Ein Sprachkünstler mit Talent zum Zeichnen

Zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke ist ein Band mit 150 künstlerischen Arbeiten erschienen

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rainer Maria Rilke (1875-1926) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Eine poetische und bildhafte Sprache zeichnete sein vielfältiges Werk aus, in dem er sich mit existenziellen Fragen wie Angst, Liebe oder Vergänglichkeit auseinandersetzte. Wie kaum ein Dichter hat sich Rilke ein Leben lang mit der bildenden Kunst beschäftigt und sich von ihr inspirieren lassen. Die akademische Malerei um die Jahrhundertwende interessierte ihn dabei kaum, vielmehr faszinierten ihn die Sezessionen und die frühe Moderne. Besonders der intensive Austausch mit Künstlern wie in der Künstlerkolonie Worpswede oder in Paris mit Auguste Rodin sowie die Begegnungen auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa und Nordafrika, die ihn zu seinen Dichtungen anregten. Rilke zeigte auch Interesse an Buchdruck und Buchgestaltung, während ihm Illustrationen zu seinen eigenen Texten ein Graus waren.

Rilke hätte später wahrscheinlich nicht so viel Interesse an bildender Kunst gezeigt, wenn er nicht auch selbst gezeichnet hätte. Die Neuerscheinung Rilke zeichnet zeigt, wie Rilke mit Bleistift, Pinsel oder Feder umging, von seinen frühen Kinderzeichnungen bis zu den Skizzen und Studien in seinen Briefen und Arbeitsjournalen. Darüber hinaus karikierte und typisierte er, was er sah, auch sich selbst. Anhand einer Auswahl von rund 150 Abbildungen aus dem Nachlass Rilkes wird die Entwicklung in fünf chronologischen Kapiteln vom Gesamtkünstler zum Textkünstler dokumentiert.

Im ersten Kapitel „René spielte sehr brav“ geht das Autor*innenteam vom Literaturarchiv Marbach Rilkes Kinderzeichnungen nach, die von seiner ehrgeizigen Mutter Sophie (Phia), die sich selbst zur Schriftstellerei berufen fühlte, sorgfältig aufbewahrt und datiert wurden. Diese frühen Zeichnungen – teilweise unter Anleitung entstanden – zeigen oft Ritter, Fabelwesen, Tiere oder Offiziere. Überhaupt spielen in den Kinder- und Jugendzeichnungen Uniformierte mit ihren Waffen und Orden sowie Gefechtsszenen eine wichtige Rolle. Sie waren sicher ein Ausdruck der militärischen Tradition der väterlichen Familie, in der oft eine Offizierslaufbahn eingeschlagen wurde. Auch der erst zehnjährige Rilke wurde im Herbst 1886 Zögling der Militärunterrealschule im niederösterreichischen St. Pölten, wo er sich aber nicht an den alltäglichen militärischen Drill gewöhnen konnte. Die anschließende Zeit an der Militäroberrealschule Mährisch-Weißkirchen empfand er ebenfalls als „Martyrium“. Die Zeichnungen, in die er sich oft selbst hineinprojizierte, sowie die ersten Bildgeschichten aus diesen Jahren deuten einen größeren Abstand zum Soldatentum an.

Neben humorvollen Bildgeschichten versuchte sich der junge Rilke auch an ernsthaften Porträts „großer Männer“ seiner Zeit. Während des Studiums in Prag und später in München schwankte Rilke zwischen einer bürgerlichen Existenz oder einem Leben als freier Schriftsteller. In seinen Zeichnungen stellte er die Künstler jedoch als Außenseiter der Gesellschaft dar. So zeigt eine Zeichnung aus dem Jahr 1900 einen jungen Dichter, wie er einem blinden „Ur-Dichter“ mit wallendem Bart eine Lyra reicht. Ob Rilke hier sich selbst und Lew Tolstoi, den er bei seiner Russland-Reise aufsuchte, gemeint hat, lässt sich nicht beantworten. Ab 1904 interessierte sich Rilke auch für die Fotografie und fing mit der Kamera Architektur und Natur ein.

Das abschließende Kapitel „Die Dinge der Dingpoesie“ versammelt Zeichnungen aus den Notizbüchern von 1901 bis 1926. In der Zusammenarbeit mit dem Verleger Anton Kippenberg legte Rilke immer größeren Wert auf die Gestaltung der fertigen Gedichtbände, die in einer scheinbar zurückhaltenden Aufmachung, aber mit hochwertigen Materialien versehen waren. So hatte er Einfluss auf die Typografie, die Papierauswahl oder das Titeldesign. Doch nun zeichnete er mehr und mehr mit Worten. In seinen Dinggedichten, wie Der Panther oder Blaue Hortensie, versuchte er, die Dinge so präzise wie möglich zu erfassen und ihrem Wesen auf die Spur zu kommen. Das Schreiben erlaubte ihm mehr als das Zeichnen, scheinbare Details hervorzuheben und ihnen eine tiefere symbolische oder subjektive Bedeutung zuzuschreiben.

Der zeichnende Rilke wurde in den Ausgaben seiner Werke und Biografien, die in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht wurden, bisher nicht berücksichtigt. Wie die Verfasser*innen hervorheben, gab es offenbar kein Interesse an dem „Unfertigen, dem Misslungenen, dem Privaten“. Der Zeichnungsfundus ist nun jedoch aufgearbeitet worden, was den Rilke-Verehrern die Möglichkeit bietet, diese bisher unbekannte Facette von Rilke in ihrer Vielfalt kennenzulernen. Der Prachtband aus der Reihe „Die Andere Bibliothek“ zeichnet sich durch eine aufwendige Gestaltung aus, die unter anderem eine hochwertige Papierqualität, zwei Schriftarten, ein Lesebändchen und einen farbigen Buchschnitt umfasst.

Titelbild

Gunilla Eschenbach / Mirko Nottscheid / Sandra Richter: Rilke zeichnet.
Unter Mitarbeit von Hanna Baumgärtner.
AB - Die andere Bibliothek, Berlin 2025.
368 Seiten , 68,00 EUR.
ISBN-13: 9783847700241

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