Rächender Hund und untote Serienmörderin

Udo Fröhlich veröffentlicht 21 bitterböse „Abscheulichkeiten“

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Zeitungsartikel auf Udo Fröhlichs Website verrät, dass der Autorname ein Pseudonym ist. Fröhlich ist er nicht, der Tonfall, der von Autor und Verlag als bitterbös bezeichneten Kurzgeschichten mit dem zutreffenden Titel Abscheulichkeiten und dem immer tödlichen Ende. Der Autor teilt seine Vorliebe für Horror und Grusel offenbar mit seinem Verlag und einem Teil des Lesepublikums. Keine Geringere als die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood (Der Report der Magd) nannte den Horror sogar „eine der literarischsten Textsorten überhaupt“, wie man kürzlich hier lesen konnte. Ebenda findet sich allerdings auch ihre Forderung, das Grauen fein zu dosieren, damit nicht nur noch psychopathische Sadisten das Buch verkraften können. Der Horror wirkt dort überdosiert, wo er Selbstzweck ohne interessante Vorgeschichte ist.

Die erstaunliche Vielfalt der Schauplätze und der Einfallsreichtum bei den Tötungsarten sind Vorzüge des Buchs, jedoch besteht ein deutliches Spannungsgefälle zwischen Geschichten, in denen blinder Zufall waltet, und anderen, in denen ein Feind am Werke ist. An der Sprache ist manches auszusetzen. Auf das Konto des Lektorats gehen Sätze wie: „Sein Pflichtbewusstsein meinte, die Polizei zu verständigen.“ Oder: Brutus ... wollte das böse Ding beißen, was seiner Lisa die Hand abgetrennt hatte.“

Kurze Angaben zu allen 21 Geschichten sollen zeigen, was man bei der Lektüre zu erwarten hat. Im ersten Text, Abstand halten, wird bei einem Patienten nach wochenlangem Koma zu früh der Stecker für die lebenserhaltenden Maßnahmen gezogen. So kommt es zur Einäscherung eines Scheintoten, der mit dem Zeigefinger am Holz kratzt und kratzt. Wer die „schlesische Nachtigall“ Friederike Kempner kennt, wird an deren Grauen vor dem Scheintod erinnert.

Der mordende Mähroboter in 15 Millimeter ist vorstellbar, die menschenfressende Pizza in Calzone nicht. Aber überbordende Phantasie ist besser als dumpfes Grauen wie in Morbides Treffen, wo eine Frau joggend gegen ihren schwabbeligen Körper angeht und dabei, warum auch immer, auf Todeskrähen und einen mörderischen Verfolger trifft. „Die Krähen bekamen gut zu tun.“

Doppelter Boden im Kofferraum eines Ford Granada dient als Versteck für den Täter eines Tankstellenüberfalls; wenig später formt die Schrottplatzpresse das Auto zu einem Quader. Im Wald sieht ein Ast für eine Seniorin aus wie ein Arm mit fingerartigen Verzweigungen. Auch hat der betreffende Baum zwei hölzerne Augen, ein Maul mit fauligem Atem und ruft ihr zu: „Rühr dich nicht!“. Er verschlingt sie, und wie schon in der ersten Geschichte kratzen Finger am Holz. Ein Grund dafür, warum die Natur so erbarmungslos mit der alten Frau umgeht, ist nicht zu erkennen.

Programm sieben ist ein Waschprogramm für Autos, mit Leichenhänden statt Walzenbürsten. Der Cleaner (arbeitet in einer historisch unbedeutenden Burg) muss die Überreste der von ihm zerstückelten Besucher verteilen. Bald wird alles voll sein. „Dann wurde es sicherlich Zeit, den Arbeitsplatz zu wechseln.“ Die Figur ist hassenswert, aber interessant.

Sauber schildert einen Mord per Waschmaschine, und in Harter Job überfährt ein Leichenwagen einen Gärtner, woraufhin dessen Dienstherrin zu Tode stürzt. Ein Hai hat Jans Kumpel Steven beim gemeinsamen Surfen gefressen. Jans Therapeut empfiehlt ihm, sich einem Haimodell im Stralsunder Meeresmuseum zu stellen. Der Plastikhai bringt Jan um, der nach Steven schreit.

Blindgänger: Ein solcher liegt in einem Grab – auch die Geschichte hat diese Bezeichnung verdient. Angesichts unzähliger Körperfetzen und der „durchgevögelten“ Haushälterin eines Pfarrers lässt sich über Geschmack nicht mehr streiten. Betroffen erinnert man sich, dass der Autor die Auswahl der Geschichten dem Verlag überlassen hat. Es sei jedoch erwähnt, dass ebendieser Text der Favorit einer Leserin laut der Internetrubrik „Was liest du?“ war.

Der See wird zum Grab für den ungetreuen Bernd, wo ihn seine Frau und Mörderin mehrmals wöchentlich besucht. Warum man vorher ein Detail von Bernds Liebesspiel mit seiner Sekretärin erfahren muss, erschließt sich nicht. Der Bus wird von einem nach 35 Jahren entlassenen Fahrer mit acht Leichen besetzt und auf der Reisemesse demoliert, wobei auch der Fahrer den Tod findet. „Mit einem Lachen im Gesicht.“ Immerhin hat der Mann ein Motiv für seine bizarre Tat. Asche zu Asche spielt wie die erste Geschichte im Krematorium. Eine untote Serienmörderin bringt einen Angestellten um und macht einen anderen zum Untoten. Horror blank, um seiner selbst willen.

Karl ist ein Dobermann in einer gelungenen Geschichte. Er will sein ermordetes Frauchen rächen und bringt einen harmlosen Menschen um, der eine rote Kopfbedeckung und blaue Schuhe trägt wie der von Karl beobachtete Mörder. Hier wird tödlicher Zufall glaubhaft.

Hangman heißt das Korsett, das der Kleindarsteller Phil in einem Film unter der Regie seines Erzfeindes Greg angelegt bekommt. Greg hat nachts die Schnallen manipuliert, so dass Phil zu Tode kommt. Dafür büßen wird der Verantwortliche für Spezialeffekte; in Arizona gibt es die Todesstrafe. 150 Puls ist zu viel für einen, den der Arzt ins Fitness-Studio geschickt hat. Er verliert die Kontrolle über sich und verursacht den Tod eines Hantelsportlers. Könnte passieren, gibt aber literarisch nichts her.

Leergut will Holger im Automaten loswerden, doch dort verliert er erst einen Arm und dann das Leben. Erwähnenswert findet der Autor, dass dabei eine Pfandsumme auf dem Display blinkt. Mund zu: Der Helm schützt den Kopf des sicherheitsbewussten Radfahrers Georg, hindert aber ein heuschreckengroßes Insekt nicht daran, in seinen Mund zu kriechen und auch noch seinen Kollegen Gunnar umzubringen.

Navi: Die Stimmen von Darth Vader und Bruce Willis gefallen dem Eigentümer des neuen Navis für 300 Euro nicht. Lieber wählt er Luzifer, dessen fiese Redeweise ihm zusagt. Das Navi geht in Höllenflammen auf, und der Volvo wickelt sich um einen Baum. Das teuflische Instrument gehört zu den besseren Einfällen in diesem Buch.

Titelbild

Udo Fröhlich: Abscheulichkeiten. Bitterböse Kurzgeschichten.
Brot und Spiele Verlag, Wien 2023.
192 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783903406193

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