Ein beeindruckendes Zeitgemälde des Lebens in Deutschland – vom Kaiserreich bis zum beginnenden Faschismus

Mit „Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ gelingt Henning Sußebach eine brillante Biografie seiner Urgroßmutter

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stets war bei den Familienfeiern von ihr die Rede: Anna Kalthoff, die Urgroßmutter des bekannten Zeitjournalisten Henning Sußebach sorgte auch viele Jahre nach ihrem Ableben noch für Gesprächsstoff bei den Nachgeborenen. Nur interessierte sich der kleine Henning damals eher für Kuchen und Schlagsahne und die Spiele mit einer Vielzahl an Cousins und Cousinen als für die langweiligen Erwachsenengespräche.

Doch als er längst selbst erwachsen ist, wird er neugierig auf diese Frau, die er nie kennengelernt hat, ohne die er aber überhaupt nicht auf der Welt wäre. Und so begibt er sich spät, aber nicht zu spät, auf die Spurensuche nach Anna. Zwar gibt es zum Zeitpunkt seiner Recherchen niemanden mehr in der Familie, der sie noch zu Lebzeiten kennengelernt hätte, und auch kaum Hinterlassenschaften, die über ihr Leben Auskunft geben. An selbst von ihr verfassten „Ego-Dokumenten“ findet Sußebach gerade mal zwei Postkarten. Ansonsten sind zwei Poesiealben aus Kinder- und Jugendzeit, ein Verlobungsring, ein Kaffee-Tee-Service mit eingraviertem Dienstjubiläum und ein paar Fotos die einzigen Zeugen ihres Lebens. Dennoch bringen seine Nachforschungen in Ämtern und Archiven immer mehr kleine Puzzleteile zusammen, auf deren Basis er ein literarisches Porträt seiner Urgroßmutter entwirft.

Sußebach lässt sein Buch im Jahr 1887 beginnen, als die junge Anna – sie ist 1866 geboren – eine Stelle als Lehrerin antritt. Dazu verschlägt es sie in das abgelegene sauerländische Dorf Cobbenrode. Hier soll sie den Kindern Zucht und Ordnung beibringen, während auch sie selbst mit den engen Grenzen ihrer Zeit und des Landlebens konfrontiert ist. So entscheidet ein Männergremium über alle ihre Belange, wie etwa die Anschaffung einer Pumpe oder eines „Kochautomaten“ für die Lehrerwohnung über dem Schulraum. In ihrer kargen Behausung lebt sie ein recht einsames und eintöniges Leben, denn „Frauenpersonen“ haben im örtlichen Gasthof nichts zu suchen und müssen bei Feiern wie dem Schützenfest einen Aufpreis zahlen, sofern sie von keinem Mann begleitet werden. Für sie gilt ohnehin noch eine weitere strenge Regel, nämlich das sogenannte „Lehrerinnen-Zölibat“, das weiblichen Lehrkräften die Eheschließung untersagt.

Anna hat sich weder ihren Beruf noch die damit verbundene Ehelosigkeit selbst ausgesucht. Sie wird schon als 12-Jährige mit den Unwägbarkeiten des Schicksals konfrontiert, als ihr Vater, der mit der Mutter eine Schankwirtschaft betreibt, erkrankt und an Wassersucht stirbt. Damit ist die bislang gesicherte Existenz der Familie dahin. Die Mutter verheiratet die älteren Töchter, während sie Anna in eine katholische Klosterschule in den Niederlanden gibt, damit sie dort eine der wenigen Ausbildungen erhält, die für Frauen ihrer Zeit überhaupt offenstehen und den Lehrerinnenberuf erlernt.

So landet Anna ohne ihr Zutun in Cobbenrode, doch trotz der ländlichen Abgeschiedenheit schickt sie sich nicht demütig in die vorbestimmten Bahnen eines „Fräulein Lehrerin“. Skandalöserweise verliebt sie sich in Clemens, den Sohn eines wohlhabenden Landwirts, der zugleich Inhaber der Poststation mit Gastwirtschaft ist. Clemens ist nicht nur eine gute Partie, sondern zudem mehrere Jahre jünger als sie. Beide sind Außenseiter im Dorf: Interessiert an Theater und Mode und als erster weit und breit mit einem Fahrrad, hebt er sich deutlich von den übrigen Männern ab. Doch die Liebe der beiden zueinander wird nicht gern gesehen, sein Vater verbietet die Heirat. Dementsprechend muss das Paar unglaubliche 12 Jahre auf die Erfüllung ihres Glücks warten. Als Clemens‘ Vater stirbt, heiraten sie 1903 endlich und Anna steigt mit in das familiäre Post- und Kneipenunternehmen ein. Jedoch währt das Glück nicht lange: Nur wenige Monate nach der Hochzeit stirbt Clemens bei einem Unfall mit einer Dreschmaschine. Die verwitwete Anna muss den Sohn, der wenig später auf die Welt kommt, allein großziehen – und zur Überraschung aller (und dem Groll einiger) nimmt sie die Leitung des Familienunternehmens in ihre Hand. Der einst verbotene Gasthof ist nun ihr Domizil und an ihr als Unternehmerin kommt keiner mehr im Dorf vorbei.

Allerdings wärt auch die Rolle als Witwe nicht dauerhaft. Einige Männer machen ihr den Hof und versuchen ein Stück ihres wirtschaftlichen Erfolges abzubekommen. Doch kein Bauer oder Handwerker kann ihr Herz für sich gewinnen. Vielmehr ist es der fast 20 Jahre jüngere Lehrer, der im Dorf unterrichtet, auf den ihre Wahl fällt. Auch diese Beziehung stößt auf heftige Ablehnung und Unverständnis, dennoch führen die beiden – allen Widerständen zum Trotz – eine glückliche Ehe. Sogar ein Kind ist ihnen beschieden, obwohl Anna mit fast 45 bereits ein Alter erreicht hat, das die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen aus ihrer Zeit übersteigt. Die Tochter ist zwar klein und zart und wiegt nach der Geburt nur so viel wie „anderthalb Brote“, wie man im Dorf sagt, doch sie gedeiht und wächst heran – und wird später die Großmutter des Autors.

Obwohl der Ex-Lehrer mit in das Familienunternehmen einsteigt, behält Anna die Zügel in der Hand und bleibt als Postbevollmächtigte eine der zentralen Figuren des Dorfes. Sogar eine Reise unternimmt sie ganz allein: Diese führt sie zur Bäderkur nach Salzuflen, von wo sie eine der beiden bis heute erhaltenen Postkarten an ihre Tochter schreibt. Doch alt zu werden und ihre Enkelkinder kennenzulernen ist Anna nicht vergönnt. Sie erkrankt an Krebs und stirbt nach längerer Leidenszeit mit nur 62 Jahren.

Soweit die Fakten, die Sußebach in akribischen Recherchen zusammengetragen hat. Doch was sein Buch neben diesen besonders auszeichnet, ist die Tatsache, dass es ihm gelingt, die Lücken in Annas unkonventionellem Leben mit vorsichtiger Spekulation und Empathie auszufüllen, ohne die Urgroßmutter als heroische Kämpferin zu verklären oder als passives Opfer ihrer Zeit darzustellen. Bei diesem Balanceakt hilft ihm sein gleichermaßen distanzierter wie von Sympathie durchdrungener Blick, mit dem er bewusst darauf verzichtet, heutige Interpretationen und Wertungen ihres damaligen Lebens vorzunehmen. Sußebach möchte nicht urteilen und seiner Ahnin Motivationen unterstellen, die aus heutiger Weltsicht Gewissheiten konstruieren, die keine sind. Vielmehr lässt er Anna als unabhängige Person bestehen, anstatt aus ihr eine Kunstfigur nach eigenem Gutdünken zu konstruieren.

Dazu trägt auch bei, dass er Annas Schicksal geschickt in die große Geschichte einbettet: Beim Lesen durchlebt man mit ihr das Deutsche Kaiserreich, die Industrialisierung, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik. Chronologisch eingefügte Dokumente und Anekdoten bereichern die Erzählung mit historischen Details und Einordnungen, die die damalige Zeit anschaulich machen. So erfahren wir unter anderem Wissenswertes über die Organisierung des damaligen Schulwesens, die Regeln der Post für weibliche Angestellte und das Eintreffen der „Moderne“ auf dem Land. Zudem beleuchtet das Buch schlaglichtartig weltweite historische Ereignisse und gesellschaftliche Errungenschaften zu Annas Lebzeiten – vom ersten Auto über die erste Radioübertragung, den Ersten Weltkrieg, das Frauenwahlrecht und den Kampf um die junge Demokratie…

Der Schreibstil des Autors ist leise und eindringlich, wobei der Wechsel zwischen der Ich-Perspektive des forschenden Urenkels und historischer Reportage dafür sorgt, dass die Geschichte ihre Intensität bis zum Schluss nicht verliert. Mit einer bemerkenswerten Tiefe bietet er den Lesenden nicht nur Zugang zu Annas zunächst unscheinbar wirkendem unkonventionellem Leben, sondern auch zu der exemplarischen Leistung der unzähligen „kleinen“ Frauen in der Geschichte, die Großes geleistet haben, aber weitgehend ohne Würdigung bleiben. Darüber hinaus gelingt ihm ein lebendiges und sensibles Zeitgemälde Deutschlands, das er kenntnisreich und spannend präsentiert.

Dieses berührende Werk über Erinnerung, Mut und das Recht, die eigene Geschichte selbst zu schreiben ist überdies eine Inspiration, hinter den steifen Porträts ernst blickender VorfahrInnen die „Anna“ in der eigenen Familiengeschichte zu suchen, die wie Sußebach in seinem Buch treffend schreibt, „eine wie keine war und eine wie viele.“

Titelbild

Henning Sußebach: Anna oder: Was von einem Leben bleibt. Die Geschichte meiner Urgroßmutter.
Verlag C.H.Beck, München 2025.
205 Seiten , 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783406836268

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