Alles nur vorläufig

Christian Hallers „Einfallende Dämmerung“ erzählt vom Alter als Abschied und Erkenntnis

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Paul Bálint heißt der Protagonist in Christian Hallers neuem Buch, einer Novelle; er hat gerade im Kreis einiger Kolleg:innen in einem Pariser Hotel seinen 80. Geburtstag gefeiert. Schon wird ihm nicht nur bewusst, dass er als einst überaus geschätzter und verehrter Naturwissenschaftler, als Mikrobiologe, nach seiner Emeritierung bei der Kollegenschaft nur mehr in der Erinnerung weiterlebt, tatsächlich aber ausgemustert worden ist, sondern auch, dass er sich nun endgültig im Alter einrichten, sich irgendwie arrangieren muss. Das fällt ihm als beinhartem Rationalisten und Wissenschaftler überaus schwer. Hinzu kommt, dass er den Freitod seiner jahrzehntelang mit ihm verbundenen Frau Carla, die nach fünfzig Jahren Gemeinsamkeit geglaubt hat, ihren Mann wegen eines anderen, jüngeren Partners aufgeben und ein neues Leben beginnen zu müssen, nicht wirklich verwunden hat. So sucht er den Austausch mit dem Therapeuten Steinberg, der Bálint in einer ihrer zahllosen Sitzungen davon berichtet, dass es zwei Kammern des Alters gibt, die des jungen und die des alten Alters, worunter er versteht, dass auf eine Phase des unbedingten Wollens und des Aufbruchs zu neuen Ufern („das Hintergrundrauschen des jungen Alters“) die Phase der Einsicht, der durchaus schmerzhaften Erkenntnis folgt, dass inzwischen längst nicht mehr alles möglich ist und dass das Ende naht („eine Gruft, von wo ein kalter Anhauch der Vergänglichkeit hereinweht“).

Im neuen Buch des Schweizer Schriftstellers, das sich – wie die anderen Romane und Erzählungen auch – durch ein besonderes Sensorium für Kleinigkeiten und Banalitäten, für Alltagsbeobachtungen und -wahrnehmungen auszeichnet, setzt sich der Protagonist mit seinem eigenen Alter auseinander, mit dem Alterungsprozess, den er als Biologe auch aus den Vorgängen im Stoffwechsel der Zellen kennt. Mal empfindet er durchaus Langeweile in seinem geordneten Alltag zwischen Einkauf, Spaziergängen und (seltenen) Besuchen, hadert mit sich selbst, wenn er mit Ärger und Scham zugleich feststellen muss, bestimmten Neuerungen in der Umwelt nicht mehr folgen zu können oder wenn er verwundert die Fremdheit gegenüber seiner eigenen Person auf alten Fotos bemerkt. Aber immer wieder scheint auch so etwas wie die Weisheit des Alters auf, die Einsicht in die Vorläufigkeit allen Lebens, für das es – so der Agnostiker, als den Steinberg seinen befreundeten Patienten bezeichnet – keine Rechtfertigung und keinen Sinn (in metaphysischem Verständnis) gibt. Es ist, was es ist. Basta.

Aber das ist schließlich eine ganze Menge, so unendlich viel, dass sich Bálint am Ende des Textes an seinen alten Botanikprofessor aus dem Studium erinnern muss, der „in seiner Altersschusseligkeit von den Studenten nicht mehr ernst genommen“ wurde und der doch diesen grundstürzenden Satz am Ende seiner Vorlesung zum Besten gibt: „Wenn wir den Genfluss verstehen würden, lebten wir in einer anderen Welt.“ Und das ist’s, der Kern, die novellistische „besondere Begebenheit“: der Gedanke nämlich, dass das Leben in seiner Vielfalt zu akzeptieren und in seiner Vorläufigkeit zu bejahen ist, was nicht ausschließt, dass wir Menschen alle ein Leben lang – kontrafaktisch – immer wieder den Sinn suchen, ja suchen müssen. Bálints letzte Sätze dazu: „Ich weiß es nicht. Doch ich möchte den Satz verstehen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Christian Haller: Einfallende Dämmerung. Novelle.
Luchterhand Literaturverlag, München 2026.
144 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783630877921

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