Ein Herz für Napoleon

In seinem Roman „Der gefangene König“ erzählt François Garde von Joachim Murat – König von Neapel und Schwager Napoleons

Von Erkan OsmanovićRSS-Newsfeed neuer Artikel von Erkan Osmanović

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Noch fünf Tage

Eine Schale Milch, Brot und Ziegenkäse werden dem Insassen gereicht. Wie konnte er hier in Pizzo landen? Pizzo, ein Ort inmitten von Kalabrien. Diese Gemeinde soll der Endpunkt seines Lebens sein? Der Militärgouverneur von Paris war er einst gewesen. In Paris hatte er sich auf den Rücken prächtiger Pferde auf den Boulevards gezeigt. Alles vergessen und verloren: Joachim Murat ist nur noch ein Schatten seiner selbst.

Es ist der 8. Oktober 1815. Fünf Tage bleiben dem Schwager Napoleons noch. Es sind seine letzten Lebenstage in der Gefängniszelle des kalabrischen Forts von Pizzo. Der französische Autor François Garde widmet sich ihnen in seinem neuesten Roman Der gefangene König. Das Buch nimmt uns mit in die letzten Gedanken Murats, aber auch zu den Erinnerungen seines Lebens. 

Ruhm und Absturz

Als Soldat war Murat nach der Revolution mit der Nationalgarde nach Paris gekommen. Der Sohn eines Gastwirts fällt auf. Er ist ein Frauenheld, der den Tod nicht fürchtet und an die Macht der Gewalt glaubt. Kein Wunder, dass der junge Offizier Bonaparte ihn bemerkt und fördert: Murat wird Marschall, heiratet Napoleons Schwester Caroline und beweist sich in beinahe allen Feldzügen. Nach Schlachten in Italien, Ägypten, Deutschland und Russland macht ihn Kaiser Napoleon zum König von Neapel. Es ist eine Geschichte des Aufstiegs, die im Jahr 1814 endet: Napoleon wird nach seiner Herrschaft der 100 Tage gestürzt. Europa wird beim Wiener Kongress neu geteilt. Die Krone von Neapel geht zurück an die Bourbonen. Murat muss gehen, will aber nicht. Er versucht in Italien einen Volksaufstand zu initiieren, doch er scheitert. Schließlich kommt er in Haft und wird hingerichtet.

Murat und Napoleon

Am 2. Dezember 1804 hält er auf einem Brokatkissen die kaiserliche Krone. Er schreitet durch die Kirche von Notre-Dame. In seinen Händen die Krone, die Napoleon als selbstgekrönter Kaiser der Franzosen seiner Frau Joséphine in wenigen Augenblicken aufsetzen wird.

Napoleon ist sein Alpha und Omega. Ihm gehört nicht nur Murats Loyalität, sondern auch sein Leben. Als er in seiner Zelle von der Verbannung Bonapartes nach St. Helena hört, schöpft er daraus Kraft: „Er wünscht, nicht besser behandelt zu werden als der, dem er alles verdankt, all sein Glück, all sein Leid. Das gebietet der Anstand. Wenn sein Mentor der Haft die Stirn bieten kann, kann auch er dem Tod in die Augen sehen. Das eine wie das andere gehört vielleicht einer nunmehr vergangenen Epoche an.“

Napoleon lässt Titel, Ehre und Ruhm auf seine Familie und Gefolgschaft regnen – so auch für Murat, der aber etwas anderes will. Es ist die Gunst des Empereurs nach der sich Murat sehnt: „Als Napoleon ihn an einem Februarabend 1808 am Ende einer offiziellen Zeremonie beiseitenimmt und ihm den Befehl über die auf der Iberischen Halbinsel stationierten französischen Truppen anvertraut, vernimmt er vor allem den Titel, den er tragen wird: Stellvertreter des Kaisers. Diese stolze Schlichtheit sagt ihm zu, und er glaubt, darin ein Zeichen des Vertrauens zu sehen.“

Gefangen in Eitelkeiten

Der gefangene König erzeugt mit seiner Mischung aus historischen Fakten und erfundenen Gesprächen und Situationen ein impressionistisches Gemälde: Es sind nicht die Details, die zählen, sondern die Stimmung. Allerdings wird das erst nach einem Viertel des Romans klar, davor hat man ein wenig mit den schemenhaften Beschreibungen zu kämpfen.

Murat ist ein Melancholiker, dessen Körper gefangen ist, vielmehr jedoch sein Geist. Ein Schwanken zwischen Abhängigkeit und Dankbarkeit zeichnet seine Gedanken aus. Einerseits ist Napoleon sein Leitstern, andererseits auch ein Irrlicht: Er kann nicht mit, aber auch nicht ohne ihn. Diese Schwingbewegung strukturiert auch den Aufbau der Geschichte. Und so pendelt der Roman – trotz Startschwierigkeiten – einem Metronom gleich zwischen Gefängniszelle, Prachtbauten und Feldzügen. 

François Garde ist mit Der gefangene König eine Charakterstudie gelungen, die Joachim Murat als Menschen porträtiert, der sein Leben lang gefangen war – in Gewalt, Eitelkeiten und Hochmut. So überraschen seine letzten Worte, die er vor seiner Erschießung verkündet, nicht: „Kinder, ihr sollt wissen, dass ich es euch nicht übel nehme, wenn ihr jetzt gehorcht. Verschont dieses Gesicht, das die Frauen geliebt haben. Zielt auf das Herz.“    

Titelbild

Francois Garde: Der gefangene König.
Aus dem Französischen von Thomas Schultz.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
335 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783406766657

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