Verbindungen auf dem Prüfstand

In seinem aktuellen Ratgeber „Du darfst loslassen, was dir nicht guttut“ schreibt der japanische Weltbestsellerautor Ichiro Kishimi über den „Mut, allein zu sein“

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der globalen Leserschaft ist der westjapanische Philosoph und auf Alfred Adler (1870–1937) spezialisierte Psychologe Ichiro Kishimi (*1956) als Autor des in diverse Sprachen übersetzten Erfolgsbandes Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegen (2019) bekannt. Auch im aktuell in deutscher Übersetzung vorliegenden Band Du darfst loslassen, was dir nicht guttut. Vom Mut, allein zu sein (2026) gibt Kishimi als Beobachter menschlichen Verhaltens und mit philosophischen und psychologischen Erkenntnissen als Basis Ratschläge für ein selbständiges Leben. Das 2023 erschienene japanische Original trägt den Titel Tsunagaranai kakugo, d. h. Die feste Überzeugung, keine Bande einzugehen – was den Inhalt des Buchs besser repräsentiert als die deutschsprachige Version. Während letztere Formulierung auf den gegenwärtigen westlichen Achtsamkeitstrend abhebt, lässt die japanische Wendung eine eher nüchterne Analyse des Adlerianers vermuten, die beabsichtigt, die Leserschaft zur Abnabelung von zu lang gepflegten Abhängigkeiten zu führen.

Überanpassung und seelisches Leid

Den Einstieg in den Ratgeber markiert erneut eine Begegnung des Verfassers mit einem jungen Mann, dieses Mal im Shinkansen-Zug. Der Jüngere spricht den Älteren auf das Buch an, dessen Lektüre dieser sich in Old School-Manier widmet, ohne das Mobiltelefon zu betätigen. Bei dem Buch handelt es sich um ein Traktat des Psychiaters Bin Kimura (1931–2021). Der junge Mann schildert nun seine Problematik: Soziale Anpassung sei für ihn tödlich, einschlägige Forderungen seines Umfelds hätten ihn schwer depressiv gemacht. An diese Begegnung knüpft Kishimi im Folgenden an und rät dazu, sich nicht unreflektiert fremden Erwartungen anzupassen. Bedingungslose Konformität bedeute letztlich Selbstverleugnung. Zunächst gelte es, sich aktiv mit dem Umstand auseinanderzusetzen, dass man als Mensch ein abhängiges Wesen sei und mit anderen in Verbindung stehe. Für eine gesunde Psyche gelte es, den Mut aufzubringen, sich von erzwungenen oder sogar schädlichen Beziehungen zu befreien, um am Ende ausschließlich „echte Verbindungen“ zu kultivieren. Im weiteren Verlauf der zwölf in je fünf bis zehn kleinere Abschnitte gegliederten Kapitel äußert sich der Autor unter Überschriften wie „Der Mut, sich einer Autorität zu widersetzen“, „Alles hinterfragen und die Augen offen halten“, „Vernünftig urteilen“ oder „Es ist sinnlos jemand anderes sein zu wollen“ und „Was wirklich zählt“ zu Konstellationen von „Abhängigkeit und Kontrolle“ (Kapitel 5) und wie man zur seelischen Autarkie gelangt.

Zwischenmenschliche Beziehungen und Haltungen auf dem psychologisch-philosophischen Prüfstand

Kishimi geht in seinen ersten Kapiteln auf die Grundbedingungen menschlicher Beziehungen ein, um danach Wege zu größerer Unabhängigkeit zu erläutern. In den abschließenden Abschnitten legt er dar, welche Einstellung man haben sollte, um das zwischenmenschliche Wagnis zu bestehen. Erstaunlich progressiv verbindet der Verfasser philosophische Einlassungen mit aktuellen Fragen der Zeit. Wenn er etwa im vierten Kapitel von der Freiwilligkeit im Falle von Soldaten spricht, die an die Front geschickt werden, widerspricht er dem Heidegger-Interpreten Hajime Tanabe (1885–1962), der seinen Studenten von der Todesüberwindung durch die freiwillige Entscheidung zum Tod „predigte“. Kishimi lässt keinen Zweifel daran, wie manipulativ diese Denkfigur angelegt ist:

Tatsächlich zwang jedoch der Staat die jungen Leute dazu, für das Land zu kämpfen und zu sterben. […] Natürlich konnten die zur Kooperation Genötigten nicht wirklich freiwillig agieren, auch wenn sie es selbst geglaubt haben mögen.

Aus seiner autoritätskritischen Einstellung heraus beanstandet der Anhänger von Adlers Individualpsychologie die angepasste Haltung der Jugend im Lande. Fast ausnahmslos seien die jungen Menschen, denen er in seinen Beratungen begegnet sei, bestrebt gewesen, dem elterlichen Wunschbild gehorsamer „Kinder“ zu entsprechen. Das geduldige Hinnehmen von Autorität bedinge es auch, dass ein größerer Teil der japanischen Bürgerschaft den Vorgaben von Staat und Establishment ohne Einwände Folge leiste.

Bürgerliche Emanzipation gefragt: Verbrauchersteuer und „My Number“-Identifikationskarte

Als Beispiel nennt er die Erhöhung der Verbrauchersteuer, die dazu dienen sollte, die Verteidigungsausgaben zu stützen. Die Betroffenen würden oft die „Haltung eines Politikers“ nachahmen, „der selbst keinerlei Absicht hat, in Konfrontation zu gehen, sondern aus sicherer Distanz argumentiert“. Wer sich so auf die Seite der handelnden Akteure stelle, „merkt nicht, dass er selbst beherrscht wird“. Mit dem in japanischen gebildeten Kreisen bekannten Romanisten und Hochschullehrer an der Universität Tôkyô Kazuo Watanabe (1901–1975) – er war der Mentor des späteren Nobelpreisträgers Kenzaburô Ȏ(1935–2023) – spricht sich Kishimi dafür aus, diejenigen, die eine bestehende Ordnung für fehlerhaft hielten, keinesfalls auszugrenzen.

Ein gutes Beispiel für die von ihm wahrgenommene willfährige Schicksalsergebenheit der Japaner gibt er anhand der mangelnden Gegenwehr bezüglich der „My Number“-Identifikationskarte, die in Japan zu Beginn ihrer Einführung noch auf freiwilliger Beantragung beruhte. Danach habe die Regierung versucht, Bürgerinnen und Bürger zum Besitz der Karte zu verpflichten; die Verknüpfung mit der Krankenversicherungskarte würde jene ja überflüssig machen – mit dem dergestalt (seit 2016) taktisch wohl anvisierten Ergebnis, dass „keine andere Art der Identifikation neben der ‚My Number‘-Karte mehr möglich“ wäre. Wer in der „neuen Regelung einen Überwachungsmechanismus“ wittere, dürfe sich im Denken Kazuo Watanabes der Karte natürlich verweigern. (Anmerk. d. Verf.: Die Myna-Plastikkarte mit Chip ist gegenwärtig weiterhin optional, wird aber von der Regierung stark beworben; infolge staatlicher Bonus-Punkt-Aktionen (Myna Points) steigt mittlerweile offenbar die Akzeptanz). Kishimi ergänzt:

Heutzutage ist die Tendenz zu beobachten, dass Politiker kaum noch rational handeln, sie verschließen die Ohren bei Protesten und zwingen der Bevölkerung eine Ordnung auf, deren Notwendigkeit nicht nachvollziehbar ist.

Völlig akzeptabel

Die pointierten Einlassungen zur Politik mögen diejenigen irritieren, die sich von der Lektüre des Bandes japanische Lebensweisheiten und sanfte Vorschläge zum „Loslassen“ erhofft haben. Kishimi ermahnt zur Mündigkeit und zum Denken jenseits des Gruppenzwangs. Insofern zählt er zu einer eventuell selten gewordenen Art von Ratgeberautoren. Sein Hintergrund ist die europäische Antike (er liest Griechisch), das Christentum und eben Adlers Individualpsychologie. Mit ihm treffen die Leser auf einen „Europäer“ alter Prägung, nicht auf einen Vermittler fernöstlicher Weltanschauung oder weichgespülter Wohlfühlspiritualität für den Globus. Wenn sein deutscher Verlag ihn einen Verfasser „lebensnaher Ratgeber“ nennt, hat man mit dieser Formulierung die Dinge nicht verfälscht – Kishimis Ansatz des Mündigkeitserwerbs rückt den Pfad von angewandter Vernunft, Aufklärung und demokratischem Humanismus in den Mittelpunkt.

Völlig akzeptabel ist es nach Kishimi, dass man Dinge um ihrer selbst willen tut und nach persönlichem Gutdünken existiert. Ziel sei es, ein „eigenes, unverwechselbares Leben zu führen“. Der umseitige Klappentext verrät mehr als der Haupttitel in deutscher Version die Intention der Schrift. Ihre Maßgabe lautet „[w]ahre Nähe entsteht nur unter Unabhängigen“ und sie sei als „[e]in kluger Wegweiser in die Freiheit […] zu verstehen“. Ob das Buch damit – auch im Hinblick auf den philosophisch-theologischen Hintergrund – in die Reihe der Ratgeber üblichen Zuschnitts eingegliedert werden kann, bleibt in der Tat fraglich, macht es andererseits aber für Leserkreise attraktiv, die über die Tagesgeschäfte hinaus Prägungen und Verhaltensweisen ernsthaft reflektieren wollen sowie wider den Trend zur Emotionalisierung Beruhigung vor allem im Vernünftigen finden.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Ichiro Kishimi: Du darfst loslassen, was dir nicht guttut. Vom Mut, allein zu sein.
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2026.
272 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783499019838

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