Heldentum und Blasenkrebs

Während eines „Jahres mit Achill“ findet Jonas Grethlein in der Ilias des Homer gültige Aussagen über Leben und Tod

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Warum uns manche Bücher in ihren Bann ziehen, andere hingegen nicht, hängt von vielen Faktoren ab.“ Dieser Feststellung auf Seite 118 von Jonas Grethleins keinem Genre zuzuordnenden Buch Mein Jahr mit Achill mit dem anspruchsvollen Untertitel Die Ilias, der Tod und das Leben ist nicht zu widersprechen. Denn bei der Lektüre wurde längst klar, warum diese vom Autor als Ich-Erzähler vorgetragene Kombination aus Lebensgeschichte und Literaturanalyse in ihren Bann zieht. Was zunächst als der Kunstgriff eines Gräzisten in schwierigster Lebenslage erscheint, erweist sich als unbestreitbares Faktum: die Parallele zwischen dem Blick des Dichters Homer auf seinen Helden Achill und den Einsichten des vom Blasenkrebs überfallenen Akademikers Jonas Grethlein.

Der 1978 geborene brillante Gelehrte, bereits mit 27 Jahren Privatdozent, hat eine beeindruckende Veröffentlichungsliste vorzuweisen, die in seiner Akademikerfamilie die Bedeutung hat wie bei manchen adligen Kommiliton:innen der ererbte Siegelring. Man findet Titel, die neben Belesenheit und Intelligenz einen Hang zur Polemik verraten. Im Jahre 2005 drohte der Krebs ihn aus der Bahn zu werfen. Zur tödlichen Bedrohung – die Überlebenschance für zehn Jahre lag bei 17 Prozent – kam die Angst vor den quälenden Blasenspiegelungen hinzu, die mit ihrem ungewissen Resultat für ihn stets „wie ein Gerichtstag“ waren.

Was kann ein Feingeist wie Jonas Grethlein in dieser Situation mit dem antiken Helden Achill, einem Haudegen und Draufgänger, anfangen? Sehr viel. Denn der Kern von Achills Heroismus ist die Todesbereitschaft und die Ilias eben nicht nur ein Epos über den trojanischen Krieg. Sie hat eine „existenzielle Dimension“, die Grethlein bereits zuvor geahnt, aber erst nach der Diagnose tief empfunden hat. In seiner Habilitationsschrift befasste er sich mit der Kontingenz im Geschichtsbild der Ilias. Die Philosophie definiert Kontingenz als „das, was weder unmöglich noch notwendig ist“. Während die „Beliebigkeitskontingenz“ einen Raum für änderndes Handeln eröffnet, bringt die „Schicksalskontingenz“ das mit sich, was man nicht ändern kann: Schicksalsschläge, von der Geburt über Krankheiten bis zum Tod. Der kann den Menschen jederzeit ereilen, von ihm aber nicht erlebt werden, so dass er im Sinne einer Bilanz „unerreichbar“ bleibt.

Was theoretisch klingt, lässt sich am Schicksal des Achill in konkreten Details ablesen. Als dieser Held sich für den Ruhm und gegen das Überleben entschieden hat, ist sein Schicksal vorgezeichnet. So wird der Sog verständlich, den der todesbereite Achill auf den krebskranken Autor ausübt. Zugleich stellt Jonas Grethlein das Geschehen vor Troja und die Erzählkunst Homers so spannend dar, dass man über dem allmählichen Eindringen in den Sinngehalt der Ilias vorübergehend die Krankheit aus den Augen verliert. Hinzu kommt, dass der Autor kluge Gedanken anderer über das Erzählen aufgreift, interpretiert und zum Teil weiterentwickelt.

Selbstverständlich kommt Grethlein immer wieder auf den Krebs zu sprechen. Mit erstaunlicher Offenheit schont er weder sich selbst in seinen Angstzuständen noch Freunde, deren Reaktion auf seine Krankheit ihn enttäuscht hat. Auch über die Sexualität als Anrennen gegen die Todesangst schreibt er unverblümt.

Das Kapitel Väter und Söhne ist voller herzerwärmender Einsichten. Die faire Einstellung des Autors zum problematischen Vater und das Bekenntnis, mehr der Liebe als der Beurteilung zu bedürfen, werden durch kundige Blicke auf Achill und dessen Vater Peleus ergänzt.

Die Ilias und der Krebs bieten fürwahr Stoff genug. Dennoch folgt man interessiert auch den Erlebnissen an Universitäten in Deutschland und den USA. Jonas Grethlein ist zu Recht stolz auf seine akademische Bilanz und seiner bildungsbürgerlichen Familie dankbar für eine günstige Startposition. Der weltoffene Professor hat sich zudem den Blick für Landschaft und Architektur in und um Freiburg bewahrt und über der eigenen Krankheit die Folgen der Pandemie nicht übersehen.

Zur Lektüre seines Werks ist ein Fremdwörterbuch unerlässlich, sofern man die Bedeutung von Begriffen wie Scholie, Supplikation oder Telos nicht parat hat. Eine Achillesferse hat das Buch auch, nicht im Sinne tödlicher Verwundbarkeit, jedoch als Schwachstelle hinsichtlich breiter Rezeption: Das Kapitel Heidegger und Homer dürfte so manche Leser:innen überfordern.

Dem Autor Jonas Grethlein ist von Herzen zu wünschen, dass ihn der Krebs fortan nicht mehr behelligt, so dass er angstfrei lehren und forschen, schreiben und, vor allem, leben kann.

Titelbild

Jonas Grethlein: Mein Jahr mit Achill. Die Ilias, der Tod und das Leben.
Verlag C.H.Beck, München 2022.
208 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783406782060

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