehen der Tage gerät allerdings in sanfte Unruhe, als er in seiner Hütte ganz unverhofft ein Buch findet, das ihn auf Anhieb verhext:
Es ging um ein Paar im Zweiten Weltkrieg in Berlin, das sich weigerte, sich den Nazis anzuschließen. Ich kann gar nicht sagen, was mich daran so fesselte. Aber das Buch war wirklich wie ein Waldgeist.
Und wenig später entdeckt er im Schuppen weitere verstaubte Bücher, auf denen Namen stehen wie „Kafka und Joyce und Beckett und Wolff und Flaubert und Fallada“. Damit scheint es um ihn geschehen. Wer liest, sucht sich jemanden, mit dem er über das Gelesene reden kann. Deshalb beginnt sich der junge Mann zu fragen, „ob ich wirklich hierher gehörte oder ob es da unten vielleicht noch was anderes geben könnte“. Abrupt lässt er eines Tages alles stehen und fährt in den Süden, nach Stockholm.
In diesem Mittelteil des Triptychons betritt er die Stadt als Sonderling, der seine Herkunft aus dem Norden, sozusagen aus einem „anderen Land“, nicht verhehlen kann. Allein schon die Sprache verrät ihn. Genau das und seine zunehmende Belesenheit machen ihn aber interessant, weshalb er Anschluss an literarische Zirkel findet. Mit etwas Geld, das er von den Eltern her hat – mehr ist nicht zu erfahren, – kauft er sich eine Bibliothek zusammen: darunter alle Bücher von Patrick Modiano, „in dem ich mich wiedererkannte“. Das hektische Getriebe in der Stadt bleibt ihm dennoch fremd, sodass er ebenso plötzlich wieder zurück in den Norden fährt. Der Einsamkeit zum Trotz wird er da bleiben und an kalten Tagen mit seinen Büchern den Ofen anfeuern.
Eine solche Geschichte klingt in turbulenten Zeiten womöglich etwas gar lieblich und heil. Sie ist es nicht. Die Fallstricke dieses bezaubernden, irgendwie naiv und wahrhaftig klingenden Buches liegen in den feinen Beobachtungen und vor allem in all dem nicht Gesagten. Der Erzähler ärgert sich, dass er nichts über die Eltern weiß, und nichts über die Geschichte des Dorfes, außer ein paar Mutmaßungen. Doch er kann nichts darüber erfahren und selbst hat er nicht den Mut, jemanden direkt zur Rede zu stellen. Gefährlich knistert das Schweigen.
Er habe Lyrik „eher als sowas wie Musik“ betrachtet, man denke ja auch nicht weiter darüber nach, wenn einer einen Schlager singe. Dieser Satz des Erzählers lässt sich auf Timanders Roman anwenden. Es ist der Sound, der seinem Buch Charme und Atmosphäre verleiht. Der Erzähler nimmt das stille, ereignislose Landleben mit großer Duldsamkeit solange hin, bis ihm das erste Buch in die Hände fällt. Damit verändert sich sein Leben und er beginnt, nach dem zu suchen, was er unerkannt längst vor Augen hat, die Heimat. Dein Wille wohnt in den Wäldern erzählt vom Schweigen auf dem Land und im Kontrast dazu vom aufgeregten Palaver in der Stadt. Während da die Türen verschlossen bleiben, um Fremde draußen zu halten, „schließen wir [im Dorf] die Haustüren zur Sicherheit nie ab“, für den Fall, dass Hilfe nötig wird. Mattias Timander bauscht indes keine billigen Klischees und Stereotypen auf. Der Erzähler tut sich mit der Verstocktheit zuhause im Dorf ebenso schwer, wie ihn die intellektuellen „Poser“ in der urbanen Szene, „die über Kafka laberten“, seltsam dünken. Er spielt nirgends Stadt und Land gegeneinander aus, sondern schält mit feiner Genauigkeit heraus, wie die Menschen in beiden Welten nach dem roten Häuschen suchen. Die Bücher in seiner Bibliothek, die er scheinbar willkürlich zusammenträgt, erzählen von dieser Suche, in ihnen spiegelt sich für den Erzähler ein Aufbegehren gegen „eine Art Absurdität (…) wenn die Orte nicht mit den Erinnerungen übereinstimmen. Es ist dieselbe Absurdität wie bei Camus oder Beckett, also wirklich schrecklich.“
Lydia, die wie er aus dem Norden stammt, gesteht ihm in Stockholm einmal: „Niemand fühlt sich hier zuhause.“ Wer von außerhalb komme, sei ohnehin überflüssig und stehe „eigentlich vor allem im Weg“. Im Grunde sei auch das Szeneviertel Södermalm bloß ein Dorf. Sie vermisst wie der Erzähler den Norden, dennoch möchte sie nicht mehr in jene eintönige Gegend zurück, wo der junge Mann im dritten Teil des Romans von Viola in der Storstuga zurückerwartet wird.
Auf dem Wandbehang leuchtete das rote Häuschen hinter dem Schleier der Hängebirke, und ich dachte, na dann, bin ich also wieder hier. Und, wie war es in der Großstadt, ist schon was anderes als hier, oder? Und ich dachte, ach Gott, wo soll man da anfangen. Mussten uns wohl erst wieder aneinander rantasten.
In dieser Ungerührtheit liegt der Zauber dieses Buches, das sich ganz aufs stimmungssichere Erzählen verlässt. Die Übersetzerin Hanna Granz hat versucht, die landschaftliche Prägung der Sprache, den klanglich mit Finnisch durchsetzten Tornedaler Dialekt, stimmig zu übertragen. Soweit das möglich ist, ist es ihr gelungen. So bleibt am Ende der Lektüre ein beglückender Eindruck zurück, der nicht nostalgisch verklärt und der nie verhehlt, dass es keine heile Welt gibt.
Der Norden Schwedens ist schön, still und rau – ebenso sind seine Menschen. Über soziale Beziehungen oder die Geschichte des Dorfes wird geschwiegen. Ein paar Andeutungen, so dürr wie die Trockenkiefern, die der Erzähler für den Winter fällt, müssen genügen. Vorerst reicht das dem Erzähler. Von Thomas Bernhard hat er gelernt: „Die Kunst des Nachdenkens besteht in der Kunst, das Denken genau vor dem tödlichen Augenblick abzubrechen.“ Unter der sanften Oberfläche aber brodelt es weiter. Vielleicht müsste doch erst recht weitergedacht werden.
Mattias Timander ist mit Dein Wille wohnt in den Wäldern ein vielleicht zeituntypisches Debüt gelungen, das aber auf subtile Weise die Hektik unserer Tage unterläuft und zugleich in sich aufhebt. Vieles ist möglich, auch wenn es nicht Trend ist. Mit seinem Erzähler weiß er: „Wurzeln brauchen furchtbar lang, um zu verbrennen.“ Und sie können tief gründen.
|
||















