Treppensturz und Draußen-Kater

Katja Schönherr beschreibt in ihrem Roman „Alles ist noch zu wenig“ das schwierige Verhältnis von drei Generationen einer kaputten Familie

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über den Titel Alles ist noch zu wenig kann man ins Grübeln geraten. Welches Gefühl beherrscht jemanden, der so etwas sagt oder denkt? Materielle Gier? Grenzenlose Liebe? Künstlerischer Schöpferdrang?

Ausgesprochen wird der Satz im Buch nicht, doch er könnte der ständige Vorwurf der 84-jährigen Inge Ruck gegenüber ihrem 55-jährigen Sohn Carsten sein. Berechtigt wäre er, denn was der herzlose Egoist an Zuwendung oder tätiger Hilfe aufbringt, ist sehr wenig. Unpünktlich, verlogen und unbeherrscht ist Carsten obendrein.

Der auktorial erzählte Roman beginnt mit Inges Sturz von der ihr seit über 80 Jahren vertrauten Treppe ihres Hauses im ostdeutschen Reihendorf Munßig. Wird der Oberschenkelhalsbruch, nach dem sie vielleicht nie wieder ohne Hilfe gehen kann, den Übergang zwischen alt und richtig alt markieren? Alt ist sie, wie sie weiß, aber nicht richtig alt wie etwa die ewig schnarchende Bettnachbarin im Krankenhaus. 

Sodann wird der Sturz wichtig für Carsten, der angeblich auf Dienstreise in Brüssel ist, was sich bald als reflexartige Lüge erweist, seine übliche Reaktion in schwierigen Situationen. Sehr früh konnte Carsten „ich“ sagen, und Inge hatte den kleinen Burschen mit den strahlenden Augen lieber als den zwei Jahre älteren Bruder, den bockigen Jens. Doch von ihr hat er die Unfähigkeit geerbt, über Gefühle zu sprechen, sich in andere Menschen zu versetzen und auch mal um Entschuldigung zu bitten. Carsten glaubt allen Ernstes, er habe es zu etwas gebracht, weil er sein Auto mit einem Knopfdruck öffnen und schließen kann.

Schließlich kommt er doch nach Munßig. Sein Heimatdorf hat viele Einwohner und alle Läden eingebüßt, nur die Schnapsbrennerei arbeitet noch. Carsten reist aus Berlin an, wo er Marketingchef einer Produktionsfirma für Frischhaltebeutel ist, und bringt Tochter Lissa mit, die nach der Scheidung ihrer Eltern lieber bei ihm wohnt als in dem Haus, das ihre Mutter und deren neuer Partner umbauen wollen. Zuweilen findet sie alle anderen Menschen zum Kotzen, weil sie sich zu wenig Gedanken über die Welt und ihre Gefährdung machen. Lissa meint, Carstens Hände seien verdreckt vom Bullshit, den er in seinen Computer tippt. Älteren Leuten traut Lissa nicht zu, falsche Verhaltensweisen aufzugeben. Sie lebt vegan, doch die klugen Sprüche sind bei der Schülerin noch nicht durch Lebenserfahrung grundiert. Von Berlin will sie niemals weg, doch für die Metropole findet sie sich zu sensibel, während „Großstadtgewächse“ ihrer Meinung nach alles ausblenden, was sie nicht betrifft.

Über die Reaktion seiner Mutter auf sein Eintreffen macht sich Carsten keine Illusionen – entweder wird sie an seiner Kleidung herummäkeln oder mürrisch äußern, dass er sich also doch noch blicken lasse.

Inge mit ihrem neuen Hüftgelenk hängt nicht am Leben, will aber auch nicht tot sein. Die Physiotherapie erleichtert ihr nach der Operation das Gehen mit den Stützkrücken, die sie „Gehilfen“ und nicht „Gehhilfen“ nennt. Auch im Haus kommt man voran, Carsten besorgt ein Babyphon und einen Nachtstuhl. Er räumt, wenn auch ungeschickt, die Möbel um, so dass Inge im Erdgeschoss wohnen und schlafen kann.

Auf dieser Treppe im Haus stürzte der fünfjährige Carsten und log, Jens habe ihn geschubst. Das brachte dem Älteren einen tagelangen Hausarrest bei schönstem Winterwetter ein. Die „herbeigeschwiegene Harmonie“ der Eltern bekam einen Riss, weil der Vater meinte, die Mutter hätte aufpassen müssen. Und Jens, der sich das Zimmer mit Carsten teilen und Abend für Abend dessen abfällige Bemerkungen anhören musste, ging später nach Amerika und brach mit der Familie. Vorher hatte er seinen Eltern gesagt, er möge Männer lieber als Frauen. Die Reaktion? Mutter: „Papperlapapp!“ Vater: „Reiß dich einfach zusammen!“ Am Telefon sagt Jens zu Carsten, er komme erst nach Munßig, wenn die Mutter im Sterben liege. Dann werde er sie wissen lassen, dass sie alles verbockt hat.

Mies hat sich Carsten auch gegenüber der Nachbarstochter Ulrike verhalten, die ihm jetzt dennoch beim Räumen hilft. Eine labile Beziehung mit insgesamt sechs Trennungen brachte Ulrikes Mutter in Wut. Sie nannte ihn einen „Hallodri“, der die Finger von ihrer Tochter lassen solle. Nun ist sie sterbenskrank und spuckt ihn an. Da dämmert ihm, dass sie ihn stets für ein „Arschloch“ gehalten hat. Nach längerem Schweigen sagt Ulrike, ihre Mutter habe ihn von Anfang an richtig eingeschätzt. Damit ist sie ihn los.

Die lebenstüchtige Ulrike regt Lissas erotische Fantasie an, wobei man, ohne prüde zu sein, auf Details gern verzichten würde. Als Lissa wieder bei Ulrike aufkreuzt, wird sie mit den Worten weggeschickt, Ulrikes Mutter verabschiede sich gerade und die Familie Ruck solle ihre Probleme selbst lösen.

Inge hat zwei große Probleme: Pflegestufe und Altersheim. Als es um die Pflegestufe geht, redet sie ihre Einschränkungen klein, während Carsten übertreibt – die Gutachterin fällt auf beides nicht herein. Ins Heim will Inge keinesfalls, ein Probebesuch dort bestärkt sie in ihrer Abneigung.

Lissa lässt sich zu dem Versprechen hinreißen, Oma Inge – für sie ein „Opfer des Patriarchats“ – müsse nicht ins Heim. Sie redet nicht nur, sondern schenkt auch menschliche Nähe und streicht Inges geliebte Gartenbank lila an.

Carsten hat erotische Träume, in denen seine Chefin und eine Kollegin eine Rolle spielen. Die Realität ist weniger traumhaft: Die Chefin macht jene Kollegin zur Marketing-Chefin.

Das in Kapitel ohne Nummern eingeteilte Buch wird größtenteils im Präsens erzählt; zuweilen gibt es Rückblicke in der Vergangenheitsform. Die Sprache ist geschmeidig und genau; die Dialoge sitzen. Bildhaft wird es an geeigneten Stellen auch, zum Beispiel träumt Inge einen porösen Traum, durch dessen Löcher immer wieder Gedanken dringen. Bei aller Ernsthaftigkeit für die Probleme alter Menschen und zerrütteter Familien fehlt es nicht an Humor. Da funktionierte die Ehe von Richard und Inge, „weil die Aufgaben klar verteilt waren: Inge machte alles, und Richard machte nichts.“ Makaber wird es nur einmal: Als Carsten die Friseurin fragt, ob es noch lange dauern wird, wird er falsch verstanden. Auch Inge hört die Antwort, es könne sich ziehen, ihre Mutter sei gerade 91 geworden.

Das Buch wird durch einprägsame Nebenfiguren bereichert. Genannt seien ein bärbeißiger, aber hilfsbereiter Nachbar, eine barsche alte Ärztin und Inges lebenslustige und kontaktfreudige Freundin.

Katja Schönherr bringt den Roman geschickt und glaubhaft auf dem goldenen Mittelweg zwischen einsamem Sterben und „Happy End“ zum Abschluss: Ein Gehstock hat Inges Krücken abgelöst, als der Herbst durch die Luft säuselt. Carsten macht sich wie immer ungeduldig davon, doch Kater Zorro aus der Nachbarschaft, der Inge schon immer gern im Garten besucht hat, schlüpft erstmals ins Haus, obwohl er doch ein „Draußen-Kater“ ist. Er rennt die steile Treppe hinauf, dreht sich um und fordert Inge miauend auf, ihr zu folgen.

Titelbild

Katja Schönherr: Alles ist noch zu wenig.
Arche Verlag, Hamburg 2022.
320 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783716028018

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