Revolution als Reader’s Digest

Auf ein Neues: Volker Weidermann und Ralf Höller reproduzieren noch einmal, was prominente AutorInnen über die Münchner Revolution von 1918/19 geschrieben haben

Von Michael PilzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Pilz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über Kurt Eisners bayerische Revolution vom November 1918 und die folgenden Ereignisse, die schließlich im April 1919 in die Ausrufung der Münchner Räterepublik(en) samt deren blutiger Niederschlagung mündeten, ist im Verlauf der letzten hundert Jahre schon viel geschrieben worden – Nichtfiktionales ebenso wie Fiktionales, wobei die Grenzen zwischen beiden Kategorien insbesondere im weiten Feld der Erinnerungsliteratur aus den Federn der aktiv Beteiligten schon immer ziemlich durchlässig gewesen sind. Rechte wie linke Propaganda respektive entsprechende ideologische Anfälligkeiten, die vielfach die Grundierung für die belletristische Darstellung der bayerischen Revolution lieferten, haben Hand in Hand mit den Selbstinszenierungs- und Rechtfertigungsanliegen zahlreicher AutorInnen eifrig mitgewirkt am Mythos „Räterepublik“. Die Tatsache, dass es vor allem Dichter und Intellektuelle waren, die den Münchner Umsturzbewegungen ein markantes Gesicht verliehen haben, fasziniert bis heute. Insofern ihre Texte zugleich die weitere Rezeption der Revolution maßgeblich mitbestimmt haben, mögen sie freilich auch dazu beitragen, dass bei der retrospektiven Rekonstruktion des Geschehens immer wieder Realität und Fiktion durcheinander geraten.

Dabei war das historische Interesse an der Münchner Revolution von Anfang an von dokumentarischen Bemühungen begleitet, die zuallererst die erhaltenen Quellen zu sammeln und editorisch zu überliefern trachteten: Auf die noch 1919 von bürgerlich-konservativer Seite gleichsam zum Zweck der „Gegnerforschung“ herausgegebenen Sammlungen revolutionärer Aufrufe und Proklamationen von Franz August Schmitt und Max Gerstl folgten nach 1945 weitaus breiter gefasste Dokumentationen zeithistorischer Zeugnisse wie jene von Tankred Dorst, Gerhard Schmolze oder Friedrich Hitzer, denen sich 1980 mit besonderem Fokus auf die Rolle der Dichter Hansjörg Viesels voluminöse Anthologie über die Literaten an der Wand anschloss. Mit Umsturz in München. Schriftsteller erzählen die Räterepublik haben Herbert Kapfer und Carl-Ludwig Reichert acht Jahre später dann eine Art literarischer Collage geschaffen, in der ausschließlich Quellenmaterial von zeitgenössischen Schriftstellern als Spiegel der historischen Ereignisse zusammengestellt worden ist. Insgesamt liegt mit diesen und einigen weiteren Vorarbeiten schon ein reiches Reservoir an Stimmen parat, die sich – bevorzugt zu jubilatorischen Anlässen, deren Jahreszahlen in eine 8 oder 9 auslaufen – mit überschaubarem Aufwand beschwören lassen.

Neben der unermüdlichen Sammlung von O-Tönen ist in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten freilich auch einiges an grundlegender Forschungsarbeit zur Münchner Revolution geleistet worden. Um die Jahrtausendwende erschienene Standardwerke wie etwa die erste umfassende Biographie Kurt Eisners von Bernhard Grau oder Georg Köglmeiers akribische Studie über Die zentralen Rätegremien in Bayern stellen eindrucksvoll unter Beweis, wie lohnend es gerade für die landesgeschichtliche Forschung sein kann, bei der Beschäftigung mit den revolutionären Umsturzbewegungen des Jahres 1918/19 gründlich ad fontes zu gehen – und sich nicht etwa, wie es lange Zeit durchaus üblich gewesen ist, vorrangig auf die gedruckt vorliegende Erinnerungsliteratur und andere literarische Quellen zu verlassen. Letzteres zu vermeiden ist freilich ein aufwändiges Geschäft. Es setzt, was den methodisch korrekten Umgang mit historischem Quellenmaterial anbelangt, seitens der Autoren fachwissenschaftliche Kompetenzen voraus; und seitens der Leser die Bereitschaft, sich bisweilen auch auf eine etwas trockenere wissenschaftliche Lektüre einzulassen. „Spannung“ und „Unterhaltung“ sollten da nicht die leitenden Kategorien sein, dafür aber Interesse an einem Erkenntnisgewinn, der das Verständnis für historische Abläufe schärfen und die rund hundertjährige Mythenbildung über die Revolution dekonstruieren hilft.

Zu solchen Fachpublikationen positionieren sich nun die beiden Bücher des Journalisten Ralf Höller und des allseits bekannten Literaturkritikers und Quartett-Spielers Volker Weidermann denkbar konträr, zumal bereits der Untertitel des Höller’schen Bandes Das Wintermärchen – Schriftsteller erzählen die bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik 1918/1919 auf den ersten Blick ein Wiederanknüpfen an die alte Lesebuch-Tradition à la Kapfer/Reichert zu versprechen scheint, ohne dieses Versprechen allerdings einzulösen. Sei dem, wie es wolle: Der kundige Leser wird schon bei der Lektüre des Paratextes kaum dazu verführt, sonderlich Neues zu erwarten.

Das gilt nicht minder für das Weidermann’sche Konkurrenzprodukt mit dem Titel Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen, auch wenn auf der Umschlagrückseite ein werbewirksames Statement von Hans Magnus Enzensberger über den Inhalt verkündet: „Lustig, aufregend, viel Neues, tolle Recherche. Das wird Furore machen.“ Dass es sich hier um ein Missverständnis Enzensbergers handelt, darf ohne Übertreibung vorweggenommen werden. Zwar: Lustig mag man die Lektüre schon finden – soweit man bereit ist, Volker Weidermanns Bild von der Räterepublik zu teilen, das sich (dem tragischen Ende zum Trotz) streckenweise wie der Entwurf zu einer Slapstick-Komödie liest. Und wenn sich eine „tolle Recherche“ auf die Ermittlung des Naheliegendsten beschränkt, dann mag auch das noch zutreffen; eine gründliche Recherche jedenfalls sähe nach Meinung des Rezensenten anders aus. Denn „viel Neues“ zu bieten gelingt Weidermanns Buch ebenso wenig wie demjenigen Ralf Höllers; aber die Absicht, die beide Autoren verbindet, scheint ohnehin eine ganz andere gewesen zu sein.

Offensichtlich galt es, möglichst zeitgerecht die Marktsituation des anstehenden Jubiläumsjahres 2018 zu bedienen – mit einer „mitreißende[n] Erzählung aus der Perspektive der historischen Protagonisten: spannend wie ein Thriller“ (im Falle Weidermanns), respektive mit einer „spannende[n] und rasant erzählte[n] Reportage aus der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg“ (im Falle Höllers). Man sieht schon: die Klappentextprosa, die das jeweilige Produkt bewerben soll, operiert mit recht austauschbaren Formulierungen, unter denen neben der Spannung und dem Reportagecharakter vor allem die Rasanz des Dargebotenen einen erheblichen Stellenwert zugemessen bekommt. In „rasantem Tempo“ geschrieben worden sind beide Bücher denn auch zweifellos – so rasant, dass sie sogar noch geraume Zeit vor Ausbruch der einschlägigen Jubiläen auf den Markt geworfen werden konnten.

Was das Verfahren zur Fabrikation eines leicht konsumierbaren und spannenden Sachbuchs über die Münchner Revolution betrifft, hatten Volker Weidermann und Ralf Höller also offenbar dieselbe Idee. Sie bestand hier wie dort in der Wahl eines Formats, das den Dualismus von Quellensammlung einerseits und analysierender Darstellung andererseits um eine dritte Variante ergänzt: Man könnte sie getrost als Kompilations- oder Paraphrasen-Literatur bezeichnen. Die Basis bildet der reiche, im Kern der wesentlichen Texte freilich überschaubare Pool zeitgenössischer oder retrospektiver Äußerungen renommierter AutorInnen, die damals in München mit von der Partie waren, sei es als aktive Revolutionäre (wie im Falle Ernst Tollers, Erich Mühsams, Ret Maruts oder Gustav Landauers), sei es als mehr oder weniger Anteil nehmende Zaungäste (wie im Falle Thomas Manns, Josef Hofmillers, Ricarda Huchs oder Rainer Maria Rilkes). Eng an diese literarischen Vorlagen angelehnt, bieten beide Bücher nun jeweils ihre Narrationen an, die – dem Gang der realhistorischen Ereignisse vom November 1918 bis zum Mai 1919 folgend – die Quellen schnappschussartig fokussieren und ihre Extrakte synoptisch zusammenmontieren. Anders als Weidermann deutet Höller dieses Verfahren schon im Untertitel seines Buches an: „Schriftsteller erzählen ….“ meint hier eben nicht, wie noch seinerzeit bei Reichert und Kapfer, dass eine literarische Anthologie vorgelegt würde, sondern dass eine Art quellennaher Metaisierung erfolgt: Der Sachbuchautor erzählt im flotten Reportage-Stil, was Toller, Graf und Co. über ihre Erlebnisse längst schon selbst erzählt haben.

Für den eiligen Leser ergibt sich daraus immerhin ein gewisser Mehrwert: Statt sich nacheinander durch die Erinnerungen Erich Mühsams, Oskar Maria Grafs und Ernst Tollers, die Tagebücher Thomas Manns und Josef Hofmillers, die Korrespondentenberichte Victor Klemperers oder die Briefe Rainer Maria Rilkes zeitraubend hindurchquälen zu müssen und dabei gegebenenfalls den Überblick über die geschilderten Revolutionswirren zu verlieren, bekommt man sie in der Paraphrase auf einen Blick und in einen gemeinsamen Erzählfluss integriert vorgesetzt, immer wieder mit kürzeren oder längeren Zitaten garniert, die das Ganze auflockern. Was dergestalt erzeugt wird, ist eine Art Reader’s Digest der Revolutionsliteratur: Behutsam eingedampft und in eine mehr oder weniger große Anzahl eigener Worte gefasst, werden die einschlägigen Quellen von Weidermann und Höller neu geschnitten, gemixt und „spannend“ aufbereitet. Dass Höller dabei zumindest dort nicht auf Stellennachweise verzichtet, wo er wörtlich zitiert, muss man ihm positiv anrechnen. Weidermann zeigt sich beim Sampeln seiner Vorlagen weitaus freier – als notorischer Emphatiker pfeift er auf jeden wissenschaftlichen Ballast. Und auf jegliche Skrupel, was die Aneignung fremden Wortlauts betrifft.

Zugegeben: Das Ergebnis solcher (Um-)Formulierungsarbeiten ist mitunter recht amüsant zu lesen, und natürlich ist es auch spannend, nachzuvollziehen, wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Josef Hofmiller, Ernst Toller oder Oskar Maria Graf ein- und dasselbe Ereignis von ihren unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchtet haben. Indes: Was bei der Lektüre der Träumer und des Wintermärchens unweigerlich verloren zu gehen droht, ist das Bewusstsein für die unterschiedliche Herkunft respektive den differierenden Quellenstatus, dem die kompilierten Informationen entstammen. Aus der erzählenden Rahmung erfährt man über das Vorlagenmaterial allenfalls, dass Thomas Mann ein Tagebuch führt oder Rilke einen Brief schreibt. Die Tatsache dagegen, dass etwa die verwendeten Tagebucheinträge Josef Hofmillers einem Textzusammenhang entnommen worden sind, der ganz anders als im Falle Thomas Manns auf einer bewussten nachträglichen Literarisierung beruht, da der Autor seine 1918/19 in Gabelsberger Stenographie geführten Originalaufzeichnungen noch selbst für eine Publikation Anfang der 1930er Jahre grundlegend redigiert, ausgewählt und neu durchkomponiert hat, wird schon nirgendwo mehr erwähnt. Was wir demgegenüber von Ernst Toller erfahren, stützt sich im Wesentlichen auf seine 1933 veröffentlichte Autobiographie Eine Jugend in Deutschland, die nicht zuletzt als eine politische Rechtfertigungsschrift über sein eigenes Verhalten während der Revolution verstanden werden sollte und den Bewusstseinsstand des Autors zu Beginn seiner Exilzeit widerspiegelt, keineswegs aber denjenigen des jugendlichen Revolutionärs, von dem darin die Rede ist (im Gegenteil!). Ähnliches gilt für den stets dankbar ausgeschlachteten Oskar Maria Graf, dessen Autobiographie Wir sind Gefangene im Jahr 1927 erschienen ist und damit ihrerseits die geschilderten Revolutionsereignisse aus der Erinnerung heraus rekonstruiert. Hier wie dort haben wir es längst nicht mehr mit unpublizierten Notizen für den Privatgebrauch, sondern mit vollwertiger Literatur zu tun, schon gar nicht aber mit chronikaler Faktographie. Wiederum einer anderen Quellengattung begegnen wir schließlich im Falle Victor Klemperers, der 1918/19 nicht etwa als privater Tagebuch-Schreiber, sondern als öffentlich wirkender Zeitungskorrespondent eine Art Live-Berichterstattung aus München betrieben hat – mit entsprechenden publizistischen Rücksichten auf das Blattprofil der bürgerlich-nationalen Leipziger Neuesten Nachrichten, wo seine Texte erschienen sind.

Auf derlei differenzierende Herkunftsfragen wird in beiden Büchern freilich wenig Rücksicht genommen, was bereits in der Tempus-Wahl zum Ausdruck kommt, die im einen wie im anderen Fall den intendierten Reportage-Charakter unterstreichen soll. Ganz im Gegensatz zum Erzähler des Zauberbergs, den Thomas Mann in jenen Tagen (wieder) zu schreiben begonnen hat, erweisen sich Höller und Weidermann nämlich keineswegs als hochgradig reflektierte „Beschwörer des Imperfekts“, sondern sie versuchen vielmehr, den Leser durch den dauerhaften Einsatz des Historischen Präsens gleichsam mitten in den Sog der Ereignisse hineinzunehmen. Die Grenzen zwischen den nicht zuletzt formal unterschiedlichen Textsorten, denen die geplünderten Quellenbestände zuzurechnen sind, werden dabei unweigerlich verwischt. Egal, ob zeitgenössisch unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens oder retrospektiv im Abstand mehrerer Jahre oder gar Jahrzehnte formuliert; ob als vertrauliche Botschaft an einen Briefpartner oder als intimer Tagebucheintrag verfasst; ob als journalistischer Zeitungsbericht oder als literarisierte Mitteilung an die Nachwelt konzipiert, die von Erinnerungslücken, unbeabsichtigten Irrtürmern, bewussten Zuspitzungen und alles in allem von den unvermeidlichen Interferenzen moderner Autorschaftsinszenierung geprägt ist: alle Texte werden gleich behandelt, nämlich als Rohstoff-Lieferanten für die Ereignisgeschichte. Formales interessiert hier nicht; was einzig zählt ist der Inhalt, der auf reales Geschehen zu referieren verspricht.

Zu diesem, den beiden Büchern gemeinsamen Dilemma einer nivellierenden Präsentation heterogensten Materials kommt im Falle Weidermanns noch ein ausgesprochen geringes Bewusstsein für Quellenkritik auch auf der Sachebene. Denn auch mit dem Inhalt und den realen Ereignissen ist es natürlich nicht so einfach: Ob etwa Wilhelm Herzogs 1959 erschienenes Erinnerungsbuch Menschen, denen ich begegnet bin – auf das sich Weidermann für die Schilderung der Umsturznacht vom 7. auf den 8. November 1918 wesentlich stützt, obwohl man das Werk im insgesamt recht rudimentär ausgefallenen Literaturverzeichnis vergeblich sucht – oder ob Gustav Reglers Autobiographie Das Ohr des Malchus von 1958, die einen erheblichen Fiktionalisierungsgrad aufweist, überhaupt als zuverlässige Quellen für die Reportierung historischer Begebenheiten angesehen werden können, darf stark bezweifelt werden. Dass sich zum Beispiel der 75-jährige Memoirenschreiber Herzog im Rückblick eine weitaus gewichtigere Rolle während der revolutionären Ereignisse an der Seite Kurt Eisners angedichtet hat, als ihm realiter zukommt, hat die Forschung längst schon festgestellt: Seine Behauptung jedenfalls, er habe den Text zur Proklamation der bayerischen Republik eigenhändig entworfen, wird durch das überlieferte Originalmanuskript widerlegt, das laut Georg Kögelmeier „eindeutig von der Hand Eisners stammt“. Weidermann aber ficht derlei nicht an: Er gibt die Aussagen seines literarischen Gewährsmannes ungeprüft an seine Leserschaft weiter, und so ist bei ihm Wilhelm Herzog weiterhin federführend in der Revolutionsnacht zugange. Wie sollte es denn auch anders gewesen sein?

Nur bei einem Autor äußert Weidermann berechtigte Skepsis, ohne freilich weiter gehende Konsequenzen aus seiner Einsicht zu ziehen oder gar die Frage aufzuwerfen, warum lediglich hier und nicht auch anderweitig Zweifel über den Wahrheitsgehalt des Berichteten angebracht sein könnten: Dass sich die Reportagen des US-amerikanischen Sensationsjournalisten Ben Hecht, der die Ereignisse in München für seine Leserschaft in Chicago verfolgte, mehr durch Erfindungsreichtum und Übertreibungskunst auszeichnen als durch ihren faktischen Wahrheitsgehalt, sieht immerhin selbst er ein. Deswegen auf ihre Wiedergabe zu verzichten, kommt Weidermann allerdings nicht in den Sinn, scheint er doch die stete Lust an der „Suche nach skurrilem Stoff“ mit seinem Kollegen von ehedem zu teilen. Und so erhalten denn auch Hechts Märchen über den „Diktator Toller“ und sein Hauptquartier im Badezimmer der bayerischen Königin – von behutsamen Warnungen über ihre zweifelhafte Glaubwürdigkeit gerahmt – einen gebührenden Platz im Panoptikum der Räterepublik zugewiesen.

Überhaupt ist Weidermann jederzeit bereit, um einer guten Story willen auch Inkonsequenzen und offene Widersprüche in Kauf zu nehmen, wie sie sich aus der munteren Montage seines Materials ergeben. Etwa dann, wenn gleich zu Beginn bei Ausbruch der Revolution im November 1918 von der prekären Versorgungslage in München die Rede ist: Ausreichend Lebensmittel zu erhalten sei für die Bevölkerung „schon lange schwierig“ gewesen, heißt es da. Woher Weidermann diese zutreffende Information bezieht, wird zwar nicht angegeben, doch lassen sich entsprechende Belege zuhauf in Josef Hofmillers Revolutionstagebuch finden, das Weidermann auch an anderer Stelle dankbar ausgewertet hat. Der konservative Gymnasiallehrer und Literaturkritiker macht sich in seinen Aufzeichnungen seitenweise Sorgen über die kriegsbedingt schlechte Ernährungssituation vor Ort. Die Kenntnis solcher Stellen kann Weidermann indes nicht davon abhalten, seinem eigenen Hinweis auf die schlechten Zeiten eine ganze Passage voranzustellen, in der gänzlich unbesorgte Münchner Bürger in den Gasthäusern der Stadt nicht nur fleißig Schweinshaxen bestellen, sondern diese auch neben Würsten und Bier in erheblichen Mengen verzehren – Völlerei bei laufender Revolution sozusagen, was ein partielles Desinteresse in politischen Dingen illustrieren soll.

Weidermann hat diese Szenen von Oskar Maria Graf geborgt, ohne dass ihm aufgefallen wäre, dass das, was Graf über das kulinarische Angebot im November 1918 schreibt, und das, was Hofmiller dazu notiert, offensichtlich nicht so recht zusammenpasst. Dabei hätte ein solcher Widerspruch hinlänglich Gelegenheit geboten, sich Gedanken zu machen – etwa über den literarischen Einsatz von Klischeebildern, mit denen gerade Graf in seinen Texten virtuos (und durchaus selbstironisch) zu spielen versteht; womit er übrigens auch in dieser Hinsicht eine Trennlinie einzieht zwischen (pseudo-)objektiver Tagebuch- und Reportageliteratur, wie sie etwa Hofmiller bietet, und dem literarischen Spiel mit Realität und Fiktion, das sein eigenes Schaffen lebenslang bestimmt hat. Weidermann dagegen kann und will sich mit solchen Überlegungen nicht aufhalten; sie liegen nicht im Interesse seines Buches, dem es erwartbar wenig um Literatur in ihrer sprachlichen Verfasstheit geht. Stattdessen tappt der Kompilator dankbar nach jedem noch so abgegriffenen Klischeebild, das ihm seine Vorlagen liefern. Schweinshaxen und „juchzende Älpler“ (auch das stammt von Graf) liefern immerhin das schönste Lokalkolorit, denn wir haben es ja mit einer bayerischen Revolution zu tun. Dass es – Stichwort Lokalkolorit – dann aber bitteschön korrekterweise auch „der Mathäserbräu“ statt, wie Weidermann schreibt, „das Mathäserbräu“ heißen sollte, wenn der Gründungsort des Revolutionären Arbeiterrats genannt wird, ist vermutlich schon zu viel verlangt.

Summa summarum gelingt es dem stets distanzlos am Material klebenden Weidermann kaum, die bestehenden Stereotype, die seit hundert Jahren über die Münchner Revolution in der Öffentlichkeit kursieren, zu durchbrechen oder nachhaltig infrage zu stellen. Dass die Bilder von der Dichterrepublik als einer nicht recht ernst zu nehmenden Karnevals- oder Faschingsveranstaltung der Boheme in der unernsten „Theaterstadt“ München zu einem guten Teil dem Begriffshaushalt der zeitgenössischen Politpropaganda von ganz weit Links bis ganz weit Rechts entstammen, scheint ihn überhaupt nicht zu stören: Immer wieder und wieder nimmt er sie selber widerspruchslos in den Mund, ohne recht zu merken, wie fröhlich er damit die Klischees bestätigt. Selbst bei der äußeren Beschreibung der Revolutionäre tappt er so in die Fallgruben, die Sorglosigkeit und mangelndes Quellenbewusstsein bereithalten.

Denn wie sieht denn so ein richtiger Kommunistenführer aus? Zum Beispiel Eugen Leviné? Natürlich lässt ihn Weidermann „mit seiner Schiebermütze“ und „großen Augen unter tief gesenkten Lidern“ bei der Gründungssitzung der Räterepublik aufkreuzen. Der Kompilator hat da offenbar eine bekannte Fotografie Levinés vor Augen, die ihn tatsächlich mit einer Schiebermütze auf dem Kopf zeigt. Nur leider gehörte letztere wohl zum Kostümfundus der Münchner Kriminalpolizei, die dieses Utensil dem Verhafteten aufgesetzt hatte, um ihn für die erkennungsdienstliche Erfassung mit einer einschlägig konnotierten Kopfbedeckung als verdächtiges Subjekt zuzurichten (was antisemitische Karikaturisten übrigens sofort dankbar aufgegriffen haben). Dasselbe ist auch Ernst Toller widerfahren, wie er 1926 in dem Text Verhaftung für die Zeitschrift Das Tage-Buch berichtet – eine Quelle, die Weidermann freilich nicht zur Kenntnis genommen hat. Die Schiebermütze, so Toller, sei nicht etwa seine eigene gewesen; warum sie ihm von der Polizei übergestülpt worden sei, habe er allerdings erst später begriffen, als er Veröffentlichungen des Fotos in der Presse gesehen habe: „man brauchte Verbrecher-Bilder, die abstoßen sollten.“  Dieses Beispiel mag zeigen, dass Quellenkritik selbst bei rasant geschriebenen Büchern unumgänglich sein sollte, zumal, wenn sie hochgradig sensibles Material verwerten, dessen lange Zeit unhinterfragt gebliebener Konstruktionscharakter bereits fatale Folgen bei der Etablierung politischer und rassistischer Stereotype gezeitigt hat. „Lustig“, wie Enzensberger findet, war und ist das zu keiner Zeit gewesen.

Ralf Höller ist da etwas vorsichtiger und als Verfasser einer gut lesbaren Darstellung zur Geschichte der Räterepublik aus dem Jahr 1999 insgesamt auch weitaus besser mit der Materie vertraut als Weidermann. Er weiß zum Beispiel, dass es nicht – wie Weidermann den Memoiren von Ernst Niekisch nachschreibt – Eugen Leviné, sondern der notorisch mit ihm verwechselte Max Levien gewesen ist, der bei der Gründungssitzung der Räterepublik in der Nacht vom 6. auf den 7. April 1919 kurzzeitig zugegen war. Und wo Weidermann seinen Oskar Maria Graf nach dessen eigenen Erinnerungen in die Redaktionsräume des Bayerischen Kurier schickt, um ihn dort als Hilfszensor der Räterepublik tätig werden zu lassen, korrigiert Höller mit dem Titel der Zeitung auch die Verwechslung Grafs und lässt ihn stattdessen beim Neuen Münchner Tageblatt vorstellig werden (nicht, ohne diese Korrektur entsprechend in einer Endnote zu vermerken). Selbst im Falle der angeblich so tragenden Rolle Wilhelm Herzogs bei der Proklamation des Freistaats durch Kurt Eisner, die Weidermann als Tatsache reportiert, wird von Höller eine Anmerkung eingeschaltet, in der zumindest auf den abweichenden Kenntnisstand der landesgeschichtlichen Forschung verwiesen wird. Noch an einigen anderen Stellen zeigt sich der Verfasser zwar nicht um eine letztgültige Klärung, aber doch um den Aufweis von offensichtlichen Widersprüchen bemüht – im Grunde eine Selbstverständlichkeit für eine seriöse Darbietung historischer Gegenstände.

Darüber hinaus geizt Höller auch nicht mit Zusatzinformationen, die ein differenzierteres Bild zu schaffen vermögen, als es seine literarischen Vorlagen bieten. So kann der Autor des Wintermärchens durchaus etwas mehr über Dr. Franz Lipp mitteilen als lediglich die von Weidermann reproduzierte Karikatur, die Ernst Toller in seinen Erinnerungen von diesem unglücklichen Volksbeauftragten für auswärtige Angelegenheiten gezeichnet hat. Dass Toller über Lipp ganz offensichtlich in polemischer Absicht schreibt, um im Nachhinein die eigene Position innerhalb der Räteregierung ins rechte Licht zu rücken, scheint Weidermann nicht weiter zu interessieren. Was einzig zu zählen scheint, ist, dass es bei Toller „lustig“ zugeht. Dabei wäre es längst überfällig, Lipps Person einmal historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Bislang nämlich hält der überwiegende Teil der Sekundärliteratur zur Räterepublik kaum mehr für ihn bereit als die Rolle einer clownesken Witzfigur. Weidermanns Ausführungen machen da keine Ausnahme, Höller immerhin hat Ansätze für eine etwas andere Sicht parat.

Die genannten Beispiele zeigen freilich auch: Wenn man vom sichereren Umgang mit den Quellen und der höheren Kommentarbereitschaft absieht, so begegnet man Vielem, ja dem Meisten, das man bereits bei Weidermann gelesen hat, auch bei Höller wieder. Im Kern sind es immer dieselben Anekdoten, was angesichts des gewählten Gegenstands, des da wie dort ausgewerteten Pools an Standardquellen und der vergleichbaren Darstellungsmethode freilich nicht weiter verwundern mag. Sogar von ihrer Struktur her sind beide Bücher – die zu allem Überfluss auch noch eine identische Seitenzahl haben – gleich aufgebaut: Folgen sie im Wesentlichen chronologisch den Ereignissen vom Ausbruch der Revolution bis zu ihrer Niederschlagung, so werden beide Hauptteile jeweils noch durch eine abschließende Coda ergänzt, in der erzählt wird, wie es für die herausragenden Protagonisten nach den blutigen Ereignissen vom Mai 1919 weitergegangen ist. Beide Bücher enden mit dem Hinweis auf Ernst Tollers Selbstmord im New Yorker Exil 1939.

Dabei ist Höllers Quellenbasis insgesamt breiter als diejenige Weidermanns, wie allein schon ein Blick in das dankenswerterweise vorhandene Personenregister zeigt (Weidermanns Buch hat keines). Einige Namen, die man bei Weidermann gänzlich vermisst oder doch als deutlich zu kurz gekommen betrachten muss – Otto Neurath etwa oder selbst Heinrich Mann –, werden von Höller in ein gebührendes Licht gestellt. Die Riege der konservativen Akteure wird bei ihm über das obligatorische Duo Thomas Mann und Josef Hofmiller hinaus um den Historiker und nachmaligen NS-Karrieristen Karl Alexander von Müller mit seinem 1954 erschienenen Erinnerungsbuch Mars und Venus erweitert. Rilkes Briefe und Grafs Autobiographie bekommen die Eindrücke Hertha Koenigs zur Seite gestellt, und sogar Lion Feuchtwanger wird mit seinem „dramatischen Roman“ Thomas Wendt von 1920, der die Münchner Revolutionsereignisse fiktionalisiert, in den Chor der prominenten Protagonisten aufgenommen.

Das Fazit einer vergleichenden Lektüre, zu der die beiden Publikationen geradezu herausfordern, muss entsprechend eindeutig ausfallen: Höllers Buch erweist sich alles in allem als die weitaus sachkundigere Darstellung, die auch in methodischer Hinsicht die Weidermann’sche Sorglosigkeit weit hinter sich lässt. Zudem – und das ist alles andere als ein Mangel – gibt sich Höller weniger emphatisch als sein prominenter Konkurrent, was nicht etwa heißen soll, dass sein Buch langweiliger geschrieben wäre. Auch er bemüht sich erkennbar um die avisierte „Spannung“ im Zeichen süffiger Lesbarkeit.

Wer sich allerdings vorrangig für die Literatur der Revolution in ihrem Eigenwert interessiert, ohne sie auf die Rolle eines bloßen Zitatspenders für die Wiedergabe historischer Fakten reduziert sehen zu wollen – auf eine Rolle also, für die sie nun einmal denkbar schlecht geeignet ist –, der wird sich weder mit einem Wintermärchen noch mit Träumern in der Digest-Fassung zufrieden geben, sondern derlei Publikationen bestenfalls als ein anregendes Sprungbrett begreifen, um so oder so am Ende doch noch bei den Originalen zu landen – mögen sie nun von Mühsam, Toller, Rilke oder Graf stammen. Das Meiste davon ist nach wie vor im Buchhandel lieferbar. Und wer es nicht lassen kann respektive das Bedürfnis dazu verspürt, kann natürlich auch zu den konservativen Antipoden der viel genannten Heroen greifen. Antiquarisch sind auch ihre Bücher leicht zugänglich, sofern sie nicht (wie Hofmillers Revolutionstagebuch) ohnehin längst frei und digital im Netz zirkulieren. Sie in voller Länge zur Kenntnis zu nehmen kann im Interesse eines differenzierten Gesamtbildes keinesfalls schaden.

All jene LeserInnen, denen es dagegen weniger um die Literatur- als um die Zeitgeschichte zu tun ist, die sich mithin mehr für die historischen Ereignisse der bayerischen Revolution selbst interessieren als für ihre literarische Verarbeitung, sollten sich ebenfalls nicht allzu lange bei Höllers oder Weidermanns Reportage-Versuchen aufhalten. Ihnen ist zu empfehlen, lieber gleich zu ernsthaften historischen Arbeiten wie der eingangs schon erwähnten Studie von Georg Köglmeier zu greifen. Als flankierende Lektüre kann dieses Buch auch allen Literaturliebhabern nur wärmstens empfohlen werden – um die dichterische Emphase, die ihnen aus den literarischen Werken entgegenschlägt, mit einer gehörigen Portion nüchternen Realitätsgehalts zu erden. Bereits Köglmeiers faktengestützte Darstellung der verwirrenden Vielfalt an kurzlebigen Räte-Gremien, die zwischen November 1918 und April 1919 in München ins Leben gerufen wurden, oder die feingliedrige Unterteilung der Ereignisabfolge in eine erste, zweite, dritte oder gar vierte Revolution vermögen jeweils für sich genommen ein eindrücklicheres Bild vom Chaos, aber auch von den Hoffnungen, Utopien und realpolitischen Ansprüchen jener bewegten Tage vermitteln, als es jede noch so gekonnte Literarisierung respektive deren Potenzierung in einem überdrehten „Thriller“ à la Weidermann leisten kann.

Der zukünftigen Beschäftigung mit der Münchner Revolution wäre ein entschiedenes Mehr an solider Quellenarbeit zu wünschen – hier gibt es jenseits der Reproduktion altbekannter literarischer Quellen zweifellos noch einiges zu tun, eingehende und gründliche Archivrecherche vorausgesetzt. Mit mundgerecht aufbereiteten Geschichten aus der Geschichte, die lediglich reproduzieren, was anderswo in extenso nachgelesen werden kann, dürfte der Markt dagegen allmählich gesättigt sein.

Titelbild

Volker Weidermann / Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017.
283 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783462047141

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Volker Weidermann / Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017.
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ISBN-13: 9783462047141

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