Eine Anleitung zum Überleben

Sibylle Berg legt mit „La Bella Vita“ einen utopischen Roman vor, dessen Erzählung sich im Oszillationsraum zwischen gestern und morgen bewegt

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nachdem Sibylle Berg in den beiden, weit umfangreicheren Teilen, GRM (2019) und RCE (2022), die Dystopie unserer Welt beschrieben hat, liegt nun also mit diesem neuen Roman der dritte, die Trilogie abschließende, Band vor. Ob’s nun von Berg selbst stammt oder von einer Mitarbeiterin / einem Mitarbeiter des Lektorats, jedenfalls erläutert die kurze, den Roman am Ende hinzugefügte Bemerkung präzise, worum es geht:

La Bella Vita ist eine mögliche Utopie, eine Anleitung zum Überleben. Der literarische Versuch dessen, was menschenmöglich wäre. Ein Europa ohne Wohnungsnot, ohne Arbeitgeber, steigende Preise und dauernde Panik. Hier ist sie, die erste Bauanleitung eines Lebens ohne Klassen, Hierarchien, ohne Machtverhältnisse, Staatsgewalt, ohne Kriege, Politiker und Kapital.

Berg versucht damit das einzulösen, was sie auf den letzten Seiten des Vorgängertextes als „letzten Versuch“ bezeichnet hat: Die Welt zu retten, eine letzte „Anstrengung“ zu unternehmen, um den Untergang und das „Aussterben zu verhindern“. Die Welt, das ist eine Ordnung, die vom globalen Kapitalismus beherrscht ist, den man mit Berg, die eine versierte Kennerin entsprechender Theorien ist, als Überwachungs- oder auch Plattformkapitalismus verstehen kann, woraus es – so scheinen es die beiden ersten Bände nahezulegen – keinen wirklichen Ausgang gibt. Die Dystopie scheint vielmehr gerade deshalb total bzw. totalitär zu sein, weil sie ubiquitär ist. „Jeder“, heißt es in RCE pars pro toto, „der in seiner Firma arbeiten durfte, war verpflichtet, einer vollständigen Überwachung durch den Arbeitgeber zuzustimmen. Das diente der Sicherheit. Vom Standorttracking über eine Bodycam war das Instrumentarium zu einer lückenlosen Aufzeichnung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse des Einzelnen wichtig, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen aller zu verbessern.“ Und die Politik all over the world passt dazu wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf: 

Die PolitikerInnen hier gehörten fast ausschließlich nationalkonservativen Parteien an. Welchen auch sonst. Es gab kaum mehr eine Alternative. Die Linken hatten sich in die Auflösung diskutiert oder nichts zu sagen oder hatten eine plötzliche Begeisterung für NATO-Krieg und Atomkraft entwickelt.

In gigantischen Prosamäandern erzählt Berg in den Vorgängerbänden überaus sachkundig von einem Weltunruhezustand, der mit dem Ukraine-Krieg, der Trump-Administration und einem Rückfall in finsterste Zeiten des Kolonialismus und Imperialismus – scheint’s ausweglos – rapide auf jene Endzeit zudriftet, die der ‚Katastrophenphilosoph‘ Günther Anders Mitte des 20. Jahrhunderts als Zeitende annonciert hat.

Aber auf die rabenschwarze, wiewohl realistische Dystopie folgt bei Sibylle Berg nun noch eine Utopie, eine Art Satyrspiel. Dieselben jungen Menschen, die bereits als Protagonisten der beiden anderen Bände gewirkt haben, stehen erneut im Vordergrund: „Karen, Hannah, Pjotr und ich.“ Und die Geschichte, die hier erzählt wird, kann man in der Bezeichnung der personalen Erzählerin auch als Geschichtsschreibung sehen und lesen. Diese Erzählerin nämlich versteht sich als Archivarin, die die – nach einer irgendwie stattgefundenen sanften Revolution – neue Welt diesseits des Kapitalismus und einer digital formierten Ordnung, eine Anarchie, beschreibt. Dramaturgisch ist Bergs Roman dabei so ausgerichtet, dass sich das Erzählen (das in diesem Text leider an vielen Stellen ein wenig thesenartig klingt) in einem Oszillationsraum zwischen einem Früher, womit die ganze bisherige Zeit gemeint ist, und einem Danach (der Utopie) befindet. Jetzt, so die Pointe, sind wir – ist die ganze Welt – vom Kapitalismus befreit. Es existieren weder Überwachung noch anderweitige Kontrollmechanismen (durch die KI oder die „Volksverblödungsmaschinen“, wie es einmal heißt), Aufrüstung und andere Neidformen sind ans Ende gekommen, alte Währungen sind wieder eingesetzt worden, und man sieht auch wieder überall „die Langsamen, Behinderten, sehr Alten“. Also diejenigen – und das mag eine der zahllosen Stellen sein, die auf dialektische Art und Weise mit den beiden verschiedenen Zeitebenen spielen –, die früher „ihre Wohnungen nicht verlassen [konnten] oder […] in Heimen verstaut worden [waren]. Die Normalität, die den Leuten ständig vermittelt wurde, in Filmen und in der Werbung, war – gesund und leistungsfähig, Top-Zähne. Der Rest tauchte nur auf, wenn es eine Lotterie zugunsten der Kaputten gab oder einen Spendenaufruf oder irgendwas, bei dem sich der normale, gesunde Mensch von seiner Angst, eines Tages selbst ausgemustert zu werden, freikaufte.“

Fluchtpunkt aller ausfabulierten Hoffnungspotentiale, die Berg in ihrem furiosen Roman möglicherweise unter Anspielung auf Ernst Bloch skizziert, ist eine neue Gemeinschaft: eine, „wo die Angst zusammen mit dem Wettbewerb verschwunden ist. Jetzt, wo sie sehen, wozu eine Gemeinschaft einmal gedacht gewesen war – um nicht einsam zu sein, gegen die Erkenntnis, dass ein Ende erfolgen wird. […] Bald wird die erste Generation der Menschen ohne Angst aufgewachsen sein, ohne Hass auf andere, ohne das Gefühl, etwas zu verpassen, ohne verkümmerte Hirne und falsche Ideen von Reichtum und angeklebten Fingernägeln, ohne die Verzweiflung, wahrgenommen werden zu wollen und es doch nicht zu sein, ohne die wenigen Prozent mit unermesslichem Kapital und Reichtum und den großen Rest.“

Sibylle Berg hat den riskanten Versuch einer Utopie gestartet, einer Utopie freilich, die nicht im fernen Irgendwann und Nirgendwo ein rosarotes Bild malt, sondern die sich als Nicht-Dystopie ausgibt, mithin die Schwierigkeit beschreibt, die real existierende Dystopie unserer Welt und Wirklichkeit zu transzendieren.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Sibylle Berg: PNR. La Bella Vita.
Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025.
416 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783462003802

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