Nilpferd, bitte hilf!
Michiko Aoyama legt mit „Im Park der aufgehenden Sonne“ fünf Fallstudien zur bibliotherapeutischen Notfallversorgung vor
Von Lisette Gebhardt
Niederlagen, Verdruss, Missstimmungen, Neid, Angst und am Ende heftige Selbstzweifel – was tun? Muss man zum Seelenarzt und lindernde Pillen schlucken oder hundert Stunden Psychoberatung absolvieren, die die Kasse ohnehin nicht mehr übernimmt? In Japan gibt es eine Alternative – eine Ruhezone am Rande der riesigen Metropole. Dort, im Park, wartet inmitten eines kleinen Spielplatzes die stabile runde Betonplastik einer freundlichen Tiergestalt: Das in der Nachbarschaft für seine heilsamen Kräfte bekannte „Nilpferd der Rekonvaleszenz“!
Healing und Emotionserziehung durch ein Nilpferd
Michiko Aoyamas aktuelles Werk Im Park der aufgehenden Sonne zählt zur gefragten Healing Fiction. Der japanische Originaltitel Rikabarii Kabahiko / Recovery Kabahiko (2023) lässt an dieser Stelle keinen Zweifel zu. Es geht tatsächlich um ein schon in die Jahre gekommenes Spielgerät in Nilpferdform, das einer in der Nachbarschaft kursierenden Großstadtlegende (jap. toshi densetsu) nach offenbar über besondere Fähigkeiten verfügt. Sucht man es auf und berührt an seiner abgeblätterten orangefarbenen Oberfläche dasjenige Körperteil, das Probleme verursacht, darf der Bittsteller auf baldige Besserung hoffen.
Die Autorin präsentiert insgesamt fünf Geschichten, die am Ende einen Episodenroman ergeben. Sie folgt dem bewährten Schema aus vorangegangenen Büchern und behandelt das Schicksal unterschiedlicher Protagonisten und Protagonistinnen, darunter zwei Schüler, eine junge Mutter, eine sechsundzwanzigjährige Hochzeitsplanerin und ein Verlagsredakteur in den frühen Fünfzigern. Jede der Personen wird mit ihrer persönlichen Schwachstelle konfrontiert und muss innerlich reifen, um die Hürde zu überwinden. Jede Episode schildert zudem die Begegnung mit Kabahiko, dessen positive Energie tatsächlich stets Gutes zu bewirken scheint. Im Laufe des Geschehens erkennt der Betreffende den Grund für seine Schwierigkeiten, geht in sich und kommt als die bessere Version seines Selbst aus der belastenden Situation heraus. Vor allem die reine, wohlwollende Aura der Nilpferdfigur, die sie trotz aller über die Jahre hinweg entstandenen Beschädigungen ausstrahlt, und ihre unbedingte Akzeptanz des Gegenübers helfen, seelische Traumata, destruktive Tendenzen und Komplexe zu überwinden, um Gefühle der Verbundenheit und Mitmenschlichkeit zuzulassen.
Kopf, Mund, Ohren, Bein und Augen – fünf Fälle
Aoyamas Fallbeschreibungen betreffen diverse Teile des menschlichen Körpers, die zu streiken beginnen und damit den Menschen darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht stimmt. Chiharu Niizawa, die Hochzeitsplanerin, muss mit Ohrenproblemen zum HNO-Arzt, der auf psychosomatische Ursachen ihrer Erkrankung hinweist. In der Tat fühlt sie sich an ihrem Arbeitsplatz zurückgesetzt, als der von ihr verehrte Kollege eine Konkurrentin vorzieht. Die Enttäuschung und der durch Kunden verursachte Stress fordern schließlich ihren Tribut. Alles wird ihr auf einmal zu viel, und sie nimmt eine krankheitsbedingte Auszeit bei den Eltern. Erst als sie im Hinode-Park Kabahiko entdeckt, spürt sie Erleichterung:
Im Licht der Laternen zeichnete sich ein rundliches, gedrungen wirkendes Gebilde ab. Ein Spielgerät in Gestalt eines Nilpferds. Seine gutmütige Erscheinung wirkte beruhigend und lockte mich an. Der orangefarbene Lack war weitgehend abgeblättert. Auch das Schwarz der Augen war stellenweise weiß, was dem Nilpferd einen tränenverhangenen Blick verlieh, während sein Maul zu einem schiefen Grinsen verzogen war. Es war eine liebenswerte Kreatur.
Verbindende Elemente in allen Geschichten sind neben dem exzeptionellen Hippopotamus die Reinigung „Sunrise Cleaning“, bei der einige Protagonisten Kunden sind, sowie der neue Apartment-Komplex „Advance Hill“, in dem etliche der im Roman auftretenden Hauptfiguren oder ihre Familienmitglieder wohnen.
Bibliotherapie mit Bodhisattva
Während die Schriftstellerin ihrem bibliotherapeutischen Muster treu bleibt und damit wohl den Leserwünschen folgt, bieten die vorliegenden Schilderungen von psychosozialer Belastung und frisch gewonnener Resilienz im Wesentlichen eine unterhaltsame Lektüre – schon allein aufgrund der originellen Idee, ein „schäbiges Nilpferd“ als Heilsfigur zu porträtieren. Michiko Aoyama arbeitet mit diesem Motiv auf mehreren Ebenen: Kabahiko stellt zum einen ein Retroobjekt dar, das an die positiv erlebten Jahre der späteren Shôwa-Ära erinnert (Verlagsredakteur Kazuhiko war als Kind oft im Hinode-Park), als Spielgerät verkörpert die Tierfigur das infantile Moratorium, in dem man sich noch geborgen fühlen konnte und in das man durch die Begegnung mit ihr temporär zurückfindet.
Darüber hinaus verweist die Figur auf die Vorstellungswelt japanischer Religiosität – Kabahiko repräsentiert hier vermutlich eine recht ungewöhnliche Variante des Bodhisattva Jizô (Jizô bosatsu); dieser ist eine heilige Gestalt des Mahayana-Buddhismus und wird in Japan als mitleidsvoller Beschützer und Wegweiser für Reisende, Kinder, Frauen und verirrte Seelen verehrt. Insofern ist es schlüssig, dass das Nilpferd absolute Barmherzigkeit und Geborgenheit vermittelt. Durch eine letzte Volte der Motivkette steht die Figur dann noch in enger Beziehung zu der alten Dame, die die Reinigung „Sunrise Cleaning“ betreibt.
Hippohopium für alle
Abschließend bleibt anzumerken, dass Aoyama es meisterhaft beherrscht, auf der Klaviatur der Healing Fiction zu spielen, man sich aber fragt, wie oft eine Autorin diese Muster zur Anwendung bringen und damit einen Trend bedienen kann, der nicht ganz unproblematisch ist. Im Dienste des Buchmarkts und der Resilienzförderung immer wieder wohlfeile Ratschläge wie „Entscheide selbst, wer du bist!“ verlautbaren zu müssen, wird langfristig weder Leser noch Schriftstellerin zufriedenstellen. Für den Moment sei jedoch dem Hopium aus Japan gefrönt. Zumindest noch so lange, bis Aoyamas Titel Neko no otsuge wa ki no shita de (2020; Die Katze sagt ihre Weisheiten unter dem Baum) in deutscher Übersetzung erschienen ist. Damit lägen zusammen mit dem in Publikationsvorbereitung befindlichen Roman Der Mond über dem Bambuswald (im jap. Original: Tsuki no tatsu hayashi de, der Ende Januar 2027 erscheinen soll) sechs Bände bereit – für bibliotherapeutische Notfälle.
Nachtrag: In Tôkyô gibt es z. B. in Shinjuku (Kaba-Kôen) und im Bezirk Arakawa (Hippo Park) Parks mit Nilpferd-Figuren. Sie sind ein japanisches Phänomen der Nachkriegszeit. Kleine Parks sollten Kindern in dicht besiedelten Städten Platz zum Spielen geben; dort wurden kostengünstige, robuste Tierfiguren aus Beton aufgestellt. Die skurrilen Tiergestalten haben mittlerweile Kultstatus und finden sich von Fujio Kito in seinen Playground Equipment (Kôen yûgu) betitelten Fotobänden über Spielplatz-Skulpturen bei Nacht porträtiert.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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