Die Handschrift verrate das Dämonische
Der Band „Stefan Zweig und Friedrich Hölderlin: Eine literarische Begegnung“ zeigt, dass Zweig ein vergessener Anführer der Hölderlinrenaissance zu Beginn des letzten Jahrhunderts war
Von Hendrik Buchholz
Im dritten Band der „Tübinger Turmvorträge – Neue Folge“ untersuchen Elena Polledri, Arturo Larcati und Erika Capovilla in drei Essays die Auseinandersetzung Stefan Zweigs mit Friedrich Hölderlin. In der Hölderlin-Philologie sei Zweig noch ein Unbekannter “[u]nd doch verdient er aus mehreren Gründen, in diesem Rahmen wahrgenommen zu werden“, so Larcarti.
Zweig hatte mehrere Texte über Hölderlin verfasst. In dem wohl berühmtesten, Der Kampf mit dem Dämon (1925), setzte er sich mit dem Werk von Hölderlin, Kleist und Nietzsche auseinander, weil alle drei durch ihr Schaffen mit dem Dämonischen paktieren, während ihre weltlichen Existenzen an ihrer Arbeit zergingen. Im Erscheinungsjahr wurden bereits über 10.000 Exemplare von Der Kampf mit dem Dämon verkauft. 1923 hatte Zweig einen Artikel (Hölderlin, der romantische Mensch) über den Dichter veröffentlicht, 1926 eine Rezension über einen Hölderlinband geschrieben und im gleichen Jahr den bisher unbekannten Vortrag Goethe und Hölderlin verfasst. Letzterer ist im Band der Herausgeber Polledri und Jörg Robert erstmals editiert und abgedruckt.
Der Band ist auch für Laien lesenswert. Denn die Essays vermögen es, sorgsam differenziert in die Horizonte des Denkens Zweigs über Hölderlin und schließlich auch über die Hölderlinrezeption zu Beginn des letzten Jahrhunderts einzuführen, die im Falle Zweigs zu großen Teilen anachronistisch ausfiel.
Der erste Text ist von Elena Polledri verfasst. Die Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Udine setzt sich hier mit der Hölderlinlesart Zweigs auseinander. „Wann und wie nähert sich Zweig Hölderlin an? Was las er? Von welcher Kritik wurde er beeinflusst? Mit wem kam er ins Gespräch über den Dichter?“
Polledri erläutert, wie sich Zweig mit der Zinkernagelausgabe beschäftigte, aber auch mit der Lektüre eigens ersteigerter Autografen. Zweig konzentrierte seine Rezeption auf das Bild eines Dichters, der alles für die Dichtung oder das Sehen mit göttlichem Auge (was in Hölderlins Fall das Gleiche bedeutet) opferte – auch seine geistige Gesundheit. Er folgte mit der Vorstellung eines „armen Hölderlin“, dessen Genie ihn zur notwendigen Preisung der Götter zwang, bereits der Sichtweise von Bettina von Arnim und Wilhelm Waiblinger. „Beruf ist mirs, / Zu rühmen Höhers, darum gab die / Sprache der Gott und den Dank ins Herz mir“. Zweig sah darin, und das macht Polledri anhand der Stellen deutlich, die der Autor bei Hölderlin intensiv gelesen, unterstrichen und kommentiert habe, ein Kontrastbild vor allem zu Goethe, aber auch zu Schiller: Hölderlin habe seine dichterische Begeisterung nie in nüchterne Schranken weisen können – ein Bild, das vor allem im 19. Jahrhundert Anklang gefunden hatte.
Arturo Larcatis Text schlägt spannende Verbindungen von Zweigs eigenem Werk zu dessen Hölderlinrezeption, besonders zu Sternstunden der Menschheit und zu der Schachnovelle. Im ersten Teil seines Essays zeichnet Larcati aber zunächst schrittweise das Hölderlinbild Zweigs nach, das in großen Teilen zu dessen Zeiten bereits veraltet war. Zweig habe sich ganz offensichtlich an einer Genie-Ästhetik der Goethezeit orientiert. Er falle damit methodisch auf das 19. Jahrhundert zurück. „Das liegt daran, dass er nicht historisch, sondern in Typen denkt, ohne die neuesten Entwicklungen der Theorie der Literatur zu berücksichtigen.“ Larcatis Diagnose ist ganz offensichtlich auch auf die Sternstunden übertragbar, in denen veraltete Vorstellungen eines durchbrechenden Genies leierkastenartig immer wieder bedient werden.
Die stärkste Stelle von Larcatis Überlegungen findet sich dann eben am Schluss seines Textes, in dem er das Faible Zweigs für das Dämonische auch in der Handlung seiner Schachnovelle nachweist. In der Hochzeit von Nationalsozialismus und Weltkrieg geschrieben, dient das Dämonische in deren Handlung nicht mehr als Steigbügel für geniehaftes Schaffen, sondern zeigt sich als Manie, der das befallene Subjekt nicht entkommen kann. Der Protagonist Dr. B, der am Ende der Novelle längst vergessene Dämonen durch das Schachspiel weckt, kann den im Spiel ausgelösten Wahn nicht einhegen. Dem Dämonischen verfallen zu sein, heißt hier plötzlich nicht mehr, über ein „Sesam, öffne Dich!“ für das Göttliche oder über eine „Übergesundheit“ zu verfügen. Vielmehr zeigt das Dämonische hier die Stupidität eines Nervenfiebers. Das Interessante: Erst hier – in seinem eigenen künstlerischen Schaffen – bedient Zweig keine anachronistischen Denkweisen mehr, sondern ist ganz der scharfsinnige Beobachter seiner Zeit.
Der Dämon als Triebfeder künstlerischer Schöpfungen lässt sich einer gängigen Vorstellung der Goethe-Zeit nach am besten anhand des Schreibprozesses rekonstruieren. Erika Capovillas Essay verbindet schließlich in ihrem Text, die ausgeprägte Leidenschaft Zweigs zum Sammeln von Autografen mit den Vorstellungen des Autors über die angemessene Rezeption des für ihn „romantischen Menschens“ Hölderlin. Capovilla klärt über die erstaunliche, enge Zusammenarbeit von Frank Zinkernagel und Stefan Zweig auf, die ab 1925 einsetzt:
Die Arbeit Zinkernagels, eines der bedeutendsten Vertreter des philologischen Positivismus in der Hölderlin-Rezeption, war von einem hohen philologischen Anspruch geprägt: Mit dem Ziel, sämtliche möglichen Textvarianten zu erfassen, stellte er in einem damals unveröffentlicht gebliebenen textkritischen Apparat umfangreiches Material zusammen, das die Grundlage für seine Edition bildete.
Zweig, der umfangreich und professionell Autografen vieler Schriftsteller sammelte, hatte den ersten Hölderlinautograf 1909 ersteigert, aber die meisten seiner umfangreichen Sammlungen, die Capovilla titelweise aufzählt, in den 1920ern erhalten. Bisher ist dieser materielle Beitrag Zweigs zur Hölderlinrezeption viel zu wenig beachtet worden.
Interessant und einleuchtend ist, wie Capovilla Zweigs Hölderlinbild und seine genie-ästhetischen Überzeugungen mit dem Fakt zusammenbringt, dass Hölderlin so viel Wert auf die originalen Handschriften legte. Zweigs Interesse am „schöpferischen Geheimnis des Künstlerischen“ sei ganz mit einer genauen Rekonstruktion des künstlerischen Vorgangs einhergegangen. Mit Zinkernagel wusste Zweig sich dahingehend auf einer Wellenlänge.
Die im Band versammelten Primärtexte Zweigs über Hölderlin und ein Teil seiner Korrespondenz ermöglichen es dem Leser des kleinen Bandes Stefan Zweig und Friedrich Hölderlin: Eine literarische Begegnung, sich literarisch wie wissenschaftlich in Zweigs Hölderlinvorstellungen und in die Renaissance des „dämonischen“ Dichters zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu vertiefen.
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