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„Backstage“ versammelt kleine Texte von Donna Leon, mit einigen Perlen

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kleine Texte, vulgo auch Gelegenheitstexte von Autor/innen, sind immer so eine Sache. Da kommt dann einiges zustande und zusammen, das eigentlich den Qualitäts- oder Erwartungsansprüchen der Kunden, auch hier ein vulgo, nämlich der Leser/innen, nicht ganz entspricht. Auf den Fall Donna Leons angewendet, deren kleine Texte nun in einem Band bei Diogenes versammelt publiziert worden sind, findet sich eben nur wenig in Sachen venezianischer Verbrechen.

Immerhin findet sich ein Jubiläumstext zu 30 Jahren Brunetti und ein bisschen was zur Entwicklung von Plots im Krimi-Genre, was einschlägig wäre. Aber es gibt hier gleichwohl Texte zu Themen, die mit dem, was Leon vor allem in Deutschland berühmt gemacht hat, wenig zu tun haben. Mit anderen Worten, diese Frau hat eben auch eine Vergangenheit, ein Leben vor und neben Brunetti und dem Verbrechen in der norditalienischen Lagunenstadt. Das sei ihr gegönnt, auch wenn sie heute nicht mehr in Italien, sondern in der beschaulichen Schweiz lebt. Der Klappentext weiß da einiges zu berichten: Reiseleiterin in Rom sei sie gewesen, Werbetexterin in London und habe zudem als Lehrerin im Iran, in China und Saudi-Arabien gearbeitet. Und anscheinend auch in der Schweiz und den USA, wie den Texten zu entnehmen ist.

Soll heißen, woher Leon ihre Figuren und Plots nimmt, erfährt man noch am allerwenigsten in Backstage. Man kann den Texten vielleicht entnehmen, dass ihre Roman-Ideen eher zufällig und unstrukturiert generiert werden, dann aber einiges an Nacharbeit fordern, wenn das Ganze einigermaßen realistisch sein soll. Auch hier gilt zwar der Satz Brechts, dass der Hintergrund von Geschichten vor allem plausibel wirken muss, aber dass Simulation eben reicht. Allerdings: Gut recherchiert ist da hilfreich. Darauf soll jedoch noch die geringste Aufmerksamkeit gerichtet werden.

Denn die wahren Perlen in Donna Leons kleinen Schriften stammen aus ganz anderen Zusammenhängen. Beispiele dafür finden sich vielleicht in den Texten, die sich mit der Oper beschäftigen, die – wie könnte es auch bei einer Amerikanerin in Italien anders sein – eine ihrer Leidenschaften ist. Wie eben auch eine Reihe von Krimiautor/innen wie Ruth Rendell, Barbara Vine, Ross Macdonald oder Raymond Chandler. (Welcher Krimiautor würde Chandler nicht irgendwas zwischen schätzen und verehren? Auch Krimiautor/innen stehen auf den Schultern von Riesen).

Aber anderes ist vielleicht interessanter: Das fängt mit dem Auftakt, „Cedric“ an, in dem die Begegnung der Lehrerin Leon mit einem ihrer Schüler, einem afroamerikanischen Jungen, geschildert und von dem kurzen, aber aufschlussreichen Blick berichtet wird, den Leon hinter die Fassade des Schulverweigerers und schwierigen Kindes wirft –  und in die Verhältnisse, in denen es lebt (ja, leben muss). Dass die Verhältnisse Menschenleben zerstören können, scheint dabei auf. Leon beginnt ihren Text mit der Bemerkung, dass dieser Junge heute um die Fünfzig sein müsse und statistisch gesehen entweder tot oder im Gefängnis. Banale böse Realität im Vorzeigeland der Freien Welt, den USA. Der Blick, den die Erzählerin in der Erinnerung zum Fenster der Wohnung hinaufwirft, und der Gruß, den der Junge und sie austauschen, zeigen eben beides: dass sie in getrennten Welten leben, denen sie nicht entkommen können und werden, und dass es dennoch möglich ist, über die Grenzen hinweg Verbindung aufzunehmen. Ein hoffnungsvolles Bild, das – verbunden mit dem, was seitdem geschehen ist und geschehen sein wird – aber auch zeigt, dass es einen langen Atem braucht, bis sich Verhältnisse verändern. Und selbst das ist dann nicht unwiderruflich, wie wir gerade lernen.

Nun steckt in diesem Band aber noch eine besondere Textperle, die eben nicht Krimi- oder Opernfreunde, sondern die Apologeten der modernen Popkultur bedient – irgendwo, um gleich mit offenen Karten zu spielen, zwischen Frank Zappa und Deep Purple angesiedelt, nein, mit beidem angereichert ist.

Dafür eine kurze Rekapitulation der kleinen Geschichte, die Leon hier aufbringt: So habe sie in der Tat auch einige Zeit Englische Literatur in einer Schweizer Privatschule unterrichtet, dem Hort des gediegenen bürgerlichen Lebens. Nur dass die braven Privatschüler dringend zu einem Frank Zappa-Konzert ins Casino von Montreux wollen und dafür eine Anstandsdame brauchen, wozu sich eine Englischlehrerin sicher besonders eignet. Die künftige Krimiautorin lässt sich bequatschen, ohne zu ahnen, auf was sie sich einlässt, immerhin, wie sie bemerkt, auf einen langhaarigen, bärtigen Mann (Zappa?), demonstrative Ekstase, schmerzhaft laute Musik – und dann brennt die Halle, weil irgendein Idiot die Rattandecke des Veranstaltungsortes in Brand gesetzt hat. Wie einer anderen Quelle zu entnehmen ist, mit einem Schuss an die Decke. Die Halle brennt nieder, die Musiker und ihr Publikum entkommen dem Brand allerdings anscheinend ohne größere Aufregung. Die Episode endet damit, dass Leon versucht, die Schule zu informieren, aber ein wenig desorientiert in der Telefonzelle steht, ohne zu wissen, was sie da wollte. Manchmal sind erste Begegnungen mit der Pop- und Rockkultur nicht besonders erfreulich.

Aber das Ganze hat eine Nachgeschichte: Denn vierzig Jahre später wird Leon zufällig Zeugin eines Gesprächs unter den jüngeren Gästen eines Familienpicknicks (ein Enkel der Gastgeberin und dessen Freund), die sich über einen Deep Purple-Song unterhalten. Nein, klärt der junge Mann Leon auf, Deep Purple ist keine Farbe, sondern eine Rockband, und „Smoke on the Water“ einer ihrer berühmtesten Songs, der im Übrigen … und dann folgt die Geschichte des Konzertes und des Casino-Brandes in Montreux. Worauf Leon den beiden jungen Männern mitteilen kann, sie sei damals dabei gewesen. Um Deep Purple zu zitieren: „Frank Zappa and the Mothers / Were at the best place around / But some stupid with a flare gun / Burned the place to the ground.” Was nun gerade Deep Purple damit zu tun hat, das lässt sich bei Wikipedia und anderen nachlesen. Aber allein für diese kleine Geschichte lohnt sich Backstage, und Donna Leon hat auch unsere volle Aufmerksamkeit.

Titelbild

Donna Leon: Backstage.
Diogenes Verlag, Zürich 2025.
256 Seiten , 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783257073270

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