Jeder auf seine Art und Weise

In Ilia Vasellas Roman „Windstill“ scheint die Zeit für einen Tag still zu stehen

Von Stefan FüllemannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Füllemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer schon einmal Urlaub in einem Gästehaus mit anderen Erholungssuchenden gemacht hat weiß, welchen Charme eine solche Feriengemeinschaft auf Zeit haben kann. Jeder hat zwar sein eigenes Zimmer, ansonsten herrscht aber ein zwangloses Mit- und Nebeneinander: Egal ob beim gemeinsamen Kochen in der Gemeinschaftsküche, beim Spielen der Kinder im Garten oder beim Zusammensitzen in lauen Sommernächten mit einem Glas Wein.

In einem solchen Rahmen spielt auch die Handlung von Ilia Vasellas Debütroman: Südfrankreich, am Rand der Pyrenäen, ein Landschloss mit morbidem Charme an einem heißen Sommermorgen. Das Schloss beherbergt zu dieser Zeit eine Vielzahl unterschiedlicher Gäste. Da sind Franz und Marie, die schon seit vielen Jahren zum malenden Herbergsvater Pierre und seinem Sohn Gian kommen. Oder der Jugendliche Nick, der in seinen Sommerferien seine Französischkenntnisse aufbessern soll. Auch Stephan und seine Tochter Lara wohnen in einem der Gästezimmer. Ebenso Dorothea und Mauro mit ihren Kindern Rosa und Emil, die zum ersten Mal zu Gast sind. Komplettiert wird die Gemeinschaft von Odile, die zur Miete in Pierres Landschloss lebt und ihn im Alltag unterstützt. Alle wollen entspannte Tage verbringen.

Doch dann stolpert Marie beim Wäsche holen auf den Stufen zur Terrasse. Sie stürzt und ist auf der Stelle tot. Dies geschieht direkt zu Beginn des Romans. Mit diesem Auslöser startet die eigentliche Handlung. Nichts ist mehr normal. Der Alltag gerät aus den Fugen. Jeder der Anwesenden versucht auf andere Art und Weise mit dem Erlebten fertig zu werden und die Stunden nach Maries Tod zu gestalten. Doch egal wer was macht, der Tod von Marie hinterlässt bei jedem seine Spuren. Der Leser ist ganz nah dabei, wenn es um die Frage geht, was ein solches Ereignis mit uns macht. Wie reagieren wir auf etwas so Unvorhergesehenes?

Zum Beispiel Franz, der Ehemann: Er steht neben sich und wird immer wieder von Erinnerungen an seine Frau, mit der er über 20 Jahre verheiratet war, übermannt. Oder Odile und Dorothea, die das Heft des Handelns in ihre Hände nehmen. Anscheinend wissend, wie man mit dem Tod umgeht und was in der Trauer hilft. Es muss ja irgendwie weitergehen. Der Pragmatismus lässt grüßen.

Der Leser merkt den Figuren an, dass diese mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert werden. Die einen reagieren darauf mit Nähe, die anderen mit Distanz. Die einen werden laut und kommunikativ, die anderen leise und in sich gekehrt.

Das alles sorgt dafür, dass Windstill nicht an der Oberfläche bleibt, sondern eindringt in das Innere der handelnden Figuren und des Lesers. Es wird deutlich, dass sich alles schlagartig ändern kann. Von einer Sekunde auf die andere. Und obwohl alles ganz schnell gehen kann, erzählt Ilia Vasella quasi in Slow-Motion. Nichts ist unbedeutend an solch einem schicksalhaften Tag, an dem die Zeit scheinbar stehen bleibt.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass das eigene Leben weitergeht und für jeden ein eigenes Schicksal bereithält. Jeder Tag hat seine Abzweigungen und fordert notwendige Entscheidungen von uns. Es ist der Wechsel zwischen Festhalten und Loslassen – immer wieder aufs Neue.

Titelbild

Ilia Vasella: Windstill.
Dörlemann Verlag, Zürich 2021.
160 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783038200874

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