By a lady – ein Leben in gedeckten Farben erzählt
Janine Barchas und Isabel Greenbergs Graphic Novel über Jane Austens Leben als Schriftstellerin
Von Ulrich Klappstein
Jane Austen (1775–1817) gehört zu den bedeutendsten englischen Schriftstellerinnen des frühen 19. Jahrhunderts. Ihre scharfe Beobachtungsgabe, ihr feiner Humor und ihre präzisen Analysen gesellschaftlicher Konventionen sichern bis heute eine anhaltende Rezeption ihres Werks. Biografisch verlief ihr Leben äußerlich unspektakulär – ein Umstand, der jede visuelle Umsetzung vor besondere Herausforderungen stellt. Gerade hier muss sich die besondere Stärke einer Graphic Novel beweisen, um ein innerlich reiches Leben so in Bilder und Motive zu übersetzen, dass neue Zugänge zu Persönlichkeit und Werk der Autorin eröffnet werden.
Mit Jane Austen. Ihr Leben als Graphic Novel ist der Literaturwissenschaftlerin Janine Barchas (University of Texas) und der Illustratorin Isabel Greenberg (Camberwell College of Arts London) eine beeindruckende Balance zwischen historischer Genauigkeit, erzählerischer Verdichtung und visueller Interpretation gelungen. Die Publikation basiert unter anderem auf dem digitalen Forschungsprojekt von Janine Barchas, das sich mit den frühen visuellen Einflüssen auf die junge Jane Austen beschäftigt – insbesondere mit ihren Besuchen in der Londoner Shakespeare Gallery, die 1789 eröffnet worden war.
Die Graphic Novel folgt Austen von ihrer Kindheit und Jugend im ländlichen Steventon bis zu ihrem frühen Tod am 24. Mai 1817 in Winchester im Süden Englands in der Grafschaft Hampshire, nahe der Stadt Southampton. Drei große Erzählabschnitte, die in kleinere Kapitel unterteilt sind, widmen sich ausschnitthaft dieser Schriftstellerinnenbiographie. Der erste Teil („1796–1797. Aufstrebende Autorin“) wendet sich insbesondere Austens literarischen Anfängen zu; der zweite Teil („1801–1809. Erfolglose Künstlerin“) illustriert das Familienleben nach dem Umzug in die Stadt Bath und Austens schriftstellerischer Abspiegelung der zeitgenössischen Gesellschaft. Der letzte Abschnitt („1809–1817. Veröffentlichte Autorin“) konzentriert sich auf die entbehrungsreichen letzten Lebensstationen Austens in Chawton.
Barchas Graphic Novel, die zuerst 2025 im Londoner Verlag Greenfinch veröffentlicht wurde, veranschaulicht Austens Lebensrealität als unverheiratete Frau der Gentry mit begrenzten finanziellen Mitteln – und deren Schwanken im ständigen Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Erwartung (Heirat!) und künstlerischem Anspruch als Schriftstellerin. In der Bildsprache zeigt sich das erzählerische Potenzial dieser Graphic Novel: Austens Beziehungen zu ihren Mitmenschen, ihre inneren Konflikte und die gesellschaftliche Zwänge, denen sie ausgesetzt war, werden erzählerisch sichtbar gemacht. Besonders eindrucksvoll ist die visuelle Inszenierung der lebenslangen Bindung zwischen Jane und ihrer älteren Schwester Cassandra Elizabeth Austen (1773–1845) gestaltet. Beide erscheinen immer wieder als zeichnerisches Doppelmotiv, was ihre emotionale Nähe, ihre gegenseitige Unterstützung und das gemeinsame Analysieren der Gesellschaft gut veranschaulicht. Austens Lebensstationen werden konsequent mit ihren literarischen Themen verknüpft: Ehe, Klasse, Moral und weibliche Selbstbestimmung bilden ein thematisches Parallelgerüst zur biografischen Erzählung. Die anonymen Erstveröffentlichungen, die als einzigen Hinweis auf eine Autorin die Angabe „By a Lady“ trugen, die zahlreichen verlegerischen Eingriffe in ihre Texte und die nachfolgende, schleppende Anerkennung zu Lebzeiten werden in den Fokus gerückt. Außerdem werden auch ihre letzten Lebensjahre thematisiert, die von Krankheit und zunehmendem Rückzug aus der Öffentlichkeit geprägt waren.
Szenische Darstellungen aus Austens Alltag werden durch innere Monologe, Briefe und kommentierende Texte ergänzt (deren vorwiegend englischsprachige Quellen im Anhang auch für das deutsche Lesepublikum kurz umrissen und vorgestellt werden). Wie im Vorwort von der Autorin eingeräumt wird, bewegt sich der „bebilderte Bericht“ über Jane Austen im Spannungsfeld zwischen Forschung und „behutsamer Spekulation“ – ergänzt durch ein ausführliches Glossar, das den aktuellen Forschungsstand der überwiegend anglo-amerikanischen Forschung auch für ein deutsches Lesepublikum transparent macht. Die klare, reduzierte Bildsprache mit gedeckten Farben und feiner Linienführung orientiert sich an zeitgenössischen Bildmedien der Regency-Zeit und adaptiert den Stil des bekannten irisch‑britischen Illustrators Hugh Thomson (1860–1920), der mit seinen dekorativen, detailreichen Zeichnungen zahlreiche Buchausgaben (zum Beispiel die „Peacock Edition“ von Pride and Prejudice) gestaltet hat. Die Illustratorin Isabel Greenberg arbeitet ebenfalls mit zum Teil sehr ornamentalen kleinen Vignetten, floralen und dekorativen Rahmen, in die sie die Figuren stellt. Sie setzt Kleidung, Architektur, Interieurs und soziale Rituale historisch stimmig um, ohne – wie viele „romantic novels“ des gegenwärtigen Buchmarkts – in eine nostalgische Verklärung abzugleiten. Vielmehr unterstützt ihre visuelle Gestaltung Austens ironischen Ton und deren kritische Distanz zur Gesellschaft. Leuchtende Farben werden – wie im Vorwort erläutert – nur dort eingesetzt, wo Janes Vorstellungskraft Raum gewinnt, um die Grenzen zur sie umgebenden Realität zu betonen.
Die hier vorgelegte Graphic Novel überzeugt durch die gelungene Verbindung von visueller Erzählkunst, historischer Präzision und literaturwissenschaftlicher Reflexion, auch Zitate und Anspielungen auf bekannte Verfilmungen wurden subtil eingearbeitet. Im Mittelpunkt steht jedoch Jane Austen – als denkende, beobachtende und schreibende Künstlerin. Damit ist diese Publikation eine würdige Hommage anlässlich Jane Austens 250. Geburtstags.
Austens Romane bleiben allerdings im Hintergrund. Wer diese im Format einer Graphic Novel entdecken möchte, findet in anderen, ebenfalls neu auf Deutsch erschienenen Ausgaben, etwa zu Stolz und Vorurteil oder zu Emma, passende Ergänzungen zum Lebensbild der Schriftstellerin.
|
||















