Urinieren, intrigieren und viel eloquenter Unsinn

Yasutaka Tsutsui verfasst einen Campusroman über Glanz und Untergang der philosophischen Fakultät in Japan

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Leider wird jeder optisch orientierte Leser, der an einer Geschichte über den Verfall der japanischen Literatur- und Geisteswissenschaften interessiert ist, beim Anblick des Buchumschlags von Yasutaka Tsutsuis Roman „Professor Tadano an der philosophischen Fakultät“ mit seiner entsetzlich geschmacklosen Illustration wohl daran denken, vom Kauf des Bandes Abstand zu nehmen – zumal das Bild einer auf asiatisch getrimmten Witzfigur mit Doktorhut sich noch auf dem türkisen Pappdeckel hinter dem Umschlag und zusätzlich als Titelblatt im Inneren des Buchs wiederfindet. Wer sich mutig oder ästhetisch schmerzbefreit bis zu den bedruckten Seiten vorwagt, wird erneut enttäuscht: Schrift und Satzspiegel erinnern an eine akademische Abschlussarbeit vergangener Dekaden. Überwindet man auch diese – vermutlich nicht intentional aufgebaute – Barriere und begegnet dem Text unvoreingenommen, taucht man bald in die Welt japanischer Universitäten ein, wie es sie noch bis Mitte der 1990er-Jahre gegeben haben mag.

Das Sofa als Statussymbol – Abgründe der professoralen Psyche

Schon auf den ersten Seiten wird der Protagonist Professor Jin Tadano, ein Spezialist für englische Literatur, gebührend eingeführt. Der frisch zum Ordinarius gekürte Enddreißiger zeigt sich als überaus jovialer, eitler, ambitionierter, opportunistischer und zugleich sympathischer Charakter. Munter bis geschwätzig parliert er mit einem Hilfsassistenten. Dabei beschimpft er die Studenten als chronisch desinteressierte „Würmer“. Eben erst ist Tadano ein eigenes Amtssofa zuteil geworden und er freut sich über sein beengtes Dienstzimmer, das ihm aber immerhin alleine gehört und also, so deutet Tsutsui an, für allerlei Unternehmungen im Hinblick auf schöne Studentinnen beste Voraussetzungen bietet.

Nicht nur der männliche Chauvinismus beherrscht den Campus, sondern auch das Gerücht. Man tut deshalb gut daran, informiert zu sein – schon allein um nicht unnötig den Zorn des Direktors des Anglistischen Instituts auf sich zu ziehen. Jener gefürchtete Arisugawa ist ebenso reich wie geizig, bedient sich schamlos für persönliche Zwecke am Briefmarkenbestand der akademischen Einrichtung und lässt bei den üblichen Seminarbesäufnissen „die Studenten für sich mitbezahlen“. Nicht weniger unbeliebt ist der Dekan der philosophischen Fakultät, Professor Kawakita, der die Studierenden mit perfiden Methoden und in Form eines gelben Aufklebers zwingt, seine „Einführung in die japanische Literatur“ zu erwerben.

Eigene Umtriebe der jüngeren Wissenschaftlergeneration müssen unbedingt geheim gehalten werden, ansonsten droht die erbarmungslose Abstrafung des Betroffenen. Tadanos einziger Freund im Haifischbecken, der Romanist Makiguchi, so ein Hinweis von Hilfsassistent Hikime, hat offenbar seinen Auslandsaufenthalt in Frankreich abgebrochen. Er spart, versteckt im Haus der Mutter, Gelder an, überdies beschäftigt damit, Pflichtaufsätze für die Universitätszeitschrift fertigzustellen: Wichtige Grundlagen, die auch ihm endlich zum ersehnten Ordinariusposten verhelfen könnten. Makiguchi steht seiner Ansicht nach vor allem sein gutes Aussehen im Weg, es beschwöre den Neid der Kollegen herauf. Oft, lamentiert der Schönling, muss man sogar sein Gehalt investieren, um das Wohlwollen der höher Stehenden zu erkaufen − und das, obwohl das Salär für die meisten Jungforscher ohnehin nicht gerade üppig ausfällt.

Heuchelei, Feigheit und Geltungsdrang bestimmen die akademische Gemeinde, die sich neben ihren mehr oder weniger großen Zielen ziemlich kindisch über alles Mögliche echauffiert. Der Roman, der unter dem Originaltitel „Bungakubu Tadano kyôjû“ im Jahr 1990 erschien, beschreibt eine eigenwillige Truppe von Gelehrten, die – wie im Campusgenre international üblich – in ihrem akademischen Habitat äußerst gewöhnungsbedürftige Verhaltensweisen an den Tag legen. Die Enge dieser Umgebung bedingt eine sadistische Lust am Quälen von Schwächeren und andere psychische Ausfälle. Ab und an entlädt ein Geschundener – wie Hikime – sein Unbehagen in spontaner Miktion. Kompensationsmaßnahmen für den geballten Psychostress sind vorgesehen, so zum Beispiel das Karaoke-Singen, bei dem die Stände streng hierarchisch antreten, bis der wachsende Alkoholpegel die Unterschiede energisch einebnet.

Das literaturwissenschaftliche Metier und der eigene Roman als Rettungsseil

Tsutsuis wenig rücksichtsvolle Satire dient auf einer weiteren Ebene als didaktische Lektüre. Sie bietet eine Einführung in die Geschichte der Literaturwissenschaft als akademisches Fach. Der Leser erhält zudem diverse Lektionen über die Kunst der Literaturkritik und über literaturwissenschaftliche Theorien – die Kapitelüberschriften des Romans lauten unter anderem „Impressionismuskritik“, „New Criticism“, „Semiotik“ und „Poststrukturalismus“. Desweiteren nimmt der Autor auf zahlreiche Werke der westlichen Literatur Bezug und erwähnt auch – bis hin zur selbstreferentiellen Nennung seines eigenen Namens – japanische Schriftsteller wie den bekannten Proletarier Takiji Kobayashi, Verfasser des Prekariatsromans „Das Krabbenschiff“, Yukio Mishima, Banana Yoshimoto, Haruki Murakami sowie Masahiko Shimada, den postmodernen Avantgardisten.

Frustriert über die Bedingungen in Forschung und Lehre an den vom japanischen Staat nicht sehr geförderten philosophischen Fakultäten, räsoniert Tadano einerseits über die allgemeine Sinnlosigkeit von philologischem Tun in einer plutokratischen Gesellschaft. Andererseits suhlt er sich wollüstig im eigenen Zynismus und kokettiert mit seinen Unzulänglichkeiten. Er zeigt sich aber letztlich als schlau genug, mit seiner Begabung fürs Literarische die lähmende universitäre Situation zu überwinden. Geltung kann die Literatur ja dann wieder beanspruchen, wenn sie Ruhm und Ehre einbringt, und so verfasst Tadano unter dem Pseudonym Tanji Noda Romane. Sein letztes Buch wird schließlich mit einem angesehenen Literaturpreis prämiert. Die Medien entlarven jedoch Nodas wahre Identität – ein Aufruhr an der Universität ist die Folge. Beschimpfungskanonaden entladen sich über ihm, Verräter an der Wissenschaft und „Sauhund“ sind noch die schwächsten Injurien. Am Ende erweist sich aber die schriftstellerische Tätigkeit für Tadano als „Rettungsseil“, das ihm die Flucht aus dem Sumpf der akademischen Paralyse ermöglicht und ihm sogar mehr Glück als erhofft bringt.

„Der Ordinarius forscht nicht mehr“: Retrocharme in den Zeiten von Bologna

Dass die alten profilneurotischen Professoren die jüngeren Dozenten brutal unterdrücken, in ihrer Machtfülle unantastbar sind und eigentlich selbst kaum noch etwas publizieren beziehungsweise sich ihre wissenschaftlichen Arbeiten von Dritten schreiben lassen oder sie den Assistenten stehlen, ist ein Stereotyp, das vielleicht nur noch die Universitätslandschaft vergangener Zeiten repräsentieren kann.

Heute, nach der umgesetzten Bologna-Bildungsreform im Zeichen der Ökonomisierung, versteht man den Lehrenden im Westen − wie in Japan nach der Reform von 1995 − mehr als einen Dienstleistenden, der sich einer überbordenden Bürokratie und einer vom angloamerikanischen Modell übernommenen Dauer-Evaluation seiner Performance ausgeliefert sieht. Die Devise lautet Existenz rechtfertigen, Forschungsgelder ergattern, Publikationen im Dutzend vorweisen und Gesinnungsstandards erfüllen. Ein Lehrmodul Bologneser Prägung kann vom Ausleben kompromissloser Unarten bis hin zum plötzlichen öffentlichen Wasserlassen, wie es Tsutsuis schräge Akademiker vorführen, bestenfalls träumen. Mit dem Satz „(d)ie eigentliche Würde eines Professors bemisst sich nach seinen Mitteln“ verkündet der Autor allerdings eine über die Ländergrenzen geltende, zeitlose Wahrheit.

Titelbild

Yasutaka Tsutsui: Professor Tadano an der philosophischen Fakultät.
Übersetzt aus dem Japanischen von Stefan Wundt.
Alsterverlag, Hamburg 2011.
320 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783941808034

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