Mehrsprachigkeit als Medium
Anna Rosa Galileys Studie „Der israelische Dichter Elazar Benyoëtz zwischen Deutsch und Hebräisch“ analysiert und würdigt den Dichter auf erfreuliche Weise
Von Martin A. Hainz
Elazar Benyoëtz ist einerseits ein geradezu kanonischer Autor, den man in Reclam-Anthologien der Gegenwart findet – und andererseits einer zwischen allen Stühlen. Daraus schöpft er indes poetische Kraft, wie sehr es seinem Bekanntwerden auch im Wege zu stehen scheint – denn diese Zweisprachigkeit ist ebenso wie seine durchdachten Bezüge zum Judentum und zum Hebräischen zuweilen eine, wenngleich wundersame, Herausforderung. Eine, die ihm in die Wiege gelegt wurde; Benyoëtz wird als Paul Koppel 1937 in der Wiener Neustadt geboren. 1938 emigriert seine Familie nach Palästina, wo er hernach – mit einer vierjährigen Unterbrechung in den 1960ern, als er in Berlin wohnt – in Jerusalem lebt. Er ist Dichter, aber auch Rabbiner, schreibt zunächst auf Hebräisch, doch seit 1969 erscheinen seine Bücher fast ausschließlich in deutscher Sprache. Dieses Ungesicherte ist es, dem Benyoëtz treu ist; er schreibt, so ein Titel eines Buches von ihm, Variationen über ein verlorenes Thema. Darin bringt er nichts vereinfacht auf den Punkt, dies gerade auch als Aphoristiker, der dann aber von der Geschichte schreibt: „Geschichte nimmt ihren Anfang in der Erinnerung. Wer gedenken will und sich erinnern kann, der braucht aus der Geschichte nicht zu lernen.“
Das Buch von Anna Rosa Galiley entspricht ebenfalls diesem Zustand der Spannung, der gewahrten Komplexität. Denn die Verfasserin scheint – wie ihre Monographie – zwischen Wien und Jerusalem beheimatet zu sein, ferner zwischen Judaistik und Liebe zur deutschen Literatur. Ziel ihrer Arbeit, mit der sie 2022 an der Universität Wien promovierte, ist ein besseres Verständnis der deutsch-hebräischen Intersektionalität dieses Dichters.
Einleitend klärt die Verfasserin darüber auf, was sie vorhabe – und das ist nicht wenig, wie noch deutlicher wird, wenn man weiß, dass hier eine breite Auswahl deutscher sowie hebräischer Werke als Basis dient. Entnommen wurde diese der Primärliteratur der 10.000 Bücher umfassenden Bibliothek Benyoëtz‘, die – samt Anmerkungen – heute der Hebräischen Universität Jerusalem gehört. Seinen Vorlass, selbstverständlich ebenso minutiös aufgearbeitet, besitzt die Österreichische Nationalbibliothek in Wien. Mit Fleiß und Klugheit arbeitet sich die Verfasserin dieser Studie an all dem ab, wobei sie gerade dadurch, dass sie nun nicht alles umstandslos gleich- oder auch nur übersetzt, diese Mehrsprachigkeit darstellt. „An Zweisprachigkeit in der Dichtung glaube ich nicht“, schrieb Celan, so hält es auch Benyoëtz. Das hat bei ihm selbstverständlich auch eine religiöse Dimension: ein „Hebräisch im Deutschen“ brauche es. Die Sprachen erhellen einander, wie auch Galileys Werk es tut: Das hebräischsprachige Werk wird in Bezug auf deutsche Schreiben des Autoren gedacht und umgekehrt, bei aller „Diachronizität“ und allen „Diskontinuitäten“.
Galiley stellt dabei „Ausdrucksformen mehrsprachigen Schreibens“ voran, ehe hebräische wie deutsche Texte (oder Momente) gewürdigt werden. Dabei sind die Grenzen wie gesagt problematisch, erst recht jene, die etwa sagten, ein Orts- und ein Sprachwechsel müssten miteinander zu tun haben. In diesem Fall ist der Ortswechsel das, was „das Wiederlernen der deutschen Sprache“ eröffnet. Und zugleich beginnt so das Übersetzen auch umgekehrt, nämlich die Übertragung von Gedichten Else Lasker-Schülers ins Hebräische, von Beginn an: mit „Tendenz zu Neologismen“. Übersetzungen sind dabei auch Verständigungen mit anderen. Ganz zurecht gewährt Galiley den Briefen des Autoren – am Rande sei die Auswahl, die 2019 von Friedemann Spicker herausgegeben wurde, erwähnt – immer wieder Raum.
Dieser Tendenz gemäß ist dieser Dichter kaum so aufs Religiöse verengt zu denken, wie es mitunter geschah – gerade das Religiöse lässt sich selbst so nicht denken, wie das Werk von Benyoëtz durchgängig zeigt; und nun auch jenes von Galiley. Es steht getreulich in einer Tradition religiöser Texte, die aber „Witz und Ethik des Zitierens“ erfordern, wie Christoph Grubitz in seiner gut gealterten Studie zu diesem Dichter (ebenfalls in der Reihe Conditio Judaica erschienen) 1994 schrieb. Die „Collage als Emanzipation des Zitats vom Aphorismus“, so nennt es Grubitz, führt zu Einsichten des Poeten wie jener, dass das lyrische Ich, wenn es „etwas zu sagen hätte“, dies täte: „Nicht viel sagen.“ Kann man die „Lesespurenforschung“ also von der am Werk selbst trennen? Die lyrischen Anfänge Benyoëtz‘ im Hebräischen sind „eine Vorwegnahme des späteren lyrischen Aphorismus im Deutschen“, so die Interpretin: Aber gleichzeitig ist alles hier immer nur wie vorweggenommen und erst in der (Wieder-)Formulierung wirklich da. Nichts ist revidiert, am allerwenigsten übrigens das notorisch und auch bei Galiley missverstandene Adorno-Diktum, wonach ein „Gedicht nach Auschwitz zu schreiben barbarisch“ sei – gerade dies zu verstehen, durch diese Barbarei, die Adorno auch später sah, hindurch etwas zu schreiben, dennoch: Das ist Lyrik. Nicht nach und aufgrund von Auschwitz zu schreiben, das fiele dem anheim, was Auschwitz war und geblieben ist.
Dieser Einwand ist aber vielleicht der einzige, den man hier zu machen hat, in einer ansonsten feingeistigen, umsichtigen, aber nicht unentschlossenen Arbeit an einem Werk, das wie gesagt zwar nicht unbekannt ist, doch auch nicht hinreichend bekannt – und erst recht nicht angemessen von der Literaturwissenschaft erschlossen, trotz verdienstvoller einzelner Stimmen, denen nun auch jene Galileys zuzurechnen ist. Ein erfreuliches Buch einer vielversprechenden Germanistin, von der man hoffentlich noch mehr lesen wird.
|
||















