Die Schändung der Welt

Daniela Danz widmet sich in dem Gedichtband „Portolan“ dem, was wir nicht sehen wollen und deshalb ausblenden, und findet dafür eine poetische Sprache, die zum Hinschauen zwingt

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Welt als den Selbstbedienungsladen des Menschen zu bezeichnen, klingt angesichts des Ausmaßes von Ausbeutung und Zerstörung eher verharmlosend. Doch die Diskussion um die Frage, ob die erdgeschichtliche Epoche gerade darum als Anthropozän zu bezeichnen sei, dürfte wohl entschieden sein. Denn dass der Mensch inzwischen der entscheidende Einflussfaktor auf die Umwelt ist, darüber wird kaum noch gestritten, sondern allenfalls darüber, wie diese Realität einzudämmen sei. Die Frage, die sich hier stellt: Wie kann man über die Schändung der Welt Gedichte schreiben? Daniela Danz hat eine wirklich beeindruckende Antwort gefunden.

In dem mit Portolan betitelten Band versammelt Daniela Danz Gedichte, die aus vermeintlichen Urlaubsidyllen heraus lauter Blicke auf die Schändung der Natur, der Tiere, der Welt insgesamt wiedergeben. An einer Stelle heißt es „wir versetzen Berge ohne Glauben“. Da sind Blicke aufs Mittelmeer, auf den Bosporus und andere Ozeangegenden, die anstatt der Meeresidyllen Containerschiffe und Tiertransporte einfangen, die die Havarien, die versunkenen Schiffe und die Toten in Erinnerung bringen. Der Titel nimmt mit dem Wort „Portolan“ einen alten Begriff für Seehandbücher und Seekarten. Er kommt aus einer Zeit, als der Mensch begann, über Seewege im großen Stil zu erobern und in Besitz zu nehmen, was ihm nicht gehörte. Hinterher glorifizierte man das als Entdeckung.

Was wir bei Danz da Blatt für Blatt lesen, sind gleichwohl Gedichte, eine im Sprachlichen hochkondensierte Ästhetik, die sich zugleich als politisch erweist – politisch durch das, was beschrieben und wie es beschrieben wird. Und es bleiben Gedichte, die dennoch mit dichterischen Bildern arbeiten. Der französische Philosoph Gaston Bachelard sagt in Poetik des Raumes , dichterische Bilder seien nicht Echo der Vergangenheit, vielmehr werden Echos in der fernen Vergangenheit geweckt. Und weiter: „Das dichterische Bild versetzt uns an den Ursprung des redenden Seins.“

Von einem mit Pinien gesäumten Strand beobachtet die Dichterin den Schiffsverkehr und so das Containerterminal: „Morgen ist Montag – wer es bis hierher / geschafft hat faltet sich still zusammen / um in die Tasche zu passen / in der er sich morgens zur Arbeit trägt“. Da gleiten dicht an dicht altersschwache, leckhafte Tanker durch die Meerenge des Bosporus, die immer wieder mal zusammenstoßen und das Meer dann wochenlang zum Brennen bringen. Und in „Minotaurus Hafen“ steht: „diese Übelkeit von Übermaß von Rhythmus / von Laden und Löschen / Laden und Löschen“.

Das Gedicht „Versenkung“ steht im satzzeichenlosen Blocksatz wie ein Monolith da. Die Botschaft ist gleichermaßen unumstößlich wie die von Menschen geschundene Welt. Hier ist es die giftige Lauge, dort in Bunkern das radioaktive Material und überall in den Meeren die gesunkenen Frachter und die an Land gespülten toten Körper. Tod und Leben scheinen dort unterschiedslos zu sein – „nur wir unterscheiden jeder für sich weil es der einzige Unterschied ist dessen wir gewiss sind“, heißt es in „Versenkung“. Eine wohl doppelbödige Überschrift, die das in die Erde wie ins Meer Versenkte meint – aber auch das Nachdenken darüber, verbunden mit der Frage, wie solches Versenken in Worte zu fassen sei. Bemerkenswert auch, wie wir unsere technisierte Welt sozusagen in Natur verwandeln: „ich liege über den Dächern / im dichten Wald der Antennen“, lesen wir in „Hier endet der Tag“.

Der Titel des Gedichtes „Die Rinder des Helios“ zitiert eine Episode aus Homers „Odysee“, die davon erzählt, dass für Odysseus‘ Gefährten der Hunger mächtiger ist als Gottes Strafe. Und so schlachten sie trotz Warnung die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios. Die Strafe des Zeus folgt zuverlässig: Die Frevler gehen zusammen mit ihrem Schiff unter, nur Odysseus überlebt, um seine Irrfahrt fortzusetzen. Und hier wechselt die Dichterin den Raum antiker Erzählung und blickt unvermittelt in die Gegenwart und sieht dieses Schiff und die 6000 Rinder in gestapelten Ställen: „wer liegt kommt nicht mehr hoch / wer liegt verreckt in Kot und Durst und Panik“. Danz macht die Antike zum Rahmen des gegenwärtigen Frevels: „Ringsum Gebrüll“ – dazu das Meer „wie geschmolzenes Blei“ – „die zornige Sonne verbrennt eine weitere Zukunft“.

Diese Gedichte beweisen im wahrsten Sinne des Wortes Sozialkompetenz, wenn ihre unerbittlichen Blicke all das aufnehmen, was zwischen den Menschen nicht funktioniert und deshalb daneben geht. Und wie dankbar wir für Illusionen sind und wie verärgert, wenn diese gestört werden. Wir mögen uns an unseren Illusionen festhalten, aber wie ist das mit den Toten? „Werden die Toten glauben / wenn wir ihnen erzählen / was geschah nachdem sie nicht mehr da waren?“ Oder sind sie eher undankbar, weil sie nicht achten, „dass wir uns für sie in die Zukunft durchgeschlagen haben“?

Danz ist eine Poetin der jähen Konfrontation. So überrascht sie in „Als wir klein waren noch in Schubladen schliefen“ um ein weiteres Mal mit dem Zusammenspiel von Erinnerung und Gegenwart: „wir schrieben mit Fingern / einander Worte auf den Rücken wischten mit / Handfläche aus – frühe Muster: Das Erzählte bannt / die Distanz des Geschriebenen“. Heute seien es nicht mehr die Linien auf dem Rücken, sondern die Glasfaserkabel am Meeresgrund – aus dem Meer „in die Wildnis eines Rechenzentrums“. Danz fasst in Worte, wie sich das Kinderspiel einer nicht sicht- und hörbaren Kommunikation in eine technische Dimension der modernen Datenübermittlung weitet und wandelt. Disparates zusammendenken, um Vergleichbares herauszufiltern.

Zum Schluss noch einmal Gaston Bachelard: „Das dichterische Bild ist ein Emportauchen aus der Sprache, es ist immer ein wenig über der bedeutungsgebundenen Sprache. Wer Gedichte erlebt, macht also die heilsame Erfahrung des Emportauchens.“ Man könnte es mit Blick auf die hier besprochenen Gedichte wohl auch Erkenntnis nennen. Und diese schließt vor allem die Erkenntnis ein, wie politisch es sein kann, sprachkünstlerisch zu sagen, was ist, während das Lesen weder Flucht noch Ausrede zulässt.

Kein Bild

Daniela Danz: Portolan. Gedichte.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025.
85 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783835359086

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch