Annäherungen und gegenseitige Wertschätzung
In „Gute Nachbarn“ wird in Auskünften, Randnotizen, Schnipseln und Übersetzungen die poetische Beziehung des österreichischen Schriftstellers Peter Handke und des französischen Lyrikers René Char entfaltet
Von Volker Strebel
Was für ein literarisches Fest! Die Herausgeberin Katharina Pektor präsentiert in diesem ungewöhnlich liebevoll wie sorgfältig aufbereiteten Band anhand von zusammengetragenen Gedichten, Briefen, Texten und Bildern ein anrührendes wie eindrucksvolles Doppelporträt der Schriftsteller Peter Handke (1942*) und René Char (1907-1988).
Peter Handke hat im Laufe eines produktiven Lebens nicht nur ein umfangreiches eigenes Werk vorgelegt, für das ihm 2019 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. In zahlreichen Übersetzungen hat er seiner Leserschaft auch Begegnungen mit fremden Autoren vermittelt. Aus dem Französischen liegen behutsame Übertragungen von Texten von Francis Ponge, Emmanuel Bove oder etwa Georges-Arthur Goldschmidt vor. In zwei Gedichtsammlungen hat Handke auch Übertragungen von René Char vorgelegt.
René Char gilt in Frankreich als einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts. Noch zu Lebzeiten wurde sein Werk 1983 in die legendäre „Bibliothèque de la Pléiade“ aufgenommen. Für seine landesweite Anerkennung hatte zudem Chars Teilnahme als „Capitaine Alexandre“ am bewaffneten Kampf der „Résistance“ gegen die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs gesorgt.
René Chars Gedichte gelten zuweilen als hermetisch und schwer zugänglich. Handkes abgedruckte Notizen bilden sein einfühlsames Bemühen ab, sich den verborgenen Botschaften und Chiffren zu öffnen. Chars wie auch Handkes Schreiben sind dem Hineinhorchen in die umgebenden Dinge gewidmet. Somit liegen in Handkes Übersetzungen Annäherungen vor, die einem subtilen Abtasten feinster Wahrnehmungen ebenso gleichen, wie dem verträumten Beiwohnen ausgelöster Phantasiegebilde. Der Satz, der sich auf René Chars Grabstein findet, liest sich wie eine Zusammenfassung seiner Dichtung: „Wenn wir einen Blitz bewohnen, ist er das Herz der Ewigkeit“.
Ausgelöst von alltäglichen Eindrücken sind die Verse von René Char angereichert von einer bilderreichen wie sanften Wucht und präsentieren sich im Gedicht als autonome Gebilde. Kompromisslos drängen Chars Verse auf Aussetzung jeglicher Kontrolle durch Interpretation. Sie bestehen vielmehr auf ein sich-fallenlassen, welches der Gewissheit geschuldet ist, dass uns hinter der vorhandenen Welt ein unendlicher Raum erwartet. In zahlreichen wiedergegebenen Anmerkungen, Einsprengseln und Randnotizen von Peter Handke lässt sich die Faszination erahnen, die ihn auf diese abenteuerliche Reise lockte.
Neben markanten Faksimiles und Fotos sind Reden, Wortmeldungen und Interviews ebenso abgedruckt wie „Ein paar Briefe und Karten (1983-1987)", die zwischen Peter Handke und René Char gewechselt sind. Es ist zudem bemerkenswert, daß auch Handkes Übersetzungen der Gedichtsammlung von René Char, Die Nachbarschaften Van Goghs (1990), im vorliegenden Band dankenswerterweise komplett zweisprachig wiedergegeben sind. Ursprünglich im kleinen Klaus G. Renner Verlag erschienen, ist diese Ausgabe längst vergriffen.
Mit den beiden Einkreisungen von Elisabeth Schwagerle („»Das war eigentlich die schönste Übersetzungserfahrung, die ich je hatte«“) und Manfred Bauschulte („Poesie im Freien – Vorsicht Baustelle!“) erfolgt aus kundiger Hand eine weitreichende Einordnung der beiden Dichter in den Kontext deutsch-französischer Rezeption. Katharina Pektor, Leiterin der digitalen Edition „Peter Handke: Notizbücher“ am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, belegt mit einem „Vorwort“ und vor allem der Hinführung „Rückkehr stromauf“ die philologischen Maßstäbe einer der führenden Kennerinnen von Handkes Werk.
Michael Krüger, dem die ursprüngliche Idee zu dieser Veröffentlichung zu danken ist, nennt in seinem Nachwort „Wenn alle Nahrung sonst aufgezehrt ist“ den legendären Mont Ventoux in der französischen Provence als Ursprung der Idee, Peter Handke nach einer Übertragung von Versen René Chars anzufragen. Dies hat sich als glückliche Fügung erwiesen und nicht zuletzt zur vorliegenden Ausgabe als einem Dokument poetischer Wertschätzung geführt.
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