Wenn der Arbeitsplatz zur psychischen Belastungsprobe wird

Caroline Wahl beschreibt in „Die Assistentin“ den Weg einer jungen Frau zwischen Mut und Zusammenbruch

Von Leonie MeierhofRSS-Newsfeed neuer Artikel von Leonie Meierhof

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man nehme die Handlung von Der Teufel trägt Prada (2003), tausche Miranda Priestly, die Chefredakteurin einer Modezeitschrift, gegen den Münchener Verleger Ugo Maise aus und die zweite Assistentin Andrea Sachs gegen die strebsame Charlotte Scharf, man füge Kritik an patriarchalen Machtstrukturen hinzu und fertig ist: Die Assistentin.

Caroline Wahl, deren erfolgreicher Debütroman 22 Bahnen (2023) aktuell im Kino zu sehen ist, blickt in ihrem dritten Roman in die Strukturen eines Verlages. Wer die Autorin kennt, weiß, dass sie in ihren Romanen unverblümt menschliche Gefühle und Notlagen darstellt, so auch in ihrer Neuerscheinung: Die junge Charlotte Scharf, die ihr Leben eigentlich der Musik widmen und an der Popakademie studieren möchte, bekommt die Gelegenheit, in einem Münchener Verlag die Stelle der zweiten Assistentin des Verlegers zu übernehmen. Auf den Rat ihrer Eltern hin, insbesondere den des Vaters, nimmt sie die Stelle an und zieht alleine in die ihr unbekannte Großstadt, was sie Überwindung kostet. Doch „dass das Ganze eine riesengroße Fehlentscheidung war, hatte Charlotte eigentlich von Anfang an gespürt“, und die Leser:innen erfahren es bereits auf der ersten Seite.

Ugo Maise, Mitglied einer erfolgreichen Süßigkeiten-Dynastie, ist kein einfacher, sondern ein toxischer Chef; „ein Bilderbuch-Narzisst“, wie die Diagnose von Charlottes Kollegin lautet. Neben ständig wechselndem Personal, einem Handbuch, das Charlotte nahezu auswendig lernt, um allen skurrilen Anforderungen ihres Chefs gerecht zu werden, und einer endlos erscheinenden To-Do-Liste, auf der die Aufgabe den Assistentinnen mithilfe von Erdbeer- und Kartoffel-Emojis zugewiesen sind, versucht Charlotte ihre neue Rolle zu finden. Die Aufträge des Verlegers werden immer absurder, seine Wutausbrüche unberechenbarer und die Anforderungen an die nach Anerkennung strebende Assistentin zu hoch.

Die Autorin porträtiert ein Arbeitsumfeld, das durch Machtasymmetrie und Grenzüberschreitungen gekennzeichnet ist. Der Verleger kommentiert die Kleidung der Assistentin, fragt sie aufdringlich nach ihrem Beziehungsleben, berührt sie immer wieder „zufällig“. Sie muss zu jeder Zeit in Bereitschaft sein: spätabends, am Wochenende, an den Feiertagen. Er erwartet auch von ihr, dass sie zu ihm nach Hause kommt, um dort zu arbeiten. Charlotte wird durch den Stress von körperlichen Symptomen und Angstzuständen geplagt, doch sie findet erst den Mut zu kündigen, als sie zusammenbricht.

Auffallend ist nicht nur die Namensähnlichkeit zwischen der Autorin und der Protagonistin, sondern auch die Parallelität in den Biografien: Caroline Wahl arbeitete als Verlagsassistentin im Züricher Diogenes Verlag und schrieb in dieser Zeit an ihrem Debütroman, Charlotte arbeitet nebenbei an ihrem Musik-Projekt. Es stellt sich die Frage, wie viel aus dem Roman autobiografisch zu lesen ist. Der Verlag, in dem Charlotte arbeitet, wird nicht näher benannt. Der Fokus liegt auf der Beschreibung ihrer Aufgaben, die oftmals nicht verlagsspezifisch sind, sondern eher dazu dienen, den Verleger bei Laune zu halten. Dadurch können sich Leser:innen, auch aus anderen Berufsfeldern, die unter ähnlichen Strukturen leiden, in die Lage von Charlotte hineinversetzen – oder erkennen sich sogar selbst in ihr wieder.

Caroline Wahl bleibt ihrem Stil treu. Mit ihrer ungehemmten Erzählweise mit schonungsloser, fast schon vulgärer Sprache – „München war kacke, vor allem die Arbeit war kacke […]“ – findet sie ihren einzigartigen Sound, der sicherlich nicht allen Leser:innen gefallen wird. Zur von ihr bekannten Dialogform, die an die Struktur eines Dramas erinnert, kommen weitere dramaturgische Elemente hinzu. Dazu zählen Kommentierungen und Vorausdeutungen der selbstreflexiven Erzählinstanz wie etwa: „von Charlottes Innen- und Privatleben wurde bisher immer noch zu wenig erzählt, deswegen Zeitsprung in den Feierabend. Und in die Gegenwart, ins Präsens, damit Charlottes Innen- und Privatleben einen berührt“ oder „nun geht es in schnellen Schritten Richtung Katastrophe“. Die Erzählinstanz nimmt die Leser:innen an die Hand und sorgt somit für Transparenz, was Spannung erzeugt, aber auch die fiktionale Weltkonstruktion unterbricht. Diese Fiktionsstörung könnte Leser:innen, die ähnliche Situationen durchlebt haben, verdeutlichen, dass sich Geschichten wie die von Charlotte auch in der realen Welt abspielen können. Dies aufzuzeigen ist bedeutsam, denn es braucht mehr weibliche Narrative, in denen unterdrückende Strukturen bewusst gemacht und überwunden werden. Die Vorausdeutungen schaffen eine zweite Ebene zur Handlungsebene und helfen den Lesenden mithilfe der kommentierenden Funktion durch den Roman, denn viel Handlung hat er nicht. Der Hauptteil der Geschichte wird intern aus der Sicht der Protagonistin fokalisiert, was Potenziale zur Identifikation bietet. Charlottes Geschichte wird zu einem exemplarischen Schicksal in der modernen, patriarchalen Arbeitswelt, das wie in einer Reportage offengelegt und dramaturgisch inszeniert wird.

Aus den bisherigen Romanen der Autorin kennen die Leser:innen die Probleme und oft düsteren Gedanken der Protagonist:innen. Diese finden sich auch in der Neuerscheinung. Zu kritisieren sind jedoch die euphemistischen und ästhetisierenden Darstellungen von selbstverletzendem Verhalten, die an zwei Stellen des aktuellen Romans vorkommen. Charlotte fragt sich, „[…] ob der Schmerz beim Ritzen vielleicht doch angenehmer [als ihre selbstquälerischen ‚Was passiert wäre, wenn-Gedanken‘] wäre“, und vergleicht die Narben eines solchen Verhaltens mit dem Tragen von Armbändern. Wenn diese Beschreibungen aufgrund von Charlottes Verfassung und ihrer Vorbelastung mit Depressionen perspektivbedingt zwingend notwendig sind, wäre eine Triggerwarnung zu Beginn des Buches angemessen, so wie es bei einigen Neuerscheinungen der Fall ist.

Caroline Wahl schildert in Die Assistentin einen überzeugenden Fall von Machtmissbrauch in der patriarchalen Arbeitswelt – und zeigt einen Ausweg, der Mut macht, für sich selbst einzustehen und das zu tun, was einen selbst glücklich macht, unabhängig vom Rat der anderen. Fans der Autorin, die nicht die gleichen Erwartungen an das Buch stellen wie an ihren Erfolgsroman 22 Bahnen und die über einige Längen hinwegsehen können, werden nicht enttäuscht werden.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Caroline Wahl: Die Assistentin. Roman.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
368 Seiten, 24 EUR.
ISBN-13: 9783498007706

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