Immer Aerger mit Harry

Margret Schepers’ lesenswerter Roman „… und wir träumten vom Matriarchat“ ist Krimi und Reminiszenz an die Frauenbewegung der 1970er in einem

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 1970er waren ein rebellisches Jahrzehnt. Einen nicht geringen Anteil daran hatte die damals zu einer mächtigen Welle anschwellende Frauenbewegung. So auch in der Universitätsstadt Heidelberg. Sie ist der zentrale Handlungsort von Margaret Schepers’ Krimi … und wir träumten vom Matriarchat. Die Stadt und die historischen Örtlichkeiten, nicht nur der Frauenbewegung, spielen eine große, fast schon tragende Rolle und liefern mehr als nur ein bisschen lokalen Flair. So etwa das „in einem malerischen Hinterhof in der Königstraße, mitten in der Altstadt“ gelegene Frauenzentrum.

Da der Roman von der Frauenbewegung der 1970er Jahre handelt, kommen heiße Diskussionen und nächtliche Belästigungen von Männern ebenso selbstverständlich vor wie Aktionen gegen Pornoshops. Strategisch gehen die Frauen dabei nicht vor, eher nach dem Motto: frau muss „die Kämpfe kämpfen, wie sie fallen“. Und einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen, bedeutet, politisch Stellung zu beziehen. Selbstverständlich ist es auch eine politische Frage, ob frau mit dem (männlichen) Feind ins Bett geht oder mit (Geschlechts-)Genossinnen. Aber Susa, die zentrale Protagonistin, „ist hetero, da gibt es keinen Zweifel. Schade, aber sei’s drum“.

Gelegentlich wird Heidelberg allerdings auch einmal verlassen. So unternehmen die Feministinnen etwa für ein illegales Unternehmen einen kurzen Abstecher in den Kleinen Odenwald. Ein andermal fahren sie zu einer Bewegungsveranstaltung nach Berlin. Dann wieder besucht die Protagonistin Susa ihre Eltern in der norddeutschen Provinz, wo sie in einem Örtchen mit dem sprechenden Namen Niederkathen aufwuchs.

Doch spielt der Roman nicht nur in den Jahren zwischen 1975 und 1978, sondern auch 2018. Ein ungeklärter Kriminalfall verbindet beide Handlungsebenen. Denn alles oder zumindest fast alles, was 2018 geschieht, wird durch die Ereignisse in den 1970ern ausgelöst. Anders als vielleicht zu erwarten wäre, werden die Ereignisse der 1970er Jahre im Präsens erzählt, die von 2018 im Präteritum. Dies erfüllt die Funktion, zu verdeutlichen, welches Geschehen prägender und in diesem Sinn relevanter – aber auch, welches handlungsreicher und somit spannender ist. Das heißt allerdings nicht, dass die Handlung des Jahres 2018 langweilig wäre. Ganz und gar nicht.

Fünf Frauen, allesamt Feministinnen oder doch zumindest mit der Frauenbewegung verbunden, sind die handlungstragenden Figuren. Aus der Sicht von einer von ihnen, Susa, werden die teils dramatischen Ereignisse geschildert. Dabei wird nicht nur, ja nicht einmal vorrangig, das reale Geschehen erzählt, sondern mehr noch Susas inneres Erleben, was sie empfindet und in welche einander widerstreitende Gefühle und Gedanken sie sich immer wieder verwickelt. Oft fühlt sie sich unsicher und unterlegen; zumal an der Uni, wo sie kaum den Mund aufbekommt, und auch bei den Treffen im Frauenzentrum. Beides vollkommen unberechtigterweise. So blüht sie wissenschaftlich auf, als sie ein Promotionsprojekt über eine als Hexe verfolgte Frau namens Maria Holl entwickelt, die in Nördlingen 1593 und 94 nicht weniger als 62 Folterungen überstand, ohne zu ‚gestehen’. Schließlich wurde sie freigelassen. Das war der Anfang vom Ende der örtlichen Hexenverfolgung. Inzwischen ist eine ganze Reihe Fach- und Sachbücher über Holl erschienen, auch wurde sie in einigen Romanen zur literarischen Figur. Aber in den 1970er Jahren wäre Susas Promotionsprojekt bahnbrechend gewesen. Doch gibt die Feministin es nach einem einschneidenden, ja traumatischen Erlebnis auf.

2018 hat sie sich „längst von fast allen Gewissheiten der Siebziger verabschiedet“, fragt sich aber schon, „ob es nicht an der Zeit ist, sich der alten Stärke, des Enthusiasmus, der begeisterten Radikalität von früher wieder anzunähern“. Inzwischen hat sie drei erwachsene Kinder, die zwar ausnahmslos liebenswert sind, jedoch nicht immer in die feministischen Fußstapfen ihrer Mutter treten. So hat sich die nun 34-jährige Lisa schon im zarten Alter von 14 Jahren „zu einer kämpferischen Abtreibungsgegnerin entwickelt.“

Zu Susas wichtigsten und nächsten Mitstreiterinnen der 1970er Jahre zählen Hanna, eine angehende Lehrerin mit Angst vor der Regelanfrage beim Verfassungsschutz und möglicherweise drohendem Berufsverbot. Sodann die nicht immer ganz selbstlose Rosi, oft vorneweg und immer intellektuell. Sie ist es, die später die große Karriere macht. Renate ist hingegen alles andere als eine Intellektuelle, sie bestreitet ihren Lebensunterhalt als Näherin. Einige Jahre älter als die anderen ist sie zu ihnen gestoßen, weil sie vor ihrem prügelnden Ehemann ins Frauenhaus floh. Die letzte im Bunde ist Theresa, ein „Paradiesvogel“ und, wie es damals hieß, eine Flippitante. Sie stammt aus einem problematischen Elternhaus und wurde offenbar als Kind missbraucht, was sich negativ auf ihr Verhältnis zu Männern, ihre Sexualität und überhaupt ihr Leben auswirkt. Anders als die anderen hat Susa diese „Mischung zwischen Amazone und Sex-Ikone“ nicht in frauenbewegten Zusammenhängen, sondern in einem Seminar kennengelernt. Zu den FeministInnen hat Theresa eher ein ambivalentes, wenn nicht gar ausbeuterisches Verhältnis.

Die fünf Frauen leben in wechselnder Besetzung gemeinsam in einer Art Kommune. Zumeist teilen sich Susa, Hanna und Theresa die Wohnung. Ein Zusammenleben, das keineswegs immer harmonisch verläuft. Das erinnert an Gertraud Klemms Roman Einzeller, in dem ebenfalls Feministinnen mit höchst unterschiedlichen Ansichten zusammenleben.

Ebenso wenig harmonisch wie das Zusammenleben verläuft die Arbeit im Frauenbuchladen, den die fünf gemeinsam mit anderen Feministinnen gründen und für den Susa aus rein formalrechtlichen Gründen als Geschäftsführerin fungiert – obwohl er natürlich, wie damals alle Alternativprojekte, kollektiv mit dem Anspruch in Angriff genommen wurde, dass alle alles machen, was sich schnell als undurchführbar herausstellte. Als ebenso problematisch erweist sich die Verwirklichung des Traums von universeller Frauensolidarität und immerwährender Geborgenheit unter den Mitstreiterinnen.

Ein düsteres Geheimnis verbindet die fünf Protagonistinnen und bringt sie, die sich längst aus den Augen verloren hatten, 2018 wieder zusammen. Susa arbeitet nun in der Bahnhofsbuchhandlung. Hannah hat es bis zur Schuldirektorin gebracht, Rosi gar zu einer ZEIT-Kolumne und zum „regelmäßige[n]“ Gast in Talkshows. Theresa steht mal wieder unter der Knute eines Sadisten und Renate hat Heidelberg längst verlassen.

Männer spielen keine sonderlich große Rolle – außer für zahlreiche „One-Night-Stands“, denn die sind „die feministische Spielart der Heterosexualität“. Eine gewisse Ausnahme bildet Karl, der sprechenderweise den Namen des Herrn seiner ideologischen Richtschur trägt. Denn er gehört dem orthodox-marxistisch-leninistisch-maoistischen KBW an, und Mao als Vorname eines wohl um 1950 geborenen Deutschen wäre wenig glaubhaft gewesen. Er ist Susas erster Heidelberger Boyfriend. Eine weitere Ausnahme bildet 2018 Susas Sohn Eddi.

Weit wichtiger aber als Karl ist Harry, der ebenfalls einen sprechenden Namen trägt. Denn ebenso wie die titelstiftende Figur in einem von Hitchcocks Filmen haben die zentralen Figuren, hier ausnahmslos Frauen, ständig Ärger mit dem Kleinkriminellen, der behauptet, das so ‚erwirtschaftete’ Geld den Revolutionären Zellen zu spenden. Auch hat er einen Hang zur Gewalt. Auf Demos prügelt er sich gerne mit der Polizei und beim Sex entpuppt er sich als gemeingefährlicher Sadist. Harry ist nicht nur ein Mann, sondern in gewisser Weise auch der Mann.

Nicht nur Karl und Harry haben sprechende Namen; überhaupt scheint die Autorin gerne ihr Spiel mit ihnen zu treiben und sie enigmatisch zu verschlüsseln. Denn immerhin handelt es sich ja um einen Krimi mit einem Todesfall, und das ist nun mal ein Genre, in dem es gemeinhin so manches knifflige Rätsel zu lösen gilt. So könnte Renates Name darauf anspielen, dass die ehemals verprügelte Ehefrau in und durch die Frauenbewegung wiedergeboren wurde. Der Name Theresa wiederum könnte auf θηρεύω thēreúō und/oder θήρ thēr, die altgriechischen Wörter für für Jagen und Raubtier, verweisen, was nicht ganz unpassend wäre, da der Ursprung des Namens Theresa von einigen WissenschaftlerInnen auf die beiden Wörter zurückgeführt wird. Dass sie zugleich (gejagtes) Opfer ist, spricht nicht unbedingt dagegen. Oder sollte die Titelfigur von Arthur Schnitzlers Roman Therese, Chronik eines Frauenlebens Patin gestanden haben, deren Leben zwar ganz anders verlief als dasjenige von Schepers Theresa, aber doch ähnlich unglücklich war.

Doch genug davon. Weitere Anspielungen und Namensverweise mögen die Lesenden, sofern sie Freude daran finden, während der sehr zu empfehlenden Lektüre selbst entschlüsseln. Wer weiß, vielleicht geht aber auch nur die Phantasie mit dem Rezensenten durch, und er glaubt Intertextualitäten zu sehen, wo gar keine sind.

Ungeachtet der sprechenden (oder vielleicht doch stummen) Namen hat die Autorin wohltuenderweise keinen literarästhetisch überambitionierten Stil gewählt. Auch wirkt das Geschehen alles andere als konstruiert, obgleich schon mal ein eher unwahrscheinlicher Zufall vorkommt. So trifft eine der Feministinnen eine ihrer früheren Schülerinnen 2018 als Kommissarin wieder. Es scheint dennoch eher so, als habe sich die Autorin Figuren mit bestimmten Charaktereigenschaften, Interessen und Einstellungen ausgedacht, sie in das Geschehen geworfen und voller Empathie dabei zugeschaut, wie sie sich darin verhalten. Mit anderen Worten: Sie lässt den Dingen und Diskussionen ihren Lauf.

Abschließend muss aber doch noch einmal auf die sprechenden Namen zurückgekommen werden. Denn auch Susa mit ihrem Interesse für Hexen hat einen solchen, korrespondiert er doch mit Hagazussa, der Zaunreiterin. Es ist dies eine ältere Bezeichnung für Hexen, die der selbst als Hexe beschimpften Hexenforscherin Susa wohl bekannt sein dürfte. Zaunreiterinnen sind ambivalente, aber wissende Figuren, die sich auf dem Zaun zwischen den Welten bewegen oder zumindest beide Seiten sehen. Susa wiederum sieht beide Seiten einer jeden Medaille.

Schepers’ im Alter von 71 Jahren verfasstes Romandebüt nutzt das Genre des Krimis nicht nur, um die Frauenbewegung der 1970er Jahre wieder aufleben zu lassen, sondern ist vor allem gute Unterhaltung im besten Sinne des Wortes.

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Margret Schepers: … und wir träumten vom Matriarchat. Roman.
Kurpfälzischer Verlag, Heidelberg 2026.
303 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783910886179

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