Die Kultur der Männer

Virginia Woolfs Kurzgeschichtenband „Montag oder Dienstag“ steht ihren berühmten Romanen nicht nach

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Virginia Woolf verdankt ihren wohlverdienten Ruhm einigen Klassikern, die sie zur englischsprachigen Literaturgeschichte beigesteuert hat. Allen voran ihr damals bahnbrechender Roman Orlando (1928), zu denken ist beispielsweise aber auch an Mrs Dalloway (1925) oder To the Lighthouse (1927). Nicht zu vergessen ihre Essays A Room of One’s Own (1929) und Three Guineas (1938). Wie wohl alle AutorInnen, von Margaret Mitchell einmal abgesehen, hat sie allerdings auch ein paar weniger bekannte Werke verfasst. So etwa den Erzählband Monday or Tuesday, der nun unter dem Titel Montag oder Dienstag in neuer deutscher Übersetzung von Antje Rávic Strubel vorliegt.

Seine acht Kurzgeschichten zeigen, dass die weniger prominenten Erzählungen der Autorin ihren berühmten großen Geschwistern keineswegs nachstehen müssen. Das gilt schon für den ersten, gerade einmal drei Seiten umfassenden Text Ein Geisterhaus, der mit seiner enigmatischen Stimmung fasziniert.

Der Geschichte des geheimnisvollen Gebäudes, in dessen Fensterscheiben sich Äpfel spiegeln, folgt Eine Gesellschaft. Der Titel ist insofern etwas ungenau, als es sich um eine reine Frauengesellschaft handelt, die den Lesenden eine vergnügliche Patriarchatskritik bietet. Um das väterliche Erbe antreten zu können, sieht sich eine der Damen gezwungen, sämtliche Bücher der London Library zu lesen. Ein wahrer Fluch, mit dem ihr Vater sie aus dem Grab bedacht hat. Denn die Bücher „sind zum großen Teil unsagbar schlecht“. Dabei ist es doch „das Ziel des Lebens“, „gute Bücher zu schreiben“. Gegen das Verdikt der gequälten Leserin können auch „Shakespeare […], Shelley und Milton“ nichts ausrichten. Natürlich wurden auch all die anderen, die miserablen Bücher, ausschließlich von Männern geschrieben, was die Frauenrunde zu der Überzeugung führt, „dass unser Glaube an den Intellekt der Männer der größte Trugschluss von allen ist“. Jahrelang versuchen sie „herauszufinden“, ob es angesichts dessen überhaupt „gerechtfertigt ist, die menschliche Art fortzuführen“, und beschließen Lysistrate ähnlich einen Gebärstreik. Oder liegt eine mögliche Lösung vielleicht darin, „eine Methode [zu] erfinden, mit der Männer Kinder gebären können“? Gebärende Männer sind eine (literarische) Idee, auf die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur Woolfs Frauenrunde gekommen ist, wie Christine Kanz in ihrer Habilitationsschrift Maternale Moderne zeigt. Doch wird in Woolfs Kurzgeschichte nicht nur die Frage des Fortbestands der Menschheit aufgeworfen und der literarische Kanon aufs Korn genommen, sondern etwa auch die männliche Ehre und die weibliche Keuschheit, die bekanntermaßen im Patriarchat als deren Ehre gilt.

Ein anderer der Texte befasst sich nicht mit bereits verfassten Werken, die gelesen werden müssen, sondern mit Ein[em] ungeschriebene[n] Roman. Woolf literarisiert in ihm auf fast assoziative Weise den Akt des Schreibens selbst, wobei sie es versteht, Sein und Welt in Alltagsdetails zu fassen und zu erfassen.

Nicht die literarische, sondern die musikalische Kunstform steht laut Titel im Zentrum der aus Gesprächs- und Gedankenfragmenten bestehenden Erzählung Das Streichquartett. Es ist dies einer der Texte, die erkennbar in einer bestimmten Zeit angesiedelt sind, nämlich unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei spielt die zeitliche Situierung für den Gedankengang einer der KonzertbesucherInnen nicht einmal eine sonderlich wichtige Rolle, sinniert sie doch darüber, „[w]ie wunderschön das Gute ist, in jenen, die leichten Schrittes, lächelnd durch die Welt gehen!“ Doch fühlt sie sich in ihrem Wohlbefinden eben durch das Konzert gestört. Denn

die Melodie, wie alle Melodien, lässt einen verzweifeln – ich meine hoffen. Was meine ich eigentlich? Das ist das Schlimme an Musik! Ich möchte tanzen, lachen, rosa Törtchen essen, leichten herben Wein trinken. Oder eine unanständige Geschichte, jetzt – das könnte mir gefallen. Je älter man wird, umso mehr gefallen einem Unanständigkeiten. Ha, ha!

Nicht in einem Geisterhaus, einer Bibliothek, einem Konzertsaal oder überhaupt einem Gebäude, sondern unter freiem Himmel spielt sich dagegen das Geschehen in Kew Gardens ab. Die Erzählung lässt die Lesenden an Impressionen aus der Lebenswelt einer Schnecke teilhaben, die etwa „jede mögliche Methode“ erwägt, „ihr Ziel zu erreichen, ohne das tote Blatt zu umrunden oder darüber klettern zu müssen“, während verschiedene menschliche Paare „in fast der gleichen unregelmäßigen und ziellosen Bewegung am Blumenbeet“ entlangschlendern.

In der abschließenden Kurzgeschichte grübelt jemand darüber nach, was es mit einer „kleinen runden Stelle, schwarz auf der weißen Wand“ im Kaminzimmer auf sich haben könnte, driftet dabei in kurze Überlegungen über „das Rätsel des Lebens“, „die Ungenauigkeit des Denkens“ und „die Ignoranz der Menschen“ ab und stellt am Ende fest, dass „es keinen Sinn hat, Zeitungen zu kaufen … Nie passiert irgendwas. Verfluchter Krieg! Gottverdammter Krieg“. Natürlich passiert im Krieg ständig etwas, und zwar nicht irgendetwas, sondern vielmehr tagtäglich ausgesprochen grauenhafte Dinge, die Menschen einander nicht nur an der Westfront antun. Von ihnen erzählt etwa der bekannte Roman Im Westen nichts Neues. Woolf hatte ihre Geschichte allerdings schon längst geschrieben und publiziert, als Erich Maria Remarque 1928 seinen Antikriegsroman veröffentlichte.

In Woolfs kunstvoll komponierten Kurzgeschichten wechseln die Erzählstimmen und -perspektiven einander ebenso flüchtig und überraschend ab, wie sich Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Vorstellung, Erinnerung und Reflexion kreuzen und überlagern. Zumeist sind Woolfs Metaphern bestechend schön: „die Bäume umsponnen einen wandernden Sonnenstrahl mit Dunkelheit“. Andere, nicht weniger schöne werden wiederum am Ende von Woolf mit ihrem ganz eigenen Humor fast derb durchbrochen: „Kummer, Kummer. Freude, Freude. Ineinander verflochten wie Schilfrohr im Mondlicht. Ineinander verflochten, unentwirrbar vermischt, gefesselt im Schmerz und Kummer gestreut – Rums!“ Auch das zeichnet ihr Werk aus. Ringeltauben nicht gurren, sondern „blubber[n]“ zu lassen, mag hingegen zwar originell sein, ist aber nicht unbedingt passend. Dessen ungeachtet verlangen Woolfs kurze, gelegentlich fast lyrisch anmutende Prosatexte eine aufmerksame Lektüre. Und das ist das höchste Lob, das Literatur sich erhoffen kann.

Unbedingt erwähnt werden muss abschließend noch die hervorragende Leistung der Übersetzerin. Antje Rávic Strubel hat die Kurzgeschichten nicht nur geradezu kongenial ins Deutsche übertragen, sondern auch ein Nachwort mit klugen Überlegungen zu Woolfs acht Erzählungen beigesteuert.

Titelbild

Virginia Woolf: Montag oder Dienstag. Acht Erzählungen.
Aus dem Englischen von Antje Rávic Strubel.
Verlag C.H.Beck, München 2026.
106 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783406843143

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