Ein literarischer Boléro
Szczepan Twardochs Roman „Sehnsucht“ segelt im Kreis der Geschichte
Von Karl-Josef Müller
In einem Fall, dem des fast schon berüchtigten Boléro, hat Ravel als sein eigener Interpret etwas von der latenten Abgründigkeit seiner Musik zum Ausdruck gebracht, indem er deutlich […] den unausweichlich ins Chaos führenden Zwang dieser Musik zum Ausdruck brachte.
Ulrich Schreiber: Schallplatten Kritik, Auslese. Ein kritischer Führer
Powiedzmy, że Piontek lautet der Originaltitel des neuen Romans von Szczepan Twardoch auf Polnisch, übersetzt wohl Sagen wir, dass Piontek. Auch das düstere Cover des polnischen Originals verheißt etwas vollkommen anderes als das Titelblatt der deutschen Ausgabe. Dort nämlich sieht man ein Segelboot, gemalt von Edward Hopper, passend dazu der deutsche Romantitel Sehnsucht.
Und dieser passt zu Erwin Piontek, dem „Bergrentner“, der seinem Jugendtraum nachtrauert, als Seemann die Welt zu umrunden. Die ersten siebenundsechzig Seiten des Romans entwickeln sich zum literarischen Boléro, denn Erwin entschließt sich, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, wenn nicht auf den Weltmeeren, dann immerhin auf dem Stausee in der Nähe von Rybnik, quasi vor seiner Haustür. Er kauft ein Segelboot, befüllt es mit Proviant und verabschiedet sich von seiner Frau: „‚Mariczko … Ich muss fort. Ich weiß nicht, wann ich zurück bin. Ich habe was zu erledigen‘, sagte Erwin schließlich, und seine Stimme zitterte.“
Und nun beginnt der eigentliche Boléro, nämlich der „unausweichlich ins Chaos führende[] Zwang“, auf diesem im Vergleich zu den Weltmeeren winzigen See im Kreis fahrend die Strecke zurückzulegen, die der einer Weltumseglung entsprechen würde.
Allmählich wird die Öffentlichkeit auf den verrückten pensionierten Bergmann aufmerksam; schon bald ist das Fernsehen zur Stelle, doch interviewen lässt sich Erwin Piontek nicht; bis zum 24. Dezember harrt er aus, halb erfroren.
Er möchte aufgeben, wer will schon an Heiligabend sinnlose Runden auf einem unbedeutenden See drehen? „Genug jetzt mit dem Wahnsinn. Jetzt geht’s nach Hause.“
Doch die Musik endet nicht mit einem auf dem absoluten Höhepunkt abbrechenden Crescendo – „Sagen wir, Erwin Piontek liege auf der Erde und die Erde sei rot, aber nicht von Blut.“ –, denn die Fiktion kennt weder Grenzen noch Logik; Zeit und Raum sind ihr untertan, und deshalb kann sie Erwin aus unserer unmittelbaren Gegenwart ins Jahr 1905 nach Deutsch-Südwestafrika versetzen.
Nein, der Wahnsinn endet nicht, er beginnt erst, und es geht nicht nach Hause. Erwin Piontek in Deutsch-Südwestafrika bleibt der schlesische Bergmann aus unserer Gegenwart, und im dritten Teil des Romans taucht er, als er selbst und als ein anderer, schließlich als Doppelgänger des Ministerpräsidenten der polnischen Republik des Jahres 2031 wieder auf, in Deutschland heißt der Bundeskanzler Tino Chrupalla.
Er bleibt der, der er zunächst zu sein scheint, und wird aber doch jeweils ein anderer, wie es im Roman heißt: „Du bist niemand anders. Du bist nur in einer anderen Situation“. In Deutsch-Südwestafrika wird er von Hendrik Witbooi gefangengenommen und nicht umgebracht mit der Begründung, er habe im Kampf keine Frauen und Kinder getötet. Ein Rest von Humanität, so scheint es, rettet ihm das Leben.
Nein, „Erwin schoss nicht auf Frauen, doch er trieb sie befehlsgemäß fort, durch Schüsse in den Boden“. Ein Kind, „vielleicht drei Jahre alt, atmete noch“, nachdem die Mutter es in unmittelbarer Nähe der Wasserstelle abgelegt hat; Erwin Piontek möchte dieses Leben retten, nachdem Feldwebel Franke die Mutter erschossen hat, getroffen wird sie „am Nackenansatz der Wirbelsäule“:
‚Das Kind lebt‘, sagte Erwin.
Franke lud das Gewehr durch, hob die leere Hülse vom roten Boden auf.
‚Dieses Mädchen in Windhuk, zu dem ich gehe, sie könnte…‘ – fuhr Erwin fort.
‚Lass‘, sagte Franke. ‚Gehen wir.‘
Erwin stand auf, warf sich das Gewehr über die Schulter, drehte sich um und ging zu den Pferden. Sie ritten weg.
Erwin Piontek gibt nicht selbst die Befehle, aber er befolgt sie, und er kennt die Konsequenzen seines Handelns. So führt er „eine lange Kolonne von dreiundzwanzig Männern, Herero-Kriegern, deren Hälse in eisernen Halsringen durch eine lange Kette verbunden waren“, in das „Konzentrationslager auf der Haifischinsel“, und „er wusste gut, was mit ihnen passieren würde“.
„1904 schlug der damalige Gouverneur Lothar von Trotha den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika brutal nieder – im heutigen Namibia. In einem Vernichtungskrieg wurden rund 50.000 Herero und 10.000 Nama getötet. Nachdem von Trotha im Jahr 1905 abberufen worden war, entstanden Konzentrationslager“, erklärt der Deutschlandfunk.
Diese Vorläufer der bekannteren Konzentrationslager der NS-Zeit gemahnen an Brechts Diktum, der Schoß sei fruchtbar noch, „aus dem dies kroch“. Bei aller erzählerischen Freiheit, die Twardoch sich herausnimmt, bleibt er den historischen Ereignissen doch verpflichtet, so auch, wenn von Heinrich Ernst Göring berichtet wird. Er war der „erste 1886 nach Afrika entsandte Vertreter“, das Datum scheint nicht ganz korrekt: „Otto von Bismarck entsandte Göring im August 1885 als ersten Kaiserlichen Kommissar von Deutsch-Südwestafrika nach Lüderitzbucht.“
Heinrich Ernst Göring wiederum ist der Vater des „hinlänglich bekannten Hermann (…), den Paulek Piontek einmal flüchtig in Russland gesehen hat.“ Paulek ist Erwins Vater, „der an der Ostfront zuvor seine Fähigkeit zur Empathie, die Hoffnung und vier Zehen eingebüßt hatte, die ihm in Stalingrad abgefroren waren“.
Der Bergmann Erwin Piontek aus dem Jahr 2023 steht nicht vor der Entscheidung des Soldaten Erwin Piontek im Jahr 1904, den Befehl seines Vorgesetzten auszuführen oder sich zu weigern; und zwar den Befehl, „einen gewissen Bergdarama auszupeitschen, der angeblich eine Ziege gestohlen hatte.“ Zunächst schlägt Piontek „zu schwach“, doch als die Soldaten ihn anschreien, „er solle nicht so zimperlich sein“, verliert sich dieser kleine Rest an Mitmenschlichkeit, der sich – vielleicht, wir wissen es nicht genau – in den eher lustlos ausgeführten Schlägen zunächst bemerkbar gemacht hat,
und während er schlug, dachte er an seinen Tatulek und die Schläge, die er selbst bekommen hatte.
Niemals hatte er sich dem Vater widersetzt, obwohl er das im Alter von sechzehn Jahren hätte versuchen können. Er tat es nicht.
Solche Jungen wie ihn gab es viele. Hier braucht es gar kein ‚Sagen wir‘.
Die Geschichte wiederholt sich, denn auch der „Bergrentner“ wird 1961 von seinem Vater mit dem Gürtel verprügelt in der Absicht, seinem Sohn den Traum, Seemann zu werden, auszutreiben.
Im dritten Romanteil, wir schreiben das Jahr 2031, lebt ein dritter Erwin Piontek in einem Polen, das sich vergleichen lässt mit der Ukraine nach ihrer Unterwerfung durch Putins Russland. Erwin hat sich mit der neuen Situation arrangiert, er ist promovierter Soziologe, arbeitet aber als „Opel-Fachverkäufer für Firmenflotten von Großunternehmen“. Sein unauffälliges, kleinbürgerliches Glück erinnert an Jean Pauls Definition der Idylle als „Vollglück in der Beschränkung“. Sind wir verwundert, wenn wir erfahren, dass auch dieser Erwin Piontek des Jahres 2031 gerne segelt?
Doch das „Oberhaupt des Volksstaates Polen, Herr Professor Zenon Wilk“, sucht einen Doppelgänger, und Erwin Piontek sieht dem Professor zum Verwechseln ähnlich, nachdem kleinere Manipulationen an seinem Körper vorgenommen wurden.
Wes Geistes Kind ist dieser polnische Staat des Jahres 2031? „Mann, wir schreiben das Jahr 2031, inzwischen sagt man sogar eher ‚Kaffer‘ oder ‚Bimbo‘, ‚Neger‘ ist jetzt ein sehr höfliches Wort, das ich benutze, weil ich, ich betone es noch einmal, ein aufgeklärter und sensibler Mensch bin. Die Welt ändert sich, und du kommst nicht mit.“
Durch einen Militärputsch übernimmt der falsche Zenon Wilk, alias Erwin Piontek, die Macht – scheinbar, steht er doch zunächst, ohne dass die Öffentlichkeit dies bemerken könnte, unter der Fuchtel der militärischen Putschisten.
Es ist das Ziel der meisten Romane, uns in ihre Welt hineinzusaugen, sodass wir während der Lektüre in diese eintauchen und, auch das kann geschehen, wenn wir das Buch aus der Hand legen, eine Weile brauchen, uns wieder in der ‚wirklichen‘ Welt zurechtzufinden. Genau dieses Phänomen konterkariert Twardochs Roman, und damit kommen wir zurück auf den deutschen Titel Sehnsucht. Gegen Ende des Romans verwickelt Twardoch die Figur Erwin Piontek in ein Gespräch mit der Figur des Schriftstellers Szczepan Twardoch. Piontek, alias Zenon Wilk, hat Twardoch entführen und auf sein Segelschiff bringen lassen. Dort zieht er den Autor zur Rechenschaft. Erwin macht Twardoch verantwortlich für sein Schicksal, denn „‚du bist mein Vater, Vater der ganzen Welt‘“.
Wer führt dieses Gespräch? Und wer hat es aus welchem Grund aufgeschrieben? Der fiktive Erwin Piontek, alias Zenon Wilk, spricht mit seinem Erschaffer, dem Schriftsteller Szczepan Twardoch, doch dieser ist einerseits eine Romanfigur, andererseits der reale Mensch und Autor Szczepan Twardoch.
Die Spannung zwischen der Romanwelt, in die wir während der Lektüre eintauchen, und der sogenannten realen Welt wird aufgebaut, um gleichzeitig zerstört zu werden. Das Einvernehmen zwischen Autor und Leser wird aufgekündigt – zu Lasten des Lesers, der erzählten Handlung oder deren Glaubwürdigkeit?
Wir sehen uns außer Stande, diese Fragen zu beantworten. Und vielleicht kann auch der Schriftsteller Szczepan Twardoch sie nicht beantworten. Im Gespräch mit Thomas David gibt er zu Protokoll, wie der Ukrainekrieg sein Schreiben verändert hat:
‚Ich hatte geglaubt, mit Mitte vierzig ein gefestigter Mensch zu sein und keine prägenden Erlebnisse mehr machen zu können‘, sagt Twardoch. ‚Aber die Erfahrung des Krieges hat mich verändert.‘ (…) ‚Ich weiß noch nicht, was genau sie in mir bewirkt hat, aber es ist gewiss, dass sich die Veränderung auch in meinem Schreiben zeigen wird.‘
Die Autorität des Autors, der eine Welt sui generis entwirft, hat für Twardoch, so weit wir sein Werk verstehen, ihre Macht verloren. Auf einem Gemälde von René Magritte mit dem Titel La trahison des images, übersetzt Der Verrat der Bilder, ist eine Tabakpfeife zu sehen, unter der, auf dem Bild selbst, zu lesen ist Ceci n‘est pas une pipe, übersetzt Dies ist keine Pfeife. Natürlich sehen wir auf dem Bild eine Pfeife, und natürlich werden wir zu Zeugen dessen, was Twardoch in seinem Roman beschreibt. Unser Blick richtet sich auf die Werke der Kunst mit der Frage, was sie uns zu sagen haben. Denn die Fiktion, aus der jede Kunst besteht, indem sie sich von dem, was wir Wirklichkeit nennen, unterscheidet, erhebt trotzdem einen Anspruch auf Bedeutsamkeit. Und genau diesen Anspruch scheint Twardoch, wenn nicht abzulehnen, so doch in Zweifel ziehen zu müssen. Die „Erfahrung des Krieges“ hat nicht nur die Person Szczepan Twardoch verändert, sondern wird auch sein Schreiben beeinflussen, so der Autor in seiner Selbstauskunft. Vielleicht geht es Szczepan Twardoch, und mit ihm den Lesern seines neuen Romanes, wie Franz Kafkas Hausvater, der in Sorge darüber ist, dass er nicht ergründen kann, welche Bedeutung dem Wort und dem es bezeichnenden Wesen Odradek zukommt:
Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.
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