Verfahrene Forschungslage

Der Debattenband „Neuer Antisemitismus?“ belegt, wie schwierig die Konsensfindung in der Analyse des Judenhasses nach wie vor ist

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der älteste Hass der Welt

Vorweg die kurze Beantwortung einiger unvermeidlicher Fragen. Erstens: Darf man die israelische Politik kritisieren? Selbstverständlich darf man das. Nur muss man sich dabei auf dem Boden der Tatsachen bewegen und soll nicht uralte Stereotype der Judenfeindschaft aufgreifen. Selbst wenn einem dies, wie etwa kürzlich der linksliberalen Frankfurter Rundschau, aus purer Ahnungslosigkeit unterläuft, ändert das nichts daran, dass derartige Äußerungen antisemitisch sind. Zweitens: Können auch Jüdinnen und Juden Antisemit*innen sein? Oder: Können Leute, deren beste Freund*innen jüdisch sind, überhaupt judenfeindlich sein? Ja. Es gibt zudem klare Kategorien und Definitionen für derartige Diagnosen, die ausschließen, dass Antisemitismusvorwürfe gegenüber Jüdinnen und Juden willkürlich geäußert werden und damit ihrerseits antisemitisch sind. Dennoch sind hier in der Bevölkerung offenbar große Unsicherheiten die Regel, über die ausführlicher geredet werden muss, wenn sich ein Buch wie das vorliegende die folgende Frage stellt: Gibt es einen neuen Antisemitismus?

Es besteht kein Zweifel, dass der Judenhass international wieder auf dem Vormarsch ist. Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem die internationalen Medien nicht über diesen besorgniserregenden Trend berichten und sich fragen, wie es dazu kommen konnte. Doch wirklich neu ist das, was da passiert, keineswegs. Es handelt sich um den „longest hatred“ (Robert S. Wistrich), den ältesten Hass der Welt. Er existiert nun schon seit gut 3.000 Jahren, wie unter anderem David Nirenberg in seiner fulminanten Studie Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens (2015) eindrucksvoll nachgezeichnet hat. Bestimmte Stereotype und paradigmatische Szenarien dieser wahnhaften Weise, die Komplexität unserer Welt auf eine besonders simple Hass-Formel zu reduzieren, sind seit dem Mittelalter nahezu unverändert in Gebrauch. Nur die Kontextualisierung und die semantische bzw. affektive Vermittlung solcher Vorwürfe haben sich den jeweiligen zeitgenössischen Diskurswandelungen wie der Säkularisierung im 19. Jahrhundert oder der Zäsur Auschwitz immer wieder neu angepasst. Was seit dem 12. Jahrhundert im christlichen Mittelalter die erfundenen jüdischen Ritualmorde an Christenkindern waren, kehrt etwa heute in der Vorstellung des „Kindermörders Israel“ wieder.

Selbst der Zivilisationsbruch der Judenvernichtung zur Zeit des „Dritten Reichs“, der zu einer weitreichenden Ausrottung jüdischen Lebens in ganz Europa führte, vermochte daran nichts wesentlich zu ändern. ‚Neu‘ sind heute lediglich gewisse Formen der Umweg-Kommunikation, die vor allem seit Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, um der propagandistischen Plausibilisierung des alten Hasses einen neuen, akzeptabler erscheinenden Klang zu geben und bestehende Tabus in westlichen, demokratischen Gesellschaften rhetorisch zu umgehen. So werden die „Kindermörder“ heute eben nicht mehr immer gleich offen als „Juden“ identifiziert. Stattdessen wird die alte Verschwörungsphantasie im Gewand sogenannter ‚berechtigter Israel-Kritik‘ wiederbelebt, als pazifistisch, anti-rassistisch oder antikolonial inspirierter „Antizionismus“, der nichts weiter sei als eine legitime Äußerungsform politischen Protestes gegen israelische Menschenrechtsverletzungen. Tatsächlich aber verrät die abstruse Dämonisierung des demokratischen Staats Israel als ein systematisches Programm der planmäßigen Tötung von Kindern, dass sie lediglich ein leicht durchschaubarer Code für die Wiederholung uralter judeophober Phantasiekonstrukte bar jeden Realitätsbezuges ist. 

Ein Band mit Fragezeichen

Dies erklärt das Fragezeichen im Titel des nun erneut aufgelegten und vielfach ergänzten Debatten- und Sammelbandes, den Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Natan Sznaider herausgegeben haben und der vor etwa 15 Jahren erstmals erschien. Mit der Beiträgerin Monika Schwarz-Friesel ist die rhetorische Leitfrage des Buches nüchtern so zu beantworten, dass die Judenfeindschaft bereits „seit Jahrhunderten im abendländischen Denken und Fühlen verankert sowie in wichtigen Schriften und Kunstwerken codiert“ worden ist. Antisemitische Stereotype haben sich demnach „in das kollektive Bewusstsein eingegraben, Sprachsgebrauchsmuster sind sind im kommunikativen Gedächtnis gespeichert“.

Das erklärt z.B., warum heute in der Frankfurter Rundschau plötzlich eine Schlagzeile wie „Der ewige Netanjahu“ auftauchen kann, ohne dass die Redaktionsleitung bemerkte, dass damit der antisemitische NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“ oder auch die damit zitierte Ahasver-Legende aus dem 17. Jahrhundert wieder aufgerufen wurde. Die Angstformel eines untoten Juden, der heimatlos um die Welt wankt, um Furcht, Zwist und Unfrieden zu stiften, wo auch immer er auftaucht, scheint den Blattmachern nach wie vor irgendwie vage geläufig gewesen zu sein, auch wenn ihnen der antisemitische Sinn dieser Geschichte nicht mehr voll präsent war. Doch gerade so kann antisemitische Sprache im Rahmen von „Israel-Kritik“ wieder salonfähig werden und neu in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeist werden.

Der Sammelband Neuer Antisemitismus? eignet sich nicht als stringente Einführung in die Thematik. Vielmehr gibt diese „Fortsetzung einer globalen Debatte“ einen internationalen Überblick über sehr unterschiedliche Standpunkte. Für Kenner*innen der Forschungslage ist diese Diskussion mit zunehmend ermüdenden Kontroversen verbunden, welche die Lektüre teils schwer erträglich machen. Die – abgesehen von den Herausgebern – 18 Beiträger*innen, von denen einer in der Zwischenzeit verstorben ist und manche in der Fortsetzungspublikation ganz neu mit dabei sind, äußern teils diametral entgegensetzte Überzeugungen. Dagegen ist zunächst einmal nichts zu sagen. Dies heißt allerdings nicht, dass damit alle Beiträge als gleichberechtigte ‚Meinungen‘ wertzuschätzen und gegeneinander abzuwägen wären. Vertreten doch manche der hier publizierten Autor*innen Positionen, in denen sogar selbst Elemente jenes ‚neuen Antisemitismus‘ aufscheinen, welcher eigentlich das Thema dieses Buches und seiner kritischen Analysen sein sollte. 

Zumindest kann man zu diesem beunruhigenden Schluss kommen, wenn man dem von Monika Schwarz-Friesel geleiteten DFG-Projekt-Report Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses folgt, der 2018 publiziert wurde und wohl dazu führte, dass die Leiterin der betreffenden Forschungsgruppe der TU Berlin auch selbst in dem Band Neuer Antisemitismus? mit einem Aufsatz vertreten ist, der die Ergebnisse ihrer Untersuchungen pointiert zusammenfasst. Schwarz-Friesel benennt in ihrem Buchbeitrag habitualisierte Abwehr-, Umdeutungs-, Leugnungs- und Bagatellisierungsstrategien, welche die neueren Antisemitismus-Debatten mittlerweile als regelrechte Diskursrituale prägen.

Dazu zählt nach Schwarz-Friesels Beobachtung unter anderem die Behauptung, dass die Kritik an Israel und offen antisemitische Haltungen in der Öffentlichkeit nicht mehr voneinander abgegrenzt würden, obwohl die Forschung klare Kriterien dafür habe. Es werde realitätswidrig behauptet, dass jedwede „Kritik an Israel tabu“ sei, obwohl tatsächlich „kaum ein anderes Land so oft und so scharf kritisiert“ werde wie Israel. Mehr noch: Derartige „Phantasmen“ dienen laut Schwarz-Friesel „einerseits der Marginalisierung der aktuellen Judenfeindschaft, andererseits der Selbstlegitimierung und Rechtfertigung der Sprachproduzenten“. Sie basierten „zu einem großen Teil auf judeophoben Stereotypen“ und würden „ausschließlich im Zusammenhang mit Antisemitismen“ benutzt.

Was die Autorin mit letzterer Bemerkung meint, kann man sich mit folgendem Beispiel klarmachen. Gabriel Bach, 1961 stellvertretender Ankläger Adolf Eichmanns in Israel, berichtet in einem aktuellen Interview mit der ZEIT, wie die Nazis in Auschwitz nach Angaben der Autobiographie des Kommanndanten dieses Vernichtungslagers, Rudolf Höß, über

1.000 jüdische Kinder pro Tag getötet hatten. Die Kinder hätten auf dem Boden um ihr Leben gefleht. Höß schrieb, wie er Kniezittern bekam, während er sie in die Gaskammern stieß – und wie er sich für diese Schwäche schämte. Schließlich habe ihm Obersturmbannführer Eichmann erklärt: „Wir müssen die jüdischen Kinder zuerst töten. Denn wo ist die Logik, wenn man eine Generation von älteren Menschen umbringt, aber die Keimzelle dieser Rasse am Leben lässt?“

Obwohl es aus der Zeit des Nationalsozialismus, in der am Ende allein 1,5 Millionen jüdische Kinder systematisch ermordet wurden, im Gegensatz zum Fall Israels sogar handfeste historische Belege für eine solche Einschätzung gäbe, meint bis heute weltweit niemand, Deutschland sei ein „Kindermörder“, um dann auch noch hinzuzufügen, es handele sich dabei lediglich um legitime „Deutschland-Kritik“, die man heutzutage aber nicht mehr offen äußern dürfe, weil man sonst sofort als „Deutschlandhasser“ geächtet und ausgegrenzt werde. Dass solche Redeweisen weltweit allein auf Israel angewendet werden, nicht aber auf andere Staaten, die sich tatsächlich verschiedenster genozidaler Verbrechen schuldig gemacht haben, diese weiter begehen oder gegenüber Israel offen androhen (wie etwa die Türkei, Syrien, der Iran oder die in Gaza regierende Hamas), verdeutlicht, dass es sich dabei um doppelte Standards und eine exklusive rhetorische Strategie des Verbalantisemitismus handelt.

Kurz: Der ‚neue‘ Antisemitismus zeichnet sich durch eine starke ‚Israelisierung‘ aus. Zusätzlich wird dieser Trend dadurch verkompliziert, dass Israel-Hasser*innen, die sich entsprechender Sprachmuster bedienen und sich damit bereits komplett im Bereich judenfeindlicher Phantasmen bewegen, in der Regel empört von sich weisen, Antisemit*innen zu sein. Ist es doch tatsächlich und vollkommen zu Recht ein Problem, in unserer Gesellschaftlich als Antisemit*in zu gelten – nicht aber, Israels Politik unter rationalen Gesichtspunkten zu kritisieren. Die Kritik an Israel dominiert vielmehr unseren Alltag und die Medien. Deshalb eignet sich dieser Diskurs besonders gut dafür, als rhetorisches Vehikel für antisemitische Äußerungen missbraucht zu werden.

Monika Schwarz-Friesel berichtet in ihrem Buchbeitrag, die Langzeitstudie ihres DFG-Projekts habe gezeigt, dass seriös argumentierende „Sprachproduzentinnen“ etwaige Tabuisierungen einer nachvollziehbaren Kritik an der Politik Israels auch gar nicht vornähmen. Ein zusätzlicher Seitenblick in die Studie „Antisemitismus 2.0“ verrät, dass Schwarz-Friesels DFG-Projekt bei seinen weitreichenden Online-Recherchen noch nicht einmal eine einzige seriöse Gleichsetzung von Israel-Kritik mit Antisemitismus gefunden habe: „Es ergibt sich ein Wert von 0,0%. Damit ist belegt, dass es sich um eine Fiktion handelt.“ Stattdessen sei der Topos des Israel-Kritik-Tabus selbst ein „Phantasiekonstrukt des antisemitischen Diskurses“, das als „Schein-Evidenz frequent verwendet“ werde: „Es stellt ein imaginiertes Tabu als Fakt dar, um sich als Opfer eines ‚Meinungsdiktats‘ zu gerieren und den eigenen Antisemitismus zu kaschieren bzw. als ‚Kritik‘ umzudeuten und damit akzeptabel“ zu machen. 

Noch mehr Phantasiekonstrukte tabusierter „Israel-Kritik“

Aus dieser Perspektive erstaunt es zu sehen, wieviel Beachtung bereits das Vorwort des Bandes Neuer Antisemitismus? dieser Schein-Debatte immer noch schenkt. Sowohl die nachweislich falsche Behauptung, legitime Kritik an Israel werde tabuisiert, als auch die „Vermutung“, dass „Kritik an Israel nur ein Vorwand ist, um antisemitische Ideen oder Gefühle zu artikulieren, bewusst oder unbewusst“, werden hier gleichermaßen mit einer bloßen „Rhetorik des Verdachts“ in Zusammenhang gebracht. Zugleich lägen „wohl beide Seiten mit ihren Verdächtigungen nicht ganz daneben“. 

Diese nicht anders als enttäuschend zu nennende Unentschiedenheit des Urteils in der Einleitung des Bandes ist in der dramatisch gewachsenen weltweiten Gefährdung von Jüdinnen und Juden, deren ritualisierte Anbahnungsformen das Buch endlich einmal messerscharf sezieren sollte, anstatt weiter Zeit mit der unkritischen Nachbetung endlos wiederholter Floskeln zu verlieren, wenig hilfreich. Ist es doch an sich sehr einfach, die hier aufscheinende Unsicherheit auszuräumen: Erfüllt eine sogenannte Israel-Kritik den Tatbestand der offenen Delegitimierung, Dämonisierung und der Benutzung doppelter Standards, so handelt es sich eben nicht um eine rationale politische Einschätzung, sondern um Antisemitismus.

Wer Israel beispielsweise mit Karikaturen attackiert, die an die antisemitische Bilderwelt des nationalsozialistischen „Stürmers“ anknüpfen, wer den israelischen Rechtsstaat mit dem „Dritten Reich“ gleichsetzt und ihm einen „Holocaust“ an den Palästinenser*innen vorwirft, wer den israelischen Ministerpräsidenten mit einem „Ewigen Juden“ gleichsetzt bzw. wer diese Demokratie als „Kindermörder“ oder als „Apartheidsstaat“ bezeichnet, befindet sich schlicht nicht mehr auf dem Boden historischer und politischer Tatsachen, sondern bedient sich einer Rhetorik der genannten drei Ds. Nun befinden sich die Herausgeber des Bands in ihrer Einleitung allerdings in einer Zwickmühle, da in ihrem Buch selbst Texte stehen, die nach Schwarz-Friesels Definition am skizzierten „Phantasiekonstrukt“ dieses antisemitischen Diskurses teilhaben. 

Endgültig von allen guten Geistern verlassen

Allen voran ist hier die Gender-Theoretikerin Judith Butler zu nennen. Aufgefordert, für die Neuauflage des Bands ein Postkriptum zu ihrem Beitrag von 2004 zu schreiben, lieferte Butler gleich einen ganz neuen Text. Es handelt sich um eine flammende Lobpreisung der vielerorts als antisemitisch eingestuften Anti-Israel-Bewegung Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS). Entgegen der Tatsache, dass BDS zum Beispiel von Stadträten und Bürgermeistern in Berlin, Frankfurt am Main und in München bereits als judenfeindliche Vereinigung administrativ in ihre Schranken gewiesen und unter anderem von dem Antisemitismusforscher Samuel Salzborn als „der Intention nach antisemitisch“ bezeichnet wird, behauptet Butler in ihrem Text tatsächlich einmal mehr, zusammen mit der BDS-Bewegung werde heute jedwede Kritik an Israel als antisemitisch denunziert: „Wenn heute auf Antisemitismus hingewiesen wird, dann gilt die Kritik an Israel selbst als Bestätigung dafür.“

So weit, so konsternierend. Butler wehrt sich in ihrem Beitrag zudem gegen eine Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus, wobei sie ersteren allein schon deshalb für gerechtfertigt hält, weil es in Amerika rechtsextreme nicht-jüdische „Zionisten“ wie Steve Bannon gebe. Mit diesem seltsam verdrehten Argument bewegt sich Butler von dem eigentlichen Thema des Bandes weg und verschiebt den Blick auf inner-amerikanische Grabenkämpfe zwischen verschiedenen linken und rechten politischen Lagern. Zudem lenkt die erboste Aktivistin von der Tatsache ab, dass ihr eigener BDS-Antizionismus allein schon mit ihrem Eintreten für das „Rückkehrrecht“ der palästinensischen ‚Flüchtlinge‘ auf eine faktische Auflösung des somit vollkommen delegitimierten Staates Israel abzielt. Unter den Palästinenser*innen ‚vererbt‘ sich dieser Flüchtlingsstatus bekanntlich seit Jahrzehnten ohne jede Schuld Israels immer weiter – und zwar aufgrund der strategischen Integrationsverweigerung der feindlich gesonnenen Nachbarstaaten. Auf der anderen Seite sähe sich die israelische Bevölkerung im Fall einer solchen Masseneinwanderung in ihr geographisch gesehen nur sehr kleines Land einer seit Generationen antisemitisch indoktrinierten großen Mehrheit von Palästinenser*innen gegenüber. 

Damit ist Butlers Behauptung, die Aktionen der BDS-Bewegung richteten sich lediglich gegen machtvolle israelische Institutionen, nicht aber gegen Jüdinnen und Juden bzw. gegen israelische Bürger*innen, bereits ad absurdum geführt. Butler verteidigt eine Organisation, deren irrationale Boykottmaßnahmen sowohl unterschiedslos allen Israelis als auch ungezählten palästinensischen Arbeitnehmer*innen in der Region enormen Schaden zufügen. Die offenbar endgültig von allen guten Geistern verlassene Philosophin liefert in ihrem wirren Pamphlet letztlich selbst Anhaltspunkte dafür, dass auch ihr eigener Antizionismus eben keine bloße „Kritik“ an Israel ist, sondern in ihrer verzerrten Dämonisierung des Landes als Kolonialstaat, der sich lediglich als Demokratie ausgebe, problematische Formeln aufgreift, wie sie für den im Band zu diskutierenden „neuen Antisemitismus“ typisch sind. Dass Judith Butler wie auch der im folgenden Abschnitt kritisierte Historiker jüdischer Herkunft ist, ändert nichts an diesem nüchternen Befund, der sich aus den Definitionen und Grundlagen des Buch-Beitrages von Monika Schwarz-Friesel ergibt.

Israel als Blitzableiter für antisemitische Impulse 

Ähnlich verstörend nimmt sich der ältere Essay des bereits verstorbenen New Yorker Historikers Tony Judt aus, der in der Neuauflage des Bandes unverändert wieder abgedruckt wurde. Entgegen einer Grundregel der Antisemitismusforschung, die besagt, dass der Judenhass auf keinerlei Realkonflikten, sondern allein auf „pathischer Projektion“ (Theodor W. Adorno / Max Horkheimer), also bloßen Phantasiekonstrukten der Antisemit*innen beruht, weist Judt im Jahr 2004 der israelischen Regierung „vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten“ die Mitschuld an den weitverbreiteten antijüdischen Gefühlen „in Europa und anderswo“ zu. Israel habe „erheblich zum Wiederaufleben des Antisemitismus beigetragen“, behauptet der Historiker, um damit einer typischen Täter-Opfer-Umkehr das Wort zu reden, wie sie in den Medien und der Presse u.a. auch in Deutschland seit vielen Jahren zu beobachten ist und die öffentliche Meinung maßgeblich beeinflusst hat.  

Darüber hinaus behauptet Judt allen Ernstes auch noch, die gegenwärtige amerikanische Politik sei „in bestimmter Hinsicht“ an „Amerikas Klientelstaat Israel“ verpfändet, um damit ein gemeingefährliches Phantasma wieder aufzuwärmen, das letztlich auf das antisemitische Fake-Dokument der Protokolle der Weisen von Zion zurückgeht und die islamistischen Attentäter des 11. Septembers 2001 dazu bewog, sich die Türme des World Trade Centers als symbolträchtiges Ziel für ihren antisemitisch inspirierten Massenmord auszusuchen. Es dürfte Judt persönlich ferngelegen haben, sich mit seinem Text in eine solche Nachbarschaft zu begeben. Dass die Politik der USA von Israel aus gesteuert werde, glaubten schließlich auch schon Adolf Hitler und Joseph Goebels. Ähnlich wie Judith Butler wehrt sich Judt jedoch auf Basis seiner fragwürdigen Annahmen dagegen, Antizionismus mit Antisemitismus gleichzusetzen.

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann nimmt demgegenüber eine eher gemäßigte Zwischenposition ein. Sein Text von 2004 ist u.a. deshalb lesenswert, weil darin eine Bemerkung steht, nach welcher der notorische Hate-Speech-Rhetoriker und US-Präsident Donald Trump, der anders als sein Vorgänger Barack Obama die populistische Politik des soeben wiedergewählten israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu massiv unterstützt, selbst als Judenhasser definierbar wäre. Zimmermanns Text macht im Rückblick deutlich, wie sehr sich die Situation seit dem ersten Erscheinen des Bandes im Jahr 2004 verschärft hat, als es trotz der umstrittenen Präsidentschaft Georg W. Bushs noch vollkommen undenkbar war, dass einmal ein unzurechnungsfähiger Clown wie Donald Trump ins Weiße Haus gewählt werden könnte. Bekanntlich behauptete Trump im letzten Jahr, dass der Holocaust-Überlebende George Soros die ‚Konvoys‘ angeblich krimineller und von Muslimen unterwanderter Flüchtlinge an der Südgrenze der USA finanziere. Mit diesen irrsinnigen Lügen im Stil der Protokolle der Weisen von Zion gab Trump jenem Massenmörder, der kurz darauf in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh elf Menschen erschoss, eine mögliche Inspiration für sein Attentat an die Hand.

Dennoch lehnen auch namhafte Antisemitismusforscherinnen wie etwa Deborah Lipstadt in ihrem Buch Der neue Antisemitismus nach wie vor eine klare Aussage darüber ab, ob Donald Trump, dessen Tochter Ivanka zum Judentum konvertiert ist, Antisemit sei. Vielleicht ist eine Antwort auf diese Frage tatsächlich auch gar nicht entscheidend, sondern vielmehr diejenige nach den Effekten der Verschwörungsphantasien und vagen Andeutungen, die Trump u.a. über seinen berüchtigten Twitter-Account verbreitet. Moshe Zimmermann stellte jedoch bereits 2004 in seinem Beitrag zum Band Neuer Antisemitismus? in diesem Zusammenhang klipp und klar fest: „Der Politiker, der antisemitische Anspielungen wagt, die von einer Gruppe als Antisemitismus entziffert werden können, ist selbst Antisemit oder ein Mitläufer des Antisemitismus.“

Ähnlich wie der Historiker Gerd Koenen bemerkt auch der US-Historiker Omer Bartov in dem Postkriptum zu seinem Beitrag von 2004, die Wahl Trumps spiegele die aktuelle Atmosphäre wachsenden Rassismus und Antisemitismus nicht nur wieder, sondern habe diesem Trend „zugleich neue Impulse gegeben und ihn beschleunigt“. Wie viele Beiträger*innen des Bandes geht Bartov in seiner Nachschrift vom Herbst 2018 auf dass antisemitische Massaker in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh ein: „ Wir dürfen dieses Ereignis nicht als die Tat eines Einzelnen abtun, sondern müssen es verstehen als das Ergebnis einer Politik der Anstiftung und der Lügen sowie der Verbreitung von Verschwörungstheorien durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Männer und Frauen an seiner Seite.“ Angesichts dieser bestürzenden Sachlage gibt Bartov zuletzt eine klare Antwort auf die titelgebende Frage des Bandes: „Dies sind nicht länger sichere Zeiten für Juden. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelten sie nicht mehr als wichtiger Teil der Gesellschaften, in denen sie leben, sondern als Akteure, die diese zersetzen.“

Moshe Zimmermann hat allerdings in seinem aktuellen Kommentar zur derzeitigen Forschungslage Wind von Monika Schwarz-Friesels zitierten Einschätzungen zum Israel-Kritik-‚Tabu‘ bekommen und reagiert darauf mit Befremden. Ähnlich wie Butler behauptet auch er, der Staat Israel brandmarke jedwede an ihn gerichtete Kritik als antisemitisch. Zudem weist Zimmermann der israelischen Regierung aufgrund ihrer Reklamierung eines Alleinvertreterinnenanspruchs des Judentums in der Welt wie auch Tony Judt eine gewisse Mitverantwortung dafür zu, dass die Begriffe „Israeli“ und „Jude“ global zusehends gleichgesetzt würden, obwohl etwa die Hälfte der Jüdinnen und Juden in der Welt keine Israelis oder „Auslands-Israelis“ sowie, nebenbei, sogar etwa 25 % der Israelis gar nicht jüdischen Glaubens seien. 

In einer Art Teufelskreis der zionistischen Politik des Landes im Schulterschluss mit rechtskonservativen Regierungen in der westlichen Welt sei „Israel zum Blitzableiter für antisemitische Impulse geworden“, schreibt Zimmermann. Aufgrund dieser teils sicherlich korrekten Darstellung der Situation, an der Israel allerdings selbst nicht ganz unschuldig sein soll, hält Zimmermann die Ergebnisse des DFG-Projekts von Schwarz-Friesel für methodisch problematisch und lehnt die zitierte Einschätzung, die Behauptung eines Israel-Kritik-Tabus sei selbst „antisemitisch angehaucht“, für vollkommen überzogen.

Mit sachlichen Argumenten gegen ein „Weltdeutungssystem“?

Wie dem auch sei: Bei aller berechtigten und dringend notwendigen Kritik an der aktuellen Politik des rechten israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und seinem verlogenen Schulterschluss mit reaktionären, rassistischen und teils sogar offen antisemitischen Regierungen wie denen in den Vereinigten Staaten, in Ungarn, Polen und Brasilien ist die im vorliegenden Band wiederholt nahegelegte Schlussfolgerung, Israel habe es selbst in der Hand, der weiteren Ausbreitung des Antisemitismus in der Welt mit einer bloßen Änderung seiner Staatsführung Einhalt zu gebieten, absurd. Ob Israel nun davon absieht, sich selbst als jüdischer Staat zu definieren und stattdessen die Proteste der BDS-Bewegung ernstnimmt, ob Israels Regierung Mauern zum Schutz vor palästinensischen Selbstmordattentäter*innen errichtet oder wieder abreißt, ob es mit harter Hand gegen illegale Siedlungen in palästinensischen Territorien vorgeht oder nicht, ob der souveräne Staat Raketenangriffe auf seine eigene Zivilbevölkerung mit militärischer Gewalt beantwortet oder nicht, ob die israelische Gesellschaft nun tolerant gegenüber Homosexuellen ist oder nicht – ganz egal, wie sich dieser demokratische Staat verhält, wird es stets irgendwo Antisemit*innen geben, die ihm gerade deshalb die Schuld an allen Übeln dieser Welt geben.

Der Judenhass kann durch Argumente oder die wohlwollende Bereitschaft zur Diskussion mit Antisemit*innen letztlich nicht beseitigt werden. Monika Schwarz-Friesel definiert den Antisemitismus in ihrem Buchbeitrag daher als „konzeptuell geschlossenes, faktenresistentes und von intensiven Negativ-Gefühlen determiniertes Weltdeutungssystem“, das als solches eben „kein Vorurteilssystem unter vielen“ sei, sondern „ein unikales kulturhistorisches Phänomen, das sich gegen die Existenz von Juden und Jüdinnen richtet“. Gleich einem Chamäleon zeichne sich der Antisemitismus seit jeher durch seine „enorme Adaptionsfähigkeit“ aus:

In diesem Weltdeutungssystem wurden (und werden) Juden über die Jahrhunderte hinweg alle möglichen Übel angedichtet: verschwundene und ermordete Kinder, betrügerische Geschäfte, Brunnenvergiftungen, Krankheiten, die Pest, zerstörte Ernten, persönliche Misserfolge, verlorene Kriege, Finanzkrisen. Juden wurden flächendeckend zu Sündenböcken gemacht. […] Je nach sozialer, politischer, ideologischer oder ökonomischer Sachlage nehmen Antisemiten opportun die jeweils an- und auffälligsten Aspekte jüdischer Existenz in den Blick, um sie zu attackieren. […] Mal wurde ihnen zu viel, mal zu wenig Anpassung vorgeworfen. Seit seiner Gründung im Jahr 1948 steht Israel, als wichtigstes Symbol jüdischer Existenz in der zeitgenössischen Welt, im Fokus der Angriffe. 

Dass diesem Staat nun teils sogar in dem vorliegenden Suhrkamp-Band die Schuld an dem „neuen Antisemitimus“ gegeben wird, gibt zu denken. Die hier nur ausschnitthaften Einblicke in die überaus komplexe Debattenlage allein schon innerhalb dieser neu aufgelegten Publikation mögen andeuten, wie verfahren sich die Situation auch innerhalb der Antisemitismusforschung selbst nach wie vor darstellt. Die unterschiedlichen Standpunkte, die der Band Neuer Antisemitismus? dokumentiert, könnten teils gegensätzlicher kaum sein. Auf der anderen Seite bietet das breite Spektrum an Stimmen in diesem Buch immerhin die Möglichkeit, die Schwierigkeit einer schlichtenden Ergebnisfindung in der traditionell an Nickligkeiten und Grabenkämpfen reichen Erforschung des Judenhasses in einem aktualisierten Überblick nachzuvollziehen. Die Leser*innen müssen sich dabei selbst ein Bild der Lage machen und eigene Urteile fällen, denen sich die Herausgeber in ihrem Vorwort eher diplomatisch enthalten haben. 

Neben dem Beitrag von Omer Bartov überzeugen in diesem Buch insbesondere die Aufsätze von Sina Arnold (über die Frage nach der Rolle des Islam und der Migration in der Verschärfung des Antisemitismus in Deutschland und Europa), die zumindest für die amerikanische Geschichtswissenschaft bereits zum Meilenstein gewordenen Hinweise von Matthias Küntzel (zum nachhaltigen Einfluss nationalsozialistischer Propaganda auf den Antisemitismus im Nahen Osten) oder auch die Essays über die Rolle des Internets in der digitalen Beschleunigung antisemitischer Verschwörungsphantasien (von Monika Schwarz-Friesel und Ingrid Brodnig). Kurzum – ein an vielen Stellen sicher problematischer, gerade damit als Debatten-Dokumentation aber auch repräsentativer Sammelband zur Diskussionslage über den ‚neuen‘ Antisemitismus.

Weiterführende Literatur

Jan Süselbeck: Hochmut und Zorn: Donald Trumps Affektpolitik. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen. 255. Band, 170. Jahrgang. 1. Halbjahresband 2018, S. 1­–22.

Jan Süselbeck: „Kindermörder Israel“. Die Affektpolitik des literarischen Antisemitismus und der Judenhass der Gegenwart. In: Der Neue Weltengarten. Jahrbuch für Literatur und Interkulturalität 2017/18 (Abt. III, „Erinnerung und Emotion. Postkoloniale und geschlechtertheoretische Perspektiven“). Hrsg. von Michael Hofmann, Iulia-Karin Patrut und Hans-Peter Klemme. Unter Mitarbeit von Miriam Esau. Hannover: Wehrhan Verlag 2018, S. 237-262.

 

Titelbild

Christian Heilbronn / Doron Rabinovici / Natan Sznaider (Hg.): Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019.
495 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783518127407

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