Wir chatten an der Liebe vorbei
In Clara Umbachs Roman „Pizza Orlando“ verlieben sich zwei Frauen und finden sich doch nicht – und chatten ist leider auch keine Lösung, erst recht keine literarische
Von Nora Eckert
Früher wäre das ein Briefroman geworden – zwei Menschen, die entdecken, dass sie einander gehören, aber nicht zusammenkommen können. Also braucht es eine Sprachbrücke, um Nähe herzustellen. Die Lösung fürs Leben ist das freilich nicht. Das bemerken die beiden Heldinnen in Clara Umbachs Roman, auch wenn sie sich gar keine Briefe schreiben. Was heute ohnehin passé ist und sicher nicht allein an der Post liegt, die mit ihrem nachlassenden Service auf kommunikative Entschleunigung setzt. Nein, die beiden Frauen haben stattdessen ihr Smartphone griffbereit, schließlich leben wir in Zeiten maximaler Beschleunigung. Die digitale Technik macht’s möglich.
Wen wundert’s also, wenn heute auch in Liebesromanen gechattet wird. Der Briefroman ist zum Chatroman geworden. Musste man für den einen zur Feder greifen (moderne Nachfolgegeräte inbegriffen), tippt man heute, gleich wo man geht, steht, sitzt oder liegt, lauter kleine Sprach-Schnipsel im Sekunden- und Minutentakt – Letzteres für den Fall, dass es mehr als ein Satz wird. Weil alles so schnell gehen soll, bleibt keine Zeit für Tiefgang, es sei denn, wir hätten es mit talentierten Aphoristiker*innen zu tun, aber die fallen nicht gerade vom Himmel. Um mit einem Beispiel das Problem zu illustrieren: Da heißt es um 21.46 Uhr: „Du bist der Wahnsinn“, vierzehn Minuten später die Antwort: „Ich hoffe, du liegst auch schon im Bett!“ Nach drei Minuten schließlich: „Noch nicht ganz. Megaheiß hier. Sobald ich die Augen schließe, werde ich an dich denken.“ Liebesgeflüster im 21. Jahrhundert.
So oder so ähnlich geht es im Roman über viele Seiten: Chatverläufe als Liebesprotokoll. Nebenbei bemerken wir allerdings: Eigentlich hat sich doch nichts geändert, die Liebe kann noch immer so banal wie kompliziert sein, wie sie es wahrscheinlich zu allen Zeiten schon war oder zumindest sein konnte. Und das Begehren ist noch immer so heiß und brennend, wie es sich ebenfalls schon früher angefühlt hat. Und wie immer ist es die Realität, die mit lauter Unvereinbarkeiten stört und blockiert. Realität als Störfaktor und Sackgasse. Liebende wissen das nur zu gut.
Die beiden Liebenden in Umbachs Roman heißen Clara und Nina. Sie kennen sich aus der Zeit, als sie zusammen zur Schule gingen. Sind danach beide ihrer Wege gegangen und treffen nach vielen Jahren überraschend aufeinander. Und da geschieht das Menschliche: Sie verlieben sich aus dem Stand und genießen jeweils lustvoll die andere. Aber es ist eine unmögliche Liebe – und natürlich nicht, weil es zwei Frauen sind, sondern weil sie an verschiedenen Orten leben und sehr unterschiedlich situiert sind. Nina, die Kranke mit der Diagnose Huntington und einer sehr begrenzten Lebenserwartung, aber immerhin einem gut dotierten Job, dort Clara, die alleinerziehende Mutter in ewigen Geldnöten, die auch noch ein Studium zu bewältigen hat, weshalb der Dauerstress im wahrsten Sinne ihre Lebensgrundlage bildet. Wie soll das gehen?
Nicht zum Glück der Liebenden, aber zum Glück für mich als Leserin folgen nach Chats immer wieder mal kürzere, mal längere Prosa-Passagen, die mit dem Fortgang der Handlung immer länger werden. Sie sind wie Rettungsinseln, weil sie daran erinnern und weil sie erfüllen, was das Buch verspricht, nämlich ein Roman zu sein, der erzählt, reflektierend innehält, Stimmung schafft, aufklärt und Zusammenhänge herstellt. Gewiss, die Chat-Verläufe erzählen auch etwas, aber so erzählen wir nicht wirklich eine Geschichte. Den Nachrichten und Botschaften fehlen die Umgebung und der Horizont, sie kennen kein Wie und kein Warum.
An einer Stelle wird das der Autorin wohl aufgefallen sein, wenn es in einem Chat heißt: „[…] ich las unseren Chatverlauf wieder und wieder, ich versuchte zu verstehen, welche Geschichte wir gemeinsam erzählten, und ich versuchte, daraus abzuleiten, wer wir füreinander waren.“ Eine Antwort darauf gibt es nicht. An einer anderen Stelle schreibt Clara an Nina: „Dir graute es vor Fließtexten, wie du mir einmal sagtest, weil du überall das Ungenügen der Worte und vollständigen Sätze spürtest. Listen zu führen lag dir mehr.“ Aber es ist stets der Fließtext, der diesen Roman rettet. Die Prosa gewinnt zunehmend an Raum, und es ist immer Claras Stimme, die wir darin vernehmen.
Ziemlich genau ein Jahr gehen die Chats zwischen den beiden hin und her, mit nur wenigen persönlichen Treffen dazwischen. Und dann bricht die Beziehung ab, um unvermittelt fast sieben Jahre später wieder einzusetzen. Doch darf hier das Ende nicht verraten werden – vielleicht nur so viel, wie das Leben ein Kommen und Gehen ist, so steht es auch mit der Liebe. Dass die beiden Frauen ihre Queerness erst im Erwachsenenalter entdecken, macht die Sache nicht einfacher, aber, wie uns die Autorin zu verstehen gibt, umso wertvoller,. Denn das Leben hat dann oft unverrückbar erscheinende Strukturen geschaffen, familiär, sozial, beruflich oder welche auch immer. Immerhin, eine Befreiung auf Zeit war für Clara und Nina möglich, allerdings mit dem Dauerfrust als dunklen Schatten darin. Den Roman dürfen wir wohl autofiktional nennen und der Titel enthält mit dem Hinweis auf Orlando natürlich einen Wink in Richtung von zwei anderen verliebten Frauen – Virginia Woolf und Vita Sackville-West.
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