Tiere im Mund

Warum das Leben kein Ponyhof ist, beantwortet Matthias Heine in „Mit Affenzahn über die Eselsbrücke“ nicht

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bücher über die Herkunft verbreiteter Sprichwörter gibt es wie Sand am Meer. Und mit dem deutschen Sprachgebrauch kennt Matthias Heine sich aus, wie wir bereits aus früheren Publikationen wissen. Nun aber ist sein Buch Mit Affenzahn über die Eselsbrücke erschienen, das sich insbesondere den tierlichen Hauptfiguren unserer alltäglichen Sprache widmet: „Wann wird der Hund in der Pfanne verrückt? Was tun, wenn es wie Hechtsuppe zieht? Und warum ist das Leben kein Ponyhof?“

Das Buch ist nicht entsprechend einzelner Sprichwörter eingeteilt, sondern wurde gemäß der alphabetischen Auflistung der jeweils darin erscheinenden Tiere strukturiert. So ermöglicht der Autor es uns, die Geschichte einer tierlichen Sprachfigur anhand mehrerer Wendungen – die oft voneinander abhängen – zu erzählen, was deutlich sinnvoller, weil philologisch interessanter ist als die bloße Wiedergabe der Herkunft eines einzelnen Sprichwortes. Nebenbei räumt Heine mit einigen, sich sprachlich veräußernden Vorurteilen gegen so manche Spezies auf – etwa den „geilen“ Bock – und bettet seine Erläuterungen nicht nur in den jeweiligen philologischen, sondern auch historischen Kontext ein, ohne die Leser*innen mit Informationen zu überhäufen. Mit Affenzahn über die Eselsbrücke ist deshalb eine für ein breites Publikum angenehm formulierte Zusammenfassung zur Etymologie deutscher Redensarten, die Tiere beinhalten. Es gibt kaum ein Sprichwort, das sich nicht darin findet, und keine Herleitung, die einer kleinteiligen Ergänzung bedürfte. Ein scheinbar so fades Thema elegant zu verpacken und an keiner einzigen Stelle damit zu langweilen, ist eine starke Leistung. Wenn die Herkunft einer Phrase oder eines Wortes ungewiss ist, zeigt der Autor stets mehrere etymologische Alternativen auf.

Sozial- oder gar ideologiekritisch wird Heine jedoch nur an wenigen Stellen. Ein solcher Impuls käme bei Leser*innen populärwissenschaftlicher Werke schließlich auch nur schlecht an. Der Autor bemerkt, seine Publikation sei „weniger ein Buch über Tiere als ein Buch über Menschen, die Tiere nutzen, um sich selbst zu deuten.“ Er wolle uns einen „Wegweiser für den Spaziergang durch unseren Zoo“ zur Hand geben. Quasi ganz easy durch die „Wortfauna“ flanieren, an einem Sonntag zum Beispiel. Mit einem Eis in der Hand. Mit anderen Worten: Das Buch bleibt anthropozentrisch. Einzig das Vorwort weist auf vorsichtige kritische Töne hin, allerdings kommt es über eine romantisch verklärte Gesellschaftsanalyse à la John Berger (Why Look at Animals?) nicht hinaus. 

Für Ponys war das Leben in menschlichen Kreisen noch nie ein „Ponyhof“. Das weiß jedes Pony, das mal ein dickes Menschenkind durch den Urlaubs- und Erholungsort tragen musste. Und warum wir „armes Schwein“ sagen, ja weshalb „Schwein“ in vielen Redensarten gar ein Synonym für „niemand“ ist, erklärt uns Heine zwar philologisch, aber nicht kritisch im eigentlichen Sinne dieses Wortes. Schließlich liegen uns die armen Schweine nicht nur in Redensarten, sondern auch buchstäblich im Mund. Heines Buch schrammt jedoch an seinem kulturwissenschaftlichen Potenzial vorbei; man rutscht förmlich ab an den glatten Worthülsen, die – so glauben wir – wie ein offenes Buch vor uns liegen. Der Autor gibt zwar zu, uns sei es „noch ein bisschen egaler als früher, wie die Tiere wirklich sind“. Daran ändert er jedoch bis zuletzt nicht viel. Vielleicht beim nächsten Mal!

Titelbild

Matthias Heine: Mit Affenzahn über die Eselsbrücke. Über das Animalische in unserer Sprache.
Atlantik Verlag, Bremen 2019.
254 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783455001266

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