Abenteuer Lesen

Historische und zeitgenössische Varianten des Lesestoffs - nicht nur für Kinder

Von Wilfried von BredowRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wilfried von Bredow

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die letzte Reise des berühmten Geographen Ortelius in unbekannte Länder und Territorien war ein Fehlschlag. Keine exotischen Tiere und Früchte, keine Schätze oder andere Beute bringt er zurück, nur einen schiechen, ungelenken Vogel. Und das Land, das er bereist hat, verwandelte sich in eine Schlammwüste. Für diese Enttäuschung muss Ortelius büßen. Erst wird er ausgelacht, dann aber vor dem Großen Geographischen Ketzertribunal angeklagt. Denn er hat sich mit dieser Expedition über ein Gesetz des Landes Orbæ hinweggesetzt. Wer in die Inneren Gebiete gelangen will, muss die Nebelfluss-Deltas durchqueren und sich dabei der Führung der Blindengilde unterstellen. Nur die Blinden können sicher durch die Dunkelheit von Nacht und Nebel gehen; in ihre Hände hat man das Lebensseil zu legen, das jeden Expeditionsteilnehmer mit Vordermann und Hintermann verbindet. Ortelius hat sich nicht daran gehalten - ein Tabubruch. Sind die Inneren Gebiete deshalb zu einer Schlammwüste geworden? Denn weshalb sonst blieb die Expedition so jämmerlich ergebnislos und wurde nur dieser erbärmliche Vogel aus jenem Paradies mitgebracht?

Zur Prüfung begibt sich das Gericht in den Saal der Mutter-Karte. Mithilfe der Reisetagebücher aller Expeditionen erneuern die Kartographinnen Jahr für Jahr die Zeichnungen auf der Mutter-Karte. Man sieht darauf auch die Inneren Gebiete in den verschiedenen Zeiten und mit all ihren Veränderungen, unendlich übereinander geschichtete Landschaften. Vieles ist verblasst und kaum noch entzifferbar. Der Obersten Kartograph ist schon zu alt, um die Einzelheiten der Karte lesen zu können. Diese Aufgabe obliegt einem zehnjährigen Jungen mit besonders scharfen Augen. Er wird das "Palimpsest-Kind" genannt.

Die Mutter-Karte gleicht einem Farbenrausch. Wer das Glück hat, sie betrachten zu dürfen, wird davon verzaubert. Um so auffälliger ist ein kleiner schwarzer Tintenfleck, der sich neuerdings neben den bläulichen Kreisen der Nebelflüsse befindet. Es handelt sich offensichtlich um das Werk eines Übeltäters. Ortelius gibt zu, dass er selbst es war, der heimlich diese Veränderung der Karte vorgenommen hat. Und zwar vor dem Beginn seiner Expedition. Das glauben ihm die versammelten Kartographen nicht. Denn man kann doch nur das einer Karte einzeichnen, was man zuvor gesehen hat. "Und was meinst Du dazu?", fragt Ortelius das Palimpsest-Kind, das tief errötet. Die Mitglieder des Gerichts beugen sich über die Karte und erkennen schließlich neben dem Tintenfleck eine klitzekleine Kritzelei, einen von der ungeübten Hand eines Zehnjährigen gezeichneten schiechen Vogel. Der Ankläger fährt erschrocken zurück, als er erkennt, was die Zeichnung darstellt: nichts anderes als den "Ortelius-Vogel".

Im Mittelpunkt der Geschichten, die François Place (1998) in seinen "Phantastischen Reisen" erzählt, stehen die Abenteuer der Geographen der reichen und weitläufigen Insel Orbæ. Sie halten die Kunst der Kartographie für die Königin der Naturwissenschaften und widmen sich mit großer Energie der kartographischen Beschreibung sämtlicher Erscheinungen, denen sie begegnen. Immer wieder werden Expeditionen ausgesandt, welche die unbekannten Inneren Gebiete jenseits der Nebelflüsse erkunden sollen. Meist kommen sie mit reicher Ernte zurück - fremdartige Pflanzen und Tiere, Früchte und Schilderungen nie zuvor gesehener herrlicher Landstriche. Auch der Forschungsreisende Ortelius ist wegen seiner Expeditionen Unbekannte berühmt geworden.

Nur seine letzte Reise erweist sich als Fehlschlag.

Die "Phantastischen Reisen" sind ein wunderbares Abenteuerbuch, selbst eine Art Palimpsest, übrigens mit einem herrlichen Bild-Teil. Wer sich in seine Geschichten versenkt, durchlebt Abenteuer der unterschiedlichsten Art und macht dabei die Erfahrung, dass sich Abenteuer auf den unterschiedlichsten Ebenen dessen abspielen, was wir die Wirklichkeit zu nennen gewohnt sind.

Abenteuer, meint der dem Pathos heftig zugeneigte Romanist Michael Nerlich (1997), sei überhaupt das Schlüsselwort der Moderne. Seine Bezugstexte, aus denen er diese These herausfiltert, sind die Ritterromane Chrétien de Troyes' aus dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts. Nicht nur die Ritter selbst, sondern auch Nichtadelige, insbesondere die Seefahrer und die Fernhändler hätten damals ein Selbstverständnis der eigenen Lebensweise ausgebildet, das geprägt wurde von dem Wunsch, den als unzureichend empfundenen gegenwärtigen Status zu überwinden, deshalb den vertrauten Lebenskreis zu verlassen und dabei auch Gefahren auf sich zu nehmen, auf der Suche nach etwas, was man nicht genau kennt.

Mit der Moderne hat das zwar auch etwas zu tun, aber es ist ganz und gar nicht darauf beschränkt. Ob man an Gilgamesch denkt oder an Odysseus, an Robinson Crusoe oder an Bilbo Beutlin - immer hat es literarische Figuren gegeben, denen es vergönnt oder auferlegt war, in die Ferne zu ziehen und mit dem Fremden zurechtzukommen. Und immer hat es Menschen gegeben, die davon hören, die darüber lesen wollten.

In dem Wunsch, Abenteuer zu bestehen, ist fast immer die Notwendigkeit eingeschlossen, das Vertraute zu verlassen; zuweilen liegt ihm ein wildes Fernweh zugrunde und immer eine grenzenlose Neugier. Neben den "großen" Abenteuern gibt es aber auch die "kleinen" Abenteuer, und neben den selbst durchlebten Abenteuern gibt es die, von denen erzählt wird, an den Lagerfeuern, in den Spinnstuben, im Radio, oder die man miterlebt, indem man sie durchliest. Das Ferne und das Fremde liegen räumlich oft ganz nah. Die Exotik gehört zwar zu den beliebten, aber keineswegs unumgänglichen Ingredienzien von Abenteuern. Ja, die Sprache selbst kann zu einem Abenteuer werden, vor allem auch für Kinder.

Moses Rosenkranz schreibt in seinem "Fragment einer Autobiographie" (2001), wie ihn als Kind Brentanos "Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia" berauschte, wie ihn die Töne dieser Sprache verzauberten, noch bevor er ihre Inhalte erfassen konnte. Der fünfjährige Yukio Mishima (1986) ist fasziniert von einem französischen Bilderbuch, vor allem von dem Bild eines jungen Ritters, "der auf einem Schimmel saß und ein Schwert in die Höhe hob. Mit schnaubenden Nüstern scharrte das Pferd mit seinen schweren Vorderhufen, der Ritter trug über seiner silbernen Rüstung einen schönen Waffenrock. Sein hübsches Gesicht wurde teilweise durch das Visier verdeckt." Die Sehnsucht nach diesem Bild und all den Abenteuern, die es evoziert, wird zeitweise übergroß. Oder ein Abenteuer beginnt so: "Ich muß acht gewesen sein, als ich in einem Speicher unseres Landhauses unter einem Sammelsurium verstaubten Trödels auf einige wundervolle Bücher stieß ..." (Nabokov 1991).

Zugespitzt gesagt: Abenteuer gehören zum innersten Kern menschlichen Handelns. Sie besitzen und behalten (meistens jedenfalls, obwohl es auch gebrannte Kinder jeden Alters gibt) eine unausweichliche Attraktion, weil der Vorgang des Aufwachsens ja selbst nichts anderes ist als ein Abenteuer, das permanente Einbeziehen von vorher unerreichbar Fernem in den eigenen Handlungshorizont sowie die permanente Auseinandersetzung mit Fremdem, das in den Kreis des Vertrauten stößt. Wir werden in eine Abenteuerwelt hineingeboren. Nirgends wird das deutlicher ausgedrückt, als in den Märchen aller Völker und Kontinente.

Womit wir bei der Lektüre von Kindern und Jugendlichen angelangt sind. Und schon steht man auf der schiefen Bahn eines erzieherischen Funktionalismus: "Lesen ist gut für Kinder und Jugendliche, weil es ..." Und nun folgen je nach Standpunkt die Kataloge mit den Vorteilen, die das Lesen einbringt. Daraus wird dann rasch eine Einschränkung: "Lesen ist gut für Kinder und Jugendliche, sofern es ..." - und dann ist es nicht weit bis zum Dosieren, Domestizieren, Zensieren.

Wenn über Kinder- und Jugendliteratur geredet wird, gehen die meisten erst einmal in die Hocke, angeblich, um in geistige Augenhöhe mit den Adressaten dieser Literatur zu gelangen. Das ist eine unbequeme Haltung. Sie fördert auch nicht unbedingt den Weitblick. Aber es erhöht sich dadurch die Gefahr, dass die Gedanken geknautscht werden und die Stimme gepresst wird. In der Profi-Szene der Kinder- und Jugendliteratur, sie wird dominiert von Pädagogen, Didaktikern und anderen Sozialisationsexperten und weit eine auf den ersten Blick überraschend große Ausdehnung auf, begegnet man nicht selten solchen mit gepresster Stimme vorgetragenen geknautschten Gedanken, sozusagen aus der Hocke heraus formuliert. Das irritiert ein bisschen. Der aquis communitaire der Forschung über Kinder- und Jugendliteratur enthält ein kurioses Gemisch von Definitionen und Begriffs-Differenzierungen: "Kinder- und Jugendlektüre" wird von "intentionaler Kinder- und Jugendliteratur" unterschieden; es gibt entsprechend die Unterscheidung zwischen "intendierter" und "nicht-intendierter", zwischen "sanktionierter" und "nicht- bzw. negativ sanktionierter Kinder- und Jugendlektüre"; eine "spezifische Kinder- und Jugendliteratur" ist etwas anderes als eine "kind- oder jugendgemäße Literatur". Und in jüngster Zeit, bemerkt unser hier zu Rate gezogener Gewährsmann (Hans-Heino Ewers 2000), trifft man auch auf die Bestimmung von Kinder- und Jugendliteratur als "Anfänger- oder als Einstiegsliteratur", wobei der zuletzt genannte Terminus (wieder einmal) die Literatur so ganz nebenbei als eine Art Droge kennzeichnet; vermutlich nicht unbedingt die günstigste Assoziation zum Lesen.

Freilich auch nicht ganz und gar und in jedem Fall daneben. Ich möchte da anknüpfen und mich folglich nicht so sehr mit den zahlreichen Genres der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen, vielmehr mit dem Lesen selbst. Das schließt die Betrachtung von Bildern in Bilderbüchern und Comics ein, und natürlich auch das Vorlesen und vor allem das Vorgelesen Bekommen, übrigens gleichviel, ob man schon eigenäugig lesen kann oder nicht. Vor der Erfindung von Radio, Tonbandgerät und CD-Player war das Vorlesen eine eher innige Angelegenheit im Familien- oder Freundeskreis; mit diesen Technologien hat sich der Vorlese-Kontext verändert. Man kann z. B. allein sein, wenn man etwas vorgelesen bekommt.

Auch wenn diese These über's Ziel hinausschießt und später auch ein Stück weit zurückgenommen werden muss, passt sie als Ausgangspunkt für Überlegungen zur sogenannten kindgemäßen Literatur: Streng genommen, gibt es keine Kinder- und Jugendliteratur, sondern nur Lesestoff. Bis ins 18. Jahrhundert galt dies in unserem Kulturkreis so gut wie uneingeschränkt. Johann Wolfgang Goethe führt in "Dichtung und Wahrheit" eine kleine Liste mit Büchern auf, die im Hause seiner Eltern den Kindern zugänglich waren. Da wurde Literatur für Erwachsene und für Heranwachsende nicht säuberlich getrennt, und vor allem gab es keine Spezial-Unterhaltungsliteratur für Kinder. Gewiss, für die Zwecke der Erziehung und Bildung standen auch früher schon Schriften bereit, aber die muss man wohl eher in die Kategorie der Schul(ungs)-Bücher einordnen (vgl. Brunken 2000).

Dass mit der Aufklärung "Kindheit" und "Jugend" als wenn auch in ihren Altersbegrenzungen schwankende Lebensabschnitte aufgewertet und als grundsätzlich unterschieden vom Leben der Erwachsenen konstruiert wurden, was von Rousseau bis zu den Shell-Studien die Ausbildung einer geschäftigen Kinder- und Jugendkultur-Analyse-Industrie bewirkt hat, sei am Rande erwähnt. Um 1900 wurde von der seinerzeit vielgelesenen Ellen Key sogar "Das Jahrhundert des Kindes" proklamiert (gewidmet "Allen Eltern, die hoffen, im neuen Jahrhundert den neuen Menschen zu bilden"); und gut einhundert Jahre später drückt die Herausgeberin des Lexikons "Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur" ihre Hoffnung aus, dass die von Ellen Key formulierten Forderungen wenigstens jetzt "den Kindern zu ihrem Recht verhelfen werden" (Bettina Kümmerling-Meibauer 1998).

Es mag ja sein, dass aus der Key'schen Perspektive eine Bibliothek mit Text- und Bilderbüchern für jeden einzelnen Lebenszeit-Unterabschnitt von Kindern und Jugendlichen moralisch geboten und erstrebenswert erscheint. Ich halte diese Perspektive indes für falsch. Eine Zweijährige sieht etwas anderes in den Bildern eines Liederbuches als eine Vierjährige, und F. K. Waechters wunderbar tapfer-traurige Geschichte vom "Roten Wolf" verarbeitet ein Fünfjähriger anders als ein Siebenjähriger. Aber viel mehr als auf die genaue Festlegung eines Alters-Fensters für ein bestimmtes Buch seitens Autor und Verlag kommt es doch auf den jeweiligen (Vor-)Lese-Kontext an. Es empfiehlt sich die Gegenprobe: Die qualitativ beste Kinder- und Jugendliteratur muss auch Erwachsenen gefallen und sie in ihren Bann ziehen können. Genau das können z. B. Lewis Carrols "Alice im Wunderland", Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf", Tove Janssons "Das Sommerbuch", Grégoire Solotareffs "Herbstgeschichten", Kenneth Grahames "Der Wind in den Weiden" oder A. A. Milnes "Pu, der Bär" auf unnachahmliche Weise, die letzten beiden besonders dann, wenn Harry Rowohlt sie uns vorliest. Im übrigen ist die Vorstellung ja auch absurd, dass Kinder und Jugendliche alles, was nicht das Etikett Kinder- und Jugendliteratur trägt, (noch) nicht lesen können sollten.

Aber es geht nicht nur um solche Spitzenleistungen, wovon es, dem Himmel sei Dank, gar nicht so wenig in den verschiedenen nationalen Literaturen der Welt gibt - siehe etwa als überaus anregenden und neugierig machenden Überblick Osberghaus (2003). Auch der umfangreiche und ständig wachsende Korpus der, nennen wir sie "Verbrauchsliteratur" für Kinder und Jugendliche, gewissermaßen unter dem Etikett read and forget versammelt, sollte nicht unbedingt scheel angesehen werden. Auch viele Erwachsenen lieben ja ihre Simmels und Pilchers, Liebes- und Kriminalromane mittlerer bis unterer Qualität.

Viele wohlmeinende Eltern sehen nun allerdings die Kinder- und Jugendliteratur als eine Art geistig-seelische Kost an. Diese Metapher bestimmt dann auch ihre diätetischen Auswahlkriterien: Das Kind soll gefälligst Hochwertiges lesen, und je mehr es davon zu sich nimmt, desto kräftiger und widerstandsfähiger werden Seele und Geist. Billiger und trivialer Lesestoff erscheint als literarisch, moralisch oder politische minderwertiges junk food, und "das kommt mir nicht ins Haus!"

Hier kündigt sich also das spießbürgerliche Drama von hoher "Kunst" (= edel, gut und infolgedessen auch irgendwie hilfreich) und niedriger "Unterhaltung" an (= verpönt, weil verderbend). Der Sinn dieser Unterscheidung und vor allem der damit verbundenen Wertungen war immer schon fragwürdig. Was gilt nicht erst alles als trivialer Schund, dem man sich als Kind oder Jugendlicher fernzuhalten hatte, und wird einige Jahrzehnte später als literarisch bedeutsam hoch geschätzt!

Wenn schon die Nahrungs-Metapher, dann aber auch ungeschmälert. Wir alle kennen den sporadischen Heißhunger auf pop corn oder Currywurst. Warum sollte man dabei ein schlechtes Gewissen haben? Abenteuer lesen, das lässt sich ganz herrlich mit billiger Literatur machen. In Deutschland haben ganze Generationen von Knaben und nicht wenige Mädchen mit roten Ohren Old Shatterhand und Kara ben Nemsi in die Prärien Nordamerikas bzw. das wilde Kurdistan begleitet. In meiner Generation hat irgendwann (fast) jeder einmal als Knabe die Heftchen mit den Abenteuern von Billy Jenkins oder Tom Prox oder, später, Jerry Cotton in die Finger bekommen. Deshalb ist bestimmt keiner seelisch verkümmert.

Apropos Tom Prox: Es kommt halt auf den Mix an. Dass Kinder und vor allem Jugendliche sehr schnell die Nase voll haben, wenn sie andauernd eine Literatur aufgenötigt bekommen, deren erzieherische Absicht zum Höheren aus jeder Seite heraustropft, versteht sich von selbst. Gerade in Deutschland hält sich unverdrossen eine Art Propagandaliteratur für political correctness am Leben. Alle Probleme dieser Welt, vom Atomkriegs-Szenario bis zur Wasserknappheit in Afrika werden von Kinder- und Jugendbuchautoren "vereinfacht" in Romanform dargeboten. Vielleicht liegt ja hier eine der Ursachen späterer Politikverdrossenheit.

Nein, so bitte nicht: Abenteuer lesen, darauf kommt es zuerst an. Das literarische Niveau zu erhöhen und die Sicherheit für literarische Qualität zu vergrößern, das ist dann der zweite Schritt.

Wenn nur überhaupt erst einmal gelesen wird. Denn jene oben angesprochene sittliche Unterscheidung zwischen "wertvoller" und "wertloser" Literatur ist heute auch schon deshalb überholt, weil es angesichts der konkurrierenden Medien, mit denen Kinder und Jugendliche von klein auf umzugehen lernen sollen, primär die Neugier und Lust auf's Lesen geweckt und gepflegt werden müssen. Dies ist keine kulturkritisch gemeinte Bemerkung. Aber man kommt um die Beobachtung nicht herum, dass jene anderen Medien, wenn im Kindesalter eifrig und fatalerweise als Alternative zum Lesen benutzt, unter anderem auch die Ausbildung des sprachlichen Ausdrucksvermögens erschweren. Ausnahmsweise sei hier also ein funktionalistisch getöntes Plädoyer für das Lesen formuliert: Wer jung anfängt mit dem Lesen und es beibehält als eine Art, Abenteuer kennen zu lernen, wird späterhin das, was er oder sie sagen möchte, leichter und besser sagen können, treffender auch, und damit viel weniger Missverständnissen ausgesetzt sein.

Nie wieder in unserem Leben ähnelt der Umgang mit der Sprache so sehr einem Abenteuer wie in den Jahren der Kindheit, wenn Töne, Wörter, Sätze, die Bedeutungen lockernde und variierende Kombination von Wort, Betonung, Bild und Körpersprache, wenn Ironie, Paradoxie und Mehrdeutigkeit in riesigen Mengen und mit unglaublicher Geschwindigkeit im Gehirn gespeichert werden und das Gespeicherte auf rasche Abrufbarkeit geordnet wird. Dies ist ein ganz wichtiges Entwicklungsstadium, das als Erwachsener zu beobachten immer wieder neue Bewunderung und Entzücken hervorrufen kann. Denn es handelt sich zwar um eine Art Arbeit, aber um eine glückliche. Man kann dieses Glück fördern: mit (Vor-)Lesen, gemeinsamem Ansehen von Bilderbücher, der Erfindung neuer Geschichten zu den Bildern.

Wenn man das tut, Großeltern sind dazu aus unerfindlichen Gründen besonders gut geeignet, dann fällt einem nicht selten auf, dass viele Zwei- bis Sechsjährige eine ganz eigene, man ist fast geneigt zu sagen: ursprüngliche Sprachbegabung besitzen, nämlich mit der in Versen gebundenen Sprache locker, leichtfüßig und - am liebsten - albern umzugehen. Die ungebrochene Popularität von Mother Goose's Nursery Rhymes und Edward Lears "A Book of Nonsense" in England, der Verse von Ogden Nash und Shel Silverstein in Amerika oder bei uns der Gedichte von Josef Guggenmoos und James Krüss, um nur sie zu nennen, das zeigt uns, wie groß das kindliche Potential zum Spielen mit der Sprache ist. Lässt man es zu lange brach liegen, wird es später um so schwerer, solche Leichtfüßigkeit zu entwickeln.

Worte und Bilder lassen sich bei Kindern leicht in ein Wechselspiel einbinden. Deswegen sind Illustrationen so wichtig. Sie dürfen allerdings nicht als Krücke für die Phantasie verstanden und verharmlost werden, obgleich nicht selten genau das passiert. Sven Nordquists lustig-bizarre Bücher über Pettersson und seinen Kater Findus oder die fiktiven Reiseberichte von François Place stellen zwei besonders gelungene Beispiele von Literatur dar, bei der die Bilder den Text um eine entscheidende Dimension erweitern, ohne dabei zugleich die Vorstellungskraft der Leser in enge Phantasiekanäle zu dirigieren oder gar zu lähmen.

Comics sind in den letzten Jahrzehnten zu einer eigenständigen Gattung geworden, in der (vergleichsweise viel) Bilder und (vergleichsweise wenig) Text auf besonders pointierte Art miteinander verknotet sind. Im 19. Jahrhundert waren u. a. die auf Jahrmärkten vertriebenen "Bilderbögen" und, gleich mehrere Niveau-Stufen höher, die Bildgeschichten von Wilhelm Busch ihre Vorläufer, beides damals nicht unbedingt als Lesestoff für Kinder und Jugendliche gedacht. "Max und Moritz" ist zwar eine ironische gebrochene Bild-Erzählung für Kinder; viele andere Geschichten von Busch, etwa "Die fromme Helene", richteten sich an erwachsene Leser. Im 20. Jahrhundert hat die Entwicklung der Comics einen enormen Aufschwung genommen; die populärsten, also etwa die Abenteuer von Tim und Struppi oder von Astérix und Obélix, werden gleichermaßen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen goutiert.

Die von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gerne und zuweilen sogar mit der fast schon beunruhigend exklusiven Konzentration der Mitglieder von Fan-Klubs besuchten Lesewelten von John Ronald Reuel Tolkin, C. S. Lewis oder Ursula K. Le Guin stehen für den Versuch, das Abenteuer Lesen umzudefinieren und es zu einem Lebensstil-Element zu machen. Das war ursprünglich wohl kaum so beabsichtigt, aber offenbar haben eine Reihe gesellschaftlicher Veränderungen bewirkt, dass die identitäts-bildende Funktion des Lesens, und zwar in Kombination mit anderen Medien und anderem Freizeitverhalten, stärker geworden ist. Darüber wäre noch viel zu sagen.

Statt dessen, es führt kein Weg darum herum, will ich mit ein paar Anmerkungen zum phänomenalen Erfolg schließen, mit dem die Harry Potter-Bände von J. K. Rowling in ganz verschiedenen Ländern (etwa auch in China) die Kinder- und Jugendbuchszene aufgemischt haben. Dass Vladimir Nabokov Harry Potter gemocht hätte, davon hat uns Michael Maar (2002) auf das Charmanteste überzeugt. Mit dieser wunderhübschen kleinen gelehrten Schrift hat Maar vor allem auch jene intellektuelle Spießbürgerlichkeit in ihre Schranken gewiesen, die von den hohen Verkaufszahlen reflexartig auf die niedrige literarische Qualität der Romane schließt.

Auch J. K. Rowling spielt mit dem topos einer Parallelwelt, aber die Gegenüberstellung der Gesellschaft von Zauberern und Hexen auf der einen Seite und der ja auch nicht ganz unattraktiven Muggelwelt auf der anderen bleibt ein Spiel, ebenso wie die starken Identifikationsangebote für die zahllosen Harrys, Hermines, Rons usw. zum Spielen einladen und nicht etwa einen konzentrierten Kinder-Eskapismus befördern. Deshalb habe ich, in Parenthese gesprochen, den relativen Misserfolg der merchandising-Kampagne für Harry-Potter-Spielsachen, Bonbons und dergleichen für vorhersehbar gehalten. Die Zauberspiele und die Abenteuer von Harry, Hermine und Ron benötigen keine vorgestanzten Ausrüstungsgegenstände. Jeder einfache Besen kann zu einem Nimbus 2000 mutieren. Spiel und Abenteuer berühren aber durchaus ernste Angelegenheiten. Der gesamte Gefühlshaushalt der Leserschaft wird in Anspruch genommen. Und so sind die Kindern und Jugendlichen lieb gewordene Lektüre der Harry Potter-Bände und das Abhören der fulminanten Text-Lesungen von Rufus Beck eine zeitgenössische Variante des Abenteuers zu lesen. Auch viele Erwachsene, für die das Lesen die Aura des Abenteuers behalten hat, scheinen sich gerne auf diese Texte einzulassen, ich selbst eingeschlossen.

Abenteuer lesen, damit verhält es sich genauso wie mit den Expeditionen der Geographen von der Insel Orbæ: Wir bringen das mit nach Hause, was in unseren mentalen Karten eingezeichnet ist. Diese aber verändern sich täglich, denn eigene Erfahrungen, Gelerntes und Gehörtes, früher Gelesenes und nebenbei Aufgeschnapptes, Wunschvorstellungen und Normen verbinden sich zu einem Palimpsest. Auch kleine Akte spontaner Kreativität gehören dazu, und sei es nur die krakelige Zeichnung irgendeines schrägen Vogels.

Als Beweggründe für solche Expeditionen, die ja niemals zu einer endgültigen Sättigung der Neugier führen, stoßen wir auf die Freude am Spiel und die Sehnsucht. Beides, denke ich, gehört in den innersten Kreis dessen, was uns als Gattungswesen kennzeichnet, mehr oder weniger unabhängig von den kulturellen, historischen und sonstigen Besonderheiten, in denen Menschen sich befunden haben und befinden. Nicht alle Menschen können lesen. Analphabeten fehlen deshalb nicht die Freude am Spiel und die Sehnsucht. Jedoch wird ihnen das Betreten eines Kosmos vorenthalten, in dem beides erprobt, entwickelt und ausgekostet werden kann wie nirgendwo sonst. Das Glück in unserem Leben fließt aus vielen Quellen. Eine davon ist das Lesen - von klein auf.

[Vortrag zur Ausstellung "Ausgerechnet Kinderbücher" des Marburger Kunstvereins am 27. 9. 2002 im Musiksaal des Ernst von Hülsen-Hauses]

Literatur:

Brunken, Otto (2000). Kinder- und Jugendliteratur von den Anfängen bis 1945. Ein Überblick. In: Günter Lange (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 1. S. 17-96.

Ewers, Hans-Heino (2000). Was ist Kinder- und Jugendliteratur? Ein Beitrag zu ihrer Definition und zur Terminologie ihrer wissenschaftlichen Beschreibung. In: Günter Lange (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 1, S. 2-16.

Titelbild

Yukio Mishima: Geständnis einer Maske.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von H. Hilzheimer.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1986.
151 Seiten, 6,90 EUR.
ISBN-10: 3499156520

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Vladimir Nabokov: Erinnerung, sprich. Wiedersehen mit einer Autobiographie.
Übersetzt aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991.
580 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-10: 3498046594

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Michael Nerlich: Abenteuer oder Das verlorene Selbstverständnis der Moderne. Von der Unaufhebbarkeit experimentalen Handelns.
Gerling Akademie Verlag, München 1997.
400 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-10: 3980335232

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Friedrich Karl Waechter: Der rote Wolf.
Diogenes Verlag, Zürich 1998.
60 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3257008481

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Francois Place: Phantastische Reisen. Vom Jadeland zur Quinookta-Insel. Für Menschen von 9 bis 99.
Übersetzt aus dem Französischen von M.L. Knott.
C. Bertelsmann Verlag, München 1998.
140 Seiten, 7,50 EUR.
ISBN-10: 3570123294

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Bettina Kümmerling-Meibauer: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Ein internationales Lexikon. 2 Bände.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 1999.
1236 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3476012352

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Ellen Key: Das Jahrhundert des Kindes. 5. Aufl.
Vorwort von Sabine Andresen und Meike Baader.
Autorisierte Übertragung aus dem Schwedischen von Françis Maro.
Beltz Verlagsgruppe, Weinheim 2000.
266 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-10: 3407220286

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Moses Rosenkranz: Kindheit. Fragment einer Autobiographie.
Herausgegeben von George Gutu und Doris Rosenkranz.
Rimbaud Verlagsgesellschaft, Aachen 2001.
252 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3890867588

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Günter Lange (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 2: Medien, Themen, Poetik, Produktion, Rezeption und Didaktik.
Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2002.
1015 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-10: 3896766112

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Günter Lange (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1: Grundlagen und Gattungen. 2. korr. Aufl.
Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2002.
566 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-10: 3896766120

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Michael Maar: Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte.
Berlin Verlag, Berlin 2002.
187 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3827004543

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Monika Osberghaus: Was soll ich denn lesen? 50 beste Kinderbücher.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003.
224 Seiten, 7,00 EUR.
ISBN-10: 3423621516

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