Ein anderes Amerika

Zur Abschiedstournee von Joan Baez – mit Hinweisen aus dem Archiv von literaturkritik.de und Videos

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

In der Süddeutschen Zeitung vom 16. Februar 2019 (online am 15.) meinte der Chefredakteur Kurt Kister, dass das Konzert von Joan Baez in München vielleicht wichtiger sei als die Sicherheitskonferenz am selben Tag. Joan Baez repräsentiert ein anderes Amerika als Donald Trump, so deutet er an: „Sie ist immer noch so etwas wie die Verkörperung jenes guten Amerikas, das sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gegen Rassismus, Kriegspolitik und Ausbeutung im eigenen Land und auf der ganzen Welt stellte.“

Seit dem „March on Washington for Jobs and Freedom“ im Augst 1963 (siehe https://www.youtube.com/watch?v=7akuOFp-ET8) trug Joan Baez bei etlichen Bürgerrechtsdemonstrationen und vor 50 Jahren, im August 1969, auch auf dem legendären Woodstock-Festival mit ihrer Fassung von We Shall Overcome maßgeblich zur Popularität dieses Protestlieds bei. Im Februar 2010 trat sie mit ihm im Weißen Haus vor dem Präsidenten Barack Obama auf (siehe https://www.youtube.com/watch?v=yId_ABmtw-w). Die im Internet am weitesten verbreitete Fassung ist diese:

           Joan Baez: We Shall Overcome / https://www.youtube.com/watch?v=RkNsEH1GD7Q

Beim „March on Washington“ trat sie auch zusammen mit Bob Dylan auf. Hier eine von beiden in dieser Zeit gesungene Fassung von Bob Dylans Anti-Kriegs-Lied Blowin’ in the Wind: https://youtu.be/RkNsEH1GD7Q.

Anlass für Kisters ausführliche und lesenswerte Würdigung der pazifistischen Sängerin war ihre längere Abschiedstournee in diesem Monat, die sie nach München in Frankfurt und Hamburg fortsetzt und im Juli in Füssen beendet. Kister erinnert an ihren 78. Geburtstag vor wenigen Wochen und an einen ihrer von Bob Dylan übernommenen Songs mit dem Wunsch: may you stay forever young.

              Joan Baez: Fore Ever Young / https://www.youtube.com/watch?v=RQhFayNk57c

In den  vergangenen 20 Jahren unserer Zeitschrift literaturkritik.de sind bisher leider keine Beiträge über Joan Baez erschienen. Das ändert sich hoffentlich bald. Aber immerhin wird Joan Baez in vielen Artikeln in durchaus aufschlussreichen Zusammenhängen erwähnt und in ihrer Bedeutung gewürdigt. Und so nehmen wir ihre Abschiedstournee gerne zum Anlass, mit einer Sammlung von Zitat-Fragmenten aus diesen Artikeln und Hinweisen auf etliche Songs von ihr, mit denen man sie bei YouTube hören und sehen kann, an sie zu erinnern.

Zu ihrer Abschiedstournee in Europa gehört ein Konzert im Juni 2018 in Paris, das bei YouTube hier dokumentiert ist:

Joan Baez – Fare Thee Well Abschiedstour – Live @ Pariser Olympia 13.6.2018 / https://www.youtube.com/watch?v=Emf1O8q80SM

Fragmente aus Artikeln in literaturkritik.de

Aus einem Artikel von Dieter Lamping in literaturkritik.de 6/2016 über Bob Dylan:

Die gewaltige Aufmerksamkeit, die Bob Dylan nicht nur zu seinem Geburtstag entgegengebracht wird, steht in keinem angemessenen Verhältnis mehr zur Bedeutung seiner Musik und ihrer Präsentation, sei es auf einem Tonträger, sei es im Konzert. Es wäre schon viel an künstlerischer Gerechtigkeit gewonnen, wenn man sie auf andere noch lebende Musiker verteilte. Dylan hat diese Zeitgenossen, die zum Teil auch seine Weggefährten waren, zwar zumindest zeitweise in mancher Hinsicht überragt. Doch auch sie überragen ihn auf ihre Weise, manche sogar nachhaltig. Joan Baez in ihrer besten, allerdings auch schon lange zurückliegenden Zeit gehört als Sängerin und Gitarristin zu diesen Künstlern …

Aus einem Artikel von Sascha Seiler in literaturkritik.de 6/2016 über Bob Dylan:

… Joan Baez’ 1971 erschienener Song To Bobby [siehe unten], in dem sie Dylan auffordert, doch bitte wieder anzufangen, politische Songs zu schreiben und mit den ehemaligen Gefährten auf der Straße zu marschieren. Sie wisse ja, wo seine wahren Prioritäten liegen – und außerdem: „There is work to do!“

Die Folk-Revival-Szene um Pete Seeger, Joan Baez und Dave Van Ronk entdeckte das aufrührerische Potential der Lieder, das ihr soziales Bewusstsein ansprach. Die Musiker gefielen sich in der Rolle der Mittler, die den jungen Menschen diese Lieder näherzubringen versuchten. Dylan stieß mitten in diese Szene hinein, wie Joan Baez in ihrem 1975 veröffentlichten Lied an den ehemaligen Liebhaber [siehe unten Diamonds & Rust] schrieb: „Well, you burst on the scene already a legend, / the unwashed phenomenon, the original vagabond“.

              Joan Baez: To Bobby / https://www.youtube.com/watch?v=t6NqoaW2fzY

             Joan Baez: Diamonds & Rust (1975) / https://www.youtube.com/watch?v=00EbSgjzclY

Aus einem Artikel von Stephanie Bung in literaturkritik.de 7/2017 über Eclipse von Cécile Wajsbrot:

Es geht in diesem Roman in erster Linie um Zeit und um ihren Nachvollzug anhand von Musik und Fotografie, anhand von berühmten Popsongs – auf Famous Blue Raincoat folgen u.a. Diamonds and Rust [siehe oben] von Joan Baez …

Aus einem Artikel von Dietmar Jacobsen in literaturkritik.de 11/2016 über die autobiographischen Erinnerungen Wolf Biermanns:

Es gibt […] ein paar ganz Große, die in einer oder zwei Begegnungen unauslöschbare Eindrücke hinterließen: Joan Baez, Allen Ginsberg, Jean-Paul Sartre etwa.

Aus einem Artikel von  Stefan Höppner in literaturkritik.de 5/2015 über Peter Kurzecks Hörspiele:

Nebenbei bekommt man sogar noch Tom Waits, Joan Baez und Miles Davis zu hören.

Aus einem Artikel von Walter Delabar in literaturkritik.de 3/2015 über das Buch Sound der Zeit:

Da mögen Beiträge zur berühmtesten Rede Martin Luther Kings („I have a dream“) oder zu Joan Baez und Bob Dylan ein bisschen isoliert dastehen, sie zieren den Band in jedem Fall.

Aus einem Artikel von Dieter Lamping in literaturkritik.de 5/2011 zu Bob Dylans 70. Geburtstag:

Joan Baez nahm ein ganzes Album mit Dylan-Songs auf: „Any Day Now“. […]

Manche entwickelten erst literarischen Ehrgeiz, nachdem sie ihn [Bob Dylan] kennengelernt hatten, John Lennon etwa, auch Gene Clark, der Sänger und Schreiber der frühen Byrds. […]  Sogar Joan Baez und Judy Collins, von Haus aus keine songwriters, auch ein Arlo Guthrie versuchten sich mit eigenen Texten. […]

… auf „Planet Waves“ singt Dylan meist neben der Gruppe, wie er früher manchmal neben oder gegen Joan Baez gesungen hatte …

Aus einem Artikel von H.-Georg Lützenkirchen in literaturkritik.de 5/2011 über Michael Endepols Bob Dylan-Buch:

Eben in diesem Punkt unterschied Dylan sich von Beginn an auch von „Baez, Joan“. Ihr ist der längste Eintrag in diesem Buch gewidmet. Als die beiden sich 1961 erstmals begegneten, schien das die ideale Kombination zu sein: hier die schöne Queen of Folk und an ihrer Seite der junge, noch unfertige King. Eine Konstellation, „natürlich zu schön, um dauerhaft wahr zu sein.“ Und Endepol weiß flott zu beschreiben, warum die beiden Protagonisten nicht endgültig zueinander finden konnten. Dabei spielte eben auch eine Rolle, dass Dylan, anders als Baez, nicht den Erwartungen entsprechen wollte, die ihn als Repräsentanten einer Protestgeneration sehen wollten. Dass es über dieses Trennende hinaus immer wieder auch ein Miteinander gab, beweisen die musikalischen Duette, die während der Rolling-Thunder-Revue 1975/76 entstanden. Man erlebte „zwei reife Künstler, beide Mitte dreißig, die sich ganz auf die Musik und den Gesang konzentrieren und auf den politischen Mehrwert verzichten können“. Die so entstandene Intensität der Musik bleibt hier das prägende Ereignis.

Aus einem Artikel von Klaus Theweleit in literaturkritik.de 5/2011 zu Bob Dylans 70. Geburtstag:

Ich muss niemandem zugehören, den Folkies nicht, Joan Baez nicht, den Hobos auf dem Highway nicht und nicht den Organisationen der rebellischen Studenten, auch wenn ich mit ihnen sympathisiere …

Aus einem Artikel von Rolf-Bernhard Essig in literaturkritik.de 2/2009 zum zehnjährigen Bestehen der Zeitschrift:

Im Englischen bedeutet der Ausdruck „four letter word“ einfach „obszönes Wort“, „verbotenes Wort“. Kinder werden angehalten, diese bösen Vierbuchstabenwörter nie zu verwenden, also „shit“, „cock“, „cunt“, „arse“, „dick“, „fuck“ et cetera. Nur wenn man das weiß, versteht man die doppelte Bedeutung des berühmten Bob-Dylan-Joan-Baez-Songs „Love is just a four letter word“ [siehe unten].

 Joan Baez : Love Is Just A Four-Letter Word (1968) / https://www.youtube.com/watch?v=g1fpDWXwfso

Aus einem Artikel von H.-Georg Lützenkirchen in literaturkritik.de 8/2008 über Daniel Gäsches „Die 68er und die Musik“:

Es sind also schon viele Seiten umgeblättert, bis es endlich heißt „Die 68er und die Musik“ und im nächsten Kapitel „Die Musik der 68er“ die „Glorreichen7“ vorgestellt werden: The Beatles, die Rolling Stones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Bob Dylan und Joan Baez.

Aus einem Artikel von Jan Süselbeck in literaturkritik.de 12/2005 über ein Buch von Sam Shepard zu Bob Dylan:

Dylan mit mürrischen Gesichtern, halbnackt in Hotelzimmern umherlungernd, umringt von schönen Frauen wie Joan Baez und Joni Mitchell …

Aus einem Artikel von Mario Alexander Weber in literaturkritik.de 8/2005 über ein Bob Dylan-Buch von Greil Marcus:

In einem persönlichen Abschnitt berichtet Greil Marcus von seiner ersten, ihn prägenden Begegnung mit einem blutjungen, noch unbekannten Bob Dylan, als dieser noch zusammen mit Joan Baez auftrat. Ihre Schwester Mimi soll so hübsch gewesen sein, dass Greil Marcus sich kaum traute, sie anzusehen.

Aus einem Artikel von Fabienne Quennet in literaturkritik.de 9/2001 über die Autobiographie von Woody Guthrie:

Der 1967 verstorbene Songwriter Woody Guthrie (der Vater, des in den 60er Jahren bekannt gewordenen Arlo Guthrie, der mit dem Lied „Alice’s Restaurant“ seinen größten Erfolg hatte) hat viele Musiker nach ihm beeinflusst, u. a. Bob Dylan, Joan Baez, Bruce Springsteen, und Bono.

Auswahl weiterer Songs von Joan Baez

          Joan Baez: Donna, Donna  (1960) / https://www.youtube.com/watch?v=j1zBEWyBJb0

         Joan Baez: Farewell Angelina (1965) / https://www.youtube.com/watch?v=qcwP2ulxDdY

            Joan Baez: 500 Miles (1965) / https://www.youtube.com/watch?v=B_K6z3HiRAs

Joan Baez: Times are changing – Live on „Fare Thee Well“ Tour 2018
Dedicated to „Never again MSD“ / https://www.youtube.com/watch?v=riUp_hxjUBI

Von Leserinnen und Lesern angeregte Nachträge und eigene

Kurt Kister berichtet in der Süddeutschen Zeitung vom 18.2. (online 17.2.) über das Konzert von Joan Baez in München.

Bob Dylan und Joan Baez covern 1982 Jimmy Buffett’s A Pirate Looks At Forty (Video mit leider schlechter Qualität):

https://www.youtube.com/watch?v=Ddx3UeZuC3M

Jan Wiele berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.2. (online 20.2.) über das Konzert von Joan Baez in Frankfurt und hebt zunächst ihren Song über den „Wanderarbeiter und Gewerkschaftsführer Joe Hill, der einem Justizmord zum Opfer fiel“, hervor.

Joan Baez Live @ Woodstock 1969 Joe Hill.mpg / https://www.youtube.com/watch?v=PX7M9psH0rM