Akademische Ränkespiele

In „Herbarium, giftgrün“ verbindet Gert Ueding Krimi und Campusroman – doch leider bleibt der Roman trotz eines interessanten Plots aufgrund farbloser Protagonisten und klischeebehafteter Figuren eher blass.

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Eberhard Karls Universität Tübingen ist eine der ältesten Universitäten Europas. Hier studierten bekannte deutsche Dichter und Philosophen wie Hölderlin, Uhland und Hegel. Und große Namen unter den Lehrenden, so etwa Ernst Bloch, Walter Jens und Hans Küng sorgen bis heute dafür, dass sie zu den renommiertesten Hochschulen in Deutschland zählt.

Sollte ausgerechnet hier der Tod einer Studentin, die in einem Hörsaal des Brechtbaus leblos aufgefunden wurde, kein Unfall gewesen sein? Es sieht ganz danach aus, denn nicht nur die Umstände ihres Ablebens sind mysteriös: Bei einem Essen für die Unterstützer der Universität steckt ein Germanistikprofessor dem jungen Maler Max Kersting einen kleinen Klebezettel zu, den er in den Unterlagen der Toten gefunden hatte. Die wenigen Notizen darauf – unter anderem ist von einem ‚Herbarium sidereum‘ die Rede – sind eher kryptischer Natur, wirken aber so, als ob sie eine versteckte Drohung enthalten.

Die Neugierde Kerstings ist geweckt. Sein Verdacht, dass hier jemand unbedingt die wahren Hintergründe des Todesfalls unter Verschluss halten will, erhärtet sich, als ihn zwei maskierte Männer später vor seiner Haustür brutal überfallen und das Ziel ihres Angriffs der kleine Klebezettel ist. Als dann noch obendrein am nächsten Tag ein Pflasterstein durch ein Fenster seines Hauses fliegt, beginnt er, den Einschüchterungsversuchen zum Trotz, auf eigene Faust mit Nachforschungen zu dem mysteriösen Zettel und der toten Studentin. Diese bringen ihn an seine ehemalige Alma Mater zurück und führen immer tiefer hinein ins akademische Milieu. Seine Recherchen fördern dabei nicht nur zutage, dass dort Neid, Profitgier und Betrügereien an der Tagesordnung sind, sondern auch, dass selbst vor einem weiteren Mord nicht Halt gemacht wird…

Vielen Philologinnen und Philologen ist der Alfred Kröner Verlag, der 2019 den Deutschen Verlagspreis erhielt, ein Begriff. Mit seinen Gesamtdarstellungen, Nachschlagewerken und Klassikern ist er seit 1904 aus dem akademischen Leben nicht wegzudenken. Nun zeigt man sich dort mit der „Edition Hubert Klöpfer“ von einer neuen Seite. Gert Uedings Roman Herbarium, giftgrün ist einer Buchtitel, mit der sich der Verlag seit dem Frühjahr 2021 nun auch der aktuellen deutschsprachigen Literatur widmet.

Leider hält der Inhalt des Romans nicht ganz, was die schöne Gestaltung des Buches verspricht. Zwar kann man Gert Ueding durchaus bescheinigen, dass er es als ehemaliger Rhetorikprofessor der Universität Tübingen und als Literaturkritiker (u. a. in der Jury zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels) versteht, die Elemente eines Krimi und eines Campusromans zu einem spannenden Plot zu vereinen. Doch auch wenn dies eine wunderbare Basis für einen gelungenen Roman ist, springt der Funke bei der Lektüre nicht wirklich über.

Das liegt zum einen an der sprachlichen Uneinheitlichkeit des Werkes, das innerhalb weniger Zeilen von umgangssprachlichem Jargon zu einem eher angestaubt-betulichen Stil und zurück springt. Zum anderen ist dies aber auch der Konturlosigkeit der Figuren geschuldet. Diese wirken oft sehr stereotyp und lassen prägende Ecken und Kanten vermissen. Insbesondere der Protagonist bleibt eher blass in seiner Erscheinung. Hier hätte man mehr Wert auf die Ausgestaltung eines individuellen, vielschichtigen Charakters legen sollen, als auf das Klischee eines einzelgängerischen „Womanizers“ zu setzen.
 
Dem Werk mit seiner interessanten Verbindung von Kriminalgeschichte und Kritik am modernen Wissenschaftsbetrieb hätte nicht nur in dieser Hinsicht ein kundiges Lektorat gutgetan. Dies wäre zudem in orthografischer Hinsicht (Groß- und Kleinschreibung, Kommasetzung, Verwendung von Apostrophen…) bitter nötig gewesen. Eine solch hohe Fehlerquote kann man einem Verlag dieser „Liga“ nur schwer verzeihen und hier sollte bei einer Zweitauflage auf jeden Fall noch einmal Hand angelegt werden. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso man sich dem wunderbaren Einband mit seiner dunkel-floralen Farbgebung mit so viel Sorgfalt widmete, während man im Innern so viele Schludrigkeiten durchgehen ließ.
Doch auch wenn es kein ganz ungetrübtes Lesevergnügen ist, so ist der Roman – auch dank seiner überraschenden Auflösung am Ende – dennoch eine ganz unterhaltsame Lektüre.

Titelbild

Gert Ueding: Herbarium, giftgrün.
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2021.
340 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783520753014

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