Verfolgung und Hoffnung

Heinrich Heines Erzählung „Der Rabbi von Bacherach“

Von Karl-Josef MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karl-Josef Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Selbst ein Stall bietet Schutz, auf den zu verzichten wohl niemandem in den Sinn kommen würde. Wir wissen nicht, wie genau er aussah, dieser Stall, in dem vor über 2000 Jahren ein Kind geboren wurde, ein jüdischer Knabe. Fraglich allerdings ist, ob dieser Mensch, der nach der Überlieferung etwa dreiunddreißig Jahre später einen grauenvollen Tod am Kreuz sterben sollte, einverstanden gewesen wäre mit all den Gräueltaten, die seither in seinem Namen begangen wurden.

Nach Hause zu kommen meint mehr als nur ein Gebäude zu betreten. Die vier Wände der eigenen Behausung sind Heim und Heimat als Inbegriff einer Sicherheit, die zu verlieren man sich nicht vorstellen mag.

Genau dieses Schicksal ereilt den Rabbi und seine Frau, die schöne Sara, in Heinrich Heines unvollendet gebliebenem Prosatext Der Rabbi von Bacherach. Die Erzählung beginnt mit einem historischen Rückblick. Die Bürger des Städtchens Bacherach waren schon immer zerstritten. Gruppen mit unterschiedlichen Zielen kämpften gegeneinander um die Vorherrschaft. Wenn allerdings Gefahr von außen drohte, stand man zusammen gegen den Feind, dessen Ziel es ja war, dieses Gemeinwesen zu zerstören. Für die Juden des Ortes galt dies nicht:

Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählig verdrängte Körperschaft war die kleine Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bacherach sich niedergelassen und späterhin, während der großen Judenverfolgung, ganze Scharen flüchtiger Glaubensbrüder in sich aufgenommen hatte.

Die Handlung spielt gegen Ende des 15. Jahrhunderts, zwei Jahrhunderte nachdem um 1288 ein Jugendlicher mit Namen Werner von Oberwesel, der für eine jüdische Familie gearbeitet hatte, gewaltsam zu Tode gekommen war.

Werner wurde als katholischer Volksheiliger verehrt, obwohl er nie heilig gesprochen wurde; sein Gedenktag war der 19. April. Zu seiner Verehrung wurde die Wernerkapelle in Bacherach am Rhein gebaut. 1963 wurde Werners Name aus dem Heiligenverzeichnis des Bistums Trier gestrichen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_von_Oberwesel)

Diese Verehrung basiert auf einer Beschuldigung gegenüber den Juden, welche Heine seinen Lesern in ihrer ganzen Absurdität vor Augen führt: „daß die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen bis das Blut herausfließe, und daß sie an ihrem Paschafeste Christkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen.“

Werner, so die Fama, sei zu eben diesem Zwecke von Juden ermordet worden. Wenn Heine von Christkindern spricht, erinnert dies, ob vom Dichter gewollt oder nicht, an das Christkind und somit an den neugeborenen Jesus in der Krippe. Jesu Tod am Kreuze darf als fatale Wiege des christlichen Antisemitismus gelten, basierend auf dem Ruf: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ (Lukas 23:21)

Seit den Ereignissen rund um Bacherach gegen Ende des 13. Jahrhunderts herrscht, so Heines Text, eine trügerische Ruhe. „Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie verschont von solchen Anfällen der Volkswut, obgleich sie noch immer hinlänglich angefeindet und bedroht wurden.“ Besonders gefährdet ist die jüdische Gemeinde an Pessach.

Ausführlich beschreibt Heine zunächst den Werdegang des Rabbis von Bacherach sowie die Vorbereitungen auf das Pessachfest. Zentrum der Gemeinde ist der „große Saal seines Hauses, welches neben der Synagoge lag“, er „stand offen zum Gebrauch der ganzen Gemeinde“. Der Rabbi, ein noch „jugendlicher Mann“, wird als das hoch angesehene „Familienhaupt“ einer „weitläufigen Sippschaft“ vorgestellt; fast könnte man denken, die ganze Gemeinde sei damit gemeint.

An „hohen Festtagen“ pflegen „sämtliche“ Familienmitglieder „dort zu speisen“, dies gilt „ganz besonders“ für das Pessachfest, „eines uralten, wunderbaren Festes, das noch jetzt die Juden in der ganzen Welt (…) zum ewigen Gedächtnis ihrer Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft folgendermaßen begehen.“

Und nun ergeht sich Heine in der so liebevollen wie detaillierten Schilderung der Feierlichkeiten. Es wird begreiflich, was der Dichter meint, wenn er, nachdem er die andauernde Verfolgung der Juden geschildert hat, zu folgender Conclusio gelangt:

Je mehr aber der Haß sie von außen bedrängte, desto inniger und traulicher wurde das häusliche Zusammenleben, desto tiefer wurzelte die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Juden von Bacherach.

Bedrängnis von außen fördert den inneren Zusammenhalt, als dessen Sinnbild Heine die überaus festliche Feier von Pessach aufscheinen lässt.

„Im großen Saal seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er die Abendfeier des Paschafestes.“ Dieser Abraham ist kein anderer als der junge Rabbi von Bacherach, und erneut schwelgt unser Dichter in der Beschreibung des Festes. Es herrscht eine Stimmung, die eher geprägt ist von der Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft als von der andauernden Verfolgung in der Gegenwart, gipfelnd in der Zuversicht der „Agade“, dass auch diese Zeit sich ihrem Ende zuneigen wird: „Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte, aber zum kommenden Jahre als Söhne der Freiheit.“

Direkt nach diesen Worten „öffnete sich die Saaltür, und hereintraten zwei große blasse Männer, in sehr weiten Mänteln gehüllt, und der eine sprach: ,Friede sei mit Euch, wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das Paschafest mit Euch zu feiern.´“

Zunächst scheint es, als würde die gelöste Stimmung an diesem feierlichen Abend ungestört andauern; doch dann, während „die schöne Sara andächtig zuhörte, und ihren Mann beständig ansah, bemerkte sie wie plötzlich sein Antlitz in grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut aus seinen Wangen und Lippen verschwand und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten; – aber fast im selben Augenblicke sah sie, wie seine Züge wieder die vorige Ruhe und Heiterkeit annahmen (…), ja, wie sogar eine ihm sonst ganz fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff.“

Etwas muss geschehen sein, so unsichtbar und unbegreiflich wie namenlos beängstigend. Sara beobachtet die „krampfhaft sprudelnde Lustigkeit ihres Mannes“, und gerade dieser übersteigerte Gefühlsüberschwang ruft in ihr ein „inneres Grauen“ hervor. Gemeinsam mit der jungen Frau reißt Heine seine Leser hinein in den abgründigen Strudel eines unbegreiflichen Entsetzens. Ein Dämon scheint vom Rabbi Besitz ergriffen zu haben, Abraham ist nicht mehr er selbst, herausgerissen von einem Moment auf den anderen aus der hochgestimmten Freude des Pessachfestes.

Quälend lange dauert es, bis der Rabbi seiner Frau die Gründe für sein Verhalten erläutert, wobei es ihm zunächst eher die Sprache verschlägt:

Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals lautlos die Lippen, und endlich rief er: „Siehst du den Engel des Todes? Dort unten schwebt er über Bacherach! Wir aber sind seinem Schwerte entronnen. Gelobt sei der Herr!“

Als der Rabbi dann doch dazu im Stande ist, diese Worte zu äußern, haben er und seine Frau den großen Saal seines Hauses, Versammlungsort der Gemeinde und Sinnbild von Geborgenheit und Solidarität, bereits fluchtartig verlassen. Und nun, nachdem er sich bei Gott für seine Rettung bedankt hat, wird das Menetekel aufgelöst. Zufällig habe er unter den Tisch geschaut und dort „den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt.“

Missbraucht die Gastfreundschaft, ein Hohn der Gruß der beiden Fremden, – „Friede sei mit euch“ –, deren einziges Ziel es war, „,das Volk aufzureizen uns zu plündern und zu ermorden.´“

Offen bleibt, ob der Rabbi Sara nur beruhigen möchte, wenn er ihr versichert, allein ihm hätten die Nachstellungen der beiden Fremden gegolten. Und es gibt Hoffnung: „,Komm mit mir, schöne Sara, nach einem anderen Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen.´“ Und Zuversicht: „,Der Gott unserer Väter wird uns nicht verlassen.´“

Doch zunächst flieht das Paar zur jüdischen Gemeinde in Frankfurt in die Judengasse. Wir zitieren einen Text des Jüdischen Museums Frankfurt:

Über dreihundert Jahre, von 1462 bis 1796, lebte die jüdische Bevölkerung unserer Stadt in der Judengasse, dem ältesten Ghetto Europas. Vor dieser erzwungenen Umsiedlung lebten sie mitten in der Stadt, nahe dem Kaiserdom Sankt Bartholomäus. Wichtige Gemeindeeinrichtungen wie das Tanzhaus und die Mikwe – das Ritualbad – lagen nur wenige Schritte vom Südportal des Doms entfernt. So waren das soziale und wirtschaftliche Leben der Christen und Juden eng miteinander verknüpft.

Schließlich erließ Kaiser Friedrich III. den Befehl, die jüdische Gemeinde aus der Stadt zu vertreiben. Bittbriefe der jüdischen Gemeinde blieben ungehört. Die neu eingerichtete Judengasse lag außerhalb der ersten Stadtmauer (der Staufenmauer, von der nahe der Konstabler Wache noch ein Rest steht). Sie grenzte damit auch an den seit dem 13. Jahrhundert bestehenden jüdischen Friedhof, der sich heute in der Battonnstraße befindet. Die Gasse verlief bogenförmig von der Konstablerwache bis fast zum Main, hatte jedoch keinen Zugang zum Fluss. Nachts und an christlichen Feiertagen wurden die drei Tore der Gasse geschlossen.

Kaum anders liest es sich in Heines Schilderung des „Judenquartier(s)“: „Dieses war mit starken Mauern versehen, auch mit eisernen Ketten vor den Toren, um sie gegen Pöbelandrang zu sperren. Denn hier lebten die Juden ebenfalls in Druck und Angst, und mehr als heute in der Erinnerung früherer Nöte.“

Sara und Abraham werden freundlich aufgenommen; und erneut entwirft Heine ein buntes, ironisch gefärbtes Sprachgemälde jüdischen Lebens. Die dergestalt erzeugte Leichtigkeit rückt die gerade erst erlebte Verfolgung und Flucht in den Hintergrund, doch dann, in der Synagoge, öffnet sich der Abgrund totaler Vernichtung. Sara befindet sich mit den Frauen der Gemeinde auf der Empore, es herrscht eine gelöste Stimmung, ja es wird sogar „etwas laut gekichert“ – bis man die ohnmächtige Sara entdeckt. Nachdem es gelungen ist, sie aus ihrer Ohnmacht ins Bewusstsein zurückzuholen, stellt sich die Frage, „warum sie so plötzlich ohnmächtig geworden?“.

Und nun wiederholt sich gewissermaßen, was das Antlitz von Abraham „in grausiger Verzerrung“ erstarren ließ. Denn es ist beileibe nicht so, wie der Rabbi seiner Frau versichert hatte, dass „auch unsre Freunde und Verwandten werden gerettet sein.“ Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass Abraham bereits bei seiner Flucht gewusst hat, dass eben dies nicht der Fall sein konnte. Doch nun, auf der Frauenempore, erfährt Sara die ganze, unerträgliche Wahrheit:

Es ist nämlich Gebrauch in der Synagoge, daß jemand, welcher einer großen Gefahr entronnen, (…) öffentlich hervortritt und der göttlichen Vorsicht für seine Rettung dankt. Als nun Rabbi Abraham (…) sich erhob, und die schöne Sara die Stimme ihres Mannes erkannte, merkte sie wie der Ton derselben allmählig in das trübe Gemurmel des Totengebetes überging, sie hörte die Namen ihrer Lieben und Verwandten, und zwar begleitet von jenem segnenden Beiwort, das man den Verstorbenen erteilt: und die letzte Hoffnung schwand aus der Seele der schönen Sara, und ihre Seele ward zerrissen von der Gewißheit, daß ihre Lieben und Verwandte wirklich ermordet worden, daß ihre kleine Nichte tot sei, daß auch ihre Bäschen, Blümchen und Vögelchen, tot seien, auch der kleine Gottschalk tot sei, alle ermordet und tot! Von dem Schmerze dieses Bewußtseins wäre sie schier selber gestorben, hätte sich nicht eine wohltätige Ohnmacht über ihre Sinne ergossen.

In den Erläuterungen zur Datenbank des Yad Vashem Archivs ist folgendes zu lesen:

„Die Online-Datenbank der Namen stellt eine Verbindung nicht nur zu den Toten, sondern auch unter den Lebenden des jüdischen Volkes her“, sagte der Nobelpreisträger Elie Wiesel, nachdem er ein Gedenkblatt für seinen Vater Schlomo ausgefüllt hatte.

Wer könnte das Zitat aus Heines Text lesen, ohne an die Namenslisten von Yad Vashem zu denken sowie an die Liste der Ermordeten vom 7. Oktober 2023?

Vor über 2000 Jahren wurde ein jüdisches Kind geboren und zum Zeichen einer Hoffnung, die uns allen bleibt, unabhängig davon, welchen Glaubens wir sind oder nicht. Und auch in Heines Text ist ein solches Kind als Zeichen einer Hoffnung, die näher zu beschreiben vielleicht gar nicht notwendig ist, zu finden. Wir zitieren zwei Textstellen: „und des Nachts betrachtete er die Sterne des Himmels oder die Augen der schönen Sara. Kinderlos war die Ehe des Rabbi; dennoch fehlte es nicht um ihn her an Leben und Bewegung.“

Wenige Augenblicke, nachdem die beiden Fremden von der Gemeinde aufgenommen wurden, kommt auch Sara ihre Kinderlosigkeit in den Sinn, worauf Abraham sie an ihre Vorfahren, Abraham und Sara aus der Heiligen Schrift, erinnert:

Der Rabbi erwiderte nichts und zeigte bloß mit dem Finger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde in der Agade, wo überaus anmutig zu schauen war: wie die drei Engel zu Abraham kommen, um zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werde von seiner Gattin Sara (…). Dieser leise Wink goß dreifaches Rot über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die Augen nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach ihrem Manne (…).

Der Abraham des Alten Testamentes ist bereit, seinen einzigen Sohn, den seine Frau Sara in hohem Alter geboren hat, zu opfern, weil der Allmächtige es von ihm verlangt. Doch dann wird dem Vater Einhalt geboten, und nachdem bereits die Ankündigung einer Schwangerschaft seiner hochbetagten Frau für Abraham kaum zu begreifen war, heißt es nun, dass der Herr „dich segnen (will) und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen“.

Müssen wir Jesus nicht als einen dieser Sterne und eines dieser Sandkörner ansehen? Heines Abraham lebt in der Hoffnung auf einen Sohn, eine Hoffnung, die der Abraham des Alten Testamentes bereits aufgegeben hatte.

Chanukka und Weihnachten begegnen einander als Tage der Freude, gerade in diesen Tagen, in denen alle Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft zu schwinden scheint.

Heines Text ist auch online verfügbar: https://www.projekt-gutenberg.org/heine/bachrach/bacher11.html

Titelbild

Heinrich Heine: Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment.
Hg. von Hartmut Kircher.
Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 1986.
88 Seiten, 2,60 EUR.
ISBN-10: 3150023505
ISBN-13: 9783150023501

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