Glanz und Elend des Menschen
Christian Thies’ „Philosophische Anthropologie“ ist eine durchaus brauchbare „Einführung“ in dieselbe
Von Rolf Löchel
Natürlich wurden Fragen nach dem Wesen des Menschen und seiner Stellung in der Welt schon seit Jahrtausenden gestellt. So wurde er etwa vom Sophisten Protagoras zum „Maß aller Dinge“ erhoben. Das Wort Anthropologie taucht jedoch wohl erstmals zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Magnus Hundts Anthropologicum de hominis dignitate, natura et proprietatibus auf – allerdings ohne dass es damals schon ein Begriff gewesen wäre, der eine Wissenschaft bezeichnet. Von kaum zu unterschätzender Bedeutung für die weitere Entwicklung der Anthropologie war Immanuel Kants späte Publikation Anthropologie in pragmatischer Hinsicht.
Als explizit philosophische ist die Anthropologie dennoch eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Christian Thies, der Autor der vorliegenden Einführung, sieht die Ursprünge zumindest der deutschen Philosophischen Anthropologie erst im 20. Jahrhundert. Die erste Auflage des Buches wurde 2006 in literaturkritik.de von Marc Rölli ausführlich besprochen und kritisiert. Zwanzig Jahre später ist nun ist die vierte „vollständig aktualisierte“ Auflage auf den Markt gekommen.
Der Aufbau des mit etwa 200 Seiten eher schmalen Bändchens ist nachvollziehbar. Auch tut der jedem Kapitel vorangestellte Überblick anthropologischer NovizeInnen gute Dienste. Ebenso die jeweiligen Zusammenfassungen an deren Ende und die Lektüreempfehlungen.
Zunächst beantwortet der Autor die Frage, was unter dem Begriff der Philosophischen Anthropologie überhaupt zu verstehen ist, verteidigt sie gegen ihre Berechtigung grundsätzlich infrage stellende kritische Einwände und zeigt auf, dass eine philosophische Anthropologie „möglich und sinnvoll“ ist. Sodann erläutert Thies ihre grundlegenden Begriffe in ihrer jeweiligen Differenz zueinander. So etwa den des Ich und des Selbst oder Lebenswelt und Weltbezug. Auch zeichnet er die nicht eben seltenen kontroversen Diskussionen um sie nach. Dabei tritt der Autor selbst nicht etwa als neutraler Beobachter auf, sondern positioniert sich im Gefolge der „drei Begründer der deutschen Philosophischen Anthropologie“: Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen. Der Neukantianer Ernst Cassirer spielt hingegen bei ihm und für ihn nur eine weit geringere Rolle. Nach den „Grundbegriffen“ der Philosophischen Anthropologie erörtert Thies ihre „Grundfragen“, die etwa die „Naturalismus-Kulturalismus-Kontroverse“, den „Optimismus-Pessimismus-Streit“ und nicht zuletzt die Frage nach der „Stellung des Menschen im Kosmos“ betreffen.
Eröffnet und beschlossen wird der Band jedoch mit je einem Abschnitt über zwei Figuren der griechischen Mythologie: Ödipus, der den Anfang macht, und Prometheus, dem die letzten Seiten gehören. Thies’ Ausführungen zu ersterem sind allerdings nicht ganz überzeugend. Die dem Königssohn gestellte Frage der Sphinx „korrespondiert“ dem Autor zufolge mit dem apollinischen Gebot „Erkenne dich selbst!“. Indem Ödipus das Rätsel der Sphinx gelöst hat, habe er zugleich die Aufforderung am Tor des Orakels von Delphi eingelöst. Tatsächlich aber fragt die Sphinx nach dem Menschen schlechthin, nicht nach der Identität des individuellen Fragestellers. Ödipus löst nun zwar deren Rätsel, erkennt aber gerade nicht, wer er selbst ist. Und das ist entscheidend. Denn dass er sich nicht als Sohn von Laios und Iokaste erkennt, ist der Auslöser seiner Tragödie, die ihn letztlich das Augenlicht und seine Fähigkeit zu gehen kostet, sodass er den Rest seines Lebens blind und auf den Knien rutschend verbringen muss. Dass es in der Anthropologie darum geht, bei der Frage nach dem Menschen sowohl die Perspektive der dritten Person als auch die der ersten Person einzunehmen, wobei die „Innenperspektive“ stets den Vorrang gegenüber der „Außenperspektive“ hat, ist zwar sehr wohl zutreffend. Nur kann Ödipus nicht als Beispiel für das Gelingen dieses Unterfangens dienen.
Diese doppelte Perspektivierung rechtfertigt die Philosophische Anthropologie zwar nicht unbedingt als eigenständige wissenschaftliche Disziplin, doch immerhin als zu den Humanwissenschaften querstehendes Erkenntnisunternehmen. Dies auch, weil sie anders als jene „das Ganze des Menschen in den Blick nimmt“. Denn ihr „primäres Ziel“ ist „die Selbstverständigung über das, was unsere Identität als Menschen ausmacht“, wobei sie, wie Thies zutreffenderweise betont, „normative Begrifflichkeiten […] völlig […] vermeiden“ muss. Auch „geht es“ der Philosophischen Anthropologie dem Autor zufolge „gar nicht primär um wissenschaftliche Erklärungen“, sondern vielmehr um „Orientierungswissen“ und um Selbstverständigung hinsichtlich der Fragen „wie wir Menschen sein können, welche universalen Potentiale wir besitzen. Welche Möglichkeiten und Grenzen“. Hingegen kann die Philosophische Anthropologie keine Auskunft darüber geben, „welche menschlichen Eigenschaften in welchem Umfang ererbt und welche erworben sind“. Doch immerhin ist es ihr möglich, dazu beizutragen „einige“ diese Fragen betreffende „Fehlschlüsse und Missverständnisse aufzudecken“.
Thies macht drei „Hauptaufgaben“ der Philosophischen Anthropologie aus: Erstens die „Deutung humanwissenschaftlicher Erkenntnisse“, zweitens der Zersplitterung des Wissens über den Menschen „entgegenzuwirken“, also „integrativ“ zu sein und drittens „die Orientierung am Ganzen des Menschen aufrechtzuerhalten“.
Seine Ausführungen über Sein und Wesen des Menschen sind allerdings nicht immer genuin philosophisch, sondern nicht selten entwicklungspsychologisch. Auch sind einige seiner Tatsachenbehauptungen zweifelhaft. Dann jedenfalls, wenn er sich auf ein ihm als Philosophen fachfremdes Terrain begibt. So etwa im Falle seiner Behauptung, dass „der größte Teil des Universums leer“ ist. Genau genommen sind nicht einmal in die Weiten zwischen den Galaxien absolut leer, mag die dortige Materiedichte auch denkbar gering sein. Abgesehen davon ist unklar, was Thies darunter versteht, dass etwas leer ist. Als technisch leer gilt etwa ein Raum, wenn der Druck in ihm geringer als 10-7 Hektopascal ist. In diesem Sinne wären große Teile des Universums tatsächlich leer. Nicht so hingegen im Sinne der Quantenphysik. Hinzu kommt, dass die vermeintliche Leere mit Dunkler Materie und Dunkler Energie angefüllt ist, die darum dunkel genannt werden, weil sie sich der menschlichen Wahrnehmung trotz aller technischen Hilfsmittel zwar noch immer entziehen, jedoch aus astrophysikalischen Gründen auf ihre Existenz geschlossen werden muss.
Für sein ureigenes Gebiet der Philosophischen Anthropologie hat der Autor allerdings eine durchaus brauchbare Einführung vorgelegt, die Studierende bei ihren ersten Schritten in die Tiefen der Philosophischen Anthropologie bei der Hand nehmen kann. Und von der sie sich selbstverständlich lösen müssen, je weiter sie voranschreiten. Schließlich gilt es, um mit Kant zu reden, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.
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