Zur deutschen Geschichte des Linkssozialismus und des Judentums

In memoriam Jost Hermand (1930-2021)

Von Rüdiger ScholzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rüdiger Scholz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In Jost Hermands vorletztem, 2020 erschienenen Buch „Völker, hört die Signale!“ Zum Bekennermut deutsch-jüdischer Sozialisten und Sozialistinnen vor 1933 sind elf Personenporträts unter den Stichworten Linkssozialismus und Judentum versammelt, keine isolierten Essays, sondern ihre Auswahl und Anordnung dienen der Darstellung der Geschichte der deutschen sozialistischen Bewegung vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sowie den anderthalb Jahrzehnten danach – und zugleich der Geschichte des deutschen Judentums in diesem Zeitraum.

Jüdischer politischer Sozialismus

Die Einleitung ist ganz der Geschichte der deutschen jüdischen Bevölkerung gewidmet. Hermand möchte, dass „alle politisch bewussten Deutschen nicht aufhören, sich an die anfänglich so erfolgreich verlaufende Geschichte der jüdischen Bevölkerungsschicht in ihrem Land zu erinnern, die im Jahr 1933 ein so fatales Ende fand.“ Die Darstellung widmet sich aber nicht allgemein jüdischen Intellektuellen, sondern die Auswahl konzentriert sich auf Persönlichkeiten, die nicht allein viele Schriften veröffentlichten und hinterließen, sondern die eine politische Rolle in der Geschichte des deutschen Sozialismus gespielt haben, Teil der historischen Niederlagen des deutschen Linkssozialismus und Kommunismus sind und die Verfolgungen, Inhaftierungen, Misshandlungen bis zur Ermordung ausgesetzt waren.

Trotz der Einleitung geht es in Hermands Buch nicht vorrangig um die Geschichte der deutschen Juden und Jüdinnen, sondern um die politische Geschichte des deutschen Sozialismus, worauf das Zitat aus der „Internationale“ im Titel hinweist. Die Porträts sind chronologisch nach den Lebensdaten geordnet, und die Personen sind so ausgewählt, dass die verschiedenen Richtungen innerhalb der Linken und der Judenfrage repräsentiert werden.

Die Porträts und das Umfeld

Porträtiert werden: Moses Hess (1812-1875), „der Nestor des Sozialismus in Deutschland“, der frühe Karl Marx (1818-1883, porträtiert bis 1848), der „Arbeiterführer“ Ferdinand Lassalle (1825-1864), der Revisionist Eduard Bernstein (1850-1932), der Anarchist Gustav Landauer (1870-1919, ermordet), der bayerische USPD-Ministerpräsident Kurt Eisner (1867-1919, ermordet), Rosa Luxemburg (1871-1919, ermordet), der Reiseschriftsteller Arthur Holitscher (1869-1941), der Dichter Ernst Toller (1893-1939, Suizid), die Kommunistin und Antistalinistin Ruth Fischer (1895-1961) und der Romancier und Reiseschriftsteller Georg Heller (1897-1945, Tod nach Todesmarsch von Auschwitz nach Mauthausen).

Darüber hinaus werden zahlreiche weiteren Personen genannt, von Gleichgesinnten und Gruppen, in denen sich die Porträtierten bewegten, so dass die verschiedenen politischen Strömungen in der Geschichte des deutschen Sozialismus plastisch hervortreten. Hermand nennt dabei eine Vielzahl von Bünden und Vereinen, die in der Geschichte eine Rolle gespielt haben.

Die Porträts folgen den Epochen der ereignisreichen deutschen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Mit Moses Hess, dem frühen Marx, Ferdinand Lassalle und Eduard Bernstein wird der Weg vom „Manifest der kommunistischen Partei“ bis zur Revision des Marxismus in der SPD dargestellt. Die Spaltung der Arbeiterschaft durch die Gründung der USPD und nachfolgend der KPD kulminiert in den Kämpfen nach der Revolution 1918/19. Mit den Porträts von Gustav Landauer, Kurt Eisner, Rosa Luxemburg und Ernst Toller wird die Geschichte der revolutionären Linken und ihrer Niederlage erzählt. Mit Arthur Holitscher, Ruth Fischer und Georg Heller thematisiert Hermand die Entwicklung Russlands nach der Revolution und den Stalinismus.

Die Positionen

Die Geschichte der deutschen Juden ist zwar nicht nur Teil der Geschichte des Sozialismus, aber eng mit ihr verknüpft. Hermand zeichnet noch einmal die Problematik und die Rolle der Linkssozialisten bei Lösungsansätzen. Es wird immer wieder deutlich, in welchem Dilemma sich deutsche Juden nach Auflösung der Ghettos und angesichts des rasant zunehmenden Nationalismus befanden. Bis zur Liberalisierung waren sie Angehörige eines Volkes ohne Staat. Danach empfand sich die Mehrheit als Deutsche mit einer besonderen Religion. Ein kleinerer Teil, die Zionisten, betrieb die Etablierung als eigenständige Nation – in Palästina. Im Schwinden begriffen waren die Kosmopoliten, die jede Identität als eigenständiges Volk und auch die Identität als Bürger jener Nation, auf deren Boden sie lebten, ablehnten, sich als Weltbürger verstanden.

Die staatliche Einordnung wurde dringend im Ersten Weltkrieg, weil sich die wehrfähigen Männer entscheiden mussten, ob sie sich als deutsche Soldaten am Kampf gegen die Franzosen beteiligen sollten. Nach 1933 stand die Frage eines eigenen Territoriums im Vordergrund, eines eigenen Staats der Juden, ob in Russland oder Palästina. Der jüdische Staat wäre, so Hermand, „ohne die grausamen Maßnahmen der Hitler-Regierung und die danach einsetzende antikommunistische Propaganda im sogenannten Westen vielleicht nie Wirklichkeit geworden.“

Das erste Porträt ist Moses Hess gewidmet, der zum Kreis um Marx, Engels und Ruge gehörte, dem „Bund der Kommunisten“ beitrat und dort agierte, aber neben Karl Marx verblasste und fast vergessen wurde: „In dem Maße wie die Leuchtkraft des Namen ‚Karl Marx‘ ständig zunahm, verlosch der Name ‚Moses Hess‘ schnell im Dunkel der Vergangenheit.“ Hess setzte sich schon vor 1848 für die Gleichheit der Geschlechter, die Abschaffung des Privateigentums, das Recht auf Arbeit, gegen den deutschen Chauvinismus, gegen den Hass auf die Franzosen, für die Völkerverständigung ein, und er propagierte den Zusammenschluss aller europäischen Juden mit dem fernen Ziel eines eigenen Staates.

Beim frühen Marx betont Hermand den Bekennermut des kaum 20jährigen zu einer ihn gefährdenden öffentlichen Kritik an der sich entwickelnden europäischen Industriegesellschaft. Marx, der 1845 seine preußische Staatsbürgerschaft aufgab, um vor Verfolgung sicher zu sein, suchte die Zusammenarbeit mit Engels im neu gegründeten kommunistischen „Korrespondenz-Komitee“ 1846. Betont wird seine frühe „Analyse der materialistischen Voraussetzungen der durch die Industrialisierung der menschlichen Produktivkräfte geschaffenen Gesellschaftsverhältnisse“, „die welthistorische Konsequenzen größten Ausmaßes bewirkte.“

Den in Breslau geborenen Ferdinand Lassalle würdigt Hermand als einen preußisch gesinnten Arbeiterführer, der als Intellektueller – im Gegensatz zu dem zumeist antipreußisch gesinnten rheinländischen Juden – nicht nur seine jüdisch-orthodoxe Herkunft überwinden, sondern sich zugleich „als Preuße aufspielen“ musste, um „überhaupt Erfolg zu haben.“ Lassalle folgte nicht Marx‘ Theorie vom Klassenkampf als Agens der Geschichte, sondern blieb mit seiner Ansicht von der Abfolge von Ideologien Linkshegelianer. Sein Ansehen in der Arbeiterschaft beruhte auf seinem großen Talent als Redner. Seine Erfolge im Allgemeinen deutschen Arbeiterverein führten zur Inhaftierung, 1864 zu einem Hochverratsprozess und einem halben Jahr Gefängnis. Mit dem frühen Tod durch eine Wunde in einem Duell „verlor die frühe deutsche Arbeiterbewegung einen ihrer aktivsten und zugleich populärsten Agitatoren“.

Für den Weg der Arbeiterschaft vom Ziel der Revolution zur Integration in den neuen Staat des Kaiserreichs unter der Führung Preußens macht Hermand – wie andere auch – die Prosperität des zur mächtigen Industrienation sich entwickelnden Deutschland verantwortlich, die zu einer Zweiteilung der Arbeiterschaft führte: in den Teil der gut ausgebildeten Facharbeiter, die vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten, und den restlichen Teil. Der Pauperismus als Antrieb für die Revolution verschwand zwischen 1890 und 1914. Die Folge war u.a. die Abkehr vom Marxismus, die sich in der Karriere des kleinen Bankangestellten Eduard Bernstein spiegelt, der als Sekretär von Karl Höchberg, der mit der Sozialistischen Arbeiterpartei sympathisierte, mit dieser Partei in Berührung kam, sich mit Engels anfreundete und sogar dessen Nachlassverwalter wurde. Als 1912 die SPD zur stärksten Fraktion im Reichstag wurde, setzte Bernstein auf die Machtübernahme durch demokratische Wahlen. Bernstein steht für die Illusion einer sozialreformerischen politischen Linie der SPD, die er nicht durchgesetzt hat, deren wichtigster theoretischer Sprecher er aber wurde.

Diese Rolle behielt er jedoch nicht bei. Im Ersten Weltkrieg wandelte er sich vom anfänglichen Befürworter des Krieges zu einem strikten Gegner, wurde aus der Reichstagsfraktion der SPD ausgeschlossen, war dann Mitbegründer der USPD, kämpfte für eine Wiedervereinigung mit der Mehrheits-SPD. In Bezug auf die jüdischen Deutschen formulierte er 1916 das Dilemma aller Juden in den kriegführenden Ländern, die sich „zwangsläufig zu drei Haltungen gezwungen sähen, einer landespatriotischen, einer stammesgemäßen und einer kosmopolitischen, die kaum auf einen Nenner zu bringen seien.“ Angesichts des Anwachsens der Bedrohung durch die NSDAP stand er dem lange abgelehnten Zionismus wohlwollend gegenüber. Er hatte das Glück, sechs Wochen vor der Machtergreifung Hitlers zu sterben.

Reformismus und Revolution

Liest man die Porträts des jungen Marx, Ferdinand Lassalles und Eduard Bernsteins nacheinander, begreift man den Weg der deutschen Sozialisten in die Illusion einer friedlichen Machtübernahme durch Reichstagswahlen besser als in einem herkömmlichen Geschichtsbuch, weil hier Identitäten und deren Brüche plastisch hervortreten. Willi Bredel hat in seiner Romantrilogie Verwandte und Bekannte den Weg von Arbeitern in den Konservatismus anschaulich gemacht. In dem ersten Roman Die Väter, 1941 im Moskauer Exil erschienen, kämpft der Arbeiter Johann Hardekopf für die Revolution, muss aber erleben, dass bei den illegalen Maifeiern der Protest gegen die Unternehmer in den Hintergrund tritt und es immer mehr darum geht, das beste Lokal mit dem besten Bier für das Fest auszusuchen. In den Nachfolgeromanen Die Söhne und Die Enkel ist die Revolution aufgegeben. Ein Vetter, der am Ziel der proletarischen Revolution festhält, wird bekämpft und ausgegrenzt. Kurz vor seinem Tod trifft der alte Hardekopf August Bebel, bei dem er sich darüber beklagt, dass die Sozialdemokratie keine Fachleute für den Tag nach der Machtübernahme des Staates ausbildet; Bebel geht auf diese Mahnung gar nicht ein.

Eine Revolution ist kein Osterspaziergang. Von den Porträtierten hat Rosa Luxemburg die notwendigen Forderungen erhoben: vor allem die Entwaffnung sämtlicher Offiziere, die Beschlagnahme aller Waffen und Munition, die Enteignung aller Großagrarier und der Banken und das Auswechseln der Staatsanwälte und Richter. Dass Scheidemann und Ebert nichts dergleichen taten, hat den Untergang der Sozialdemokratie nach 1933 ermöglicht. Philipp Scheidemann war einer der ersten, den die NS-Diktatur ausbürgerte.

Die deutsche Revolution

Mit dem Anarchisten Gustav Landauer beginnt der Abschnitt über die Zeit nach Ende des Ersten Weltkrieges, der russischen Oktober-Revolution und der deutschen Revolution. Anders als in Spanien hat die anarchistische Arbeiterbewegung in Deutschland keine große politische Rolle gespielt. Die anarchistischen Bünde waren auch nicht rein proletarisch. Landauer schloss sich der Gruppe „Die Jungen“ um Wilhelm Bölsche, Peter Hille, den Brüdern Hart, Martin Buber, Else Lasker-Schüler, Bruno Wille und Erich Mühsam an, die aus der Opposition gegen die „Sozialistische Arbeiterpartei“ hervorgingen und eine anarchistische Kommune im Westen Berlins gründeten, die aber nur von kurzer Dauer war. Mit dem Landauer-Porträt zeichnet Hermand das Bild der Utopie eines herrschaftsfreien Sozialismus und dessen Scheitern. Landauer ging es, zusammen mit Martin Buber, darum, „das utopische Bemühen, das ‚in uns Juden‘ schlummernde ‚uralt Gewordene‘ in den Dienst einer ‚Regeneration der gesamten Menschheit‘ zu stellen.“ Die Zusammenarbeit mit Kurt Eisner kostete ihn das Leben; er wurde am 2. Mai 1919 im Gefängnis Stadelheim brutal ermordet.

Ermordet wurde ebenfalls Kurt Eisner, der bayerische Ministerpräsident der USPD. Sein Lebensweg ist auch gezeichnet durch die sich mit der Reichsgründung verstärkende Assimilation der deutschen Juden „im Zuge der erweiterten Gewerbefreiheit sowie zahlreicher Emanzipationserlasse“. Dreißig Jahre nach der Reichsgründung war die SPD „zur stärksten Arbeiterpartei Europas aufgestiegen.“ Eisners Weg verläuft über das Germanistik-Studium, das Engagement für die neuen Arbeiterschriftsteller Gerhart Hauptmann, Arno Holz und Johannes Schlaf zum sozialistischen Gesellschaftskritiker, und er agierte gegen Friedrich Nietzsche. Da seine Gesellschaftskritik ihm neun Monate Gefängnis einbrachte, radikalisierte er sich. Eisners Lebensweg ist charakteristisch für einen bürgerlichen Intellektuellen, der sich aus Gründen der Gerechtigkeit für die unterdrückte Arbeiterklasse engagierte und sich mit der Publizierung seiner schonungslosen Gesellschaftsanalyse der Gefahr der Inhaftierung aussetzte.

Das zeigte sich auch 1914, als er erst die Bewilligung der Kriegskredite begrüßte, ein Jahr später aber umschwenkte und auf die Seite der Kriegsgegner ging, mit Albert Einstein, Arthur Holitscher, Ludwig Quidde und Clara Zetkin im Bund „Neues Deutschland“. Der Kreis erweiterte sich; Oskar Maria Graf, Heinrich Mann, Erich Mühsam und Ernst Toller gehörten dazu. Sein Aufruf 1917 zu einem Verständigungsfrieden brachte ihm eine mehrmonatige Gefängnisstrafe ein. Seine mutigen Agitationen hatten zur Folge, dass er nach der Münchner Revolution Anfang November von dem Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der Bayerischen Republik gewählt wurde. Die Folgen: Er gewann Gustav Landauer für die Umerziehung der Massen, das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, die kirchliche Schulaufsicht abgeschafft. Justiz, Banken und Industrie aber blieben – sträflicher Weise – unangetastet. Empörung von allen Seiten erlebte Eisner mit seiner Erklärung, Deutschland sei schuld am Krieg. Angefeindet sowohl von der Berliner Mehrheits-SPD als auch von Anarchisten wie Mühsam und Max Levien von der KPD, wollte er zurücktreten. Auf dem Weg zu seiner Abdankung wurde er mit zwei Pistolenschüssen in Kopf und Rücken getötet.

Eisner diente dann nach seinem Tod den Nationalsozialisten und anderen Rechten als Inbegriff des jüdischen Bolschewisten und Vaterlandsverräters. Die SPD sah in ihm einen Abtrünnigen. Sein Mörder wurde vorzeitig aus der Haft entlassen und von den Hitler-Anhängern zum „Helden der Bewegung“ gekürt. Die Bewertung von Eisner ist bis heute ein signifikantes Kapitel deutscher Geschichte.

Das Porträt von Rosa Luxemburg wird der sprachbegabten, hoch gebildeten und redegewandten Ausnahmeerscheinung gerecht. Obwohl Frauen noch keinen generellen Zugang zu den Hochschulen hatten, promovierte sie 1897 in Zürich über die Geschichte Polens mit summa cum laude und lehrte später an der Parteihochschule der SPD Wirtschaftsgeschichte. Ihr Buch Die Akkumulation des Kapitals über die ökonomische Analyse des Imperialismus von 1913 ist die wichtigste marxistische Schrift nach Marx‘ Das Kapital. Sie war eine begnadete Rednerin, die Arbeiter begeistern konnte. Die Geschichte der Linksopposition zur Mehrheits-SPD nach deren Zustimmung zu den Kriegskrediten im August 1914 ist zugleich die Geschichte ihrer Initiativen, von der „Gruppe Internationale“ über den Spartacus-Bund, die USPD, bis zur Gründung der KPD am 1. Januar 1919, zusammen mit Karl Liebknecht und Karl Radek.

Hermand betont, dass Rosa Luxemburg mit ihrer Idee der Weltrevolution die entschiedenste Verfechterin der kosmopolitischen Richtung des Sozialismus war:

Trotz ihrer unverhohlenen Ablehnung gewisser rassistischer, genderspezifischer oder kolonialistischer Teilaspekte menschlicher Unterdrückung, war es letztlich – unter dem Motto: „Völker, hört die Signale / Auf zum letzten Gefecht / Die Internationale / Erkämpft das Menschenrecht“ – der Einsatz für einen unbeirrbaren Kosmopolitismus, dem Luxemburg ihr Leben widmete. Sie wollte weder Jüdin noch Polin noch Deutsche, sondern sozialistische Weltbürgerin sein. Das mag man als einseitig empfinden, aber darin bestand zugleich ihre Größe.

Der Hass der Rechten bis weit in die SPD hinein gegen sie ist grenzenlos gewesen. Nicht nur sie wurde ermordet, sondern auch ihr Lebensgefährte Leo Jogiches, als er in der Roten Fahne darauf hinwies, dass ihre Ermordung von der Mehrheits-SPD begrüßt wurde.

Die Entwicklung der Sowjetunion und die deutsche Linke

Mit Arthur Holitscher und Georg Heller werden zwei Reiseschriftsteller vorgestellt, die über den großen Aufbruch in der Sowjetunion nach 1917 berichteten, um für die Idee des sozialistischen Gesellschafsmodells zu werben, die zugleich die Armut und Ausbeutung in weiten Teilen der Welt dokumentieren wollten. Holitscher war ein Sozialist ohne Parteibuch. Er reiste Anfang 1921 für drei Monate in die Sowjetunion, zusammen mit dem Lenin-Freund Karl Radek. Sein 1921 erschienenes Buch Drei Monate in Sowjet-Rußland räumte mit Vorurteilen auf und wollte ein sachlicher Bericht über das neue System sein. Der Wahrheit verpflichtet sind seine zahlreichen weiteren Reiseberichte über Palästina, Indien, China, die Balkanstaaten, Nordamerika. Er schrieb auch Reiseromane, z. B. Es geschah in Moskau von 1929. Als engagierter Sozialist nahm er 1927 an der „I. Internationalen Konferenz proletarischer und revolutionärer Schriftsteller“ in Moskau teil, verteidigte den wegen Hochverrats angeklagten Johannes R. Becher und engagierte sich, zusammen „mit Käthe Kollwitz, Heinrich Mann und Erwin Piscator als Vorstandsmitglied in dem 1928 gegründeten ‚Volksverband für Filmkunst‘“. Erblindet starb er 1941 völlig verarmt in der Schweiz.

Auch Otto Heller bemühte sich um ein positives Bild der neuen Sowjetunion. In Sibirien, ein anderes Amerika von 1930 und dem zwei Jahre später erschienenen Reisebericht Wladi wostok! Der Kampf um den fernen Osten warb er für das soziale System der Sowjetunion, sah in den neuen Produktionsverhältnissen eine Lösung der Judenfrage und bekämpfte die zionistische Bewegung. Er beschrieb die mögliche Einrichtung von jüdischen Kolonisationsgebieten, ja eines halb autonomen Territoriums in der Sowjetunion für die Juden, das Projekt Birobidjan. In Frankreich 1941 verhaftet und nach Auschwitz gebracht, starb er 1945 an den Folgen des Todesmarsches.

Die Bedrohungen jüdischer Linker durch den deutschen Faschismus und den Stalinismus

Mit Ernst Toller wird ein erfolgreicher Dramatiker porträtiert, der bedeutendste deutsche sozialistische Theaterdichter, dessen Weg von dem Interesse als Schüler an verrufenen Dramen naturalistischer Autoren wie Gerhart Hauptmann, Henrik Ibsen, Arno Holz und Frank Wedekind über den freiwilligen Kriegseinsatz 1914 als Frontsoldat bei Verdun bis zum physischen Zusammenbruch 1916 und Pazifisten seit 1917 verläuft. Seine Münchner Rede Anfang 1918 vor einer Studentenversammlung, die den deutschen Imperialismus als Kriegstreiber anprangert, legte sein Engagement fest: Er trat in die USPD ein. Am 1. Februar 1918 verhaftet, schreibt er im Gefängnis sein erstes Drama: Die Wandlung. Sein Engagement für die Münchner Räterepublik hat nach deren Ende die Flucht zur Folge. Er wird denunziert, verhaftet und wegen Hochverrats zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, Wieder entstehen in der Haft Dramen: Masse Mensch und Die Maschinenstürmer. Der Theatererfolg seiner Dramen machte Toller berühmt. 1924 aus der Haft entlassen, reist Toller auch in die Sowjetunion und schreibt Russische Reisebilder. Ein Riesenerfolg wurde 1927 sein Drama Hoppla, wir leben, europaweit gespielt, ein Drama über die Folgen des Scheiterns der Revolution 1918-19, in dem der unangepasste Held sich aufhängt.

Auf seiner Vortragsreise in die USA kritisierte er die Verhältnisse dort sehr scharf. In den Reaktionen auf die Weltwirtschaftskrise analysierte Toller in einem Beitrag 1930 in der Weltbühne hellsichtig, dass, wenn die Nationalsozialisten an die Macht kommen, „ein brutaler Terror gegen alle Sozialisten, Kommunisten, Pazifisten und ein paar überlebende Demokraten“ ausbrechen werde. Außerdem sei ein Krieg gegen Frankreich und gegen die Sowjetunion unvermeidbar. Es gäbe nur ein Gegenmittel: „Die Schaffung einer einheitlichen Organisation der gesamten Arbeiterklasse.“ In der 1934 erschienenen Autobiographie Eine Jugend in Deutschland geht Toller auf die Frage seiner Zugehörigkeit ein: „Wenn mich heute einer fragte, wohin ich gehöre, ich würde antworten: eine jüdische Mutter hat mich geboren, Deutschland hat mich genährt, Europa hat mich gebildet, meine Heimat ist die Erde, die Welt mein Vaterland.“ Als seine bösen Vorhersagen eintrafen, schied er freiwillig aus dieser Welt.

Mit Ruth Fischer kommen Folgen des stalinistischen Terrors zur Sprache. Als Österreicherin hat sie in der Berliner KPD Karriere gemacht, wurde zur Vorsitzenden der KPD, der ersten Frau an der Spitze einer kommunistischen Partei, und 1925 in den Reichstag gewählt. Zum Bruch in ihrem Leben kam es durch ihre Reise als Vertreterin der deutschen KPD zum V. Weltkongress der Kommunistischen Internationale in Moskau. Mit Hermands Worten: „Stalin, der inzwischen den Vorsitz der Komintern übernommen hatte, ließ sie wegen ihrer von ihm scharf abgelehnten ‚linksradikalen‘ Ansichten unter ständiger Aufsicht der Geheimpolizei zehn Monate lang im Hotel Lux internieren. Erst im Juni 1926 gelang es ihr, während einer vorübergehenden Abwesenheit Stalins aus Moskau zu entkommen und wieder nach Berlin zurückzukehren.“ Inzwischen war sie als KPD-Vorsitzende abgesetzt, und auf Geheiß von Stalin trat Ernst Thälmann an ihre Stelle. Sie geriet mit ihren Ansichten auch innerhalb der KPD ins Abseits. Das begann schon vor 1925. Im Ruhrkampf 1923 wollte sie eine Arbeiterarmee aufstellen, 1933 gründete sie mit anderen KPD-Genossen die „Gruppe Internationale“, die bis 1936 mit Leo Trotzki zusammenarbeitete, was die Volksfrontstrategen 1935 als Abweichlertum beanstandeten. 1937 wurde sie als Trotzkistin in Moskau abwesend zum Tode verurteilt. Fortan kämpfte sie gegen Stalin und seine Unterstützer. Leo Trotzkis Ermordung 1940 vor Augen, fühlte sie sich, die 1941 durch ein Visum für die USA der Verhaftung durch das Hitler-Regime entkam, verfolgt.

Ruth Fischer steht für die Tragik des Schicksals einer deutschen Kommunistin, die in den Dienst des so verhassten Kapitalismus geriet. Damit wurde sie fast zwangsläufig – wie auch Theodor W. Adorno und Hannah Arendt – zur Vertreterin der Totalitarismus-These, der Gleichsetzung von Faschismus und Sowjet-Kommunismus. Ihr Hass auf Stalin war nicht nur durch ihr eigenes Schicksal motiviert, sondern auch durch den Tod ihres Geliebten Arkadij Maslow 1941 in Havanna, der für sie ein stalinistischer Mord war. In der Nachkriegszeit beschuldigte sie selbst ihre beiden Brüder, den Komponisten Hanns Eisler, der mit Bertolt Brecht zusammenarbeitete, und vor allem Gerhart Eisler, den späteren SED-Politiker in der DDR, der auf Grund ihrer Denunziation, ein Agent Stalins, Spion und Terrorist der geheimen Staatspolizei GPU zu sein, verhaftet wurde. Sie wirkte vor dem amerikanischen Ausschuss für unamerikanische Umtriebe so unglaubwürdig, dass ihr Bruder mit einer geringen Strafe davonkam. Auch Brecht geriet ins Visier, gegen den Fischer ebenfalls polemisierte. Gerhart Eisler entzog sich der einjährigen Gefängnisstrafe durch seine Flucht nach England, Brecht in die Schweiz. Durch ihr Buch Stalin and German Communism empfahl sie sich als engagiere Antikommunistin, was ihr ein gut bezahltes Stipendium an der Harvard- Universität eintrug, in deren Auftrag sie nach Paris geschickt wurde, wo sie 1961 starb.

Besonderheiten

Hermand setzt in seiner Darstellung die Grenze im 19. Jahrhundert eine halbe Generation nach Heinrich Heine, der die publizistische Präsenz von Sozialisten und Kommunisten gefördert hat, selbst Sozialist war und als erster Theoretiker der Finanzoligarchie und des neuzeitlichen Staates, des Klassenkampfes und der Revolution in die Entstehungsgeschichte der jüdischen Linken und des Marxismus gehört. Das Ende bezeichnet Ruth Fischers Kampf gegen Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg.

Natürlich stellen sich Wünsche ein. Dass Erich Mühsam fehlt, hat seinen Grund wohl darin, dass mit zwei Anarchisten deren Präsenz im Buch zu groß gewesen wäre und nicht der Bedeutung der Anarchisten in der deutschen Geschichte entsprochen hätte. Bei der Nennung radikaler Sozialistinnen fehlt Louise Aston. Ich vermisse Karl Radek – auch er jüdischer Herkunft –, der 1937 in einem Schauprozess Stalins zu 10 Jahren Haft verurteilt und in einem russischen Arbeitslager 1939 umgebracht wurde. Angemessen wäre ein Querverweis auf Lion Feuchtwanger und sein Engagement 1937 für die Gewinnung Stalins zugunsten einer Allianz gegen Hitler gewesen.

Aber das sind keine entscheidenden Versäumnisse. Der Wert von Hermands Buch liegt nicht in neuen Quellenstudien und neuen Erkenntnissen, sondern in der zugreifenden und übersichtlichen Darstellung der Geschichte des deutschen Sozialismus und ihres jüdischen Anteils auf engstem Raum. Hermand stützt sich auf eine große Menge an Primär- und Forschungsliteratur, die er zitiert. Obwohl Hermand auf ein Literaturverzeichnis verzichtet hat, ist die Forschungsliteratur in den Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln übersichtlich zugänglich

Die Lektüreleistung ist enorm, die aber Hermand nicht aktuell bewältigt hat, denn seine Geschichtsdarstellung ist begleitet von mehreren eigenen früheren Aufsätzen und herausgegeben Bänden: From Nazism to NATOism, 1985; Geschichten aus dem Ghetto, 1987; Jüdische Intelligenz in Deutschland, 1988; Juden in der Kultur der Weimarer Republik, 1998; Elfriede Friedländers „Sexualethik des Kommunismus“, 2005; Die drei Eislers und Brechts „Maßnahme“, 2005; Ruth Fischer alias Elfriede Friedländer, 2010; Deutsche Geheimgesellschaften, 2013; Die Lebensreformbewegung um 1900, 2020. Hermand war in das Thema seit langem eingearbeitet, das Buch ist die pointierte Summe seiner früheren Veröffentlichungen.

Hermand hat seine Porträts unter den Begriff „Bekennermut“ gestellt. Das hat seine Berechtigung in den Gefahren, welche die Porträtierten nicht scheuten, dafür Verfolgung, Flucht, Inhaftierung und Gefängnisstrafen auf sich nahmen und ihr Leben gefährdeten. Hermand stellt aber keine und keinen von ihnen als Märtyrer dar. Sein Stil ist nüchtern berichtend, ohne emphatische emotionale Beteiligung. Die Sympathie aber ist eindeutig. Wir in den 1930er Jahren Geborenen haben die Schäden des imperialen Nationalismus hautnah miterlebt, so dass ein Votum für den kosmopolitischen Sozialismus fast zwangsläufig, aber auch eine Illusion war. Das Buch ist in einer Zeit zunehmender Enthistorisierung und Entpolitisierung der Gesellschaftswissenschaften erschienen und gegen diesen Trend geschrieben.

Jost Hermand hat sein Buch Walter Grab, Hans Mayer und George L. Mosse „In Memoriam“ gewidmet. Ich habe jetzt den traurigen Anlass, ihm meine Rezension mit denselben Worten zu widmen. Ein großer Germanist und politischer Historiker ist (am 9. Oktober 2021) von uns gegangen, der den West-Ost-Hass nicht mitmachte und deswegen Deutschland Ost wie Deutschland West verlassen musste. Er hat die sozialgeschichtliche Literaturwissenschaft in Theorie und Interpretationspraxis entscheidend geprägt, für ein anderes Bild der Vormärz-Schriftstellerinnen und –Schriftsteller, für die Erinnerung an den jüdischen Teil Deutschlands, an die Sozialisten und Sozialistinnen gekämpft. Im Mittelpunkt seiner Publizistik stand Heinrich Heine, über den Hermand viel geschrieben hat – Bücher, Aufsätze, Kommentare; einen Band der Düsseldorfer historisch-kritischen Heine-Ausgabe hat er bearbeitet. Mit Heine teilte er die berufliche Ausgrenzung in Deutschland und das Leben im Exil, auch dadurch war dieser für ihn eine Identitätsfigur. Sein Ziel für die Literaturwissenschaften war eine politische Kulturwissenschaft. Angesichts des Klimawandels forderte er, in Analogie zur Diktatur des Proletariats, eine ökologische Diktatur. Sein vorletzter Buchtitel ist der Internationalen, dem Lied der Kommunisten und Sozialisten, gewidmet.

Titelbild

Jost Hermand: „Völker, hört die Signale!“. Zum Bekennermut deutsch-jüdischer Sozialisten und Sozialistinnen vor 1933.
Böhlau Verlag, Köln 2020.
223 Seiten ,
ISBN-13: 9783412519919

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch