Mörderischer Roadtrip
Mit „Outback Killers“ kehrt Candice Fox nach einigen Ausflügen in die Vereinigten Staaten wieder an den Schauplatz zurück, den sie am besten kennt: Australien
Von Dietmar Jacobsen
Alles beginnt diesmal mit einem ausgebrannten Auto und einer wie verloren danebenstehenden Person: „Sie war groß. Pferdeschwanz. Jacke, Jeans“. Ihre Reaktion freilich, als plötzlich ein Wagen mit einem offensichtlich hilfsbereiten Mann am Unglücksort hält, ist seltsam. Statt Freude zu zeigen, wirkt sie erschreckt, weicht zurück, macht fast den Eindruck, es wäre ihr lieber, er würde weiterfahren. Aber man befindet sich mitten in der Nacht im australischen Outback, auf einer verlassenen, staubigen Piste. Deshalb kann Harvey Buck gar nicht anders, als Clare Holland mitzunehmen. Allein er hätte auf seine innere Stimme hören sollen. Denn was dann beginnt, ist ein Trip durch die Hölle.
Outback Killers ist der elfte eigenständige Roman der australischen Bestsellerautorin Candice Fox. Seit ihrem Debüt mit Hades (2014) versorgt die in Sydney lebende Tochter eines Bewährungshelfers und einer Sozialarbeiterin ihre beständig wachsende Leserschaft mit Spannungsliteratur, die weltweit ihresgleichen sucht. Fox‘ vielfach prämierte Romane überzeugen mit raffiniert ausgeklügelten Plots, dem frechen, sich nicht vor Brüchen scheuenden Spiel mit den Konventionen des Genres, einem atemlos-rasanten Spannungsaufbau und einer fast wie nebenbei wirkenden Auseinandersetzung mit der Problematik des Verhältnisses zwischen Mann und Frau. Es ist deshalb sicher alles andere als ein Zufall, dass der US-amerikanische Bestseller-Autor James Patterson seit 2016 mit Fox als Co-Autorin acht erfolgreiche Romane vorgelegt hat.
Was das Tempo der Plotentwicklung betrifft, kann Fox mit Patterson auf jeden Fall mehr als mithalten. Im Falle des vorliegenden Romans heißt das: Kaum ist Holland in Harvey Bucks Wagen eingestiegen, wird der auch schon durch eine quer über die sandige Piste liegende Nagelkette zum Stehen gebracht. Und die drei Männer, die das Auto auf diese brachiale Weise stoppen, wirken nicht nur gut vorbereitet, sondern entschlossen, den Plan, den sie verfolgen, mit allen Mitteln durchzusetzen. Vor allem aber scheinen es alte Bekannte von Harvey zu sein, die noch eine Rechnung aus einem zwölf Jahre zurückliegenden gemeinsamen Afghanistaneinsatz mit ihm offen haben. Und nach der Devise „Wie du uns, so wir dir“ beginnen sie sofort damit, die beiden Menschen, die ihnen ins Netz gegangen sind, in allerlei halsbrecherische Aktionen zu verwickeln.
Wie in allen ihren vorhergehenden Romanen lässt Candice Fox auch in Outback Killers ihren Leserinnen und Lesern kaum Zeit zur Besinnung. 49 meist kurze Kapitel und einen Epilog umfasst das Buch. Nahezu jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger, der der Entscheidung, eine Lesepause einzulegen, ein fast existentielles Gewicht verleiht. Und weil auch die Perspektiven nach jedem Kapitel wechseln und auf die Bremse zu treten dieser Autorin nie in den Sinn zu kommen scheint, entsteht von der ersten Seite des Romans an ein Sog, dem sich zu entziehen nahezu unmöglich ist.
Zusätzliches Tempo in der Geschichte bringt nicht zuletzt die Tatsache, dass sich zu Clare Holland und Harvey Buck ab Kapitel 2 weitere Figuren gesellen, deren aktuelle Lebensentscheidungen sie auf einen teilweise lebensgefährlichen Kollisionskurs mit Harvey, Clare und ihren Entführern bringen. Ein Biker mit äußerst gruseligem Gepäck, ein Ehemann auf tödlicher Mission, eine Bankangestellte, die plötzlich in die Mündung einer Pistole blickt, eine harmlose fünfköpfige Farmersfamilie, die von ihrem Patriarchen tyrannisiert wird und eigentlich froh sein müsste, als dieser zum Kollateralschaden der wilden Jagd wird – sie alle gehören zu einem Personal, mit dem Candice Fox zahlreiche kleine, mal durchaus witzige, mal (tod-)ernste Nebenschauplätze füllt. Und wenn der in seinem einsam gelegenen Haus lebende Alan Jacob Horn, der sich die Zeit damit vertreibt, sich im Internet als sexsüchtige junge Frau auszugeben, um damit harmlose Jugendliche für seine miesen Zwecke zu ködern, glaubt, straflos davonzukommen, so hat er seine Rechnung letzten Endes ohne die sympathischste Figur des Romans gemacht: die taffe Polizistin Edna Norris.
Als Senior Sergeant bei der Clifton Hills Police Station sorgt Norris für Ruhe und Ordnung in ihrem nahezu unüberschaubaren, zweihunderttausend Quadratmeter großen Einsatzbereich. Gerade hat sie den 17-jährigen Ruhestörer Talon Crest davon abgebracht, in sein Unglück zu laufen – er ist auf den Sexualstraftäter Horn hereingefallen und entsprechend aufgebracht –, als sie auf Bucks verlassenes Auto und eine danebenliegende Leiche stößt. Und während sie mit der überschäumenden Phantasie des sich in ihrer Obhut befindenden Jugendlichen zu kämpfen hat, ahnt Norris bereits, dass etwas in Gang gekommen ist, das ihr in den nächsten Stunden und weit darüber hinaus noch viele Unannehmlichkeiten bereiten wird.
Candice Fox lässt ihr literarisches Personal gern im gemischten Doppel auftreten. Die Geschwister Archer in der Hades-Trilogie, Amanda Pharrell und Ted Conkaffey in den drei Teilen der Crimson-Lake-Reihe oder zuletzt die freiberufliche Undercover-Agentin Andy Nearland und der New Yorker Feuerwehrmann Benjamin Haig in Devil‘s Kitchen. Fast immer kreuzen sich in den Romanen dieser Autorin die Wege zweier Protagonisten und diesmal gibt es diese Konstellation sogar in doppelter Ausführung.
Denn zum einen müssen sich der sich gerade auf dem Weg zu einer todkranken Freundin in Sydney befindende Harvey Buck und die von ihm unterwegs aufgelesene Clare Holland gemeinsam gegen die fiesen Anschläge einer rachsüchtigen Männergruppe und die hinterhältigen Tricks eines zornigen Ehemanns zur Wehr setzen. Und zum anderen hat die unter dem enormen Druck ihrer Vorgesetzten stehende, erfahrene Polizistin Edna Norris dafür zu sorgen, dass sie das überschäumende Naturell des jungen Talon Crest möglichst schnell so gebändigt bekommt, dass dessen Alleingänge nicht mehr Schaden anrichten als nützen. Letzteres ist oft amüsant zu lesen, Ersteres sorgt für reichlich Action. Beides zusammen steht für jene seltene literarische Mischung, die Candice Fox in ihrer bisherigen Schriftstellerkarriere zahlreiche Preise und den Ruf eintrug, die Königin des australischen Thrillers zu sein.
In einer kurzen Nachbemerkung teilt die Autorin mit ihren Leserinnen und Lesern übrigens die Erinnerung an ihre erste Begegnung mit dem von ihr bewunderten US-amerikanischen Thriller-Autor Lee Child anlässlich eines Literaturfestivals in New York und die daraus entstehende Freundschaft mit dem Erfinder des Ex-Militärpolizisten Jack Reacher. Ihren elften Roman versteht sie ausdrücklich als „Hommage“ an den inzwischen zum Freund gewordenen berühmten Kollegen sowie seinen legendären Protagonisten – eine Verbeugung „mit australischem Touch“ allerdings, wie sie betont. Denn der in Outback Killers im Mittelpunkt stehende einsame männliche Held ist bei ihr umgeben „von genauso starken und heldenhaften Frauen“. Vor allem von der ganz wunderbaren Polizistin Edna Norris möchte man, nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat, gern mehr lesen. Aber wer weiß, wie viele andere Heldinnen und Helden im Kopf von Candice Fox noch auf ihren Auftritt warten?
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