Ein Karussell der Bilder und Bedeutungen

Ungewöhnliche Annäherungen an E. T. A. Hoffmann im „Schnurrpfeifenkarussell“

Von Thorsten SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 

Schnurrpfeifenkarussell lautet der Titel einer anlässlich des 250. Geburtstags von E. T. A. Hoffmann erschienenen Biografie. Drei künstlerische Perspektiven fügen sich in dem Buch zu einem eigenwilligen Gesamtbild zusammen: Gedichte von Bernd Hesse, kommentiert von Jörg Petzel und illustriert von Stefan Klenner-Otto. Diese Verbindung von Lyrik, erläuternden Einordnungen und visuellen Eindrücken erlaubt einen vielschichtigen und sehr ungewöhnlichen Zugang zu Leben und Werk Hoffmanns.

Ungewöhnlich ist schon der Titel selbst. Eine „schnurrende Pfeife“ fertigten Kinder früher aus Pflanzen, etwa aus Grashalmen. Folgt man Jacob und Wilhelm Grimm in ihrem Deutschen Wörterbuch, so gilt das, womit sich Schnurrpfeifer beschäftigen, als närrisch und komisch. Pfeifen und Flöten werden in der Literatur häufig mit Narrheit assoziiert; ein Karussell weckt kindliche Begeisterung. Ebenso steht der Rummel für ausgelassene, fast törichte Freude. Zugleich ist die Schnurrpfeiferei ein Kunststück, und – wie das Karussell – kann sie als Sinnbild flüchtigen Glücks verstanden werden. Das Schnurrpfeifenkarussell steht somit für den Kreislauf des Lebens, zugleich für Leichtigkeit und Vergänglichkeit, für Phantasie und Kunst. Um Letzteres geht es auch im titelgebenden Gedicht „Schnurrpfeifenkarussell“: den missgestalteten Klein Zaches, einen schnurrenden Pudel, den Sandmann, Spiegelbilder und Masken – um Phantasie, Spuk und Kunst. Aus dieser Bedeutungswelt heraus öffnet sich der Blick auf das intermediale Spiel von Text und Bild, vor allem aber auf die visuelle Ebene des Buches.

Der Illustrator und Grafiker Stephan Klenner-Otto nähert sich dem Leben E. T. A. Hoffmanns mit einer bemerkenswerten Mischung aus Präzision und poetischer Verfremdung bis hin zur überzeichneten Karikatur. Seine bevorzugte Technik der Radierung verleiht den Porträts im Buch eine feine, fast tastende Linienstruktur, in der sich Licht und Schatten zu einer dichten Atmosphäre verweben. Klenner-Otto zeichnet und aquarelliert, aber die Radierung und die Kunst der Tiefdrucktechnik aus dem 16. Jahrhundert faszinieren ihn am meisten. Er kratzt, ritzt und schabt surreale Welten voller Details in seine grundierten Druckplatten.

Gerade in den in Schnurrpfeifenkarussell enthaltenen Darstellungen wird deutlich, wie sehr er dabei weniger an äußerer Ähnlichkeit zu Hoffmann und seinen Figuren als an der Verfremdung und Visualisierung eines geistigen Kosmos interessiert ist: Die Gesichter wirken durchzogen von innerer Bewegung. Manche Gesichter sind nur angedeutet, Augen im Nebel, andere sind zu Fratzen verzerrt. Die Darstellungen werden immer wieder begleitet von filigraner Ornamentik und grober Schraffur, von Ausschnitten, Fragmenten und tiefsinnigen Motiven, die an Hoffmanns phantastische Erzählwelten erinnern und anknüpfen. Klenner-Otto zeigt auch Hoffmanns Abgründe – das Grauen, Geister und Skelette. So entstehen Bildräume, die zwischen Porträt und Interpretation oszillieren und die literarische Vorlage nicht nur illustrieren, sondern sie weiterdenken – ein Ansatz, der besonders gut mit E. T. A. Hoffmanns Einladung zum Schauen korrespondiert.

Die detaillierten und mit vielen kleinen Figuren versehenen Bilder laden dazu ein, einzelne Gestalten herauszugreifen und genauer zu betrachten. Mithilfe der Bilder und der Gedichte lehren Künstler und Autor den Lesenden das „Fixieren des Blicks“ – genau wie in Hoffmanns Erzählung Des Vetters Eckfenster, in welcher der schreibende Vetter dem Erzähler die Kunst des Anschauens beizubringen versucht. Aus dem buntem Markttreiben einer Menschenmenge vor seinem Fenster soll der Erzähler mithilfe eines Fernglases einzelne Personen auswählen und genau beschreiben. Der Vetter schmückt die Beschreibungen aus. In diesen Deutungsversuchen des Vetters weiten sich die Beobachtungen zu kleinen Anekdoten und Charakterbildern. So geschieht es auch im Schnurrpfeifenkarussell: Bilder und Verse deuten Leben und Werk Hoffmanns. Es stellt mit dieser Einladung zum Schauen einen zentralen Begriff der Hoffmannschen Poetik in den Mittelpunkt: das serapiontische Prinzip. Hoffmann hat es in seinem Erzählzyklus Die Serapions-Brüder entwickelt. Es betont die notwendige Balance zwischen innerer Vorstellungskraft und äußerer Wahrnehmung, die Verschränkung von Realem und Fantasiertem. Die Welt Hoffmanns wird in Schnurrpfeifenkarussell von Zeichner, Poet und Literaturwissenschaftler aufgenommen und kreativ verarbeitet. Es geht ihnen nicht um Nachahmung der Kunst Hoffmanns, sondern um echte Aneignung und Neugestaltung. So tauchen zwar Figuren aus Hoffmanns Erzählungen auf, bei denen das Gleichgewicht gestört ist – dem Wahn verfallene Menschen, automatenhafte Geschöpfe wie Olimpia (aus Der Sandmann) und Meister Floh (aus der gleichnamigen Erzählung) –, aber sie werden interpretiert. Sie werden zu einem neuen Leben erweckt.

Besonders erwähnenswert sind dabei die Gedichte, in denen sich Bernd Hesse in bizarre Traumwelten begibt. In diesen gelingt es ihm auf beeindruckende Weise, Einblicke in seelische Zustände zu gewähren und tief in Abgründe hinabzusteigen, zu denen Jörg Petzel erläutert, dass sie Hoffmann quälten: Kreideweiße Gestalten, kalte Hände, Schattenwesen „verwoben mit des Wahnsinns Glut“ und der Memoiren schreibende Kater Murr treten auf. Hoffmann stellte sich schließlich neben seinen anderen Erzählungen und Kunstmärchen in die Tradition des Schauerromans, indem er Ängste verarbeitete und sich der Themen Schrecken und Wahnsinn annahm. Es könnten allerdings auch Mängel an den Gedichten Bernd Hesses angeführt werden, denn an mancher Stelle holpert der Rhythmus, es kommt zwischendurch mal ein Vers aus dem Takt.

Und obschon Regeln der Zeichensetzung in Gedichten gerne außer Kraft gesetzt werden, hält Hesse sich auffällig an die deutsche Rechtschreibung, vergisst dann aber doch mal ein Komma. Um einen Reim zu finden, scheut Hesse auch nicht davor zurück, Satzglieder so umzustellen, dass es hörbar knirscht. Derlei spitzfindige Kritik mag jedoch überzogen scheinen, denn diese winzigen Details schmälern den Lesegenuss nicht. Bernd Hesse beherrscht verschiedene lyrische Formen, von Balladen über moderne Verse bis hin zum humoristischen Dreizeiler: „O! / Oho! / Der Floh!“

Jedem Bild und Gedicht wird alsdann ein „Erläuterung“ genannter Text hintangestellt. Dieser sortiert Gesehenes und Gelesenes ein und führt es weiter, hin zu biografischen Details, Zitaten aus Tagebüchern und Briefen E. T. A. Hoffmanns. Das Zusammenspiel aus Bild, Gedicht und Text wirkt mühelos, das Schnurrpfeifenkarussell erreicht ein hohes ästhetisches Niveau und ist für Hoffmann-Einsteiger wie auch für Germanisten zu empfehlen. Womöglich liegt dies auch darin begründet, dass der Germanist (und Vizepräsident der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft) Bernd Hesse und der Jurist und Schriftsteller Jörg Petzel nicht zum ersten Mal gemeinsam publizieren, sie sind ein eingespieltes Team. Bereits 2021 erschien eine gemeinsam verfasste Hoffmann-Biografie. Hesse und Petzel folgten darin in Anekdoten den Stationen und Ereignissen des Lebens E. T. A. Hoffmanns, griffen autobiografische Fäden aus den Werken des Autors sowie Tagebücher und Briefe auf und entwarfen „ein Lebens- und Charakterbild“, so schrieben sie in der Einleitung. Sie formulierten selbst ihr Ziel: zu unterhalten. Es wurde nicht zu viel versprochen, das Buch ist wahrlich fesselnd. Auffällig ist, dass Erläuterungen in Schnurrpfeifenkarussell an die Anekdoten ihrer ersten Biografie anknüpfen. Es werden sogar ganze Sätze wiederholt, um die Fortschreibung zu unterstreichen – beispielsweise sind ihre Formulierungen zum Posener Karikaturenskandal, dem Hoffmanns „Strafversetzung ins abgelegene Płock an der Weichsel“ folgte, in beiden Büchern identisch. Sehr zu empfehlen ist daher, beide Biografien zu lesen, sie sogar beim Lesen nebeneinander zu legen, wie der Floh auf Knarrpantis Nase in einem Gedicht des Schnurrpfeifenkarussell von einem Buch zum anderen zu springen, sodass Gedichte und Anekdoten, Bilder und Erläuterungen gleichzeitig genossen werden. Sodann wirbelt das Karussell der Bilder und Bedeutungen – und verursacht Vergnügen.

Kein Bild

Bernd Hesse / Jörg Petzel / Stephan Klenner-Otto: Schnurrpfeifenkarussell. E.T.A. Hoffmann – eine Biographie in Gedichten von Bernd Hesse, kommentiert von Jörg Petzel und illustriert von Stephan Klenner-Otto.
Edition Noack & Block, Berlin 2025.
164 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783868132175

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