Im Wechselbad der Lektüren

In seinem Sammelband „Es ist recht sehr Nacht geworden“ stellt Thomas Hettche Ergebnisse eines Lektüreseminars zu klassischen Novellen vor

Von Günter RinkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Rinke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was haben wir uns unter einer „Emphatischen Lektüre“ vorzustellen? So charakterisiert Thomas Hettche im Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband ein Vorhaben, das in einer dreijährigen Veranstaltungsreihe im Literarischen Colloquium Berlin realisiert wurde. Emphatisch heißt ‚eindringlich, ‚mit Nachdruck‘, ‚leidenschaftlich‘ und vielleicht auch ‚begeistert‘. Die Konnotation des Wortes ist überwiegend positiv. Wenn es auf das Lesen angewandt wird, ist zu erwarten, dass die Lesenden sich eingehend und intensiv mit den Texten befassen, dass sie genau lesen, sich von den literarischen Kunstwerken wegen ihrer sprachlichen Schönheit, der Gefühle, die sie auslösen, und der Fülle an Erkenntnissen, die sie vermitteln, mitreißen lassen. Natürlich kann Literatur auch Ratlosigkeit hervorrufen. Ihr müsste dann durch gründliches Lesen und Wiederlesen auf den Grund gegangen werden.

Diese Erwartungen werden durch das vorliegende Buch nur zum Teil erfüllt. Es geht um drei Texte aus dem Kanon: Kleists Das Erdbeben in Chili (1807), Wilhelm Raabes Zum wilden Mann (1873) – daraus stammt der Titel des Bandes – und Gottfried Benns Zyklus kurzer Novellen Gehirne (1916), die durch den Protagonisten, den jungen Arzt Werff Rönne, zusammengehalten werden. In das Seminar, von dem man nicht erfährt, wer sonst daran teilnahm, lud Hettche zwölf Autorinnen und Autoren ein, deren Essays, je vier zu einer Novelle, in dem Band versammelt sind. Mitlesen kann man auch die klassischen Textvorlagen, die in kleinerer Schrifttype in der Mitte der Seiten durchlaufen. In den Essays verwendete Zitate sind in Fettdruck hervorgehoben. Der in Leinen gebundene Band ist also typographisch sehr abwechslungsreich gestaltet.

Dass Schriftsteller literarische Texte auf andere Weise lesen als Literaturwissenschaftler, dürfte zunächst keine überraschende Erkenntnis sein. Wie sie es machen, ist dann doch in manchen Fällen erstaunlich. So nimmt Lukas Bärfuss, Georg-Büchner-Preisträger von 2019, Benns Rönne-Novellen zum Anlass für eine gründliche Abrechnung mit dem Dichter und Arzt Gottfried Benn. Er eröffnet seinen Essay mit der Aussage, dass er als Schriftsteller Benn viel verdanke. Was verdankt er ihm? Er diente ihm als Warnung „vor einer Kunst, die ich ästhetisch und politisch ablehnte“. Seine Angriffe sind dann vorwiegend gegen Benn als Person gerichtet, vor allem gegen dessen Verhalten als Arzt im besetzten Belgien im Ersten Weltkrieg und seine aus heutiger Sicht bedenkliche Nähe zum Nationalsozialismus. Literarisch wirft er ihm „Verweigerung von Verständlichkeit“ vor, die er wiederum biographisch zu erklären versucht. Nach 1945 habe Benn sich opportunistisch verhalten und sich an den immer noch von „in der Wolle gefärbten Nazis“ bestimmten Zeitgeist angepasst.

Nebenbei attackiert Bärfuss massiv diejenigen Philologen, die, anstatt politische Hintergründe der Texte auszuleuchten und für das Publikum zu erläutern, Textvarianten erforschen und „darüber räsonieren, auf welche Weise es zu einer Kanonisierung eines Werkes komme“. Im Übrigen scheine die Germanistik „ein sterbendes Fach zu sein“, und der unverständliche Benn werde vermutlich „kaum mehr breit gelesen werden“. Demnach wird Literatur entweder politisch und verständlich oder gar nicht sein. Dabei lässt Bärfuss die Rönne-Novellen schlicht links liegen, er zitiert gerade einmal zwei Textstellen als Belege für seine Thesen und befasst sich weder mit der Sprache noch mit dem möglichen Gehalt.

Die Gehirne waren für die geplante „Emphatische Lektüre“ offenbar eher hinderlich als anregend. Durs Grünbein schreibt ein Langgedicht, in das er, ähnlich wie Bärfuss, viel Biographisches über Benn hineinpackt. Die Dualität von dessen Existenz als Arzt und Naturwissenschaftler einerseits, Schriftsteller und Künstler andererseits ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis von Benns literarischen Texten. Die Rönne-Novellen seien „[e]ine Lichtung, auf der die Impressionen mit den Abstraktionen sich paaren“. In jeder Erzählung lauere „der Ansatz zu einem Essay“. So versucht Grünbein „dem Text auf die Schliche“ zu kommen, ebenso wie Sabine Scholl, die am Anfang gesteht, sie habe zunächst mit den Rönne-Texten nichts anfangen können, sie hätten sie sogar zurückgestoßen. Dennoch geht sie die Novellen dann eine nach der anderen durch, notiert Beobachtungen, registriert Klangbilder, Neologismen und Wortneuschöpfungen. Am Ende suggeriert sie mit einer Frage, dass Benn durch eine Wortänderung 1950 – von „unabsehbar“ zu „unsehbar“ – womöglich selbst seinen Rönne in der Gefahr sah, vergessen zu werden.

Im letzten Text von Katharina Schultens verschwindet Rönne hinter der sich selbst „Frau Schultens“ nennenden Autorin, ihren Rezeptionserfahrungen und Idiosynkrasien nebst hinzukommendem Alltagsstress mit zwei Kindern. Mit einem „Lyrikerfreund“ diskutiert sie über den Dr. Benn und sein Schreiben, das ihr offenbar als männlich geprägt erscheint. Die Gendersprache ist ihr so wichtig, dass sie einmal den Lyrikerfreund, als er von „Lyrikern“ spricht, korrigiert, indem sie ihm „*innen“ nahelegt. Der Verdacht stellt sich ein, dass Frau Schultens den jungen Benn und seinen Rönne-Komplex nicht ganz ernst nimmt und sich daher keine Mühe gibt, ihr Lektüreprotokoll in sechs Kapiteln stringent zu gestalten.

So wendet sich der Rezensent aufatmend den beiden ersten Teilen des Bandes zu, in denen es um nicht weniger anspruchsvolle, aber leichter zugängliche Novellen aus dem 19. Jahrhundert geht. Auch hier steht nicht für alle Autoren und Autorinnen der jeweilige Text im Mittelpunkt ihrer Bemühungen. Ulrich Peltzer kümmert sich bei der Lektüre des Erdbebens mehr um Kontexte: Kleists Leben, Briefe, andere Werke wie Der Findling. Dazu bemüht er Foucault und Hegel, um weniger die Novelle, aus der er sporadisch zitiert, als vielmehr den ganzen Kleist auszudeuten, der dem herrschenden Mittelmaß nicht entsprochen habe oder dem es, mit Hegel formuliert, aus Sicht der Zeitgenossen (u.a. auch Goethes) an „innerer substantieller Gediegenheit“ gefehlt habe.

Auf ähnlichem Niveau bewegt sich Aris Fioretos, der auf dem Umweg über Kierkegaards Schrift Furcht und Beben (meist mit Furcht und Zittern übersetzt), die wiederum auf Paulusʼ Philipperbrief referiert, zu ergründen versucht, wie Kleists Text „den Leser zum Beben“ bringt. Durch die Schilderung des Erdbebens erzeuge der Text beim Leser ein Nachbeben, das weder eine Wiederholung noch eine „simple Verdoppelung“, sondern eine „Reduplication“ im Sinne Kierkegaards sei. Um das ganz zu verstehen, muss man offenbar auch Werner Hamachers Studie Das Beben der Darstellung (1984) gelesen haben, die „immer noch radikalste Lektüre der Novelle“. Der Text versuche im Leser dasjenige, was er darstelle, wirklich zu erzeugen. Dass der Text Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern das herstellen kann, was Schaudern oder Beben bei der Lektüre erzeugen könnte, begründet Fioretos damit, dass Kleist in Bezug auf Fronleichnam und das Datum des Erdbebens stillschweigend die Chronologie verdreht. Ja, das kann die Literatur, und die meisten werden es beim Lesen nicht überprüft haben, so dass ihr Schaudern darüber ausblieb.

Das sind intellektuelle Denkübungen, die nachzuvollziehen zwar faszinierend, aber, mit Blick auf das Motto des Seminars, auch befremdlich sind. Anders verfahren Olga Martynova und Felicitas Hoppe in ihren Beiträgen. Martynova wählt einen erzählerischen Ansatz zur Texterschließung, sie füllt Leerstellen durch Geschichten, schreibt Parallel- oder Alternativgeschichten, formuliert offene Fragen und benennt Wahrscheinlichkeiten. Hoppe erinnert sich an Schullektüre-Erfahrungen, entdeckt slapstickartige Szenen und fragt, anknüpfend an Kleists Marionettentheater-Aufsatz, ob hier der Dichter nicht eine Art Marionettenspieler sei, der das Publikum des Öfteren zum Lachen reize. Beide Autorinnen bleiben mit ihren Überlegungen und Weiterdichtungen nah am Text und können deswegen überzeugen.

Das gilt auch für Sibylle Lewitscharoffs Umgang mit Wilhelm Raabes Novelle Zum wilden Mann, ein Musterbeispiel für genaues Lesen, wie es auch heute noch wünschenswert ist. Und für „Emphatisches Lesen“: Es ist ehrlich und auch amüsant, wie die Autorin gesteht, für den aus der Ferne zurückgekehrten Colonel Dom Agostin Agonista mit seiner zur Schau getragenen unbekümmerten Männlichkeit ein wenig Bewunderung zu hegen, allerdings ohne diese zu übertreiben, ist er doch gekommen, um seinen alten, biederen Freund Kristeller gehörig auszubeuten. War er früher ein geheimnisumwitterter Jüngling, der Kristeller, bevor er für dreißig Jahre verschwand, sein Erbe übergab, so ist er jetzt ein skrupelloser Kapitalist geworden.

Monika Rinck konzentriert sich in ihrem Aufsatz zu Recht auf das Motiv des Wilden: wildes Wetter (am Anfang der Novelle), wilder Ort (der „Blutstuhl“ genannte Felsen, wo Kristeller seinen Freund vor dessen Verschwinden trifft), wilder Mann (der Kolonialoffizier, der manche Grausamkeit begangen hat). „Zum wilden Mann“ heißt dann auch die Apotheke, die Kristeller mittels des Geldes des vormals August genannten Freundes erwerben konnte. Für Daniel Kehlmann ist die Novelle auch eine Abrechnung mit der Romantik, mit der es Raabe übertreibe, indem er August zum Henker wider Willen macht. Das sei im 19. Jahrhundert nicht mehr möglich gewesen, und die Leser hätten es gewusst. Den historischen Fehler lastet Kehlmann dem sonst bewunderten Raabe an, aber er zählt dafür vieles auf, was die Novelle heute noch lesenswert macht.

Schließlich Ingo Schulze. Er bewältigt seine Aufgabe, indem er das (möglicherweise fiktive) Protokoll einer Seminarsitzung verfasst: Titel: „Vom Einverständnis mit dem Teufelspakt“. Anwesend: neun Frauen und zwei Männer. Der Lehrer stellt eine Einstiegsfrage, die aber nicht ‚zündet‘. Schon kommen typische Selbstzweifel: „Fragte ich zu banal?“ In den ersten fünfzehn Minuten redet er dann selbst, bevor allmählich ein Gespräch in Gang kommt. „Nachdenken im Unterricht“, Titel eines älteren Leitfadens zur Unterrichtsgestaltung, könnte das Motto sein. Fast alle beteiligen sich zur Freude des Lehrenden, nur zwei Frauen bleiben stumm – und das beschäftigt ihn. Mit der einen nimmt er nach dem Ende der Unterrichtszeit Kontakt auf und erfährt so einiges, was ihr durch den Kopf geht, unter anderem Kritik daran, dass er von der Krupp-Stiftung, die die Tagung finanziert, Geld annimmt. In einer Nachbesprechung hätte man den Lehrer fragen können: Welche Lernziele wollten Sie mit Ihrem Unterricht erreichen?

Fazit: Ein Band, der gemischte Gefühle erzeugt. Am Ende ahnt man, was mit „Emphatische Lektüre“ gemeint sein könnte, und muss feststellen, dass gerade die Lektüre im Sinne eines akribischen Sich-Einlassens auf das literarische Werk gar nicht in jedem Fall stattfindet. Andererseits ist das Buch voller Überraschungen und nie langweilig, weil für die Beiträge ganz unterschiedliche Formen gewählt wurden. Nicht zuletzt wird man angeregt, die für das Vorhaben ausgewählten klassischen Novellen wieder einmal zu lesen – und sei es in abgegriffenen Reclam-Ausgaben, die man irgendwo im Regal stehen hat, weil das Entziffern der durchlaufenden Textbänder doch zu mühsam ist.

Titelbild

Thomas Hettche (Hg.): Es ist recht sehr Nacht geworden. Kleist, Raabe, Benn. Essays.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022.
336 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783462002850

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