Vieler Menschen Freundin

Hannah Arendts soziales Leben

Von Dieter LampingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Lamping

1.

Nach dem Tod ihres Mannes Heinrich Blücher fiel es Hannah Arendt schwer, allein zu sein. Oft lud sie deshalb am Abend Gäste ein. Am 4. Dezember 1975 waren es die Eheleute Jeanette und Salo Baron, mit denen sie seit langem befreundet war. Der 80-jährige Baron, in Tarnow geboren, in drei Fächern promoviert und als Rabbiner ordiniert, von 1930 bis 1963 Professor für Geschichte an der Columbia University, war eine akademische Berühmtheit. 33 Jahre zuvor hatte er der jungen deutschen Emigrantin, die 1941 in New York angekommen war, die Möglichkeit gegeben, ihren ersten Aufsatz auf Englisch zu veröffentlichen. Im Nachkriegs-Europa hatte sie dann für die von ihm geleitete Jewish Cultural Reconstruction Corporation nach jüdischen Kulturgütern gesucht, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden waren. Seither waren sie miteinander befreundet gewesen.

Hannah Arendt hatte ein anstrengendes Jahr hinter sich. Nach ihrem Herzinfarkt im Sommer 1974 hatte sie sich kaum geschont. Sie war auf Reisen gewesen, hatte Vorträge gehalten und Artikel geschrieben. Dieser Dienstag war für sie ein besonderer Tag: Sie hatte die erste Seite ihres neuen Buches On Judging (Über das Urteilen) in die Schreibmaschine getippt. Als ihre Gäste eintrafen, war sie aber über die beiden Mottos nicht hinausgekommen. Nach dem Essen saß sie noch mit den Barons zusammen, fing dann plötzlich zu husten an und wurde ohnmächtig. Sie war tot, als der Arzt und ihre Freundin und Assistentin Lotte Köhler, zu Hilfe gerufen, eintrafen: gestorben an ihrem zweiten Herzinfarkt – ein „Sekundentod“, wie ihre Freundin Helen Wolff schrieb.

Zu der Trauerfeier vier Tage später versammelten sich 300 Gäste. Zwei der engsten Freunde Hannah Arendts, Hans Jonas und Mary McCarthy, hielten Reden an ihrem Sarg. Im Mai wurde die Urne neben der ihres Mannes beigesetzt, auf dem Friedhof des Bard College nördlich von New York, an dem er Professor gewesen war. Wieder erinnerten alte Freunde an sie. So ist Hannah Arendt nicht nur im Beisein von Freunden gestorben, sie ist auch von Freunden zu Grabe getragen und betrauert worden.

Deren Trauer spiegelt viel vom Leben der Toten wieder. Neben allem, was sie sonst noch als Person des öffentlichen Lebens darstellte, war sie eine große Freundin. Hans Jonas nannte sie in seiner Trauerrede sogar ein „Genie der Freundschaft“. Wie Lessing, nach ihrem Wort, „vieler Menschen Freund“ sein wollte, war sie vieler Menschen Freundin. Ihr Freundeskreis war groß, und sie war leidenschaftlich befreundet. Schon die Anredeformeln ihrer Briefe lassen erkennen, dass sie Freundschaft genoss, sich von ihr belebt und beglückt fühlte. Ihre Freunde bedeuteten ihr viel, und sie tat viel für sie. Sie nahm weite Reisen auf sich, um sie zu sehen. Sie war fürsorglich, freigebig, half wie selbstverständlich auch mit Geld aus, sogar als sie noch nicht viel hatte; war da, wenn sie gebraucht wurde, etwa bei Krankheit; setzte sich für Freunde ein, war anhänglich und, wenn es Zerwürfnisse gab, bereit, sich wieder zu versöhnen. Nicht zuletzt schenkte sie großzügig Gastfreundschaft. Hannah Arendt lebte für die Freundschaft, nicht nur für sie, aber auch für sie, und das nicht bloß zeitweise, sondern während ihres ganzen Erwachsenenlebens. Sie wusste, warum. Wie Lessing hielt sie dafür, dass in der Freundschaft „allein sich Menschlichkeit beweisen könne“. 

2.

Nach Julia Kristeva hat ein Genie „eine denkwürdige Biographie“; sein Leben bestehe nicht darin, wie sie mit einer Anspielung auf einen vielzitierten Satz Martin Heideggers schreibt, „daß es nur geboren wurde, arbeitete und starb“. Jenseits seines Werks habe es „existiert“: denn es war „jemand“. Auch Hannah Arendt war Jemand. Sie hatte ein bewegtes Leben: als deutsche Jüdin, die noch rechtzeitig fliehen konnte, als Staatenlose auf zwei Kontinenten, die in ihrem Asylland eine große Karriere machte, als eine viel beachtete Theoretikerin und eine mitunter umstrittene Person des öffentlichen Lebens. Und sie hatte eine starke Persönlichkeit, zu der Eigensinn und Mut gehörten, Entschiedenheit und Treue. Neben ihrer Arbeit existierte sie als einzelner, besonderer Mensch. Ihr Leben lässt sich erzählen und ist längst erzählt worden. Es hat sich zusammen mit ihrem Denken eingeprägt: als das, was wir mit ihrem Namen verbinden.

Seit den 50er Jahren war Hannah Arendt in der Öffentlichkeit präsent. Mit ihrem ersten großen Buch The Origins of Totalitarianism (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) wurde sie 1951 bekannt. Seit 1959 war sie Gast-Professorin an amerikanischen Universitäten und trat als Rednerin bei verschiedenen Anlässen auf. Sie erhielt bedeutende Auszeichnungen und einige Ehrendoktorate. Mit ihrem Bericht Eichmann in Jerusalem wurde sie 1963 geradezu prominent, berühmt bei den einen, berüchtigt bei den anderen. Das Buch trug ihr ebenso viel Verehrung wie Feindschaft ein. Bis heute ist es umstritten, obwohl seine Verdienste nicht zu übersehen sind. Aufmerksamkeit erregte sie zudem mit gelegentlichen politischen Einlassungen, etwa zur Behandlung der Schwarzen in den USA und zum Vietnam-Krieg, noch nach ihrem Tod auch mit ihren aus eigener Erfahrung gewonnenen Gedanken zur Situation von Flüchtlingen.

In die Öffentlichkeit trat Hannah Arendt redend und schreibend, mit Büchern, Vorträgen und Interviews. Hinter der öffentlichen war jedoch die private Person kaum sichtbar. Erst nach ihrem Tod wurde dieser Teil ihrer Existenz erkundet. Sie selbst hätte das zu Lebzeiten kaum geduldet. Doch die Macht über ihr Bild in der Öffentlichkeit verlor sie mit dem Tod. Dieses Problem hat sie zweifellos gekannt, etwa von Franz Kafka her, dessen amerikanische Werkausgabe sie als Lektorin des New Yorker Schocken Verlags betreut hat. Seiner Lebensgeschichte bemächtigte sich posthum eine wissbegierige Öffentlichkeit, die mehr von ihm in Erfahrung bringen wollte, als ihm recht gewesen wäre. Hannah Arendt mag aus Kafkas Beispiel gelernt haben. Vor ihrem Tod sichtete sie unveröffentlichte Aufzeichnungen und private Korrespondenzen und entschied, was archiviert werden sollte. Dazu gehören auch zahlreiche Freundes-Briefe, die inzwischen veröffentlicht sind. Neben den Gesprächen sind es besonders diese Briefe, in denen ihre Freundschaften gelebt wurden.

Über Hannah Arendt als Freundin zu sprechen, ist einigen Schwierigkeiten ausgesetzt. Da ist zum einen die Paradoxie, in einem öffentlichen Diskurs ergründen zu wollen, was wesentlich privat ist. Da ist zum anderen die beschränkte Basis des Wissens. Hannah Arendt hat nur über wenige ihrer Freunde, wie Walter Benjamin, Waldemar Gurian oder Randall Jarrell, geschrieben, dabei über ihr freundschaftliches Verhältnis kaum etwas verlauten lassen. Über ihre Freundschaften haben wir vor allem Kenntnis durch ihre Korrespondenzen und durch Berichte einiger ihrer Freunde, die nach ihrem Tod geschrieben wurden. Dieses Wissen ist nicht bloß vermittelt, weshalb seine Deutung immer zu diskutieren bleibt; es ist auch fragmentarisch, es bricht bloß einige Stücke aus dem Ganzen der jeweils gelebten Beziehung. Schließlich ist es als Wissen noch nicht Teilhabe an den Freundschaften, die Dritten im Letzten verschlossen bleiben.

3.

Hannah Arendt war in ihrer privaten Existenz ein ungewöhnlich sozialer Mensch, der in verschiedenen Rollen lebte. Sie war Tochter, Stiefschwester, Nichte und Cousine, Geliebte und Ehefrau, schließlich Freundin. Eine Rolle übernahm sie nicht: Mutter wollte sie nicht sein. Ihr soziales Leben hatte dementsprechend im Ganzen drei Schwerpunkte: Familie, Liebesverhältnisse und Freundschaften.

Hannah Arendts Familie und ihre weitere Verwandtschaft gehörten zum jüdischen Bürgertum Königsbergs. Ihre Mutter Martha Arendt, geb. Cohn hatte drei Geschwister und sechs Nichten und Neffen; zu einigen hielt die Tochter Verbindung. Der Vater Paul Arendt hatte nur eine Schwester; seine Frau heiratete aber sieben Jahre nach seinem Tod erneut, den gleichfalls verwitweten Martin Beerwald. Er brachte zwei Töchter mit in die Ehe, Hannah Arendts Stiefschwestern Clara und Eva. Clara, eine begabte Pianistin, beging früh Selbstmord, mit Eva verband Hannah wenig.

Paul Arendt starb, als Hannah sieben war, Martha überlebte ihn um 35 Jahre. Die Tochter, als sie emigriert war, holte die Mutter nach Paris und nahm sie dann mit nach New York. Sieben Jahre lebte Martha bei Hannah und ihrem zweiten Mann in einer kleinen Wohnung, bis die Spannungen, vor allem zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn, nicht mehr auszuhalten waren. Martha Arendt reiste 1948 zu ihrer Stieftochter Eva nach London und starb plötzlich auf der Überfahrt.

Der zweite Schwerpunkt im sozialen Leben Hannah Arendts waren ihre Liebesbeziehungen und Ehen. Das erste für ihr Leben wichtige Verhältnis war das zu Martin Heidegger; es war ebenso leidenschaftlich wie aussichtslos. Er war nicht nur erheblich älter als sie, sondern auch verheiratet. Die erste Ehe führte Hannah Arendt mit Günther Stern, dessen Namen sie auch für eine Zeit annahm. In Marburg lernten sie sich kennen, 1929 heirateten sie, lebten in Heidelberg, Frankfurt a.M. und Berlin. Dort nahm Stern das Pseudonym Anders an, unter dem er für den Berliner Börsen-Courier schrieb, nachdem sein Plan, sich in Frankfurt zu habilitieren, gescheitert war. Günther Anders machte sich nach dem Krieg einen Namen als Philosoph und Schriftsteller. Das Paar emigrierte 1933 nach Paris; 1937 wurde die Ehe geschieden. Erst spät eröffneten sich dem Emigranten Günther Anders Möglichkeiten einer akademischen Laufbahn, die er aber ausschlug. Wie Hannah Arendt war ihm der akademische Betrieb suspekt. Berühmt wurde Anders, der als Atomkriegs-Gegner etwa 1967 dem Russell-Tribunal angehörte, vor allem mit seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen. Sein einziger Roman, den seine Frau 1933 mit Hilfe einer Freundin aus Deutschland geschmuggelt hatte, erschien erst kurz vor seinem Tod.

Hannah Arendts zweiter Mann war der sieben Jahre ältere Heinrich Blücher, eine im Letzten nicht ganz durchschaubare Persönlichkeit. Nicht nur er, auch ihrer beider Verbindung blieb manchen ein Rätsel. Die Ansichten über ihn gehen auseinander. Mary McCarthy nannte ihn, einer Sprachregelung der Freundin folgend, deren „Lehrer“, allerdings den letzten. Alfred Kazin, der mit dem Paar eine Zeitlang befreundet war, sprach von ihm weniger respektvoll als dem „stürmischen, gelegentlich erschreckend wirrköpfigen Ehemann“, einer „Art von inspiriertem Verrückten“.

Blücher stammte aus einer Arbeiterfamilie; eine gelegentlich behauptete Verwandtschaft mit dem preußischen General von Blücher ist nicht erwiesen. Nach der Volksschule besuchte er kurz eine Lehrerschule (Lehrer war damals noch nicht notwendig ein akademischer Beruf). Im Ersten Weltkrieg war er Funker. Er nahm 1919 am Spartakisten-Aufstand in Berlin teil und wurde Mitglied der KPD. In den 20er Jahren scheint er deren antistalinistischem Flügel angehört zu haben. 1933 floh er nach Prag und, als er aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurde, 1935 nach Paris. Dort lebte er im Untergrund, begegnete Hannah Arendt und zog mit ihr zusammen, bevor sie 1940 heirateten. Erst bei der Gelegenheit erfuhr sie, dass er bereits zwei Ehen eingegangen war. Mit ihr emigrierte er 1941 in die USA und lebte bis zu seinem Tod in New York.

Blücher unternahm lange wenig Anstalten, sich und seine Frau zu ernähren, was zu erheblichen Spannungen mit seiner Schwiegermutter führte. Hannah Arendt verdiente in dieser Zeit das Geld für ihren Lebensunterhalt. Durch Zufall kam Blücher in den 50er Jahren an die New School of Social Research, an der er Kunstgeschichte unterrichtete, bis er Professor für Philosophie am Bard College wurde. Er hat kaum etwas veröffentlicht. Sein Ruf gründete sich nicht zuletzt auf sein durchaus professorales Auftreten. Wohlwollende verglichen ihn mit Sokrates. Mitschnitte einige seiner Vorlesungen, die sich erhalten haben, bestätigen diese Ansicht nicht.

Der dritte Schwerpunkt des sozialen Lebens von Hannah Arendt waren ihre Freundschaften. Schon früh, als Mädchen, fing sie an, sich Freundinnen und Freunde zu suchen, und hörte damit nie auf. Sie konnte mit ganz unterschiedlichen Menschen Freundschaft schließen. Keine ihrer Freundinnen glich ihr, auch keiner der Freunde. Sie waren nicht unbedingt gleichen Alters mit ihr, und ihre Lebensläufe waren durchaus verschieden, untereinander, aber auch im Vergleich mit ihrem. Viele waren Juden, aber keineswegs alle. Nicht wenige von ihnen waren Intellektuelle, zumal Schriftsteller und Philosophen, einer war allerdings ein Arbeiter: Eric Hoffer, den sie während ihrer Zeit in Berkeley kennenlernte, war Hafenarbeiter und erst im Nebenberuf Autor. Manche waren berühmt, wie Karl Jaspers oder Mary McCarthy, andere wie Hilde Fränkel würde man nicht mehr kennen, wäre Hannah Arendt nicht mit ihnen befreundet gewesen.

Manche ihrer Freundschaften überdauerten Jahrzehnte. Manche endeten einfach, etwa durch den Tod der Freundin oder des Freundes wie bei Hilde Fränkel und Waldemar Gurian, andere zerbrachen im Streit wie die mit Gershom Scholem. Wieder andere wurden zeitweise unterbrochen und dann wieder aufgenommen wie die mit Hans Jonas. Manche wurden auch über lange Zeit nicht eng wie die zu Helen Wolff. Jede der Freundschaften hat ihre eigene Geschichte. Besonderes Interesse verdienen die mit Männern und Frauen, die selbst ein mehr oder weniger öffentliches Leben führten: Anne Mendelsohn, verheiratete Weil, Hans Jonas, Kurt Blumenfeld, Walter Benjamin, Hermann Broch, Uwe Johnson, Mary McCarthy und Karl Jaspers.

4.

Hannah Arendts Freundschaften hatten ihre Orte: die Orte, an denen sie entstanden, etwa Königsberg, Marburg, Heidelberg, Berlin, Paris oder New York, und die Orte, an denen sie gepflegt wurden. Einige von ihnen waren Ferienorte wie Palenville in den Catskills oder Tegna im Tessin. Hannah Arendts Freundschaften hatten auch ihre Räume, wie etwa das Haus des Ehepaars Jaspers in Basel. Die wichtigsten dieser Räume aber waren ihre New Yorker Wohnungen.

„Bewirtet wurde man bei ihr“, schrieb Uwe Johnson nach Hannah Arendts Tod, „in der Bibliothek, einem Zimmer zum Durchgehen mit Hoffenster; wie kann man denn in New York leben und kein Berliner Zimmer haben!“ Oft beschrieben wurde auch, was Arendt ihren Gästen sogleich alles auftrug: „Bonbons, kandidierte Früchte, Plätzchen, ‚Port‘“ – von den großen Abendessen nicht zu reden. Solche Bewirtung gehörte zu ihren Ritualen der Freundschaft.

Als Hannah Arendt ihre spätestens durch den Film von Margarete von Trotta berühmt gewordene Wohnung am Riverside Drive Anfang 1960 bezog, beschrieb sie Gertrud Jaspers die Räume:

Beide Arbeitszimmer mit phantastisch schönem Blick auf den Fluß. Ganz ruhig, weder Straße noch Nachbarn zu hören. Vier große, gut geschnittene Zimmer und ein kleines Zimmer. Sehr nette Küche mit Anrichteraum. Reichlichstes Nebengelaß. Riesen Wandschränke, in die man zum Teil richtig hineingehen kann. Das Haus sehr anständig gehalten mit einem Doorman tags und nachts. […] Der Preis genauso hoch, wie wir es als Maximum beschlossen hatten, was aber für das, was wir haben, nicht zu viel ist. Alles „equipment“  Küchenofen, Eisschrank, Abwasch, Badewanne, etc. nagelneu. Außerdem 2 volle Badezimmer und eine Toilette mit Sitzwanne.

Die Wohnung in Manhattan mit Blick auf den Hudson River und die Washington Bridge war das sichtbare Zeichen dafür, dass Hannah Arendt und Heinrich Blücher sich nach fast 20 Jahren in den USA etabliert hatten. Sie wurde ein Ort freundschaftlicher Geselligkeit, mit großen und kleinen Gesellschaften wie den ausgelassenen Silvester-Partys.

Dass private Räume ein besonderer Ort für Geselligkeit sind, mag Hannah Arendt von Rahel Varnhagen gelernt haben, der großen Berliner Salondame, über die sie ein einflussreiches Buch schrieb. Ein Salon, wie Rahel Varnhagens Wohnungen es waren, wurde das Apartment am Riverside Drive allerdings nur in der einen Hinsicht: dass in ihm Gäste eben empfangen wurden. Unter ihnen waren etwa Anne Weil, Hans Jonas, Mary McCarthy und Uwe Johnson, der während seiner letzten Aufenthalte in New York 1971 und 1975 ihr Gast war. Anders als Rahel führte Hannah Arendt aber kein offenes Haus, auch wenn manchmal Freunde unangemeldet vor der Tür standen und klingelten. Sie zog es vor, einzuladen, schon um ihre Arbeitszeiten zu schützen.

5.

Hannah Arendt war offensichtlich auf Freundschaft angewiesen. Sie half ihr, sich ,heimatlicher´ in der Welt zu fühlen. In den ,finsteren Zeiten´ des Exils mag das ein drängenderes Bedürfnis geworden sein, doch fühlte sie es offensichtlich auch vorher und nachher. Von Freundschaft erwartete sie dabei eine tiefe Verbindung, Kommunikation in dem Sinn, den sie bei Jaspers kennengelernt hatte. Was sie im Gespräch mit Freunden suchte und nur in ihm finden konnte, war jenseits von geselligem Vergnügen oder Zeitvertreib, mit einem Wort von Karl Jaspers, „die eigentliche Mitteilung von Wesen zu Wesen“. Das machte für sie wesentlich das „Zu-zweit-Sein“ der Freundschaft aus.

In einer der Aufzeichnungen ihres Denktagebuchs nennt sie „Freundschaft eine so eminent republikanische Tugend“. Ein Grund dafür dürften die Verbindlichkeit und die „Verlässlichk“ sein, auf der Freundschaft für sie gründete. Zustimmend zitierte sie in ihrer Lessing-Rede die Ansicht der „Griechen“, „das eigentliche Wesen der Freundschaft“ liege „im Gespräch“. Sie seien „der Meinung“ gewesen, „daß das dauernde Miteinander-Sprechen erst die Bürger zu einer Polis vereinige“, weil das Gespräch „der gemeinsamen Welt gilt, die in einem ganz präzisen Sinne unmenschlich bleibt, wenn sie nicht dauernd von Menschen besprochen wird“. Vor allem in den Freundschaften zu Jaspers und McCarthy hat Arendt diese Haltung leben können. Es scheint so, als hätte sie ihre Freundschaften auch als eine kleine Republik begriffen, die auf Tugenden wie Treue und Verbindlichkeit, Austausch und Verständnis beruht, die als persönliche zugleich zu bürgerlichen taugen.

In ihrem offenen Brief an Gershom Scholem schrieb Hannah Arendt, sie habe nie „irgendein Volk oder Kollektiv ,geliebt‘“: „Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig“. Das ist ein subjektives Bekenntnis und zugleich mehr als das. Die Liebe behält sie allein der Gruppe vor, die man sich selbst ausgesucht und zusammengestellt hat: gewissermaßen ihrer kleinen Polis. Freundschaft macht sie so zum Gegenbegriff zu Volk, Nation oder Klasse, die nicht auf einer persönlichen Verbindung zwischen einzelnen Menschen beruhen. Freunde in ihrem Gespräch miteinander waren für sie auch gerechter als Völker, zuverlässiger und ansprechbarer.

Als Freundin hat Hannah Arendt sich Mal um Mal von ihren besten Seiten gezeigt. In der Vielfalt ihrer Freundschaften und der Verschiedenartigkeit ihrer Freunde und Freundinnen spiegelt sich der Reichtum ihrer Persönlichkeit wieder. Sie hat alle Aspekte freundschaftlicher Beziehungen gelebt: die emotionale und die intellektuelle, die ethische und die existenzielle, die pragmatische und die politische. So machte sie die Freundschaft zu einer Erfahrung der Menschlichkeit: der ihrer Freunde und ihrer eigenen. Darin war sie tatsächlich ein Genie der Freundschaft. So mag auch für sie gelten, was sie von ihrem Freund Waldemar Gurian schrieb. Als er starb, „trauerten seine Freunde um ihn, als wäre ein Familienmitglied von ihnen gegangen und hätte sie allein zurückgelassen. Er hatte erreicht, was uns allen aufgegeben ist: In dieser Welt hatte er seinen Wohnsitz errichtet und sich durch Freundschaft ein Zuhause auf der Erde geschaffen.“ 

Literaturhinweise

Hannah Arendt/Uwe Johnson: Der Briefwechsel 1967-1975. Hg. von Eberhard Fahlke und Thomas Wild. Frankfurt a.M. 2004.

Hans Jonas: Erinnerungen. Nach Gesprächen mit Rahel Salamander. Vorwort von  Rahel Salamander. Geleitwort von Lore Jonas. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Christian Wiese. Frankfurt a.M. 2005.

Hannah Arendt: Menschen in finsteren Zeiten. Hg. von Ursula Ludz. München, Zürich 1989.

Julia Kristeva: Das weibliche Genie. Hannah Arendt. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky.  Hamburg 2008.

Hannah Arendt: Freundschaft in finsteren Zeiten. Gedanken zu Lessing. Mit Erinnerungen von Mary McCarthy, Alfred Kazin und Richard Bernstein. Hg. und eingeleitet von Matthias Bormuth. Berlin 2018.

Karl Jaspers: Vernunft und Existenz.  Fünf Vorlesungen. Bremen 2. Aufl. 1947.

Hannah Arendt: Denktagebuch. 2 Bände. Hg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut, Dresden. Mit 1 Porträtfoto und 17 Faksimiles. München, Berlin, Zürich 2002.

Hannah Arendt/Karl Jaspers: Briefwechsel 1926-1969. Hg. von Lotte Köhler und Hans Saner. München, Zürich 2. Aufl. 2001.

Hannah Arendt: Wahrheit gibt es nur zu zweien. Briefe an die Freunde. Hg. von Ingeborg Nordmann. München, Zürich 2. Aufl. 2013.

Dieser Essay ist die überarbeitete Fassung vor allem der Einleitung zu: Dieter Lamping: Hannah Arendt. Leben für die Freundschaft. Mit Grafiken von Simone Frieling. Berlin: ebersbach & simon 2022 (mit freundlicher Genehmigung des Verlages).