Belanglose Gespinste der Nacht

Wolfram Lotz flechtet in Träume in Europa aus Online-Traumforen kleine Traumgeschichten

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit Sigmund Freuds berühmtem psychoanalytischen Werk Die Traumdeutung aus dem Jahr 1900 ließ sich die Vielfalt der von Wolfram Lotz im Internet auf Online-Traumforen aufgefundenen und aneinandergereihten kleinen Notate und literarisch gestalteten Episoden vielleicht ausdeuten. Denn es erweisen sich doch nicht wenige der Impressionen als ausnehmend sexualisiert, als eigenwillige Sublimierungen des Alltagserlebens oder, in seltenen Fällen, als surreal anmutende Nebenwelten, die graduell mit der Wirklichkeit dieser Welt in Berührung stehen. Lotz indessen deutet nicht, er schreibt auf und entwirft ein Panorama des Traumes, das in der Gegenwart verortet ist – eine ganz eigene Geschichte des Unbewussten und des Unterbewusstseins. Die Auswahl der Texte, die die Grundlage für den bearbeiteten Reigen der Träume bildet, erschließt sich indessen nicht von selbst und wird auch von dem Verfasser nicht erläutert. Die Träume sind einfach Träume, sie stehen für sich, bilden Formen von Welt und Welterfahrung. Mitunter geben sie Einblicke in die Abgründe des Subjekts. Die Leserschaft erfährt bei der Lektüre auch, dass Erinnerungslosigkeit an Träume ein weltlicher Segen am Morgen sein kann.

Alle möglichen Szenarios treten auf: verborgene familiäre Konflikte, Urlaubsreisen in imaginierte Länder, sexuelle Episoden und Eskapaden,möglicherweise aber von ganz anderen Konflikten erzählen, die niemandem durchsichtig sind und bei der Lektüre auch nicht durchsichtig werden – etwa wenn ein träumendes männliches Ich nackt und bloß, förmlich ausgeliefert, zwischen der Ehegattin und der besten Freundin des Paares sitzt und über Befriedigung und Lust sinniert. Das zu lesen ist aber auf eine andere Weise höchst unbefriegend. Auch das bloße träumerische Nachdenken über Gottlosigkeit bleibt eher ein nächtlicher Schatten von Philosophie, als dass es einen verborgenen Erkenntnisgewinn enthielte. Eine Gewaltfantasie oder, treffender gesagt, die Ausübung von Gewalt, etwa in Polizeiuniform, wird als Traumgeschichte präsentiert. Manchmal wird auch nur die Banalität und Tristesse sichtbar, die einen rauschhaften Medienkonsum des Träumenden vermuten lassen:

Ich war in der Jury einer Talentshow, die bei mir zu Hause im Flur stattfand. In der Jury saßen ich, ein Klassenkamerad und ein anderes Mädchen, das ich nicht kannte. Eine Gruppe von Jugendlichen aus meinem Dorf kam, um vor uns aufzutreten. Alles, was sie taten, war, mit Händen und Füßen zu wedeln und zu schreien.

Lesende mögen darüber sinnieren, vielleicht auch bloß denken: Solches mag merkwürdig sein, auch nur unerheblich. Warum also muss es notiert werden? Spekulationen über die Ursache solcher Träume könnten angestellt werden, erzählenswert erscheinen diese Traumgeschichten jedoch mitnichten. Auch nicht in ihrer literarischen Verdichtung.

In anderen Traumberichten taucht der ehemalige britische Premierminister Boris Johnson auf. Bei einer Autofahrt erinnert sich der Träumende, wie er sich mit dem englischen Politiker unterhalten und darauf verwiesen hatte, dass er nicht käuflich sei, während Johnson bemerkt habe, es sei einzig wichtig, stets für seine Familie zu sorgen – während die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Rücksitz gesessen habe.  Weitere Episoden nehmen harmlos anmutende Liebesgeschichten auf:

Ich liege mit einem Mädchen, das bis vor zwei Jahren in einem Haus in unserer Nachbarschaft gewohnt hat, zusammen im Bett, und wir kuscheln ein wenig und küssen uns. Es ist aber nicht in einer Wohnung, sondern in einem großen Zimmer, in so etwas wie einer WG, die aber wie eine Jugendherberge wirkt. Ich bin zwar glücklich, mit ihr zusammen zu sein, stehe aber mittendrin immer wieder grundlos auf und laufe den Flur entlang.

 Mitgeteilt wird auch, dass ein träumendes Ich jeden Morgen im Schuhschrank Gebäck vorfindet und verzehrt oder dass eine Biene im Mondlicht zu schnurren beginnt, so als ob sie eine Katze sei. Repräsentativ für diesen Reigen an Traumbildern mögen diese Geschichten und kurzen Momente, literarisch geformt, sein, aber lesenswert erscheint dieses besondere Traumtagebuch im Ganzen nicht. Wen Varianten von Träumen interessieren, in behutsamer Stilisierung literarisch umgeformt, der mag diesen Band möglicherweise staunend lesen. Doch Wolfram Lotz‘ Traumgeschichten birgen im Ganzen kaum anregenden Erzählstoff, um wirklich berührend oder faszinierend zu sein. Hin und wieder wird das Illustre oder Absurde der Traumwelten, durch die auch wir uns bewegen, sichtbar, und so manche Leserin, so mancher Leser mag ahnen, warum das schweißgebadete Aufwachen von dem Trost begleitet ist, dass die Träume letztlich nur Träume sind und das bleiben. Um das aber zu wissen, müssen sie, ob in Europa oder anderswo, nicht literarisch gesammelt und mitgeteilt werden.

Titelbild

Wolfram Lotz: Träume in Europa.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2026.
112 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783103977172

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