Überraschender Formenreichtum

Das Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre, herausgegeben von Günter Häntzschel, Sven Hanuschek und Ulrike Leuschner, präsentiert und diskutiert „Kleine Formen literarischer Prosa“

Von Günter RinkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Rinke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Band 21 der verdienstvollen Reihe “treibhaus” zur Literatur der fünfziger Jahre ist an mancherlei Erwartungen, die beim Lesen des Titels aufkommen mögen, vorbeikonzipiert. Die fünfziger Jahre waren das Jahrzehnt der Kurzgeschichte, man denke nur an Heinrich Böll, Wolfdietrich Schnurre, Peter Bichsel oder, heute weniger bekannt, Josef Reding. Die Kurzgeschichten dieser Autoren wurden nicht zuletzt deshalb zu Klassikern, weil sie in Lesebücher aufgenommen und zum Gegenstand von Interpretationsaufgaben gemacht wurden. Vielleicht ist dieser Strang der Kurzprosa mittlerweile hinreichend erforscht, weswegen der vorliegende Band offenbar mit dem Vorsatz zusammengestellt wurde, ein bisher wenig bekanntes und weitgehend unerschlossenes Terrain bekannt zu machen. Das bezieht sich sowohl auf heute kaum bekannte Autoren als auch auf ungewöhnliche Textformen.

Der Reihentitel ist eine Hommage an Wolfgang Koeppens bekannten Roman Das Treibhaus, der 1953 erstmals erschien. Es mutet daher ironisch an, wenn eben dieser Roman in einem der im ersten Teil des vorliegenden Bandes abgedruckten Verlagsvoten von Kurt Kusenberg nach allen Regeln der Kunst verrissen und nicht zur Publikation empfohlen wird. Man fühlt sich an Marcel Reich-Ranickis zuweilen gnadenlose Buchkritiken erinnert, wenn man beispielsweise liest: „Man verliert die Lust, diesem überdimensionalen, böse dahinpolternden und nach Verwesung riechenden, inneren Monolog zu folgen.“ Sogar ad personam schimpft Kusenberg: „Auch spürt man, daß es mit seiner Kompetenz nicht weit her ist; wer so laut redet, weiß nicht so viel, wie er vorgibt. Koeppen, aber kein Köppchen.“

Drei weitere Voten Kusenbergs überraschen ebenfalls damit, dass in ihnen anerkannte und heute hochverehrte Dichter ziemlich respektlos verrissen werden. Paul Celan und Peter Rühmkorf werden als „Halbdichter“ abgetan. Celan werden sprachliche Schnitzer und sogar „peinliche Stellen“ vorgeworfen; bei Rühmkorf hapere es mit dem Rhythmus. Er arbeite mit unsauberen Reimen und sei letztlich „nicht begabt und nicht diszipliniert genug, als dass man ihn einen Lyriker von Rang nennen könnte […]“. Die Lektüre von Prosatexten des Büchner-Preisträgers von 1954, Martin Kessel, habe den Lektor „geistig und körperlich krank gemacht“. Nach diesen deftigen Einstiegstexten – man fragt sich, ob Kusenberg eigentlich auch Publikationsempfehlungen abgegeben hat – folgen neun Feuilletons, ein Sketch und drei Kurzgeschichten von Kusenberg, die amüsant zu lesen sind, seinen Humor und seine sprachliche Meisterschaft zum Vorschein bringen.

Weitere Primärtexte sind in den Band eingestreut: Eine Anekdote von Otto Flake wird in handschriftlichem Faksimile und Umschrift geboten. Sie verdeutlicht das Weltbürgertum dieses Autors, der vor allem als Essayist und Verfasser von Romanen hervorgetreten ist. Dazu zwei Feuilletons von Erich Kästner aus den Jahren 1946/47, von denen eines sich auf ein Kindheitserlebnis in Dresden, das andere auf die ohnehin schlechte, durch absurde Bürokratie noch verschlimmerte Versorgungssituation der Nachkriegszeit bezieht – beides auf humoristische Weise, wie sich bei diesem Autor fast von selbst versteht.

Letztere Beispiele zeigen, dass mit diesem Band der Untertitel der Reihe nicht strikt befolgt wird. Das bedeutet, dass der zeitliche und thematische Rahmen nicht streng durch die fünfziger Jahre vorgegeben ist. So datieren die drei Offenen Briefe von Ilse Aichinger, mit denen sich Janne Lilkendey im ersten Aufsatz der Abteilung „Spektrum in Kürze“ beschäftigt, aus dem Jahr 1946 – aus einer Zeit also, in der die junge Autorin noch kaum bekannt war. Dass Aichinger mit diesen drei Feuilletonartikeln an die Öffentlichkeit trat, war aus Sicht der Interpretin eine „nachvollziehbare Emanzipationsgeste“. Lilkendeys vielschichtiger Aufsatz beleuchtet erstens den Versuch der später berühmten Dichterin, sich in der (literarischen) Öffentlichkeit zu etablieren, zweitens Aichingers Talent, sich auf rhetorisch geschickte Weise zur prekären Zeitsituation unmittelbar nach Krieg und NS-Herrschaft zu äußern, und drittens beschreibt er Merkmale des Offenen Briefs als kleinere Form literarischer Prosa.

Mit Aichinger, Brecht, Celan, Doderer und Heiner Müller werden in dem Band bekannte und kanonisierte Persönlichkeiten der Literatur des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Es kommen aber auch weniger bekannte, beziehungsweise fast vergessene Autoren wie Erhart Kästner, Ferdinand Lion und Max Rychner vor, bei denen es dem Rezensenten nicht in jedem Fall als sicher erscheint, ob ihre Wiederentdeckung lohnt. Die Begründung dafür, dass ihre Texte zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht werden, kann im Fall der Letzteren in den Textsorten liegen, auf die ja bei dieser Publikation der Fokus gerichtet ist.

So beschäftigt sich Franz Schwarzbauer mit „Versteckten[n] Geschichten“ in den Reisebüchern Erhart Kästners. Er setzt seinen Text unter die Überschrift „Schmuggelware“, weil in die Bücher, insbesondere das im Auftrag der Wehrmacht verfasste Griechenland-Buch, das nach dem Krieg (1953) in veränderter Fassung unter dem Titel Ölberge, Weinberge erschien, Geschichten und Aussagen hineingeschmuggelt sind, die zur offiziellen Ideologie nicht passen. Sie zeigen, wie es einem hochgebildeten Bürger gelang, die Zensur zu überlisten, und können somit als ein Zeugnis der ‚Inneren Emigration‘ gelten. Der spannende Beitrag regt zur Lektüre der kompletten Texte Kästners an, denn sie enthalten „Sätze, die einen nicht wieder loslassen; welche die Grenzen des individuell Zumutbaren ausloten“.

Nicht sicher ist dagegen, ob Ferdinand Lion und Max Rychner heute noch unser Interesse beanspruchen können. In dem Beitrag von Clemens Fuhrbach über Lions Fragment über Heine geht es nicht nur um besagtes Fragment, sondern auch um frühere Schriften des Autors aus den Jahren 1915 und 1933, in denen aus heutiger Sicht fremdartige, ja abstruse Gedanken über Judentum, Europa und Gemeinschaft geäußert werden. Was die Form des Aphorismus angeht, ist Max Rychner offenbar nicht die erste Wahl, wie wir von Friedemann Spieker, einem Spezialisten für diese Textsorte, erfahren. Wer die Form des Aphorismus schätzt, ist offenbar besser beraten, zu einer Sammlung von Hans Kudszus zu greifen.

Weitere Beiträge bieten Überraschungen im Hinblick auf den Reichtum an kleinen Formen, die mit den üblichen Gattungsbegriffen nicht beschreibbar sind. So beschäftigt sich Bryan Klausmeyer mit Alltagstexten Bertolt Brechts, die unter dem Begriff domesticum zusammengefasst werden. Er interpretiert diese Texte im Zusammenhang mit Gedichten aus der Exilzeit, in denen Alltags- und Landschaftsmotive vor dem Hintergrund der Exilerfahrung so weit verfremdet werden, dass auch eine politische Dimension erkennbar wird. Gleiches gilt für Spätwerke, in denen die Bukolik durch Verfremdung Erkenntnisräume eröffnet. Allerdings geht es dabei überwiegend weniger um Prosa als um Lyrik.

Heimito von Doderer ist nicht nur der Autor umfangreicher Romane, sondern auch von pointenreichen Kürzestgeschichten. Eckehard von Czucka stellt diesen Schriftsteller als sensiblen Sprachkritiker vor, der in seinem Repertorium „Wortwäsche“ betreibt – so Doderers eigener Ausdruck. Alltägliche Wörter und Floskeln werden auf ihren Gehalt geprüft, ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit entkleidet und durch Querverweise zu anderen Artikeln auf enzyklopädische Weise in ein Bedeutungsnetz eingewoben. Die zitierten Beispiele zeigen, dass das Ergebnis dieser Bemühungen es unbedingt wert ist, der Vergessenheit entrissen zu werden.

Gleiches gilt für die kurzen Prosatexte des fast ausschließlich als Lyriker bekannten Paul Celan, die unter der Überschrift „Gegenlicht“ zusammengefasst sind. Barbara Wiedemann untersucht diese Texte, von denen einige wegen ihres antithetischen Prinzips Aphorismen nahekommen, während andere als Prosagedichte aufgefasst werden können. Dass von Celan eine Traditionslinie zu Jean Paul und seinem Roman Flegeljahre (1804/05) führt, ist eine überraschende Entdeckung. Dazu kommen Elemente des Surrealismus und Sprachspiele, letztere vor allem im Abendbüchlein, das 1947 noch in Rumänien entstand.

Abschließend sei noch auf zwei Beiträge hingewiesen, in denen in erster Linie motiv- beziehungsweise mediengeschichtlich argumentiert wird. Erika Maria Sottile analysiert die Relevanz des Themas ‚Verrat‘ in Bühnenwerken des Dichters Heiner Müller. Sie führt die Bedeutung dieser Topik auf die kurze Erzählung Der Vater zurück, in der Müller eine eigene Kindheitserfahrung bearbeitet. Indem er sich schlafend stellte, als NS-Schergen seinen Vater verhafteten, habe er diesen verraten. Lautlich liegen ‚Vater‘ und ‚Verrat‘ nah beieinander. In dem Aufsatz wird gezeigt, wie sich das Trauma in verwandelter, sublimierter Form in den Stücken Die Hamletmaschine und Der Auftrag niederschlägt.

Daniela Schulz gibt ihrem Beitrag über Heinz Ehrhardt als Medienkünstler ein Zitat von ihm als Überschrift: „Ich soll nun Worte machen“. An drei Beispielen aus Ehrhardts Radioarbeit zeigt die Autorin Ehrhardts Wandelbarkeit und Selbstreflexivität. Der Künstler, der vielen Bewunderern zum einen wegen seiner Laut- und Wortspiele, zum anderen wegen seiner körperlichen Präsenz in Erinnerung geblieben ist, wird hier bei seiner Arbeit im Tonstudio belauscht. Der These der Autorin zufolge nutzte er „als Autor im Radio seinen größeren Spielraum, sich zeitkritisch zu äußern und auch mal politische Bemerkungen loszulassen“. Dass Ehrhardt zukünftig im wissenschaftlichen Diskurs mehr Beachtung finden möge, erscheint vor diesem Hintergrund als ein berechtigter Wunsch.

Titelbild

Günter Häntzschel / Sven Hanuschek / Ulrike Leuschner: Kleine Formen literarischer Prosa.
treibhaus: Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre.
edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2025.
284 Seiten , 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783689301255

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch