Kein Randthema mehr

Herwig Grimm und Marcus Wild geben in ihrer wissenschaftlichen Einführung einen kritischen und hochaktuellen Überblick über zentrale Konzepte der Tierethik

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ethik, auch die Bioethik, ist immer von Menschen für Menschen entworfen, bleibt damit anthroporelational und ist notgedrungen reduziert auf eine menschliche Perspektive. „Wir sind doch alle Menschen“ heißt es oft, und im Alltag verwenden wir beiläufig Begriffe wie etwa den der Menschenwürde und des Menschenrechts, ohne darüber weiter nachzudenken. Was hat die in ihrer aktuellen Ausprägung erst rund 40 Jahre alte Tierethik als Produkt der Moderne in diesen anthropozentrisch ausgerichteten Gefügen zu suchen und wie kann sie sich unter diesen Voraussetzungen im philosophischen Feld der Ethik positionieren oder gar gesellschaftlich etablieren? Ist die Tierethik im Laufe ihres stärker werdenden Professionalisierungsschubs nicht sogar in Bezug auf ethische Fragestellungen in praktischen Anwendungsfeldern ein Bereich, dem global immer größere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte? Die Legitimität der Nutzung von Tieren für menschliche Interessen ist jedenfalls nicht mehr selbstverständlich. Nicht von der Hand zu weisen ist deshalb, dass Tiere dadurch ethischen Status erlangt haben. Indirekte Pflichten gegenüber Tieren werden zu direkten, Kant ist Geschichte.

Als Subdisziplin wird die Tierethik in der Öffentlichkeit immer präsenter und besetzt längst keinen Außenseiterposten mehr in Debatten um einen moralisch vertretbaren Lebensstil und in Diskursen der allgemeinen Ethik. Seit Peter Singer und Tom Regan sind tierethische Argumentationen Gegenstand intensiver Auseinandersetzungen in sowohl wissenschaftlich-philosophischen als auch alltäglichen gesellschaftlichen Debatten. Einen Überblick über klassische und neuere Ansätze der Tierethik haben dabei die wenigsten – nun legen Herwig Grimm und Markus Wild eine Einführung vor, die das ändern könnte, zumal hier nicht nur verschiedene Positionen vorgestellt, sondern auch Rückbezüge auf die Problematik der Massentierhaltung, der Tierexperimente und etliche weitere Felder der Tiernutzung gemacht werden. Damit schließen die Autoren eine besorgniserregende Lücke, denn bisher sind kaum Monografien oder philosophische Einführungswerke erschienen, die einen Gesamtüberblick nicht nur über Theorien, sondern auch über die zeitgenössische Ausprägung öffentlicher Debatten und fragwürdiger speziesistischer Argumentationsversuche geben und im Anschluss daran die Anwendungsfrage miteinbeziehen. Hierbei wird nicht mit erhobenem Zeigefinger geurteilt, sondern auf massive, nicht abzustreitende Legitimierungsprobleme des menschlichen Umgangs mit Tier- und Umwelt hingewiesen. Die mittlerweile in der Tierethik eingesetzten Begriffssysteme und Argumentationsmodelle sind so ausdifferenziert, dass ein Einführungswerk dieser Art dringend nötig scheint. Der Band ist dennoch voraussetzungsreich und dicht geschrieben, was angesichts der Autoren, die mit der Materie bestens vertraut sind, nicht verwundert: Grimm ist ein durch zahlreiche einschlägige Publikationen ausgewiesener Tierethiker von der Universität Wien, während das Forschungsgebiet Wilds vor allem die Tierphilosophie als Teilgebiet der Philosophie des Geistes ist.

Im ersten, recht knappen Kapitel wird das Forschungsfeld näher erläutert, indem tierethische Grundfragen und deren traditionelle Beantwortung erklärt werden. Kantianismus und Utilitarismus werden stellenweise etwas zu reduziert dargestellt. Dafür wird im zweiten Kapitel den beiden konkurrierenden tierethischen Grundpositionen der 1970er-Jahre ausführlich Rechnung getragen. Im dritten Kapitel findet eine Überleitung zu aktuellen Debatten statt, indem beispielsweise Peter Carruthers, Alasdair Cochrane, Cora Diamond, Rosalind Hursthouse und Clare Palmer Erwähnung finden. Vor allem hier zahlt es sich aus, dass die Autoren in klarer und eingängiger Sprache schreiben, die dennoch den vorgestellten Ansätzen gerecht wird und Bezug auf öffentliche Debatten nimmt, ohne dabei einzelne Theorien künstlich voneinander abzugrenzen. Unterschiedliche Ansätze werden einander ergänzend betrachtet und an vielen Stellen weitergedacht. Das vierte Kapitel widmet sich der Anwendungsfrage – und hier ist gleichermaßen zu loben und zu bemängeln, dass die Autoren aus ihrer wissenschaftlichen Perspektive heraus sehr zurückhaltend bleiben und bestimmte mögliche Forderungen an die Tiernutzung oder die Etablierung von Tierrechten nur vorsichtig andeuten.

Als Teil umfassend gedachter ökologischer Ethik widmet sich die Tierethik zwar dem Umgang mit nicht-menschlichen Entitäten. Dem Leser wird dennoch schnell bewusst, dass Tierethik an sich bereits eine im Grunde redundante Wortverknüpfung ist, da Grenzziehungen zwischen Mensch und Tier wissenschaftlich nicht mehr haltbar sind. Doch auch das Ähnlichkeitsargument betrachtet der Band kritisch und unterstreicht damit den jüngeren Erkenntnisstand innerhalb der Tierethik: Versteift man sich zu sehr auf diese Perspektive, besteht nämlich wiederum das Risiko, nur menschenähnlichen Tieren Wohlbefinden und Schutz zu gewähren. Kann es nicht-menschliche Träger intrinsischer Werte geben? Wenn dem so ist, dann müsste das einen Wandel im menschlichen Umgang mit Tieren einleiten. Die Perspektive der Autoren darauf ist absolut realistisch: Einen Lebensstil, bei dem tierisches Leiden gänzlich vermieden werden kann, gebe es nicht, doch der Großteil dessen, was der Mensch der Tierwelt zumutet, sei weder notwendig noch ethisch fraglos zu tolerieren. Tierethik wird damit indirekt – und zu Recht – in der Gänze ihrer globalen Wichtigkeit und Komplexität zum Prüfstein für die Validität jeglicher ethischer Theoriebildung deklariert. Dabei nehmen Grimm und Wild auch in den Blick, dass die moralischen Ansprüche der Gesellschaft und die Komplexität der Verhältnisse, denen der Konsument gerecht werden muss, eine zunehmende Überforderung darstellen. Ob man dabei eine hierarchische oder eine egalitaristische Auffassung vertritt, ist fast irrelevant, da die moralischen Fragen hierdurch nicht ihre Schwierigkeit verlieren.

Politiker, Mediziner, Rechtswissenschaftler und Konsumenten sollten sich mit dem Kapitel der Anwendungsfrage direkt angesprochen fühlen. Es bleibt also zu hoffen, dass der Band trotz seiner Anforderungen an den Leser mit der Zeit die richtige Zielgruppe erreichen wird. Problematisieren lässt sich nämlich durchaus, dass weder philosophische Laien noch Befürworter des karnistischen Systems einen leichten Einstieg mit diesem Einführungswerk haben, obwohl man, wenn man mit den vorgestellten Theorien vertraut ist, Grimms und Wilds Bemühungen zur Vereinfachung bemerkt. Denkbar wäre so auch eine stärkere Einbindung des tierethischen Diskurses in den Lehrplan der Schulen – denn wenn man von den sozialen und ökologischen Problemen der Welt spricht, kann man, wie Grimm und Wild aufzeigen, über Tiere nicht schweigen.

Titelbild

Markus Wild / Herwig Grimm: Tierethik zur Einführung.
Junius Verlag, Hamburg 2016.
251 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-13: 9783885067481

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