Der letzte Intellektuelle

Pierre Bourdieus Invektiven wider die neoliberale Heimsuchung

Von Jörg AubergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Auberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als der französische Soziologe Pierre Bourdieu im Januar 2002 überraschend starb, verschwand der letzte Vertreter des kritischen Intellektuellen, der während des Algerien-Krieges politisiert und radikalisiert worden war und sich auch in den akademischen Institutionen der Soziologie nicht verbiegen ließ. In mancher Hinsicht war Bourdieu ein jüngerer europäischer Cousin des legendären C. Wright Mills, ein Repräsentant einer zornigen, ins soziale und kulturelle Geschehen eingreifenden Soziologie, einer engagierten Wissenschaft, die sich nicht in die schön umgrenzten Refugien einer auf "Neutralität" und Indifferenz bedachten akademischen Profession zurückzog, sondern an allen Punkten der Gesellschaft ein- und angriff. Der kleine Schriftenband "Gegenfeuer" versammelt Aufsätze, Interviews, Reden und Vorträge Bourdieus aus den Jahren zwischen 1992 und 2000 und hat die von Neoliberalismus und Globalisierung bewirkten politischen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse als Generalthema.

Während die Generalstäbe über ihre Propagandamaschinerie permanent in die tieferen Regionen der Gesellschaften die Mär von der Unausweichlichkeit des "Umbaus" des Sozialstaats brüllen und Phrasen wie "Deregulierung", "Flexibilisierung" und "Anpassungsfähigkeit" als Dumdum-Geschosse der neoliberalen Befreiungstheologie in die Menge abfeuern lassen, sind Bourdieus Texte enragierte Widersprüche gegen den totalitären Meinungseinheitsbrei, wie er regelmäßig in notdürftig journalistisch verbrämten PR-Sendungen des Fernsehens aufgetischt wird. Der globale Markt ist kein unausweichliches Schicksal, sondern das Produkt einer mehr oder weniger bewussten konzertierten Politik, welche das in die Gesellschaft gesickerte Gefühl der Prekarität ausnutzt, um die Abhängigen in der Welt gegeneinander auszuspielen und die Profitmarge nach oben schießen zu lassen. In den Augen Bourdieus ist der Neoliberalismus eine "Utopie grenzenloser Ausbeutung", eine "Art fleischgewordener Höllenmaschine", deren Befehlen selbst die Herrschenden zu gehorchen hätten. In der Globalisierung werden Verhältnisse der Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung weltweit vereinheitlicht, rechtlich-politische Maßnahmen mit dem Ziel gebündelt, alle Hemmnisse und Beschränkungen für die Rackets zu beseitigen. Während die konservative Internationale geradezu anarchoid gegen den Staat wettert, bedient sie sich der politischen, diplomatischen und militärischen Macht eines imperialen Staates, um die Globalisierung in ihrem Sinne zu verwirklichen.

Freilich befand sich Bourdieu mit seinem kritischen Projekt in einer paradoxen Situation, da er gezwungen war, Dinge zu verteidigen, die er im Grunde verändern wollte - beispielsweise den Nationalstaat, den er in seinem aktuellen Zustand nicht erhalten wollte. Nichtsdestotrotz galt es in den Augen Bourdieus, seine historischen sozialen Errungenschaften zu verteidigen und auf die Schaffung eines europäischen Sozialstaats hinzuwirken, wobei ihm einerseits eine europäische soziale Bewegung vorschwebte und andererseits eine Art "intellektuelle Internationale", ein kritisches Netzwerk, in dem im Sinne Michel Foucaults "spezifische Intellektuelle" zu einem autonom agierenden "kollektiven Intellektuellen" zusammenfänden. "Dieser kollektive Intellektuelle kann und muss zunächst negative, kritische Aufgaben wahrnehmen", forderte Bourdieu, "das Handwerkszeug zur Verteidigung gegen eine symbolische Herrschaft liefern und verbreiten, die sich heute immer öfter mit wissenschaftlicher Autorität umgibt." Dieser Idealtypus des neuen Intellektuellen sollte als "eine Art Geburtshelfer" für eine politische und soziale Gegenmacht auftreten.

Kritisierte Bourdieu entschieden den in allen Sphären der Gesellschaft verbreiteten Anti-Intellektualismus, der die Einmischung des Intellektuellen als Bedrohung des Deutungsmonopols der Herrschenden zu stigmatisieren suchte, klagte er auch stets die kritische (Selbst-)Reflexivität des Intellektuellen ein und kritisierte die Kollaboration vieler Intellektueller mit den herrschenden Mächten - ob als Mundstücke der neoliberalen Herrschaft, Handlanger der Medienindustrie, die mittels einer aus disparaten Momentaufnahmen zusammengestückelten Repräsentation der Welt an einer "strukturellen Amnesie" und einer umgreifenden Depolitisierung arbeiteten, oder zynische Höflinge der Macht, die den Weg aus den linksradikalen Wahnwelten in die kulturellen Kommandozentralen der Postmoderne gefunden hatten. Obwohl die Intellektuellen als Besitzer kulturellen Kapitals zu den Herrschenden gehörten, konstatierte Bourdieu, unterlagen sie zugleich der Herrschaft. Im strengen (Sartre'schen) Sinne sind diese Intellektuellen (Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler) aber lediglich "Techniker des praktischen Wissens", die die schlechten Verhältnisse, von denen sie profitieren, nicht in Frage stellen. Immer wieder musste sich Bourdieu gegen den Vorwurf verteidigen, er hänge einer untergegangenen Welt mit längst verblichenen Idealen an, doch haben seine Invektiven gegen die "neoliberale Heimsuchung" nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Seine Vorstellung von der "Kritik an jedem im Namen intellektueller Autorität begangenen Missbrauch von Macht" wird jedoch die "Neo-Ints" vermutlich nicht von ihren "reformerischen" Vorhaben abhalten und bei ihnen allenfalls ein Gähnen hervorrufen. Sein historisch-zeitkritisches Erinnerungsbuch "The Sixties" ließ der Soziologe Todd Gitlin vor Jahren mit dem Ausspruch eines alten Rabbis ausklingen: "Es war euch nicht vergönnt, die Arbeit zu erledigen, und dennoch dürft ihr sie nicht aufgeben." Gleiches ließe sich als Motto über das unvollendete Projekt Pierre Bourdieus schreiben.

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Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Mit einem Vorwort von Franz Schultheis.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2004.
227 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3896695118

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