Mit Neurobiologie auf den Spuren ideologischen Denkens
Leor Zmigrods Buch „Das ideologische Gehirn“ erkundet leserfreundlich molekularbiologisches Neuland
Von Rolf Löchel
Als Neurobiologin betreibt Leor Zmigrod zwar harte wissenschaftliche Arbeit, doch hat sie mit Das ideologische Gehirn ein überaus lesefreundliches und allgemeinverständlich geschriebenes Buch über ihre Forschungen vorgelegt. Dabei taucht sie auch schon einmal tief in die Molekularbiologie und die neuronalen Prozesse des Gehirns ein. Ein weiteres Gebiet, in dessen Tiefen sich die Autorin wagt, ist die Philosophiegeschichte. Aber auch hier bleibt sie so allgemeinverständlich und, ja auch unterhaltend, wie nur möglich. Gelegentlich führt das allerdings dazu, dass sie unscharf formuliert. So etwa, wenn sie „die Grenze zwischen Geist und Gehirn bewusst auf[hebt]“ und erklärt: „Für mich ist Geist und Gehirn dasselbe“. Vermutlich meint sie damit nur, dass beide untrennbar miteinander verknüpft sind. Jedenfalls, was Menschen betrifft. Hingegen ist zwar auch jedes andere Wirbeltier mit einem Gehirn ausgestattet, ob aber alle einschlägigen Spezies auch einen Geist besitzen, ist zumindest sehr zweifelhaft. Auch klingt es reduktionistisch, wenn die Autorin feststellt, „dass Geist gleich Biologie ist“. Dennoch hat das Buch den boulevardesk anmutenden Untertitel Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen nicht verdient.
Indem die Autorin neurologische Molekularbiologie und Politikwissenschaft „zusammenführ[t]“, begibt sie sich auf ein bislang noch nicht betretenes Forschungsgebiet. Ihr „neue[r] und radikale[r] wissenschaftlichen[r] Ansatz“ zielt auf nicht weniger als darauf, „den unbewussten Markern der menschlichen Willensfreiheit“ auf die Spur zu kommen und „die Signatur […] des freien Willens [zu entdecken]“. Die Verknüpfung mit der Politikwissenschaft besteht nun darin, dass Zmigrod „kognitive und neurowissenschaftliche Methoden“ auf eine Weise zusammenführt, dass sie „auf Politik anwendbar“ werden. Genauer gesagt geht es ihr um neurobiologische Hirnaktivitäten, die anzeigen, „wer zu Extremismus neigt und warum manche Gehirne besonders anfällig sind, während sich andere flexibel und resilient erweisen“. Wie sehr ein Mensch zu ideologischem Denken neigt, hängt der Autorin zufolge von drei Faktoren ab: seinen „Zellen“, seinem „Körper[]“ und seinen „persönlichen Narrativen“, wobei eine Wechselwirkung zwischen allen besteht. Denn Ideologien verändern sowohl die Kognition eines Menschen als auch seine Reflexe und nicht zuletzt seine „biologische Natur“.
Dass „ideologische Überzeugungen“ in menschlichen Körpern, genauer gesagt im Gehirn, entstehen, ist wenig überraschend. Dass sie „sichtbar“ gemacht werden können, hingegen schon. Es sind auch nicht die Ideologien selbst, die sichtbar werden, sondern die Gehirnaktivitäten, die mit ideologischem Denken, unabhängig vom jeweiligen Inhalt der Ideologie, einhergehen.
Bevor sich Zmigrod näher mit neurobiologischen Hirnaktivitäten befasst, geht sie jedoch der Entstehungs-, Wort- und Ideengeschichte des Begriffs Ideologie nach. Seine Definition ist ihr zufolge von jeher sowohl ein deskriptives wie auch normatives „Projekt“. Heute werden Ideologien gemeinhin als „absolutistische Schilderung[en] der Welt“ verstanden, die vorschreiben, wie zu denken, zu handeln und mit anderen in Interaktion zu treten ist. Denn alle Ideologien gründen in einer „rigide[n] Doktrin“, der zufolge es nur „eine einzige richtige Erklärung und folglich auch nur eine einzige richtige Lösung“ für ein bestimmtes Problem gibt. Menschen, die einer gemeinsamen Ideologie anhängen, dulden in ihrer Gruppe keinen „Nonkonformismus“, sondern verlangen vielmehr „Unterordnung“ unter die gemeinsame Weltsicht. Diese „Eigengruppen-Mentalität“, so Zmigrod weiter, wird durch „strikte Verhaltensregeln und […] durch Praxis und Symbole heraufbeschworen[]“. Wichtig bei all dem ist, dass ideologische denkende Menschen der Autorin zufolge nicht von „Irrationalität“ getrieben sind, sondern ganz im Gegenteil vom „Wunsch nach Logik“, mit deren Hilfe unerwünschte und andere Phänomene erklärt werden können.
Was Zmigrod interessiert, ist nun nicht der Inhalt von Ideologien, der höchst unterschiedlich sein kann, sondern die „Struktur von ideologischem Denken“, die sich immer gleicht. Denn unabhängig von „aller Komplexität und Widersprüchlichkeit“ von Ideologien ist ihnen allen die „Art und Weise“ gemeinsam, wie sie „praktiziert und gepredigt“ werden. Wie die Autorin anhand empirischer Experimente zeigt, reichen diese Gemeinsamkeiten bis in die neuronalen Prozesse hinein, die denjenigen anderer rigider Denkweisen und Problemlösungsstrategien detailgetreu gleichen. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie vor allem mit zwei einfach anmutenden empirischen Versuchsreihen. Mit dem Alternative Use Test und dem Wisconsin Card Sorting Test konnte sie zeigen, welche unterschiedlichen neuronalen Prozesse in rigide denkenden und flexibel denkenden Hirnen bei einfachen Entscheidungen ablaufen und worin sie sich unterscheiden. Im Weiteren konnte sie zeigen, dass sie jeweils denen in ideologischen Gehirnen und nichtideologischen Hirnen gleichen. Es zeigte sich, dass „das ideologische Gehirn […] kognitiv rigide [ist], emotional dysreguliert, physiologisch weniger sensibel gegenüber Ungerechtigkeit und Verletzung, neurobiologisch anfällig für süchtig machende Rituale und binäre Kategorien“. Überdies sind ideologische Denkweisen „allergisch gegen das wissenschaftliche Prinzip, dass alles hinterfragt werden sollte“, und alle Erkenntnisse nicht absolute, sondern nur vorläufige Gültigkeit haben. Auch „das Prinzip, das genuin den Dialog und die Neubewertung sucht“, ist ideologischen Gehirnen fremd. Allerdings ist es keineswegs so, dass ideologisches und nichtideologisches Denken trennscharf voneinander unterschieden sind, also manche Menschen strikt ideologische Gehirne besitzen, andere hingegen nicht. Vielmehr verläuft die Verteilung der Anfälligkeit für ideologisches Denken gleich einer Gauß’schen Kurve entlang eines Spektrums. Auch ist der Platz eines jeden Gehirns in diesem Spektrum nicht ein für alle Mal festgelegt.
All das wird man bereits intuitiv vermutet haben. Doch nun ist es auf neurobiologischer Ebene empirisch belegt. Ebenfalls schon vor Zmigrods Forschungen naheliegend war, dass die Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierungserfahrungen die Anfälligkeit für ideologisches Denken ebenso erhöhen wie der „Wunsch nach Bedeutung“. Insofern bietet der Band wenig Überraschendes. Neuland betritt seine Autorin dort, wo sie sich auf neuronales Gebiet begibt und zeigt, welche neuronalen Prozesse mit ideologischem Denken einhergehen und wie letzteres die molekularbiologische Struktur einzelner Gehirnregionen verändert, und was das alles mit „genetische[n] Disposition[en]“ zu tun hat, die ideologisches Denken sowohl beeinflussen wie auch selbst von diesem im Rahmen der Epigenetik verändert werden.
Eine der wichtigsten Bezugspersonen von Zmigrods Forschungen ist die weithin ganz zu unrecht unbekannte Else Frenkel-Brunswick, die 1951 als Mitautorin des Buches The Authoritarian Personality an die Öffentlichkeit trat, auf das Zmigrod mehrfach Bezug nimmt. Weit bekannter als Frenkel-Brunswick ist ihr Mitautor Theodor W. Adorno. Anders als der kritische Theoretiker war Frenkel-Brunswick dem Wiener Kreis des logischen Positivismus verbunden, was ihrer Rezeption in den 1960er Jahren wohl eher abträglich war und sie dem Vergessen anheimgab. Tatsächlich aber dürfte Frenkel-Brunswicks Anteil an dem gemeinsamen Werk weitaus größer und wichtiger sein als derjenige Adornos, war sie es doch, die mit ihren umfangreichen empirischen Untersuchungen den Grundstein für die Studie über die autoritäre Persönlichkeit legte. So kommt Zmigrods Buch auch das Verdienst zu, auf die weithin vergessene Forscherin aufmerksam gemacht zu haben.
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