Die Peripherien der Weltlyrik
Der Wuppertaler Literaturwissenschaftler Rüdiger Zymner hat seine vierbändige „Globalgeschichte der Lyrik“ abgeschlossen
Von Ulrich Klappstein
In den letzten Jahren wurden an unterschiedlichsten Forschungszentren des In- und Auslands Methoden und Modelle entwickelt, die einer umfassenden Theorie der Lyrik zuarbeiten. Dabei geht es nicht nur um grundlegende Aspekte, sondern es besteht auch ein wachsendes Interesse an der Beziehung der Lyrik zu anderen literarischen Formen und Gattungen und zur Poesie im Allgemeinen. Ziel der Forschungsbestrebungen ist es, über nationale und sprachliche Grenzen hinweg die Rolle der Lyrik zu bestimmen und zu reflektieren. Der aktuelle Forschungsstand behandelt „Globale Lyrik“ als ein spannungsreiches Feld zwischen Weltliteratur, Mehrsprachigkeit und kultureller Hybridität. Mehrere wissenschaftliche Studien und Projekte befassen sich explizit mit dem Konzept der „Weltlyrik“, meist im Rahmen komparatistischer und interkultureller Lyrikforschung. Der Begriff wird dabei als theoretische Kategorie verstanden, die globale poetische Verflechtungen, Mehrsprachigkeit und kulturelle Transferprozesse untersucht. Zahlreiche Arbeiten bilden zusammen genommen das derzeit maßgebliche wissenschaftliche Korpus zur Erforschung von Weltlyrik als globaler und ästhetisch offener Dichtung.
Während die klassische Theorie der Lyrik sich mit der Definition, Form, Struktur, Sprache und den zentralen Merkmalen lyrischer Texte wie Verdichtung, Rhythmus, Bildlichkeit, Subjektivität und Ausdruckskraft der Sprache beschäftigt, möchte eine Theorie der Globalen Lyrik diese Zugänge um zentrale Fragen der Transkulturalität, Mehrsprachigkeit, die Dynamik globaler Literaturmärkte und intermedialer Vermittlung erweitern.
Forschungsergebnisse werden vor allem von wissenschaftlichen Verlagen und Reihen publiziert, die sich auf Literaturwissenschaft, Komparatistik und Kulturforschung spezialisiert haben, so etwa im Verlag De Gruyter (Berlin/Boston), wo umfangreiche wissenschaftliche Reihen der Literaturwissenschaft auch zum Thema Globalisierung der Lyrik publiziert worden sind, im Metzler-Verlag (inzwischen ein Imprint der Heidelberger Springer-Verlags GmbH) oder im Brill-Mentis Verlag (Paderborn), der sich auf die Schwerpunkte Literaturtheorie, Lyrik und Philosophie des Geistes spezialisiert hat.
Einige systematische Überblicksarbeiten hat Heinrich Detering mit Die Launen der Poesie. Deutsche und internationale Lyrik seit 1980 (Mainz: Akademie der Wissenschaften und der Literatur, 2015) herausgegeben. Bereits diese Publikation bietet einen umfassenden Überblick über internationale lyrische Strömungen nach 1980 und behandelt die Themen Globalisierung, Übersetzung, transkulturelle Poetik und politische Dimensionen moderner Lyrik. Ähnliche Aspekte beinhaltet das Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte, das Dieter Lamping im Verlag J.B. Metzler 2016 bereits in zweiter Auflage vorgelegt hat. In einer grundlegenden Studie – Was heißt ›Weltyrik in Transition‹? (IZfK, Universität Trier) – hatte der Wuppertaler Literaturwissenschaftler Rüdiger Zymner bereits 2021 erläutert, wie verschiedene Sprach- und Schriftsysteme interagieren (Stichworte: „Multilingualität“ und „Multiskripturalität“) und sie als ein globales poetisches Netzwerk verstanden.
Die in dieser Studie präsentierten Ergebnisse liegen nun in Rüdiger Zymners monumentalen Arbeit Eine Globalgeschichte der Lyrik in wesentlich erweiterter Form vor. Das Werk weist insgesamt den beachtlichen Umfang von 3870 Seiten auf und behandelt die Geschichte der Lyrik in allen schriftlich dokumentierten Sprachen und Epochen seit der Antike bis zur Gegenwart.
Zymners Globalgeschichte, die mittlerweile als umfassendste Darstellung der Entwicklung der Lyrik über einen Zeitraum von ca. 4500 Jahren gilt, wird in Fachkreisen bereits gut rezipiert. Band 1 – bereits im Jahr 2023 erschienen – hatte die Lyrik zwischen 2500 v. u. Z. und ca. 1500 u. Z. – von den Anfängen im Alten Orient bis zum europäischen Mittelalter auf 779 Seiten thematisiert; der noch im gleichen Jahr erschienene zweite Band knüpfte an die Untersuchung von Lyriken in unterschiedlichen Sprachräumen und Schriftkulturkreisen an und behandelte den Zeitraum zwischen ca. 1500 und ca. 1800 u. Z. ebenso umfangreich auf 776 Seiten. Der nun vorgelegte dritte Band befasst sich mit der globalen Lyrik zwischen ca. 1800 und der Gegenwart sowie mit der zunehmenden Verflechtung der Lyriken miteinander; beide Teile sind mit insgesamt 1941 Seiten der gewichtigste Abschnitt des Werks. Mit den Registern der Teilausgaben I–III in Band 4 hat Zymner nun seine Globalgeschichte abgeschlossen; er enthält auf 364 (!) Seiten ein Gesamtliteraturverzeichnis, ein 58-seitiges Namensregister sowie ein 60 Seiten umfassendes Sachregister, das umfangreiche Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten bieten dürfte.
Zymner führt mulitperspektivisch die Lyriken aller Kontinente, Kulturen und Schriftsysteme zu einer Globalgeschichte zusammen, um Gemeinsamkeiten sowie universale poetische Dispositionen, aber auch Unterschiede in Form, Funktion und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung herauszustellen. Im dritten Teil nun geht Zymner gezielt auf die moderne Lyrik (ab ca. 1800) und ihre globale Verflechtung bis in die unmittelbare Gegenwart ein. Lyrik ist für den Verfasser kein diskretes Feld der Literatur, sondern er setzt sie zu anderen Gattungen ins Verhältnis. Zentrale Themen sind die Entwicklung der Gegenwartslyrik auf allen Kontinenten, die Interaktionen zwischen traditionellen und modernen Lyrikformen sowie die Globalisierungslinien poetischer Praktiken.
Zymner stellt heraus, dass Schreiben und Lesen von Lyrik eine heute weltweite, anthropologisch universale Kulturpraktik darstellen, mit der grundlegende poetische Dispositionen des Menschen erfüllt werden. Dazu gehören für Zymner auch Schriftzeichen (vgl. Kurt Schwitters i-Gedicht) oder Schriftzeichengebilde (vgl. die Einwortgedichte von Klaus Sinowatz), ebenso phonisch verwirklichte Sprachgebilde; also nicht nur gesprochene und gesungene Lyrik (Kirchenlied, Poetry Slam), sondern auch die orale Poesie dadaistischer Lautgedichte oder surrealistisch anmutender Liveperformances von Sprach- und Körperlauten. Dies soll exemplarisch an einem Beispiel für Weltlyrik im 21. Jahrhundert dargestellt werden. Zymner schreibt auf S. 1212: „Zunächst möchte ich die Aufmerksamkeit auf die Gedichte des maltesischen Lyrikers Antoine Cassar (geb. 1978) und hier besonders auf das mit dem Titel ,Gonbidapena´ lenken, das eine geradezu überdeutliche, sozusagen prototypische Exemplifikation für die globalisierte Gegenwartslyrik ist.“
Das Titelwort „Gonbidapena“ ist ein baskisches Wort, das „Einladung“ bedeutet. Den Inhalt dieses Sprachzeichengebildes gibt Zymner in einer hilfsweisen deutschen Transposition folgendermaßen wieder:
„Meine großartige (Groß)muttersprache waren Flügel oder Wind oder Wasser. / Ein sehr, sehr kleiner Vogel, jetzt hier, dann da. / Ausgestattet mit geheimnis- vollem Wissen über Musik in elf Klängen, / in das Savannenblau perfekte Formen windend.
Und es war das Wort. ren, muschen, aleph, jota, / von der Brust zum Mund, von Adam zu Adam / Kommend von dort, dahin gehend, / Die tausend Vokale des Windes, immer in wechselnder Ordnung.
Wir alle haben einen verborgenen Fluss in uns, / Frühlingsmorgen, redender Tumult des Blutes, / Trümmer von Feuer und Tau, hin und zurückkriechend.
Trinke die Stadt von deiner Muttersprache. / Jeder Boden hat Wurzeln, der Atem des Windmundes Samen, / Und vor jedem Weinberg dieser Wein des nomadischen Wortes.
Unschwer ist zu erkennen, das Gonbidapena in der Informationsvergabe stärker dem stilrhetorischen Prinzip der obscuritas als dem der perspicuitas folgt, Informationsdispersion und Informativitätsmaximierung gehören also zu seiner Poetik. Das lyrische Sprachzeichengebilde zieht fünf Schriftformen (lateinisch, altägyptisch, altsumerisch, prähebräisch und griechisch) und in seinen latinoskripturalen Teilen sechs latinoskipturale Varietäten heran, nämlich die anglographe, die baskographe, die maltesische, die französisch- schriftliche, die hispanographe und die deutsche. Es werden auf diese Weise zehn Einzelsprachen in hypridisierender, die ‚Sprachigkeit‘ herausstellender Weise miteinander gemischt, nämlich Baskisch, Englisch, Maltesisch, Altägyptisch, Altsumerisch, Protohebräisch, Griechisch, Kastilisch, Französisch und Deutsch. Maltesisch ist dabei die einzige semitische Sprache in Westeuropa, eine arabischstämmige Sprache, und der einzige arabische Dialekt, der eben nicht araboskriptural, sondern latinoskriptural repräsentiert wird. Die baskischen Formulierungen ‚Txori txiki-txikiak‘, ‚orain hemen, gero han‘ und ‚Denok dugu barruan ibai [ezkutu] bat‘ hat Cassar […] aus den Gedichten Txoriak neguan,Musua und Ibaia des baskischen Lyrikers Kirmen Uribe (geb. 1970) ‚geborgt’.“
An diesem Beispiel, das für viele stehen mag, ist gut zu erkennen, dass für den Autor Lyrik eine Art begriffliches Zentrum darstellt, an dessen Peripherien es zu vielfältigen Übergängen, Ausfransungen und Überschneidungen kommt.
Nun also gibt es seit 2023 eine umfangreiche Literaturgeschichte der globalen Lyrik, und Zymners vierbändiges Werk ist die erste systematische, epochenübergreifende Darstellung der Lyrik, gleichzeitig ein Referenzwerk für die Erforschung der Lyrik als weltweites Phänomen von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Zymner hat eine beachtenswerte Gesamtschau vorgelegt, die allerdings in ihren Begrifflichkeiten nicht immer widerstandsfrei zu lesen ist und die den rein privat an Lyrik interessierten Leser in vielerlei Hinsichten (nicht nur finanziell) überfordern dürfte.
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