Taschenbuchgeschichten

Jörg Döring und Morten Paul legen mit „Als die Geisteswissenschaften populär waren” einen Band vor, in dem die Erfolgsgeschichte einzelner Taschenbücher erkenntnisreich dargestellt wird

Von Günther FetzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günther Fetzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Taschenbuch konzentrierte sich bislang auf großflächige Darstellungen dieses Buchtyps, auf – oft von den Verlagen selbst initiierte – Verlagsgeschichten und auf die Beschreibung einzelner Taschenbuchreihen. Was fehlte, war die Beschäftigung mit einzelnen (erfolgreichen) Taschenbüchern. In dieser Lücke hat sich nun der von Jörg Döring und Morten Paul herausgegebene Band Als die Geisteswissenschaften populär waren positioniert. 

In dem einleitenden Beitrag rahmt Jörg Döring seine Darstellung Bundesdeutsche Taschenbuchgeschichten zwischen 1964 und 1984 einerseits mit dem frühen Erfolg der Bücher des Wissens bei Fischer (seit 1952) und rowohlts deutscher enzyklopädie (seit 1955). So betrug die Startauflage der Fischer-Bücher bis 1958 heute unvorstellbare 50.000 Exemplare. Das Geschichtsbuch von Johannes Hartmann, der Bestseller der Reihe, lag 1969 bei einer Gesamtauflage von 757.000 Exemplaren. Der Spitzentitel der Rowohlt-Enzyklopädie, Albert Camus’ Der Mythos von Sisyphos, erreichte immerhin 296.000 Exemplare. Andererseits greift Döring die These des Wissenschaftshistorikers Michael Hagner auf, „die beispiellose Expansion der Geisteswissenschaften“ in der Bundesrepublik sei „eine genuine Leistung von Verlagen und Autoren, nicht von Universitäten, Akademien oder subkulturellen Bewegungen“. 

Der vorliegende Band unternimmt daher den Versuch,

die Popularität der Geistes- und Sozialwissenschaften in den langen 1970er Jahren in Westdeutschland von einzelnen Taschenbuchgeschichten aus zu perspektivieren: die Geschichten nachweislich viel beachteter wissenschaftlicher Bücher, die der Taschenbuchmarkt bereithielt; die preiswert verfügbar gemacht wurden, deren Autor*innen sich der exoterischen Wirkung ihrer Texte schon bald bewusst wurden und die […] ihre Texte auch im Bewusstsein ihrer möglichen Beachtung durch viele Leser*innen produzierten.

Erzählt werden „eminente Taschenbuchgeschichten“:

R. Barthes‘ Mythen des Alltags (Ruth Signer); J. Jacobs‘ und A. Mitscherlichs Stadtforschungen (Hanna Böge); J. Habermas‘ Erkenntnis und Interesse (Morten Paul); M. Horkheimers Autoritärer Staat (Sven Gringmuth); die populäre Reich- (Yanara Schmacks) und Benjamin-Rezeption (Detlef Siegfried); das Funkkolleg Sprache (Marius Albers); H. P. Duerrs Traumzeit (Rosa Eidelpes) und A. Davis‘ Rassismus und Sexismus (Samira Spatzek).

Thematisiert wird aber auch das literarische Leiden an den Geisteswissenschaften in K. Strucks Klassenliebe (Fabienne Steger) und es wird ein Seitenblick auf europäische Theory in den amerikanischen Humanities (Gregory Jones-Katz) geworfen. Die teilweise hervorragenden exemplarischen Fallstudien bringen die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Taschenbuch einen guten Schritt weiter. Hervorgehoben seien zwei Beiträge: der von Morten Paul über Jürgen Habermas und der von Marius Albers über das Funkkolleg Sprache.

Paul, der in seiner Dissertation die Suhrkamp-Reihe Theorie dargestellt hat, zeichnet sowohl die Einbettung der Habermasschen Schrift Erkenntnis und Interesse in die Werkgeschichte des großen Sozialphilosophen nach als auch die Publikationsgeschichte. Das Werk ist die erste Monografie, die von Habermas im Suhrkamp Verlag erschien – seine Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit war 1962 im Luchterhand Verlag herausgekommen. Erkenntnis und Interesse wurde 1968 in der von Hans Blumenberg, Dieter Henrich, Jacob Taubes und Habermas selbst herausgegebenen, zwei Jahre zuvor gestarteten Theorie-Reihe veröffentlicht und sollte mit 18.000 Exemplaren der Bestseller der Reihe werden – eine allerdings recht niedrige Zahl, wenn man sie mit den wissenschaftlichen Bestsellern jener Jahre vergleicht. Herbert Marcuses Der eindimensionale Mensch verkaufte sich im Luchterhand Verlag über 200.000 Mal. Die hohen Erwartungen des Verlegers Siegfried Unseld an Resonanz und Verkaufszahlen erfüllte die Theorie-Reihe nicht. Also unternahm Unseld einen neuen Anlauf und startete 1973 die Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Dies war nach der edition suhrkamp (seit 1963) und dem suhrkamp taschenbuch (seit 1971) die dritte große, noch heute existierende Suhrkamp-Taschenbuchreihe. Auf Betreiben und ausdrücklichen Wunsch des Verlegers erschien dann Erkenntnis und Interesse in einer um ein 50seitiges Nachwort erweiterten Ausgabe als erster Titel der neuen Reihe. Leider nennt der Aufsatz, der umfangreichste im ganzen Band, keine Zahl der aufgelegten oder verkauften Exemplare. Vermutlich liegen sie von Seiten des Verlags nicht vor. Die aktuell lieferbare 18. Auflage wurde 2022 gedruckt. 

Dass und weshalb eine zweibändige Einführung in die Linguistik als Taschenbuch eine Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren – pro Band – erreichte, beschreibt Marius Albers in seinem Beitrag über das Funkkolleg Sprache. Zunächst stellt er in kurzen Zügen die Geschichte des vom Hessischen Rundfunk, den hessischen Hochschulen und dem zuständigen Kultusministerium 1966 ins Leben gerufenen Funkkolleg sowie die Lage der Linguistik um 1970 in der Auseinandersetzung zwischen Generativer Grammatik und Soziolinguistik dar. Das Funkkolleg Sprache stand unter der organisatorischen Leitung des Süddeutschen Rundfunks und wurde ab 1971 ausgestrahlt. Die zweibändige Taschenbuchausgabe dazu mit insgesamt 820 Seiten erschien zwei Jahre später bei Fischer zu dem erschwinglichen Ladenpreis von zusammen 13,60 DM – der vergleichbare Titel Sprachwissenschaft bei dtv kostete bei deutlich geringerem Umfang 15,80 DM. Beide Bände erschienen im Frühjahr 1973 in einer Auflage von jeweils 25.000, mussten aber bereits wenige Monate nach Erscheinen nachgedruckt werden. Am Ende – die gesamte Reihe Funkkolleg im Fischer-Taschenbuch wurde 1987 eingestellt – standen 133.000 Exemplare für den ersten Band und 107.000 Exemplare für den zweiten Band zu Buche. Im Anschluss an diese genauer aufgeschlüsselten Zahlen analysiert Albers die Gründe für diesen Markterfolg. Das sind zum einen der Linguistik-Boom und die damit einhergehende universitäre Etablierung des Fachs. Zum anderen erlaubte es der Medienverbund, sich dem jungen Fach auch auf dem Weg des Selbststudiums zu nähern. So konnte sich das Funkkolleg Sprache in der Form der Taschenbuchausgabe über viele Jahre als Einführungsliteratur in die akademische Linguistik halten. Die beiden Bände wurden übrigens über die gesamte Erscheinungsdauer von 14 Jahren ohne jede Änderung immer wieder nachgedruckt, was für ihre Qualität spricht. 

Drei Dinge bleiben zu bemerken. Da ist zum einen die erhebliche Suhrkamp-Lastigkeit des Bands (Barthes, Mitscherlich, Habermas, Benjamin, Struck). Das tut der Wichtigkeit des Bands keinen Abbruch, aber man hätte doch gern den einen oder anderen Titel aus Fischers Bücher des Wissens, rowohlts deutscher Enzyklopädie oder aus der Wissenschaftsreihe des Deutschen Taschenbuchverlags behandelt gesehen. Zum anderen sind einige der Beiträge doch sehr textverhaftet. So analysiert etwa der Beitrag über die Mythen des Alltags von Roland Barthes Lektüremöglichkeiten des Texts und dessen allmählichen Rezeptionswandel. Auch der Aufsatz zur Rezeption von Wilhelm Reich bleibt einem vergleichbaren Ansatz verhaftet. Und drittens sind die beiden Texte über Strucks Klassenliebe und über europäische Theorieansätze in den amerikanischen Humanities doch eher Seitenblicke auf das Kernthema des verdienstvollen Bands: Das wissenschaftliche Taschenbuch in der Bundesrepublik von den 1960er Jahren bis in die 1980er Jahre.

Titelbild

Jörg Döring / Morten Paul: Als die Geisteswissenschaften populär waren. Westdeutsche Schreibweisen, Lektürepraktiken, Verlagspolitiken um 1970.
Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2025.
224 Seiten , 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783447124232

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