Drei Autorinnen
Nnedi Okorafor thematisiert in ihrem vielschichtigen Roman „Tod der Autorin“ nicht nur diesen
Von Rolf Löchel
Marvel-Fans wird Nnedi Okorafor als eine der AutorInnen der Comics um den Superhelden Black Panther und das fiktive afrikanische Land Wakanda bekannt sein. Fans der literarischen Science Fiction werden hingegen eher ihre Romane und Kurzgeschichten bevorzugen. Im deutschsprachigen Raum war sie bislang mit vier einschlägigen Büchern hervorgetreten, in deren Mittelpunkt meist jugendliche Heldinnen stehen, wie etwa in Wer fürchtet den Tod oder der Binti-Trilogie. In ihrem bis heute bedeutendsten Roman Lagune aber stehen die nigerianische Hauptstadt Lagos und ihre BewohnerInnen im Zentrum; namentlich drei Menschen, die eine ganz besondere Beziehung zu den denkbar fremdartigen Aliens haben, die in der Lagune vor der Stadt landen, oder besser gesagt wassern.
Science Fiction ist allerdings eine zu grobe Charakterisierung der Literatur Okorafors. Daher wird sie meist deren Subgenre, dem Afrofuturismus, zugerechnet. Okorafor selbst kritisiert aber auch diese Einordnung und bezeichnet ihre Werke als Africanjujuism und Africanfuturism, der, wie sie auf ihrer Webseite erklärt, „specifically and more directly rooted in African culture, history, mythology and point-of-view“ ist als der Afrofuturismus, bei dem afroamerikanische Einflüsse eine größere Rolle spielen. So sind denn auch afrikanische oder genauer gesagt zumeist nigerianische Mythen der Igbo in Okorafors Geschichten aus einer mal näheren, mal ferneren Zukunft eingewoben.
Nachdem in den Jahren 2016 bis 2018 vier ihrer selbständigen Publikationen ins Deutsche übersetzt wurden, hat es nahezu ein Dezennium gedauert, bis ein weiteres Buch Okorafors den Weg in die deutschen Buchhandlungen gefunden hat. Wie nicht anders zu erwarten, hat es einiges mit den früheren gemeinsam, doch unterscheidet es sich auch ganz wesentlich von ihnen. Die Gemeinsamkeiten und der Unterschied spiegeln sich in den beiden zentralen Erzählebenen des Romans wider, von denen eine im Chicago der Gegenwart (oder der allernächsten Zukunft) mit einem Abstecher in Nigerias Hauptstadt Lagos handelt; und die andere in einer sehr fernen Zukunft spielt, in der die Menschheit aufgrund der Klimakatastrophe längst ausgestorben ist und nur noch verschiedene Roboterarten und KIs ‚leben’. Die erste Erzählebene nimmt dabei den größeren Raum ein. Gespräche, die mit Verwandten und Bekannten Zelus, der zentralen Protagonistin der ersten Erzählebene, geführt werden, bilden eine dritte Ebene.
Nun spielt sich das in der heutigen Zeit handelnde Geschehen zwar größtenteils in den USA ab, doch handelt es sich bei den ProtagonistInnen ausschließlich um AfrikanerInnen, die zudem fast alle nigerianischen Familien angehören. Die einzige Ausnahme ist der Südafrikaner Msizi, in den sich Zelu verliebt und der eine zunehmend größere Rolle in ihrem Leben spielt. Eine Reihe anderer, nicht-afrikanischer Personen kommen zwar vor, spielen aber eher am Rande eine Rolle.
Zelu selbst ist Lehrbeauftragte für Creative Writing an einer US-Uni. Ein, wie sie findet, „Scheißjob“. Sie verliert ihre Stelle allerdings gleich zu Beginn des Romans, nachdem sie einem arroganten Studenten erklärt hat, dass seine im Seminar abgegebene Story „selbstverliebtes Geschwafel“ sei. Es war dies eine impulsive Reaktion auf die Arroganz des selbstgewissen Schnösels. Überhaupt wirkt Zelu insbesondere zu Beginn oft wenig reflektiert und in mancherlei Hinsicht etwas naiv. Vor allem aber handelt sie nicht selten spontan und unüberlegt aus einem momentanen Gefühl heraus. Auch ist sie selbst als Schriftstellerin alles andere als erfolgreich. Das Manuskript ihres „Scheißromans“, an dem sie zehn Jahre lang gearbeitet hat, schickt sie zwar an zahllose Verlage, doch wird es Jahr um Jahr von ebenso vielen abgelehnt.
Zelus Familie, Nigeria oder die nigerianische Kultur werden ebenso wenig wie die USA idealisiert. Im Gegenteil. So sind die nigerianische Gesellschaft und ihre Kulturen noch patriarchaler als die amerikanische. Wie tief Zelu und die ihren in der nigerianischen Kultur verankert sind, zeigt sich etwa daran, dass sie ausschließlich nigerianische Gerichte kochen und essen. Die gemeinsame Herkunft macht das zentrale Figurenkabinett aber keineswegs sonderlich homogen, denn die Familienmitglieder sind denkbar unterschiedlich. So gehören Zelus Eltern zwei verschiedenen Ethnien Nigerias mit völlig unterschiedlichen Kulturen und Werten an. Ihr Vater ist ein Yoruba, ihre Mutter eine Igbo. Beide Stämme sind gesellschaftlich unterschiedlich organisiert: So gibt es bei den Igbo adlige Familien, während die Yoruba von so etwas gar nichts halten. Mehr noch, Zelus Mutter ist eine Prinzessin und überaus stolz darauf, wofür ihr Vater Secret, der nur an „Bildung, Aufstieg und den Herrn Jesus“ glaubt, nicht das geringste Verständnis aufbringen kann. Schließlich kommt es innerhalb der Familie sogar zu einem clash of cultures als Verwandte des Vaters wegen eines Trauerfalls in die USA kommen. Zelus Geschwister haben es alle recht weit gebracht – so ist etwa eine ihrer Schwestern Herzchirurgin, eine andere Neurologin und eine dritte Anwältin –, doch sind auch sie ausnahmslos ganz eigene Charaktere.
Eine Gemeinsamkeit aller „Nigerianer:innen“: Sie wissen nicht, „wie sie mit Anomalien umgehen sollten“. Eine dieser Anomalien, mit denen Zelus Familie nicht umzugehen versteht, ist deren Querschnittslähmung, die sie an den Rollstuhl fesselt, seit sie mit zwölf Jahren von einem morschen Baum fiel. Zumindest empfindet sie es so. Weit mehr noch fesseln sie jedoch die Familienbande. Denn in der Vorstellung ihrer Eltern und Geschwister muss sie ständig beschützt werden, weshalb sie Zelu unablässig bevormunden. Auch musste Zelu „schon viele Theorien über Familienflüche, Juju und Zauber über sich ergehen lassen“. Denn „ihre Verwandten interessierte es mehr, wer daran schuld war“, dass sie im Rollstuhl saß, als wie es ihr geht. Zugleich verachten ihre Verwandten Zelu wegen ihrer Schriftstellerei und ihrer Lebensführung, zu der auch gehört, dann und wann einen Joint zu rauchen und möglichst autonom zu sein, weshalb sie auch nicht heiraten will. „Was tatsächlich etwas bedeutet, ist Familie“ heißt es schon auf der ersten Seite des Romans, „ohne Familie bist du nichts […] ganz gleich wie berühmt du bist“. Diese, den Weg durch den Roman oder zumindest durch eine der Erzählebenen weisenden Worte sind Zelus Schwester Chinyere in den Mund gelegt.
Als Zelu aus familiären Gründen gegen aller Rat ins Heimatland ihrer Ahnen reist, kommt es fast zur Katastrophe und „Nigeria macht[] in all dem ganz und gar keine gute Figur“.
Eine weitere Anomalie Zelus, die ihrer Familie Probleme bereitet, ist „ihr plötzlicher Erfolg“, denn anders als ihre früheren schriftstellerischen Versuche stürmt ihr Zukunftsroman Rusted Robots ebenso unerwartet wie plötzlich sämtliche Bestsellerlisten. Ihr Erfolg macht sie immer unabhängiger, was das eingespielte „Familiengefüge aus dem Gleichgewicht [bringt]“. In ihrer Familie gilt die nun erfolgreiche Autorin als „eine Beschämung, ein Schandfleck, sie mussten sie in den Griff bekommen, sondern würde die Familie ja soooooo schlecht dastehen“. Das spitzt sich noch mehr zu, als sie einen Weißen mit amputierten Beinen kennenlernt, der eine Erfindung gemacht hat, die es ihm und Zelu ermöglicht, wieder zu laufen. Sie ist nun sogar schneller und ausdauernder auf den Beinen als sonst irgendein Mensch.
Zelus Roman Rusted Robots bildet die zweite Erzählebene. Eigentlich hatte sie ihn nur für sich selbst geschrieben, aber aus einer Laune heraus dann doch an einen Verlag geschickt – und er ging sofort durch die Decke. Sein Schauplatz ist Nigeria, größtenteils in oder um Lagos und später in Cross River City, „eine[r] Stadt, die eigentlich ein Dschungel war“. Bevölkert wird die zukünftige Welt und so auch Lagos nur noch von Robotern und KIs, die einander oft alles andere als grün sind. Dabei gibt es verschiedene Untergruppen sowohl der Roboter wie auch der KIs; unter ersteren etwa die Humas, die „hierarchisch organisiert [sind] wie die Menschen“ oder tierähnliche Roboter namens Creesh. Ein anderer Stamm lebt als Roboots im Wasser. Wieder andere fliegen im näheren Weltraum herum und werden Lader genannt. Sie alle sorgen dafür, dass der Planet sich wieder mit Pflanzen und Tieren füllt. Die Roboter selbst sind schon Jahrhunderte alt, und ersetzen von jeher ihre ausgefallenen Teile durch neue. So sind sie in einem ständigen Wandel begriffen – was allerdings nicht verhindern kann, dass sie zu rosten beginnen. Auch lieben sie Geschichten, die ihre „höchste Währung“ sind, können aber selbst nicht kreativ sein. In Zelus Roman stehen sie „für Weisheit, Patina, Akzeptanz, das Annehmen dessen, was man ist, Narben, Schmerz, Fehlfunktionen, notwendige Ersatzteile, Fehler“. Auch hat Zelu sie „mit afrikanischer DNA ausgestattet“. „Das Drama, die Wendungen, die Gemeinschaften, die Sprachen, die Akzente, der ganze Roboter-Quatsch – all das war von der nigerianischen Kultur, den dortigen Bevölkerungsgruppen und der Politik inspiriert“. Als der Bestseller schon bald ganz nach Hollywoodart hundsmiserabel verfilmt wird, ist von all dem nichts mehr übrig. Zu Zelus Entsetzen wurde ihre Geschichte vollkommen amerikanisiert.
Einer der Roboter oder besser gesagt eine der Roboter in Zelus Roman ist die weibliche Ankara. Merkwürdigerweise wird sie aber an einer Stelle über mehrere Zeilen hinweg mit männlichen Pronomen adressiert, ohne dass erläutert würde, warum. Ansonsten gendern selbst die Roboter der fernen Zukunft jenseits aller Menschengeschichte und -gedenken noch mit dem Binnen-Doppelpunkt. Ankara ist eine Huma, wobei die Humas allerdings nur entfernt humanoid sind. Vor allem aber verliert sie irgendwann ihre Beine, bekommt aber neue und ist nicht nur deshalb ganz offensichtlich die Identifikationsfigur ihrer Autorin.
Die KIs werden gemeinhin NoBodys genannt. Für beide gänzlich unerwartet dringt eine dieser KIs namens Ijele in Ankaras System ein und es ist den beiden unmöglich, sich wieder zu trennen. Einander zunächst fremd, ja feindselig, werden sie später enge Freunde, was allerdings – anders als Okorafors sonstige Ideen – kein sonderlich originelles Motiv ist.
Diejenigen unter den KIs, die auf die Roboter herabblicken, gelten als Ghosts. Diese zetteln schließlich einen Vernichtungskrieg gegen die Roboter an. Über all dem dräut zugleich ein außerirdisches Unheil, das alle mit Auslöschung bedroht, aber wegen der Konflikte zwischen KIs und Robotern nicht beachtet wird. Eine deutliche Anspielung auf die Klimakatastrophe, deren Bedeutung hinter den kriegerischen Konflikten der Gegenwart zurückzutreten scheint. Auch das ist nicht eben sehr originell.
Okorafor erzählt immer wieder sehr humorvoll, ohne je aufdringlich witzig zu werden. Auch hat sie zahlreiche intertextuelle und kulturelle Anspielungen sowie Zitate in ihr Werk eingeflochten. So ist einmal vom Game of Robots die Rede, ein andermal wartet sie mit einem versteckten Zitat auf, bei dem es sich um Jim Morrisons Zeilen „Shake dreams from your hair/ My pretty child“ handelt. Ihre Bilder und Metaphern sind oft schön und originell („Den Bruchteil einer Sekunde tanzte der Blitz in der Luft, gewaltig, prachtvoll, frei.“); manche ihrer Formulierungen sind hingegen sehr befremdlich. So etwa, wenn ein Mann eine Frau „lustvoll von hinten gen[nießt]“. Einige der zahlreichen Kapitel ihres Romans enden mit mehr oder weniger subtilen Cliffhangern.
Zuletzt wird es sogar noch etwas postmodern. Vielleicht nicht ganz so sophisticated wie in Paul Austers New-York-Trilogie, aber immerhin. Soviel jedenfalls scheint klar: Zelu hat die Geschichte von Ankara geschrieben. Wer aber hat die Geschichte von Zelu geschrieben? Okorafor jedenfalls nicht – zumindest, sofern dem Roman Glauben geschenkt werden kann. Und welche der drei Autorinnen stirbt? Zelu, die Verfasserin der Geschichte Zelus oder gar Okorafor selbst? Oder stirbt am Ende keine von ihnen?
Das bleibt bis zum Ende der Lektüre des Romans oder vielleicht sogar darüber hinaus eine offene Frage. Nicht verheimlicht wird jedoch, warum die Genres Science Fiction, Afrofuturism und Africanfuturism wichtig sind: weil es in ihnen „darum geht, anders zu sein, mehr zu sehen, die menschliche Natur zu erforschen und sich die Zukunft vorzustellen“.
|
||















