1918 und 1968

Anregungen zu einem Vergleich – mit Vorbemerkungen zur Januar-Ausgabe 2018 von literaturkritik.de im 20. Jahrgang

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

2018 erscheint literaturkritik.de im 20. Jahrgang. Die Januar-Ausgabe setzt einen Themenschwerpunkt auf zwei historische Jahreszahlen, deren Bedeutung uns von Beginn an immer wieder beschäftigt hat: 1918 und 1968. Der Revolution vor 100 Jahren widmeten sich vor allem die November- und die Dezember-Ausgabe 2008, der Studenten- und Intellektuellenrevolte um 1968 am umfangreichsten die Januar-Ausgabe vor zehn Jahren, doch auch eine Vielzahl von Artikeln davor und danach.

Die Protest- und Aufbruchsbewegung Ende der 1960er Jahre hatte sich selbst vielfach auf die Revolution von 1918 berufen, sich mit ihr intensiv auseinandergesetzt und einiges mit ihr gemeinsam – trotz sehr unterschiedlicher Voraussetzungen. Mit der deutschen Novemberrevolution 1918 endeten der Erste Weltkrieg und das deutsche Kaiserreich. In München rief Kurt Eisner am 7. November 1918 den Freistaat Bayern aus, erklärte den König Ludwig III. als abgesetzt und beendete damit die Jahrhunderte lange Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie. Am 9. November 1918 verkündete Philipp Scheidemann, Vorstandsmitglied der SPD, in Berlin das Ende des Kaiserreichs, kurz darauf der vorher wegen „Kriegsverrat“ inhaftierte und eben aus der Haft entlassene Karl Liebknecht die „Freie Sozialistische Republik Deutschland“, bevor er zusammen mit Rosa Luxemburg und anderen den „Spartakusbund“ gründete.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus war hingegen nicht die Folge einer deutschen Revolution, sondern dem militärischen Sieg der alliierten Gegner Deutschlands zu verdanken. Die Revolte von 1968 folgte hier dem Kriegsende erst nach mehr als zwei Jahrzehnten. Sie war eine Art nachgeholte Revolution – gegen den fortbestehenden Einfluss ehemaliger NS-Eliten in politischen, ökonomischen und kulturellen Machtzentren, gegen eine erneute Militarisierung, gegen autoritäre Strukturen in allen sozialen Bereichen, gegen das Verschweigen und Verdrängen von Schuld in der Generation der Eltern. Der Revolution von 1918 gegen die kriegführenden Machthaber entsprachen 1968 die Proteste gegen den Vietnam-Krieg und jene Regierung in Deutschland, die ihn billigte. Wurde die Revolution von 1918 maßgeblich von pazifistischen Bewegungen getragen, die sich schon während des Krieges vor allem in der Schweiz formierten, so gehören zur Vorgeschichte von 1968 die pazifistischen Proteste gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit der 50er Jahre.

1917 beendete Ernst Bloch in der Schweiz die Arbeit an einem seiner Hauptwerke: Geist der Utopie. Es erschien 1918 und war 1968 (zusammen mit einigen Werken der etwa ein Jahrzehnt jüngeren Repräsentanten der Frankfurter Schule) eines der „Kultbücher“ der Studentenbewegung, mit der Bloch seinerseits sympathisierte. Trotz aller Differenzen sind die Affinitäten zwischen 1918 und 1968 nicht zu übersehen. Im August 1918, also noch während des Krieges, veröffentlichte René Schickele, der Herausgeber der expressionistischen, seit 1916 in der Schweiz erscheinenden Zeitschrift Die weißen Blätter, dort einen pazifistischen Aufruf mit den Sätzen:

Ich hoffe auf eine Revolution gegen die Bestie, und das kann keine Revolution sein, die die Bestie gegen die Bestie losläßt. Wer auch von beiden siegte, es wäre immer die Bestie. Ich hoffe auf eine Revolution durch keine andere Gewalt als die der Herzen, der Überredung und des frohen Beispiels. Ich sage dir: hätten wir die paar tausend Jahre, die wir mit Massakern zugebracht haben, auf die Vorbereitung dieser einzigen, wirklichen, endgültigen Revolution verwandt, wir wären schon lange über den Berg.

Einmal müssen wir Ernst machen mit der Utopie.

Heute, sag ich.

Sofort.

Der Titel des Aufrufs, Der Konvent der Intellektuellen, wies auf den „Politischen Rat geistiger Arbeiter“ voraus, den Heinrich Mann 1918 leitete. Der Begriff und der Typus des politisch engagierten „Intellektuellen“, wie ihn Schickele bezeichnete, kennzeichnete auch das Selbstverständnis der Protestbewegung von 1968. Zum Prototyp des „Intellektuellen“ (vgl. zur Begriffsgeschichte Michael Stark in literaturkritik.de 5/2003) in Deutschland wurde Jahrzehnte vorher Heinrich Mann mit seinem zur Jahreswende 1910/11 erschienenen Essay Geist und Tat. Erklärtes Vorbild waren ihm „die Literaten Frankreichs, die, von Rousseau bis Zola, der bestehenden Macht entgegentraten“. Der von der jungen Generation der Expressionisten begeistert aufgenommene Kernsatz des Essays lautet: „Ein Intellektueller, der sich an die Herrenkaste heranmacht, begeht Verrat am Geist.“ Drei zentrale Motive der Machtkritik waren es, die den Typus des Intellektuellen im Gefolge Zolas und Heinrich Manns kennzeichneten: Kritik am Antisemitismus, Kritik an der Justiz, Kritik an den Medien.

Liest man Zitate aus den oft in Form von Flugblättern verbreiteten Manifesten von Intellektuellen um 1918 und um 1968, so lässt sich bei vielen Postulaten und Formulierungen aufgrund weitgehender Affinitäten kaum erkennen, aus welchen der beiden ein halbes Jahrhundert entfernten Zeiten sie stammen. Hier einige Beispiele:

Abschaffung der Wehrpflicht in allen Ländern und das Verbot aller militärischen Einrichtungen.

gründliche Änderung des Geschichtsunterrichts

gerechte Verteilung der äußern Lebensgüter

Handarbeitern und Kopfarbeitern gebührt der volle Ertrag ihrer Arbeit, unverkürzt um den „Mehrwert“, den der kapitalistische Unternehmer bisher eingesteckt hat.

Beseitigung des Vorgesetztenverhältnisses zwischen Lehrer und Schüler. Weitgehende Beteiligung der Schüler an der Verwaltung der Schule.

Säuberung der Presse vom Unrat der Korruption, von nationalistischer Verhetzung und feuilletonistischer Verdummung.

Freiheit des Geschlechtslebens in den Grenzen der Verpflichtung, den Willen Widerstrebender zu achten und die Unerfahrenheit Jugendlicher zu schützen. Beschränkung des Strafrechts auf Interessenschutz; durchgreifende Herstellung des Rechtes aller Männer und Frauen, über den eigenen Körper frei zu verfügen. […] Rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der unehelichen Kinder nicht nur, sondern auch der unehelichen Mütter mit den ehelichen.

Wo diese Zitate stehen, lässt sich den Beiträgen zum Themenschwerpunkt unserer Januar-Ausgabe entnehmen.

„Spartakus“, der Name des Protagonisten beim Sklavenaufstand im Römischen Reich im letzten Jahrhundert v. Chr., wurde auch um 1968 wieder aufgegriffen. Die Befreiung von psychischen Unterdrückungsmechanismen durch die anarchischen Potenzen von Nonsens, Witz und Komik, wie sie der nicht erst um 1918 in der intellektuellen Szene aufmerksam gelesene und 1968 hoch verehrte Sigmund Freud beschrieben hatte, machte ab 1916 im Umfeld des revolutionär gestimmten Dadaismus Schule. Um 1968 setzte eine Autorengruppe im Umkreis der 1962 gegründeten Satirezeitschrift pardon, für die 1969 auch die Feministin Alice Schwarzer als Reporterin arbeitete, solche anarchischen Impulse auf eigene Weise fort. Erst später nannte sie sich „Neue Frankfurter Schule“ – in Opposition zur „alten“, aber ihrer „Kritischen Theorie“ doch deutlich verbunden.

Anregungen zu Vergleichen zwischen den Aufbruchsbewegungen von 1918 und 1968 bieten nicht zuletzt ihre divergierenden Einstellungen zu revolutionärer Gewalt. 1918 waren diese eng verbunden mit unterschiedlichen Einschätzungen der russischen Oktoberevolution 1917. Die meisten Revolutionäre blieben pazifistisch und distanzierten sich von gewalttätigem Aktionismus – wie nach 1968 die vielen als Sympathisanten der terroristischen Roten Armee Fraktion verdächtigten Intellektuellen (zum Beispiel Heinrich Böll) dies nur in einer kleinen Minderheit wirklich waren.

Die Beiträge zu „1918 und 1968“ in dieser Ausgabe sind nur der Auftakt, um derartigen und anderen Fragen, die mit diesen Jahreszahlen assoziiert sind, in den kommenden Monaten weiter nachzugehen: der Bedeutung der Psychoanalyse und dem Stellenwert anderer wissenschaftliche Disziplinen in den Kontexten dieser Ereignisse, der Entwicklung feministischer Bewegungen, den Einstellungen zur Sexualität, den spannungsvollen Beziehungen zwischen politischem Engagement und ästhetischen Ansprüchen, dem Anteil alter und neuer Medien an den Ereignissen, der Kluft zwischen Elite- und Populärkultur, den Kontrasten und Übergängen zwischen „linken“ und „rechten“ Bewegungen, den Positionierungen gegenüber Karl Marx (dessen 200. Geburtstag naht) oder nicht zuletzt den Einschätzungen der gegenwärtigen Situation in der vergleichenden Erinnerung an Konstellationen der Vergangenheit. Viele Bücher dazu sind angekündigt, aber noch nicht erschienen, manche liegen bereits vor, konnten hier aber noch nicht rezensiert werden.

Rückblicke auf 1918 und 1968 sind dabei nur Beispiele einer Erinnerungskultur, die sich selbst immer wieder reflektieren sollte. Ein hoch geschätzter Kollege an der Universität Marburg, Jürgen Joachimsthaler, hat im Juli 2015, als der von ihm betreute Themenschwerpunkt zu Literatur und Recht erschien, einen weiteren für literaturkritik.de vorgeschlagen, der von seiner Lektüre einer Master-Arbeit angeregt war. Er hatte sie an der Universität Heidelberg betreut, bevor er dem Ruf nach Marburg folgte. Es ging in der Arbeit, wie er schrieb, um „jüdische Identität der ‚zweiten Generation‘ nach der Shoah in Österreich und in Polen“, und er regte an, die von der Verfasserin geführten Interviews mit einem jüdischen Autor und einer jüdischen Autorin im Rahmen eines Schwerpunktes mit dem Titel „Postmemory“ zu veröffentlichen. Die in Rumänien geborene und an der Columbia University New York lehrende Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch hat den Begriff geprägt und bezeichnet mit ihm Erinnerungen einer jüngeren Generationen an traumatische Erinnerungen der vorangehenden. Jürgen Joachimsthaler, der sich nicht nur inhaltlich mit großem Engagement an der Arbeit der Herausgabe und Redaktion von literaturkritik.de beteiligte, erkrankte im Frühjahr des darauf folgenden Jahres nach einem Lehr- und Forschungsaufenthalt in Kanada schwer und lange, beteiligte sich 2017 aber trotzdem noch maßgeblich an dem Themenschwerpunkt zum 100. Geburtstag von Johannes Bobrowski, konnte den zu „Postmemory“ aber nicht mehr realisieren. Jürgen Joachimsthaler ist, wie wir kürzlich mitgeteilt haben, am 7. Januar 2018 gestorben. Ihn und auch seine Anregungen behalten wir in dankbarer und herzlicher Erinnerung.