Ein eher seichter Blutfluss von Worten
Mit „Pathemata. Die Geschichte meines Mundes“ erreicht Maggie Nelson leider nicht das Niveau ihrer bisherigen Bücher
Von Jana Fuchs
Die erfolgreiche US-Autorin Maggie Nelson ist bekannt für ein radikal offenes und unsere Einordnungen herausforderndes Schreiben, sowie für Bücher, die sich jeder Gattungszuordnung verweigern. Sie selbst bezeichnet diejenigen ihrer Bücher, in denen sie die Bewegungen ihres Denkens und Fühlens seziert und philosophische Bezugnahmen sowie Verweise auf Lyrik oder kritische Theorie miteinfließen lässt, als „autotheory“, also aus einer Mischung aus radikal persönlichem Schreiben und kritischer Theorie. So auch in Bluets, in dem sie ihre obsessive Leidenschaft für die Farbe Blau verhandelt und nach und nach die Geschichte einer gescheiterten Liebe enthüllt. Auch Die Argonauten, das als erstes ihrer Bücher ins Deutsche übersetzt wurde und für das sie 2015 den National Book Critics Circle Award erhielt, ist im Stile einer solchen „autotheory“ geschrieben. Mit scharfer Beobachtungsgabe erzählt Nelson überwältigend intim und sexuell ungewohnt explizit von der Fluidität der Geschlechter und Identitäten, von ihrer queeren Liebesbeziehung mit ihrem Partner, der eine Transgression hin zu einer männlich-queeren Geschlechtsidentität durchläuft – immer wieder gespiegelt durch queere Theorien wie sie etwa Judith Butler entwickelt –, sowie von ihrer Schwangerschaft, die mithilfe von In-Vitro-Befruchtung erwirkt wurde.
Befruchtung um Befruchtung wollten wir unser Baby. Während ich mich auf den kalten Untersuchungstisch legte und den kalten Stich des Katheters ertrug, der durch den opalenen Schlitz meines Gebärmutterhalses geführt wurde, während ich das wohlbekannte Krampfen von gespülter, getauter Samenflüssigkeit, die in meine Gebärmutter einströmt, fühlte.
In Die Argonauten lässt sie etwa Eileen Myles, Jacques Lacan, aber auch Ludwig Wittgenstein, bereits erwähnte Judith Butler, D.W. Winnicott sowie Gilles Deleuze und Claire Parnet in ihre Prosacollagen einfließen. Hierdurch zeigt sie nicht nur, dass ihr Denken sich wie ein Rhizom verzweigt und sie wie selbstverständlich zwischen Philosophie, eigenen Beobachtungen und lyrischen Passagen zu changieren versteht, sondern auch, dass für sie das Private politisch und das Politische privat ist. Ein Slogan, der erstmals von Carol Hanisch in der 1970 von Shulamith Firestone und Anne Koedt herausgegebenen Publikation Notes from the Second Year. Women’s Liberation verwendet und der Grundsatz der frühen Frauenforschung wurde.
In Jane. A Murder hingegen, ein Titel, der noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, erzählt Nelson von der brutalen Ermordung ihrer Tante Jane Mixer, wofür sie eine hybride Form der Poesie verwendet, in die Gedichte, Fragmente aus Janes Tagebüchern, Briefe, Kriminal- und Traumberichte, dokumentarische Quellen wie lokale und nationale Zeitungen, verwandte „True-Crime“-Bücher wie The Michigan Murders und Killer among us sowie Monologe eingewoben sind. Ein Buch, mit dem Nelson ihren kreativen Durchbruch hatte, und an das sie mit Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses anknüpfte.
Nun ist ein schmales Buch mit dem Titel Pathemata. Die Geschichte meines Mundes erschienen – eine Schmerzgeschichte ihres Mund- und Kieferbereichs. Das zentrale Thema – „konkreter körperlicher Schmerz“ – ist bereits in Bluets und Die Argonauten angelegt. Während es in Ersterem ihre enge Freundin ist, die nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und an diffusen Nervenschmerzen auf ihrer Hautoberfläche leidet, die sich kein Arzt erklären kann, und die sich anfühlen, „als wäre ihre Haut eine zerknitterte, glühende Folie aus Kunststoff“ – eine Freundschaft, die in Pathemata erneut aufgerufen wird –, ist es in Die Argonauten sie selbst, die durch die Geburt ihres Sohnes in einen Tunnel aus immer tiefer werdenden Schmerzen hineingeführt wird. Sie fragt sich: Wie weit kann Schmerz gehen?
In Pathemata droht Nelson ihre Artikulationskraft an einen chronischen Kieferschmerz zu verlieren. Aus ihrer Situation entwickelt sich eine existenzielle Metapher: Für Nelson, die nicht nur Autorin mit zahlreichen öffentlichen Auftritten ist, sondern auch am California Institute of Arts unterrichtet hat und aktuell als Professorin an der University of Southern California lehrt, stellt die Störung im Mund Ironie wie fundamentale Herausforderung dar. Sie ringt mit der Erkenntnis, dass Sprache vor Schmerz versagen kann. Sie erkennt: Das Einzige, wovor sie noch mehr Angst hat als vor dem Schmerz selbst, sind „Taubheit und Lähmung“.
Also kämpft sie mit akribischen Aufzeichnungen gegen das Verstummen und legt ein von ihr so genanntes Pathemata-Dokument an – eine Sammlung von Symptomen, die sie in einer Datei auf ihrem Desktop ablegt, und in der sie etwa die Situationen auflistet, unter denen die Schmerzen auftreten, die Ärzte, bei denen sie schon war, die Befunde, die Medikamente und Physiotherapien, die sie schon ausprobiert hat, die Umstände, unter denen die Schmerzen offenbar stärker oder schwächer werden, die bereits gestellten Diagnosen.
Was damit anzufangen ist, bleibt offen; schon bald versteht sie, dass niemand diese Dokumentensammlung lesen will. Die meisten Ärzte blättern die ausgedruckten Dokumente kurz durch und stecken sie dann in ihre Akte, „als besage das Dokument vor allem, dass [sie] […] eine Logorrhoikerin [ist] […], die es ruhigzustellen gilt.“
Sie erzählt von ihrer Odyssee durch die Praxen diverser Spezialisten, bei der sie auch nicht vor der „nicht versicherten Wildnis“ haltmacht, und dokumentiert, davon ausgehend, ihre Leidensgeschichte. Dies ist jedoch nur der Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Wie in Die roten Stellen, Bluets und Die Argonauten arbeitet sie mit Überblendungen, Überschneidungen und Schreibfragmenten, sodass Träume, Kindheitserinnerungen, philosophische Reflexionen und Gegenwartsprotokolle nahtlos in Einblicke in ihre Krankenakte, Tagebuchnotizen und spontane Eingebungen übergehen. Der emotionale Resonanzraum in Pathemata: die Lockdowns der Coronapandemie.
Die neue Aufgabe, die das Virus fast über Nacht mit sich gebracht hat: Schmerzbewältigung in aller Einsamkeit. […] Schmerz behauptet Dringlichkeit; man muss gefühlskalt werden gegenüber seinem Flehen.
Pathemata ist hinsichtlich seiner Kritik am Gesundheitssystem und dessen zunehmender Spezialisierung, seines Infragestellens einer scharfen Unterscheidung zwischen Psychosomatik und rein auf den Körper bezogener Diagnostik sehr aufschlussreich – wobei Nelson vermutlich kritisch gegenüber einem vorschnellen Urteil stünde, einen konkreten körperlichen Schmerz als Kopfgeburt abzustempeln. Vor allem überzeugt, dass die angeführte Kritik in der Schwebe belassen wird und diese nicht in einfachen Lösungen mündet. Stellt man jedoch Pathemata neben Nelsons anderen Bücher, besitzt es nicht dieselbe poetische Verdichtung und Präzision von etwa Bluets mit seinen lyrisch-anmutenden, stark verdichteten Prosasequenzen – wie Scherben aus blauem Glas. Auch an Die Argonauten kommt das jüngste Buch der Autorin nicht heran und so sehnt man sich, jedenfalls als süchtiger Nelson-Leser, während der Lektüre nach ihrer geschliffenen und messerscharfen Sprache und nach der theoretischen Überhöhung ihrer persönlichen Erlebnisse durch Bezugnahmen auf Theoretiker, Philosophen, Lyriker. Das, wodurch ihr Schreiben aus der Flut autofiktionaler Bücher herausragt, fehlt in Pathemata, und so bleibt man zurück mit einer Sehnsucht, die am besten durch eine erneute Lektüre von Bluets eingehegt wird.
Vor dem Hintergrund ihres bisherigen Werks regt die Lektüre Pathematas zu folgenden, zentralen Fragen an: Was ist das gewisse Etwas, durch welches das extrem Private zu Literatur wird? Ist es, bei all dem Fragmenthaften, eine zwingende Kohärenz? Oder ist es die poetische Verdichtung beziehungsweise die sprachliche Ausgestaltung und zwar auch dann, wenn auf Krankenakten, Tagebuchnotizen, dokumentarische Quellen oder Briefe zurückgegriffen wird? Wie weit ist das Material zu verfremden? Oder: Wie muss es eingebettet werden, sodass es zum Gegenstand von Literatur werden kann?
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