Welteistheorie und Raumfrau
Das „Lexikon der deutschsprachigen Science Fiction 1933 – 1945“ weist zwar einige Unzulänglichkeiten auf, ist als erstes diese Zeit behandelndes Werk dennoch sehr zu begrüßen
Von Rolf Löchel
In den Jahren 2005 und 2007 veröffentlichte Klaus Geus unter dem Pseudonym Nessun Saprà zwei Lexik[a] der deutschen Science Fiction und Fantasy. Sie umfassen die Jahre 1879 bis 1918 und 1919 bis 1932. Den beiden Werken folgt nun nach rund zwanzig Jahren ein ebenso verdienstvoller dritter Band, der die Zeit von 1933 bis 1945 abdeckt. Diesmal hat Geus ihn allerdings nicht alleine verfasst, sondern gemeinsam mit Wolfgang Both, Horst Illmer und Klaus Scheffler. Im Titel des neuen Bandes fallen zwei weitere Unterschiede zu den beiden vorangegangenen Lexika ins Auge. Zum einen verspricht er nicht deutsche, sondern deutschsprachige AutorInnen und ihre Werke vorzustellen; zum anderen beschränkt sich das Lexikon nun ausweislich des Titels auf Werke der Science Fiction. Was die erste Änderung betrifft, so enthielten auch die beiden ersten Lexika nicht nur deutsche, sondern deutschsprachige Werke – also etwa solche, die von anderen Staatsangehörigen, jedoch in deutscher Sprache verfasst wurden. Im ersten wurde etwa Der Menschheit Hochgedanken (1911) vorgestellt: ein Buch der Österreicherin Bertha von Suttner. Die zweite Änderung beschränkt sich ebenfalls auf den Titel. Denn tatsächlich wurden auch in das nun erschienene Lexikon zahlreiche Werke aufgenommen, die zwar ganz allgemein der Phantastik, aber nicht speziell der Science Fiction zuzurechnen sind. Zwar nennt der Band keine Kriterien dafür, was ein Werk als Science Fiction qualifiziert, doch wird in den Lemmata zumeist darauf hingewiesen, welchem Subgenre der Phantastik der jeweils vorgestellte Roman angehört. So etwa im Falle von Erhard Ludwig Behms Roman Der Trank Lethe (1941), bei dem es sich um eine „Kriminalgeschichte“ mit „okkultischen Details“ handelt, oder Ernst Adolf Birkhäusers Roman Das Mädchen von Schanghai (1938), der den „üblichen Kitsch aus Kriminalgeschichte und Liebesmelodram“ bietet. In einem Lexikon, das sich der Science Fiction verschrieben hat, haben solche Werke allerdings nichts zu suchen.
Dessen ungeachtet haben die vier Autoren eine anerkennenswerte Rechercheleistung erbracht, die sie selbstverständlich kaum alleine bewerkstelligen konnten. Daher dankt Geus fast zwanzig Personen, die ihnen bei der Recherche zur Seite standen, sowie den „Damen und Herren“ von sechs Bibliotheken und Archiven. Dass die Phantastische Bibliothek in Wetzlar nicht zu ihnen zählt, überrascht umso mehr, als es sich bei ihr um die weltweit größte öffentliche Bibliothek zur phantastischen Literatur mit über 300.000 Medieneinheiten handelt und Klaus Scheffler, einer der Autoren zudem Mitglied des mit der Bibliothek verbundenen Förderkreises Phantastik in Wetzlar e.V. ist.
Das vorliegende Lexikon nennt nun über 400 Titel von etwa 200 AutorInnen, von denen 14 weiblichen Geschlechts sind. In einem weiteren Fall ist das Geschlecht unbekannt. Von den 400 Titel sind wiederum 320 in den einschlägigen Jahren erschienen, die anderen bereits zuvor und in einigen Fälle auch kurz danach: Anna Harrars Roman Der gläserne Regen, in dem eine auf Silizium basierende Lebensform die Erde erreicht, stammt etwa aus dem Jahr 1948.
Die einzelnen Lemmata sind alphabetisch nach den Namen der VerfasserInnen angeordnet. Ihr Copyright liegt jeweils „bei den einzelnen Autor:innen“, ohne das allerdings ersichtlich wäre, wer welches Lemma verfasst hat. Zunächst informieren die Einträge über Leben und Wirken der betreffenden Personen und nennen einige einschlägige Werke, die sie in den Jahren 1933 bis 1945 oder aber auch zuvor verfasst haben. Diese biografischen Angaben umfassen zumeist eine halbe oder ganze Seite, gelegentlich auch einmal etwas mehr. Hier ist etwa zu erfahren, dass Wilfrid Bade bereits am 1. Oktober 1930 der NSDAP beitrat und seine Schriften unmittelbar nach Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone „auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt“ wurden. Interessant ist, dass der Nationalsozialist Bade in seinem Roman Gloria über der Welt (1937) eine utopische Gemeinschaft entwarf, „die sozialistisch-kommunistische Elemente wie ‚Gemeinbesitz’ aufweist“ und als „Keimzelle einer neuen ‚geläuterten’ Menschheit“ fungiert.
Den biografischen Angaben folgen eine „Bibliografie“ der jeweils einschlägigen selbständigen Publikationen der AutorInnen und Hinweise auf Titel der „Sekundärlit[eratur]“, die verständlicherweise keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Für ein Lexikon unwürdig ist, dass dabei, sofern vorhanden, auch immer der Wikipedia-Artikel zu der betreffenden Autorin oder dem Autor angegeben wird. Nachgerade kurios ist, dass auch stets darauf hingewiesen wird, wenn Wikipedia keinen Eintrag zu der betreffenden Person hat. Nicht aufgeführt (und wohl auch nicht herangezogen) werden hingegen einige Standardwerke wie im Falle von Exil-Autorinnen Renate Walls Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933-1945, in dem etwa ein Eintrag zu Gertrud Isolani zu finden ist, die im vorliegenden Lexikon unter ihrem Mädchennamen Gertrud Isaacsohn vorgestellt wird. In das SF-Lexikon aufgenommen wurde sie, weil in ihrem 1944 erschienenen „Kriminalroman“ Die letzte Havanna ein am Rande auftretender Erfinder Strahlen entwickelt, mit denen sich Gedanken beeinflussen lassen.
Erst nach den Angaben zur Sekundärliteratur werden die wichtigsten selbständigen Publikationen der jeweiligen Autorin oder des Autors näher vorgestellt. Dabei wird nicht nur kurz deren Inhalt referiert, sondern der jeweilige Roman auch bewertet – und das gerade dann in oft sehr deutlichen Worten, wenn er als misslungen erachtet wird. So wird etwa der „wissenschaftliche[] Hintergrund“ der Geschehnisse in Elisabeth Kleins Roman Geheimnis um die Folmann-Werke (1935) als „ebenso krude“ kritisiert „wie die Logik der Kriminalhandlung“. Hingegen wird Richard Erbers Welt ohne Tod (1937) als einer der „interessantesten Romane der Zeit“ gepriesen, da der „in ferner Zukunft “ spielende Roman als einer der ersten „Unsterblichkeit als Fluch“ literarisiert. Für die damalige Zeit nicht unoriginell war auch A. Schuberts Weltenwende durch Gas (1939), in dem Gas einmal nicht wie damals üblich als tödliches Gift vorkommt, sondern als „hochwirksame[r] Treibstoff“. Meist aber sind die Motive und Inhalte völlig uninspiriert oder sie dienen sich gleich dem Nationalsozialismus an: etwa indem sie die in dessen esoterischem Flügel beliebten Welteis- und Hohlwelttheorien aufgreifen, wie etwa Werner Mialkis Neotherm C (1943).
Dass in das Lexikon aufgenommene Werke nicht der genuinen SF zuzurechnen sind, trifft insbesondere auf Publikationen von Frauen zu, sodass für die Zeit des Nationalsozialismus kaum eine echte SF-Autorin übrigbleibt. Nur „am Rande einschlägig[]“ ist etwa der Roman Die Macht des Geldes (1936), dessen als Astrologin tätige Verfasserin Elsbeth Ebertin ihrer Profession gemäße Motive verwendet, die sie mit alchemistischen Einsprengsel anreichert. Auch Hildegard Johanna Kaesers „amüsantes Jugendbuch“ Das Karussell (1942) ist nicht wirklich einschlägig, da sich das Geschehen als Traum erweist. Katharina Theles Vier Nächte auf dem Indischen Ozean (1935) wiederum wurde „wegen der Themen Fernhypnose und Präkognition“ aufgenommen. Zu den Autorinnen deren Werke ebenfalls nicht wirklich zur SF gehören zählen etwa auch Alma Karlin oder Herminia Zur Mühlen, deren in das Lexikon aufgenommenen Geschichten „meist in ein fiktives oder orientalisches Märchenland verlegt“ sind. Paula von Reznicek wiederum ist nur Mitautorin des gemeinsam mit Hans Struck verfassten „Erfinder-Roman[s]“ Das Nebelauge (1935). Echte SF, nicht nur vor und nach der Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch während dessen Herrschaft hat hingegen die unter ihrem Geburtsnamen Anna Friedrich aufgenommene Biologin Annie Harrar verfasst (wenngleich es sich auch nur um eine Kurzgeschichte handelt). 1937 gelang es ihr, die SF-Story Der Tod der Raumfrau im siebten Band des Periodikums Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens unterzubringen, in der sie das Pygmalion-Motiv variiert. Eine von einem Mann erfundene Maschine erzeugt Töne, die ein stummes, weibliches Wesen entstehen lassen, das aber sogleich wieder verschwindet, wenn die Musik endet. Die kleine Geschichte ist auch deshalb interessant, weil in der titelstiftenden Figur eine ganze Reihe von Motiven verhandelt wird. Neben dem bereits genannten Pygmalion-Motiv etwa noch das der Femme fatale und Femme fragile sowie in abgewandelter Form das Undinen- oder Sirenenmotiv. Harrars 1940 erschienener Roman Und eines Tages ist mit seinen „okkulte[n] Phänomene[n] wie Flüche[n]“ und „außersinnlichen Erfahrung[en]“ hingegen eher der allgemeinen Phantastik zuzurechnen – mag er diese auch mit „moderne[n] genetische[n] Erkenntnisse[n]“ verknüpfen.
Ungeachtet einiger Unzulänglichkeiten und des ihm zugrundeliegenden allzu unscharfen Science-Fiction-Verständnisses ist die Veröffentlichung des Lexikons sehr zu begrüßen, wird SF-Interessierten und -Forschenden mit ihm doch ein brauchbares Nachschlagewerk in die Hand gegeben. Die Publikation schafft es nicht nur, über hinlänglich bekannte AutorInnen wie etwa Hans Dominik und seine Werke, sondern vor allem über all die anderen weithin Vergessenen zu informieren – und das sind nicht eben wenige.
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