Der Mann hinter den Masken: Eribon auf den Spuren Michel Foucaults

Die erweiterte Neuausgabe von Didier Eribons Biographie zeigt, wie aus einem verletzlichen, widersprüchlichen Menschen einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts wurde

Von Sebastian MeißnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sebastian Meißner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Michel Foucault gehört zu jener seltenen Spezies von Denkern, deren Werk nicht nur Gegenstand der Philosophiegeschichte geworden ist, sondern selbst noch immer Geschichte macht. Didier Eribon bringt die fortdauernde Bedeutung dieses Denkens auf eine ebenso schlichte wie treffende Formel: „Foucault ist kein Autor der Vergangenheit.“ Sein Werk lebe „im höchsten Maße“ in der Gegenwart, weil es weiterhin als „Werkzeugkasten“ für neue Analysen, Überlegungen und Ideen diene. Tatsächlich liegt Foucaults besondere Leistung darin, Philosophie aus der behaglichen Selbstbezüglichkeit des akademischen Betriebs herausgeführt und zu einer kritischen Praxis gemacht zu haben. Nicht „das Wissen zu begründen oder zu vollenden“ sei ihre Aufgabe, sondern eine „Diagnose der Gegenwart“ zu erstellen. Wahnsinn, Gefängnis, Sexualität, Psychiatrie, Wissen und Macht werden bei Foucault deshalb nicht einfach zu Gegenständen historischer Forschung. Sie werden zu Schauplätzen der Frage, wie Menschen zu dem gemacht werden, was sie sind – und wie sie möglicherweise anders werden können. Eribon fasst diese theoretische und politische Energie als „Aufstand gegen die Gewalt der Normen und der vielfältigen Herrschaftsformen“ zusammen. Vielleicht ist das die präziseste Kurzformel für ein Denken, das seine Leserinnen und Leser nicht beruhigen, sondern in einen „dauerhaften Zustand geistiger und existenzieller Beunruhigung“ versetzen wollte.

Didier Eribon stellt Fragen an Michel Foucault

Didier Eribon ist für eine Biographie dieses Denkers ein außergewöhnlicher Autor, weil Foucault für ihn niemals nur Forschungsgegenstand war. Er kannte ihn persönlich; ihre Freundschaft, schreibt er, habe ihn „tiefgreifend geprägt“. Neben jener mit Pierre Bourdieu habe sie „zu den wichtigsten meines Lebens“ gehört. Damit besitzt dieses Buch eine Nähe zu seinem Gegenstand, die gefährlich werden könnte. Doch Eribon schreibt weder Heiligenlegende noch Abrechnung. Er will vielmehr verstehen. „Über ihn zu schreiben, gab mir die Möglichkeit, unsere Gespräche fortzusetzen. Ich hatte noch Fragen an ihn zu stellen, er hatte mir noch Antworten zu geben.“ Selten ist das Erkenntnisinteresse einer Biographie schöner beschrieben worden. Das persönliche Beispiel ist zugleich bewegend und methodisch aufschlussreich: Eribon erforscht Foucaults Leben auch, um „eine Verbindung zu ihm aufrechtzuerhalten“. Die Biographie wird damit zu einer Form des fortgesetzten Gesprächs mit einem Toten – ohne dass der Biograph deshalb auf Distanz, Recherche oder Widerspruch verzichtet. Drei Jahre lang liest Eribon. Er durchsucht Archive, die er, wie er wunderbar formuliert, teilweise „erst entdecken und zu Archiven machen musste“, und spricht mit Menschen, die Foucault in unterschiedlichen Lebensphasen begegnet waren. Nähe ersetzt hier die Forschung nicht. Sie treibt sie an.

Eribon nähert sich Foucault entsprechend nicht von einer einzigen, vermeintlich alles erklärenden These her. Er rekonstruiert Wege, Konstellationen, Begegnungen, Brüche und Widersprüche. Der Aufbau des Buches macht dieses Verfahren sichtbar. Der erste große Teil, „Die Psychologie in der Hölle“, führt vom provinziellen Poitiers über die philosophische Ausbildung und die frühen intellektuellen Prägungen bis zu Foucaults Jahren in Uppsala, Warschau und Hamburg. „Die Ordnung der Dinge“ verfolgt den Aufstieg des Autors und die Entstehung jenes Werkes, das ihn zu einer Zentralfigur des französischen Denkens macht. Der dritte Teil schließlich trägt programmatisch den Titel „Politischer Aktivist und Professor am Collège de France“ und erzählt von einem Foucault, bei dem Theorie, Institution und politischer Kampf immer enger ineinandergreifen, bis hin zum späten „Leben als Kunstwerk“. Diese Chronologie ist jedoch niemals bloß Lebenslauf. Eribon zeichnet „Foucaults Weg im Bereich der Theorie“ in jenen Perioden nach, „in denen sein Denken entstanden war und sich entwickelt hatte“. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Ideen fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen in Institutionen, Freundschaften, Rivalitäten, politischen Konflikten, persönlichen Verletzungen und historischen Situationen. Die Biographie eines Philosophen wird so zugleich zur Biographie seines Denkens – und, wie Eribon selbst schreibt, zu einer „Röntgenaufnahme des französischen intellektuellen Lebens“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Romanhafte Präzision

Besonders überzeugend ist, dass Eribon Foucault nicht rückwirkend zu jener fertigen Figur glättet, als die ihn die Geistesgeschichte längst kennt. Er zeigt ausdrücklich auch den „Foucault vor dem Foucault der 1970er Jahre“ und rekonstruiert „das Zögern und die Unsicherheit, die Schwierigkeiten, die Wegscheiden, die Widersprüche“. Damit gibt er dem berühmten Denker etwas zurück, das Berühmtheit gewöhnlich aus Biographien entfernt: Kontingenz. Foucault musste erst Foucault werden. Schon die frühe Lebensgeschichte erhält bei Eribon deshalb eine beinahe romanhafte Präzision. Der Mann, der später die Macht der Klassifikationen untersuchen wird, beginnt sein Leben mit einem Streit um den eigenen Namen: offiziell Paul, in der Familie Paul-Michel, für sich selbst schließlich Michel. Hinter solchen Episoden lauert bei einem weniger klugen Biographen sofort die große psychologische Erklärung. Eribon dagegen widersteht dieser Versuchung. Er sammelt, kontrastiert und ordnet; er lässt Dokumente, Erinnerungen und Aussagen gegeneinander arbeiten. So entsteht kein geschlossenes Persönlichkeitsbild, sondern die Geschichte eines Menschen, der, wie Dumézil sagte, „Masken“ trug. Gerade dadurch erscheint Foucault am Ende nicht kleiner, sondern größer: als ein Denker, dessen „Ängste“ und „Verletzlichkeit“ ebenso zur Geschichte seines intellektuellen Projekts gehören wie seine spektakulären theoretischen Interventionen.


Das Ziel dieser Arbeit besteht deshalb letztlich nicht darin, das Rätsel Foucault ein für alle Mal zu lösen. Eribon will verstehen, wie Leben, Denken und Geschichte sich ineinander verschränken – und zugleich zeigen, warum dieses Denken noch immer gebraucht wird. Seine eigene Schlussformel ist dabei größer als die übliche Bescheidenheit biographischer Forschung: Die Leserinnen und Leser sollen Foucault „besser verstehen“, „sich selbst besser verstehen“ und „die Welt, in der wir leben, besser verstehen“. Und dann folgt der entscheidende Zusatz: „Und um die Welt, in der wir leben, zu verändern, damit wir besser darin leben können.“ Darin trifft Eribons Biographie ihren Gegenstand vielleicht am genauesten. Denn auch Foucaults Denken wollte Erkenntnis niemals als bloße Inventur des Bestehenden verstanden wissen. Seine berühmte Formel von der „geduldigen Arbeit, die der Ungeduld der Freiheit Gestalt gibt“, könnte ebenso über diesem Buch stehen. Eribon hat eine gelehrte, akribische und zugleich leidenschaftliche Biographie geschrieben, die ihren Gegenstand weder monumentalisiert noch domestiziert. Sie zeigt einen Menschen in Bewegung und ein Denken, das gerade deshalb lebendig geblieben ist, weil es sich niemals mit der Welt abfinden wollte, wie sie nun einmal ist. Ein großes Buch über einen großen Denker – und, noch wichtiger, ein Buch, das verständlich macht, warum Foucaults Fragen noch lange nicht erledigt sind.

Kein Bild

Didier Eribon: Michel Foucault. Eine Biographie. Erweiterte Neuausgabe.
Mit zahlreichen Abbildungen.
Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen und Michael Bischoff.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
600 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432969

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